Fokus: Abenteuer Digitale Düfte

So riechen Gänseblümchen
So riechen Gänseblümchen | Quelle: www.bildagentur-online.com

In unserer medientechnisch gut erschlossenen Sinneswelt spielen Gerüche noch eine Sonderrolle. Unsere Geräte werden immer besser darin, Bilder und Töne wiederzugeben, Düfte als Medium sind bei den allerwenigsten vorgesehen. Dabei gilt gerade die digitale Erschließung von Gerüchen als ein Forschungsfeld mit abenteuerlichem Potenzial.

Der Softwarekonzern Google ist bekannt für seinen Hang zu besonders abenteuerlicher Forschung. Eine allwissende Datenbrille, selbstfahrende Autos, fliegende Windturbinen, so lauten nur die bekanntesten Projekte, an denen Wissenschaftler im mittlerweile berüchtigten Forschungslabor Google X arbeiten. Und wer weiß schon, woran dort im Geheimen getüftelt wird.

Im Frühjahr 2013 schien es für einen kurzen Moment so, als ob Google wieder einmal dabei wäre, Technikgeschichte zu schreiben. Schon sehr bald sei es möglich, so erfuhr man auf der Website des Unternehmens, Düfte direkt an den Displays unserer Computer zu erschnüffeln. Über sogenannte Street Sense-Fahrzeuge, vergleichbar den Street View Mobilen, die Bilder für den Kartendienst Google Maps schießen, habe man Millionen Gerüche aus der ganzen Welt gesammelt, digitalisiert und in einer Datenbank zusammengefasst. Diese kann man dann direkt vor der Nase der Nutzer nachbilden – mittels manipulierter Luftmoleküle. In einem Präsentationsvideo raunte ein Google-ngenieur von der Erfüllung eines alten Traumes: Endlich könne man Seh-, Hör-, und Geruchssinn in einem Medium zusammenführen. Der Name des neuen Dienstes: Google Nose.

Erinnerungsflashbacks

Google Nose war ein Aprilscherz. Noch gibt es kein vergleichbares Gerät zur Simulation von Gerüchen. Wenngleich die Idee logisch erscheint. Seit Jahrhunderten beschäftigt man sich mit der Frage, wie man die Imaginationskraft des Menschen über seine Sinne beeinflussen kann. Dabei hat man sich bislang fast ausschließlich auf das Hören und Sehen konzentriert. Der Geruchssinn spielte eine eher untergeordnete Rolle. Und das, obwohl Düfte von allen Sinnesreizen bei weitem das größte Imaginationspotenzial aufweisen.

Fast jeder erlebt plötzliche Erinnerungsflashbacks. Anhand winziger Hinweise tauchen längst vergangene Erlebnisse plötzlich wieder vor unserem inneren Auge auf. So kann der Geruch von Bleistift und Linoleum Sie von einem Moment zum anderen in den Flur Ihrer Schule versetzen, in eine Unterhaltung mit einem Klassenkameraden. Vielleicht hören Sie sogar den Gong, der zur nächsten Stunde ruft.

Episodisches oder autobiografisches Gedächtnis nennen Forscher diese Fähigkeit. Gerüche spielen eine entscheidende Rolle, denn unsere Riechzellen sind fast direkt mit dem limbischen System verschaltet, einer tiefen Hirnregion, die für die Verarbeitung von Erinnerungen und Emotionen zuständig ist. „Bei allen anderen Sinnesorganen läuft die Reizweiterleitung über wesentlich mehr Zwischenstationen", so Hanns Hatt, renommierter Duftforscher an der Ruhr-Universität Bochum.

Duftkino

Diese Besonderheit hat evolutionsbiologische Gründe, erklärt Hatt. „Der Geruchssinn oder chemische Sinn, wie man ihn auch nennt, ist der ursprünglichste. Ohne ihn könnten Einzeller keine Nahrung finden, beziehungsweise zwischen verträglichen und unverträglichen Stoffen unterscheiden." Und deshalb sei er eben auch direkter verdrahtet als der sich erst später entwickelnde Hör- und Sehsinn.

