Fokus: Abenteuer „Ein Musiker ist und bleibt ein Troubadour.“

Gipfel des Cairn Gorm
Gipfel des Cairn Gorm | © picture alliance/Rohrschneider, B./Juniors

Komponist und Dirigent Vykintas Baltakas über abenteuerliche Momente im kreativen Schaffen eines Musikers.

Was ist für Sie ganz persönlich „abenteuerlich"?

Die Musik macht das Leben eines Musikers ziemlich abenteuerlich. Die Entscheidung, als Komponist zu leben, eröffnet eine abenteuerliche Welt innerhalb oder auch außerhalb des Musikalischen: Projekte, Ideen, Menschen, Reisen, oder aber auch die Abwesenheit von Projekten, Reisen und das Bedürfnis, dabei als Musiker zu überleben …

Seit frühester Zeit an haben Sie Ihren Geburtsort Vilnius in Litauen immer wieder langfristig verlassen, unter anderem auch viele Jahre in Deutschland gelebt. Bis heute bereisen Sie ständig viele Orte in der Welt. Was reizt Sie daran besonders?

Ein Musiker ist und bleibt ein Troubadour. Man reist durch die Welt und erlebt verschiedene Kulturen. Es ist sehr abenteuerlich, immer wieder andere Kulturen, Menschen und Denkweisen kennenzulernen.

Es ist auch erstaunlich dass man durch die Entfernung vom eigenen Land dieses und die eigenen Wurzeln stets besser versteht. Die Aussage „Die Welt ist rund" könnte man wörtlich nehmen: Jedes Schritt in die Ferne bedeutet gleichzeitig auch einen Schritt hin auf dem Weg zurück.

Was ist aus Ihrer Sicht in der Musik das größere Abenteuer: zu komponieren oder als Dirigent tätig zu sein?

Abenteuerlich können grundsätzlich alle Arten, Musik zu machen, sein. Vorausgesetzt, man ist kreativ. Da echte Kreativität bedeutet, sich dem Unbekannten zu öffnen, grenzt sich eine authentische Idee automatisch von allen anderen Ideen ab. Für den Musikschaffenden bedeutet das jedes Mal einen Sprung in das Unbekannte.

Ein kreativer Dirigent wandelt jenseits der Partitur: Er gebraucht seine Fantasie und Kreativität, um die musikalische Informationen zu bearbeiten damit er eine Interpretation erschaffen kann, die auch alles das beinhaltet, was nicht in der Partitur steht. Ein funktioneller Dirigent sucht hingegen nicht hinter den Noten - er „spielt" die Noten „ab".

Zugleich kann ein Komponist auch zum Handwerker werden, wenn er immer wieder die gleichen Ideen nachproduziert und immer gleiche, bewährte Arbeitsmethoden für alle Ideen anwendet.

Es hängt nicht von der Art der Tätigkeit ab, sondern davon, wie diese ausgeübt wird. Jede inhaltlich kreative Aktivität bedeutet ein Abenteuer für sich.

Ihre Musik gilt als spannend, da Sie musikalische Geschichten „weben", diese unerwartet ausgehen lassen oder sie auf verschlungenen Wegen zu ihrem Ausgangspunkt zurückführen. Wie finden Sie die „Fäden" und „Linien", die Ihre Werke auszeichnen?

Den Prozess meines Tätigseins kann man mit dieser Metapher beschreiben:
Man stelle sich einen großen Berg vor. Auf der Spitze dieses Berges ruht ein Stein. Noch ist Stillstand, alles ist offen, alles ist möglich. Der Stein rührt sich, fängt an, sich zu bewegen. Je nach dem, welchen Weg er nimmt, wird sein Leben ein anderes sein. Wenn der Stein einen anderen trifft, fallen beide zusammen weiter den Berg hinab. Jetzt ist es nicht mehr ein Stein, sondern ein Fallen von zwei Steinen.

Vielleicht treffen sie unterwegs einen Baum. Vielleicht brechen sie einen seiner Äste ab. Vielleicht wächst der Baum dann doch weiter, aber krumm. Da er etwas krumm ist, fallen seine Früchte nur auf eine bestimmte Seite. Möglicherweise auf die Seite, wo viele kleine Steine liegen. Doch einigen Früchten gelingt es, auch hier zu keimen. Eines Tages werden sie stärker als die wurzeldeckenden Steine. Diese werden bewegt. Sie fallen bergab. Je nach dem, welchen Weg sie nehmen, bewegen sie weitere Steine, weitere Bäume.

Jetzt stelle man sich einen unendlichen Berg vor, bei dem das Fallen auch nach oben und hin zu allen Seiten möglich ist. Einen Berg mit unendlich vielen Steinen von unterschiedlichen Gewichten und Formen. Steine, die wie Glas in viele kleine Teile zerbrechen und die sich beim Treffen verbinden können. Federleichte Steine, färbende Steine, klingende Steine, duftende Steine... ein Berg ohne Anfang und ohne Ende.

Jetzt stelle man sich einen Komponisten vor, der darunter steht und alles, was auf dem unendlichen Berg passiert, beobachtet. Er sieht natürlich nur einen Teil davon. Versucht, es aufzuschreiben. Sein Ergebnis liefert jeweils einen bestimmten Blickwinkel, ein Element, mit dem er ein mosaikähnliches Bild schaffen kann."

In Ihrer Musik ist das Aufbrechen der Linearität der Zeit immer wieder ein Thema. Was ist für Sie das Spannende daran?

