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Fokus: Abenteuer
Die Pilgerfahrt nach Mekka

Muslimische Pilger umrunden die Kaaba in der Großen Moschee während der jährlichen Hadsch in Mekka
Muslimische Pilger umrunden die Kaaba in der Großen Moschee während der jährlichen Hadsch in Mekka | Foto: Abdul Muqtadir (CC BY-NC-ND 2.0), via flickr

Auch in China machen sich seit Jahrhunderten jedes Jahr gläubige Muslime auf den Weg nach Mekka. Heute wie früher erwartet sie eine leibliche und geistige Reise, die viele Strapazen mit sich bringt.

Von Qi Xueyi (祁学义)

Die Pilgerfahrt nach Mekka ist eine der fünf Säulen des Islam. Der arabische Begriff „Hadsch“ bedeutet ursprünglich „sich zu Gott hinwenden“, „sich beherrschen“, „zu einem Ort aufbrechen“ und steht für die Reise nach dem saudi-arabischen Mekka, zum Zweck der Verehrung des einzigen Wahren Herrn und der Durchführung religiöser Zeremonien zu festgelegten Zeiten an festgelegten Orten. Wer diese Pilgerfahrt durchgeführt hat, erhält den Ehrentitel eines „Hadschi“.

Die Pilgerfahrt als Prüfung der eigenen Festigkeit

In der Vergangenheit nutzten chinesische Muslime für diese Pilgerfahrt entweder den Land- oder den Seeweg. Der Landweg wurde meist zusammen mit anderen Gläubigen im eigenen Bekanntenkreis unternommen. Man reiste zu Fuß, mit Eseln und Pferden oder mit Kamelen der Seidenstraße entlang westwärts, entweder durch den Mittleren Osten oder durch den südwest-asiatischen Kontinent, bis hin zur Arabischen Halbinsel. Dabei gab es Flüsse und Wüstenstreifen zu überwinden, man war oft gezwungen, im Freien zu essen und zu nächtigen, musste Hunger, Kälte, Krankheit und Schmerzen ertragen oder konnte gar auf plündernde Räuberbanden stoßen. Eine solche Pilgerfahrt hin und zurück dauerte ein bis zwei Jahre.

Die Geschichte der chinesischen Mekka-Pilger lässt sich bis in die frühe Ming-Dynastie (1368-1644) zurückverfolgen. Gemäß Aufzeichnungen waren der berühmte Seefahrer Zheng He (郑和, 1371-1433), wie auch sein Großvater und sein Vater, nach Mekka gereist. Dass sie das damals noch äußerst beschwerliche Hindernis der Meere zu bezwingen vermochten, zeugt nicht zuletzt auch von einem starken Glauben. Der Qing-zeitliche islamische Schriftgelehrte Ma Dexin (马德新, 1794-1874) aus Yunnan hat in seinem Aufzeichnungen über die Pilgerfahrt (朝觐途记) die Härten und Strapazen dieser Reise ausführlich beschrieben.1 Ma Dexin durchquerte mit einer Pferdekarawane die abgelegenen, feuchtheißen Gebiete von Xishuangbanna (西双版纳), gelangte von dort aus nach Mandalay, der alten Hauptstadt von Burma und segelte auf dem Fluss Irrawaddy nach Rangun, wo er schließlich auf einem großen Segelschiff über Sri Lanka, Singapur, Indien, das Arabische und das Rote Meer nach Westen fuhr, bis er den Hafen von Dschidda erreichte. Von dort aus pilgerte er abermals mit Pferden, Eseln und Kamelen viele Tage und Nächte lang weiter, bis er endlich im heiligen Mekka ankam. Seine Reise dauerte ganze eineinhalb Jahre. Während der Zeit der Republik China (1911-1949) nahm die Zahl der chinesischen Mekkapilger dank der verbesserten wirtschaftlichen Situation der Muslime und der besseren Reisebedingungen allmählich zu. Seit Shanghai zu einer Handelsmetropole geworden war, nutzten chinesische Muslime fast ausschließlich den Seeweg von Shanghai aus, auf dem die Hin- und Rückfahrt sechs bis acht Monate dauerte.

Dennoch blieb jegliche Art der Mekka-Pilgerfahrt eine ernste Aufgabe voller Gefahren und oft auch mit ungewissem Ausgang. Für den Einzelnen bedeutete dies stets eine große Herausforderung. In der heutigen Zeit ist die Pilgerfahrt nach Mekka dank moderner Verkehrsbedingungen um ein Vielfaches einfacher geworden, doch gewisse Gefahren bestehen immer noch. Wenn sich während der Pilgerzeit Gläubige aus allen Teilen der Welt versammeln, kommt die Aufnahmekapazität der Stadt mitunter an ihre Grenzen, so dass manchmal auch Unfälle passieren können. Außerdem bringt auch die Tatsache, dass sich Gläubige sehr unterschiedlicher Herkunft versammeln, die auch unterschiedliche Sprachen sprechen, ein gewisses Konfliktpotential mit sich. Manche Pilger stoßen im Alltag auf Schwierigkeiten, weil sie der lokalen Sprache nicht mächtig sind, und da es sich meist um die erste Auslandreise handelt, die sie fernab von der Heimat mit einem völlig fremden kulturellen Umfeld konfrontiert, bringen auch die nicht geringe Zeitverschiebung, die klimatische Umstellung, die fremden Essgewohnheiten und hygienischen Verhältnisse gewisse Probleme mit sich, an die viele sich nicht sogleich gewöhnen können. Dies kann zu Stressreaktionen, Krankheit und mitunter sogar zu Todesfällen führen, insbesondere wenn die Pilgerzeit in den Hochsommer fällt und die Gläubigen ihre Zeremonien bei sengender Hitze bis zu fünfzig Grad vollziehen und trotz allem die vorgeschriebenen fünf Gebete am Tag einhalten müssen. Solche Belastungen sind in der Tat eine harte Prüfung für die Pilgernden.