Die Kunst liegt nun darin, sich diese Eigenschaften auch zunutze zu machen. Und das ist alles andere als trivial, wie ein Blick in die jüngere Mediengeschichte beweist. Schon seit den 1940er Jahren beißen sich Erfinder am sogenannten Duftkino die Zähne aus. Filme sollten nicht nur zu sehen und zu hören, sondern eben auch zu riechen sein. Aromen wurden im Saal verdampft, kilometerlange Rohrsysteme aus Plastik führten einzelne Düfte direkt zu den Nasen der Zuschauer, präparierte Karten wurden verteilt, auf denen Gerüche passend zu Filmszenen freizurubbeln waren.

Bislang scheinen die meisten Systeme an einem Grundproblem zu scheitern, das Hanns Hatt so formuliert: „Man kann einen Duft sehr leicht an einen Menschen heranbringen, aber nur sehr schwer wieder entfernen." Luftströmungen, kleinste Verwirbelungen und Molekülbewegungen, all das müsste genauestens vorausberechnet werden. „Auf solche Geräte werden wir wohl noch einige Jahre warten müssen."

Olfaktorische Displays

Etwas optimistischer beurteilen Forscher wie Hatt die Entwicklung kleiner olfaktorischer Displays, die es beispielsweise ermöglichen, einen Duft von A nach B zu schicken. „Der Mensch besitzt 350 Geruchsrezeptoren. Ein bestimmter Geruch aktiviert eine ganz bestimmte Abfolge von Rezeptoren. Das heißt, alles, was wir riechen können, setzt sich aus einem 350 Buchstaben umfassenden Geruchs-ABC zusammen." Diese Sequenz könnte man analysieren, digitalisieren und dann mit den entsprechenden Ausgangsmolekülen wieder zusammenbauen. „Das ist im Augenblick zwar noch sehr aufwendig und noch kennen wir nicht alle Buchstaben in diesem Alphabet, aber grundsätzlich ist das möglich."

Wenn es tatsächlich gelänge, Düfte zu digitalisieren und anschließend wieder in chemische Moleküle zu wandeln, wäre das auch ein Durchbruch für die Weiterentwicklung von Virtual Reality (VR)-Schnittstellen. Lange als zu klobig und dysfunktional verschrien, erleben sogenannte VR-Headsets, also Helme und Brillen, die den Träger in eine künstliche 3D-Welt versetzen, gerade ein Comeback. Und schon werben erste Hersteller mit dem Einsatz von Gerüchen, um die Illusion weiter zu perfektionieren.

Bislang allerdings noch mit eher bescheidenen Resultaten. Auf der kürzlich abgehaltenen Computerspiele-Messe Games Developer Conference wurde ein Duft-Adapter für einen VR-Helm vorgestellt. Von komplexen Geruchseindrücken war allerdings noch wenig zu spüren. Sieben vorgemischte Gerüche werden dem Träger während seines Ausflugs in die virtuelle Welt in die Nase gepustet. Ein Journalist des Tech-Magazins The Verge testete das Gerät und war eher geschockt als überwältigt: Die Maske, so sein vernichtendes Urteil, hätte die Anmutung eines Folterinstruments.

Bislang noch viel zu wenig beachtet, aber in seinem Ansatz vermutlich einer der abenteuerlichsten Beiträge beim Versuch, den Geruchssinn technologisch zu erschließen, ist die Arbeit des österreichischen Künstlers und Erfinders Wolfgang Georgsdorf. Georgsdorf hat Smeller gebaut, eine riesige, 200.000 Euro teure Maschine, die es nach eigenen Angaben zwar nicht schafft, Luftmoleküle zu manipulieren, wie in der Scherz-Version von Google, es aber ermöglicht, diese im Raum kontrollierbar zu machen: Waggons aus Duftmolekülen ziehen mit einer genau zuvor definierten Strömungsgeschwindigkeit an den Nasen des Publikums vorbei.

Wer das Potenzial von Düften wirklich ernst nimmt, da ist sich Georgsdorf sicher, der müsste in echte Avantgarde-Technologie investieren. Auch wenn seine Apparatur mit der Vision von duftenden Displays à la Google Nose im Augenblick noch ähnlich viel gemein hat, wie die fabrikhallengroßen ersten Computer mit einem iPhone 6.