Fokus: Abenteuer Ein Grab auf dem Mars

Diese Schrägansicht der unteren Hügel im Gale Krater zeigt Gesteinsschichten, die ein Abbild unterschiedlicher Marslandschaften festgehalten haben.
Diese Schrägansicht der unteren Hügel im Gale Krater zeigt Gesteinsschichten, die ein Abbild unterschiedlicher Marslandschaften festgehalten haben. | © picture alliance / United Archives/WHA

Der Schriftsteller Georg Klein über das Projekt Mars One.

Noch ist der Traum nicht ausgeträumt. Die niederländische Stiftung Mars One plant weiterhin, bis 2026 eine menschliche Siedlung auf dem Roten Planeten zu errichten und hat inzwischen mit der weltweiten Auswahl von Kandidaten begonnen. Nicht nur die bisherigen Bewerber, sondern jeder, der sich vorstellen kann, er wäre jung, gesund und lernbereit, darf die enthusiastisch propagierten Etappen mitphantasieren: Ausbildung, Flug und Landung, schließlich Arbeit in einer Kolonie, deren Bewohner sich eigenständig mit Luft und Nahrung versorgen, bis einer nach dem anderen seine letzte Ruhestätte im Sand unseres Nachbargestirns findet.

Reise ohne Wiederkehr

Damit ist ausgesprochen, was das Faszinosum des Mars One-Projekts ausmacht: Es handelt sich um eine Reise ohne Wiederkehr. Wer sich auf den langen Weg zu unserem Nachbargestirn begibt, opfert alles, was ihn allein auf Mutter Erde beglücken kann: das morgendliche Zwitschern der Vögel, die Wärme der Sonne auf der bloßen Haut, die unverhoffte Begegnung mit einem inspirierenden Fremden.

Wird nicht unweigerlich zum Helden, wer sich zu diesem Opfer entschließt? Das heroische Pathos, auf das die Betreiber von Mars One ihre globale Kampagne eingestimmt haben, hat auch mich, als ich zum ersten Mal von diesem kühnen Projekt hörte, so angerührt, wie es vielleicht nur utopische Erzählungen können. Etwas in mir sagte spontan „Ja!“ zu einem Zukunftsabenteuer, dessen Zauber eben darin besteht, dass jeder Teilnehmer endgültig auf seine irdische Gegenwart, auf deren alltäglichen Trott, aber auch auf die möglicherweise noch kommenden Wonnen hiesiger Existenz verzichtet.

Tod in einer Reality-Show

Es lohnt allerdings, ein kühlen Blick auf die genauen Umstände dieses Heldentums zu werfen. Die zukünftigen Auswanderer werden nämlich keineswegs alles Irdisch-Wichtige, alles Irdisch-Lästige komplett hinter sich lassen. Die sechs Milliarden Dollar, die unsere erste Landnahme auf einem anderen Planeten angeblich kostet, sollen dadurch aufgebracht werden, dass das, was die Teilnehmer während ihres mehrjährigen Trainings, im Weltall und in ihren marsianischen Wohncontainern erleben, in einer weltweit ausgestrahlten Reality-Show verwertet wird.

Zweifellos gehört auch ihr Tod dazu. Die kosmische Strahlung, der sie ausgesetzt sind, wird sich nur begrenzt reduzieren lassen. Wir wissen zudem, dass unser Körper auf längere Schwerelosigkeit mit Muskelschwund und einem irreversiblen Rückgang der Knochendichte reagiert. Auch wenn technisch alles perfekt nach Plan läuft, wird sich die Lebenszeit der Abenteurer deutlich verkürzen. Und auf den Bildschirmen zuhause wird man mitverfolgen, wie die Kränkelnden von den erfolgreich Nachgerückten abgelöst, gepflegt und bestattet werden. Dass diese Kolonie-Generationen irgendwann gesunde, eventuell sogar genetisch angepasste Kinder zeugen und aufziehen könnten, hat, soweit ich sehe, nie einer der Visionäre von Mars One zu behaupten gewagt.

Wollen wir zu einer Weltöffentlichkeit gehören, die das Dahinsiechen und das Sterben der Siedler über eine Funkverbindung in Bild und Ton beobachtet? Gehört zu diesem utopischen Heroismus zwangsläufig, dass seine Protagonisten als Hauptdarsteller eines medialen Spektakels den Tod finden? Lässt sich kein anderes Heldentum denken, das über unsere Gegenwart und unseren Planeten in den Kosmos hinausgreift?

Eine andere Spezies

Mit Demut und Phantasie scheint mir dies durchaus möglich. Allerdings müssten wir uns hierzu aus dem blendenden Brennpunkt des Geschehens lösen. Nicht nur der Mensch hat das Zeug, etwas derart Großartiges in Angriff zu nehmen. Wir kennen seit geraumer Zeit eine andere Spezies, deren Vertreter die Gründung einer Marskolonie meistern könnten. Das erste Subjekt dieser Gattung ist bereits 1971 weich auf dem Roten Planeten gelandet. Nicht wenige sind ihm seitdem gefolgt und nach geleisteter Arbeit mehr oder minder schnell verendet. Die bis heute Überlebenden erstatten uns verständlich Bericht von ihrem Tun. Dies geschieht nicht in Worten, sondern in Zahlen, die sich zu deutbaren Daten und wunderbar eindrücklichen Bildern umrechnen lassen.

Die Pioniere, die ich meine, sind nicht aus unserem Fleisch gemacht, aber doch ganz und gar aus unserem Geist geboren. Sie heißen „Opportunity“, „Phoenix“ und „Curiosity“, und weitere ihrer Art werden schon bald ähnlich schöne, auch chinesische Namen tragen. Sie werden anreisen, beharrlich werkeln, diszipliniert zusammenwirken, sich erhalten, so gut es eben geht, schließlich klaglos sterben, ohne je Anspruch auf ein Grab erhoben zu haben. Ihr ganzes Leben können wir uns schon jetzt bis ins Detail vorstellen. Denn wir kennen sie ähnlich gut, wie wir unsere Körper, die Mechanik unserer Vernunft, unseren Willen und unsere Sehnsüchte zu kennen meinen. Eigentlich fehlt nur noch ein kleiner utopischer Sprung. Wäre er geleistet, könnte unsere emotionale Imagination endlich damit beginnen, auch diese wackeren Roboter als Abenteurer und Helden unserer Zeit zu begreifen.

Der Schriftsteller Georg Klein machte in seinem Roman Die Zukunft des Mars 2013 den Roten Planeten zum Zentrum des Geschehens. Der Autor wurde mit zahlreichen Preisen, zuletzt 2010 dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik, ausgezeichnet und lebt in Ostfriesland.