Seit längerer Zeit versuche ich, von linearen Denkmodellen oder Ereignisfolgen wegzukommen. Es ist nicht einfach, weil Musik eine Zeitkunst ist, also die Ereignisse meistens linear wahrgenommen werden und unsere Perzeption nach Verbindungen sucht, egal ob der Komponist diese Ereignisse als unabhängige Momente oder per Zufallsmethodik gesetzt hat. Man sollte vielleicht einige Tricks anwenden, mit denen man die Wahrnehmung in einen irritierten Zustand bringen kann. In einen Zustand, in dem sich die Wahrnehmung verliert, weil sie die Ereignisse nicht mehr mit einem eingeübten Muster einordnen könnte und man sich so der direkten Wirkung des Klanges öffnet. Also eine Offenheit, die den Klang als rein akustisches Phänomen wahrnimmt: ohne das rationalisieren, verbalisieren oder beschreiben zu können oder zu wollen. Ich sehe es als einen idealen Zustand, da nur hier die Musik echt und tief wahrgenommen werden kann.

Auch der Zuhörer kann diesen abenteuerlichen Aspekt erleben. Vorausgesetzt, er/sie ist kein passiver Verbraucher von Musik, sondern ist in einen aktiven schöpferischen Prozess eingebunden. Statt Energie auf das „Verstehen" zu verschwenden, sollte man sich auf die Auflösung von Mustern und Beschreibungen konzentrieren. Damit der Klang möglichst direkt und ungestört wahrgenommen wird. Kompositionsmethoden, -analysen, -systeme und -prinzipien können zwar sehr interessant und entdeckungsreich sein, ihre Auswirkung auf die Musik sollte man aber etwas relativieren. Oft sind sie eher als Denkmodelle für den Komponisten wichtig, die es ihm erlauben, den komplexen Fluss von Ideen und Möglichkeiten zu beherrschen. Die Musik selbst ist meistens reicher – und genau das ist das Spannende.

Musiktheater hat für Sie immer wieder einen besonderen Stellenwert, so etwa bei Ihrem Werk „Cantio", bei dem die Künstler aus einer kubusartigen „Burg" heraus agieren. Was reizt Sie am Musiktheater?

Ein Komponist arbeitet meistens alleine. Im Lauf des Arbeitsprozesses entscheidet er alleine, ob seine Ideen passend oder unpassend sind.

Musiktheater ist ein kollektives Werk. Hier kreiert der Komponist nur eine Schicht. Es ist spannend zu sehen, wie das kollektive Werk entsteht, wie die Polyphonie von Ideen und von verschiedenen Theaterelementen ein gemeinsames Kunstwerk formen.

Weist zeitgenössische Musik „abenteuerlichere" Elemente im Vergleich zu klassischen Werken auf?

Früher waren klassische Werke auch zeitgenössisch. Nur für uns ist diese Musik „klassisch" geworden. Leider wird heutzutage der klassischen Musik oft nicht mehr wirklich zugehört, es ist mehr ein soziales Ritual als ein Hörerlebnis. Unser Hören entschärft sich durch routiniertes Zuhören, das "Oft-Gehörte" überdeckt das Wesen von Musik. Gerade die klassische Musik war oft sehr innovativ, frech und avantgardistisch in ihrer Zeit. Es gab jedoch auch viele rein „handwerkliche" Werke, die eher funktionell und nicht unbedingt kreativ waren. Man denke hier nur an unzählige Konzerte und Oratorien, die für konkrete Anlässe geschwind und „regulär" produziert werden mussten.

Das alles kann man auch über die moderne Musik sagen. Ungewöhnliche, provozierende Ausdrucksmittel verweisen noch nicht auf Kreativität, oft wird damit die Abwesenheit von Kreativität maskiert.

Das Gesagte kann man auch auf die anderen Musikarten erweitern: Pop, Jazz, World Music, et cetera. Keine Stilrichtung alleine verdient eine Medaille für die Kreativität. Es sollte auch keine Stilrichtung als „keine Kunst" abgewertet werden, nur weil sie nicht einer elitären Kunstrichtung entstammt. In jedem Stil kann man kreative und aber auch einfach „angewandte", funktionelle Kunst finden. Es gibt Künstler, die in ihrer „Gemeinde" bleiben und es gibt andere, die sie verlassen, um auf eine abenteuerlichere Reise gehen zu können.

Der litauische Komponist und Dirigent Vykintas Baltakas wurde am 10. Juli 1972 in Vilnius geboren. Nach Studien in seiner Heimat, wo er Preise bei Wettbewerben in beiden Fächern gewann, belegte er Kurse an der Hochschule für Musik in Karlsruhe. 1993-1997 bildete er sich bei Wolfgang Rihm (Komposition) und Andres Weiss (Dirigieren) fort, später auch bei Peter Eötvös. 1998 studierte er am Conservatoire National Supérieur in Paris. Seine Werke klingen in den wichtigsten Europäischen Städten und USA und sind in die Programme von renommierten Festivals aufgenommen. Er wurde unter anderem mit dem Stipendium der Darmstädter Ferienkurse für neue Musik Darmstadt (1997), dem International Composition Prize Claudio Abbado (2003) und dem Ernst von Siemens Förderpreis (2007) ausgezeichnet. 2009 gründete Baltakas das Lithuanian Ensemble Network (L'ENsemble). CD-Aufnahmen seiner Kompositionen haben zuletzt das Ensemble musikFabrik (Köln) und das Ensemble Modern (Frankfurt) vorgelegt.