Die Pilgerfahrt als innere Reinigung

Im Koran steht geschrieben:
„Und die Menschen sind Gott gegenüber verpflichtet, die Wallfahrt nach dem Haus zu machen – soweit sie dazu eine Möglichkeit finden. Wer jedoch ungläubig ist (ist es zu seinem eigenen Schaden). Gott ist auf niemand in der Welt angewiesen.” – Sure 3, Vers 97.

Aufgrund dessen ist jeder Muslim, der dazu fähig ist, verpflichtet, einmal im Leben diese Pilgerfahrt zu unternehmen. Diese „Fähigkeit“ beinhaltet sowohl den Gesundheitszustand, wie auch die finanziellen Mittel und die Garantie auf eine sichere Reise. Die Pilgernden erfüllen jährlich vom 8. bis zum 12. Dhu l-Hiddscha, dem 12. Monat des islamischen Kalenders, fünf Tage lang die Abstinenz, den Lauf ins Tal Mina und in die Ebene Arafāt, das Steinewerfen, die Beendung der Abstinenz, das Schlachten von Opfertieren, die Umschreitung des Kaaba („Haus Gottes“), sowie den Gang zwischen den beiden Hügeln Safa und Marwa. Prophet Mohammed sprach: „Wer die Pilgerfahrt vollendet, ohne dabei eine Sünde oder eine Verfehlung zu begehen, der kehrt  heim sündenfrei wie am Tage seiner Geburt.“

Der Prozess der Pilgerreise ist ein Rückblick auf die eigene Vergangenheit, ein Bedenken der eigenen Schuld und Verfehlungen, und gleichzeitig auch eine Hoffnung auf eine frohe Zukunft.

Im Koran steht geschrieben:
„Wer sich (...) der Pilgerfahrt unterzieht, der enthalte sich des Beischlafs und des Unrechts und des Streites auf der Pilgerfahrt.” (Sure Bakara, Nr. 197)

Die Pilgernden kleiden sich in zwei weiße Tücher (ein Schultertuch und ein Lendentuch) und dürfen sich während der Wallfahrt weder parfümieren, noch kämmen, noch Haare oder Nägel schneiden. Auch das Abschneiden von Pflanzen, das Töten von Tieren, sowie Geschlechtsverkehr stehen sowohl in der Handlung wie auch in der Rede unter strenger Kontrolle. Kurz gesagt, ein Muslim muss während der Pilgerfahrt strenge Selbstdisziplin üben, seine Durchhaltekraft stärken und mit ganzem Herzen Gott dienen, um seinen Glauben zu festigen. Dies ist für die Pilgernden unabdingbare Pflicht. Was nicht diesen Geboten entspricht, soll weder gesprochen, noch gesehen, noch gehört werden.

Die Pilgerfahrt ist eine religiöse Übung, die vielseitige Erfahrungen beinhaltet. Wenn sich Millionen von Muslimen verschiedener Sprachen aus der ganzen Welt an einem Ort versammeln, einheitliche Kleidung tragen, dieselben Gebete sprechen und im selben Rhythmus die gleichen Zeremonien in freiwilliger Ordentlichkeit vollziehen, ohne dass jemand Anleitungen erteilt, wenn die Pilgernden Schulter an Schulter einen immensen Wirbel bilden und sich in erhabenem Einklang , mit großer Einigkeit und Selbstdisziplin verbinden, erleben die Teilhabenden das feierliche Gefühl einer Vereinigung, welche die Grenzen jeglicher rassenmäßiger oder nationaler Zugehörigkeit überbrückt. Dieses fantastische, feierliche Schauspiel besteht nun seit über tausenddreihundert Jahren ohne Unterbruch.

Damit hat die Pilgerfahrt als islamische Glaubensvorschrift ihren bedeutsamen Sinn im realen Leben. Auch für den Einzelnen ist dieses beeindruckende Schauspiel von einschneidender Intensität. Den meisten Gläubigen, die von dieser Pilgerfahrt zurückkehren, bleiben diese Erfahrungen in unvergesslicher Erinnerung, so dass sie ihnen oft lebendig vor Augen stehen. Gleichzeitig stellen sie fortan auch an sich selbst mehr oder weniger bewusst die Anforderungen an einen Hadschi, sich innerlich zu reinigen, um daraus einen geläuterten Glauben zu beziehen.

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