Interview mit Prof. Albert Speer In China ist Städtebau gefragter als die Architektur

Prof. Albert Speer
Prof. Albert Speer | ©Dongfang IC

Der international renommierte Architekt und Stadtplaner Prof. Albert Speer baut seit mehr als 40 Jahren im In- und Ausland. Dem Goethe-Institut berichtet er von seinen Erfahrungen in China, wo er seit 1994 immer wieder mit Großprojekten tätig ist.

Der international renommierte Architekt und Stadtplaner Prof. Albert Speer baut seit mehr als 40 Jahren im In- und Ausland. Dem Goethe-Institut berichtet er von seinen Erfahrungen in China, wo er seit 1994 immer wieder mit Großprojekten tätig ist.

Danuta Schmidt: Sie betreiben ein Büro in China. Was mögen die Chinesen an Ihrer Architektur?

Prof. Albert Speer: Die Chinesen sind dabei, sich zu internationalisieren. Es gab in China eine lange Periode der Isolation. Nun wollen die Chinesen wieder Weltmacht werden. Zu dieser gesamten rasanten Entwicklung des Konsums, des Verkehrs usw. gehört eben auch die Stadtentwicklung. Es gibt im Osten einen Prozess der rapiden Verstädterung. Anders als im Alten Europa, in dem 90 Prozent der Menschen in den Städten leben, sind es in China höchstens 30 Prozent. Mehr als die Hälfte aller Chinesen leben auf dem Land.

Wir sind als deutsche Architekten gefragt, weil wir europäisches Know How einbringen. Die europäische Stadt hat eine jahrhundertealte Tradition. Ich spreche von Urbanität, von städtischer Dichte, von sozialem und geschichtlichem Hintergrund. Diese Entwicklungen und Erfahrungen, auch die Fehler, die wir gemacht haben in Deutschland und aus denen wir gelernt haben, haben wir im Gepäck. Noch vor kurzem, bis vor fünf Jahren, gab es in China nur große Satellitenstädte. Nun kommt man dahinter, dass eine Nutzungsmischung effizient ist.

Enge Vernetzung

Welche Erfahrungen haben Sie mit jungen deutschen Hochschul-Absolventen in China gemacht?

Zunächst versuchen wir, junge deutsche Absolventen in Frankfurt zu trainieren. Wenn die Einsteiger dann ihren ersten Auslandseinsatz haben, wird ihnen immer ein älterer Kollege zur Seite gestellt. In China waren von den zehn Stadtplanern vier junge Kollegen dabei. Natürlich ist es auch immer ein bisschen der Sprung ins kalte Wasser.

In den Einstellungsgesprächen fordern wir Sprachkenntnisse, Flexibilität, Offenheit. Die Absolventen müssen bereit sein, auch bis zu einem Jahr im Ausland arbeiten zu wollen. Wir sind ein internationales Büro, 50 Prozent der Aufträge haben wir im Ausland. Da gibt es auch Aufträge in nicht so „attraktiven“ Gegenden wie Saudi Arabien oder Gebieten in Afrika. Wir arbeiten auf der ganzen Welt. Im vergangenen Jahr haben wir eine Stadt im Niger-Delta geplant. Das Niger-Delta ist die reichste Region eines Landes, dessen Menschen an der Armutsgrenze leben und oft von Umwelt-Katastrophen betroffen sind. Wir planen eine neue Provinzhauptstadt für 500.000 Menschen. Das ist eine entscheidende Verbesserung für die Menschen. Wir arbeiten vor Ort mit der lokalen Regierung, den Federal Gouvernements, zusammen.

Sie waren gerade zwei Wochen in ihrem Architekturbüro in Peking. Was bauen Sie derzeit in China?

Ich bin jedes Jahr zwei- bis dreimal in China. Wir haben dort einen Campus für die Fudan University, eine der ältesten Universitäten Chinas, gebaut. Er ist angehängt an einen High Tech Park. Dort sitzen Biotechnologen und Chipherstellern. Die Studenten haben hier die Nähe zu den Forschungsinstituten. So stellen wir uns Vernetzung vor.

Wir haben einen ständigen Know How-Transfer

Wir hatten zehn Jahre lang lediglich ein Repräsentations-Office in China. Im vergangenen Jahr haben wir eine Consulting-Firma nach chinesischem Recht gegründet. Wichtig ist uns, vor Ort Arbeitsplätze, Infrastruktur und Wohnraum zu schaffen. Wir arbeiten viel mit jungen Architekten aus China zusammen, die im Ausland studiert haben. Wir greifen auf ein Netzwerk von Partnern zurück und haben einen ständigen Know How-Transfer.

Ich habe Partner vor Ort, wie die General Managerin Li Yang. Sie ist Architektin und hat ihr Handwerk in Stuttgart gelernt. Sie spricht beide Sprachen, deutsch und chinesisch, perfekt. Li Yang kommt aus Shanghai und ist idealerweise unser Übertragungsrad.

Warum ist Ihnen diese Mischung wichtig?

Die Deutschen sitzen mit den chinesischen Partnern zusammen. Das ist eine Tradition, die wir von Anfang an pflegten. Man kann nicht in einer anderen Kultur arbeiten und Umwelt verändern, wenn man dort nicht groß geworden ist. Unsere chinesischen Kollegen verhalten sich anders, denken anders, leben anders. Die Mischung der Gedanken und Ideen ist unser Credo.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie in China und woher kommen diese?

Momentan haben wir etwa zehn Mitarbeiter, alles deutsche Stadtplaner. Denn das Thema Städtebau ist auch in Asien gefragter als die Architektur. Das können die Chinesen mittlerweile selbst auch gut, die Entwicklung der modernen Architektur hat einen richtigen Sprung gemacht.

Der international renommierte Architekt und Stadtplaner Prof. Albert Speer baut seit mehr als 40 Jahren im In- und Ausland. 1973 begann er eine achtjährige Beratungsarbeit für die algerische Regierung. Es folgten 1977 erste Aufträge durch die Saudi Arabische Regierung. Bis 1997 dozierte der Stadtplaner an der ETH Zürich.

Wichtige Projekte während der vergangenen Jahre bis heute waren u.a. der Masterplan für die EXPO 2000 in Hannover, der Victoria Turm in Mannheim, Anting New Town in Shanghai, Baku Boulevard in Aserbaidschan, die Sanierung der Festhalle in Frankfurt sowie der Masterplan für die Kölner Innenstadt.

Prof. Speer wurde u.a. mit der Goethe-Medaille der Stadt Frankfurt, dem Architekturpreis des Deutschen Architekten- und Ingenieursvereins und dem Bundesverdienstkreuz am Band ausgezeichnet.