Architektur und Stadtentwicklung Pritzker-Preis geht an Wang Shu

Xiangshan Campus, China Academy of Art, Phase II, 2004-2007, Hangzhou
Xiangshan Campus, China Academy of Art, Phase II, 2004-2007, Hangzhou | © Lv Hengzhong

Der chinesische Architekt Wang Shu (王澍) erhält 2012 den renommierten Pritzker-Preis. Da seine Bauten fast nur in der Provinz Zhejiang stehen, kann die Auszeichnung als außergewöhnlich bezeichnet werden.

Am 25. Mai 2012 wird in der Großen Halle des Volkes in Peking der Pritzker-Preis an den Architekten Wang Shu (王澍) überreicht. Der aus Hangzhou stammende Architekt hat in Nanjing studiert und in Shanghai promoviert, bevor er mit seinen eigenen Projekten bekannt wurde. Warum hat die internationale Jury gerade ihn 2012 für den Pritzker-Preis ausgewählt, der als renommierteste Auszeichnung für Architekten gilt? Nur Spezialisten kannten seinen Namen außerhalb Chinas und die Verwunderung der internationalen Presse war groß, als sein Name bekanntgegeben wurde. Da schon lange vorher feststand, dass der Preis in Peking übergeben werden würde (der Ort der Zeremonie wird jeweils schon im Vorfeld festgelegt), spekulierte man in Fachkreisen sofort, es habe ein chinesischer Preisträger gefunden werden müssen. Aber diese Vermutung greift zu kurz. Nur weil Wang Shu kein international bekannter Jetset-Star ist, heißt dies noch nicht, dass er den Preis nicht verdient hat. Zwar zeichnete man vor ihm vor allem Stars wie Rem Koolhaas (2000), Herzog & de Meuron (2001), Zaha Hadid (2004), Jean Nouvel (2008) oder Peter Zumthor (2009) aus, aber es gab immer auch andere, international weniger bekannte, wie den Australier Glenn Murcutt (2002), den Norweger Sevrre Fehn (1997) oder den Mexikaner Luis Barragán (1980). Bei den letzteren war die Architektur jeweils auf den lokalen Kontext bezogen und entwickelte sich in zeitgenössischer Weise aus überlieferten Traditionen. Mit sensiblem Gespür hatten diese Architekten Beiträge zu einer regionalen Moderne geleistet, die – obwohl lokal verortet – über die Region hinaus Anerkennung fanden.

In diesem Licht muss man wohl auch die Auszeichnung für Wang Shu sehen, dessen Gebäude eine Auseinandersetzung mit der lokalen Situation beinhalten. Seine realisierten Projekte stehen fast ausschließlich in der Provinz Zhejiang, in deren Provinzhauptstadt Hangzhou er lebt und als Professor an der China Academy of Art lehrt. Sein Amateur Architecture Studio, das er mit seiner Frau Lu Wenyu (陆文宇) seit 1998 betreibt, lässt bereits im Namen anklingen, welche Philosophie seine Architektur prägt: Nicht die perfekte Inszenierung soll seine Architektur beherrschen, sondern der Nutzwert und die Erinnerung, die sowohl in den Formen wie in der Materialität transportiert werden. Der Rückgriff auf die typisch geschwungenen Dachformen der traditionellen Holzarchitektur, die heute mit anderen technischen Mitteln hergestellt werden müssen und die Verwendung von lokalen Materialien wie zum Beispiel unterschiedliche Ziegel oder Holz vermitteln zwischen Tradition und Moderne. Darüber hinaus sind jedoch der poetische Charakter der Bauten in der Landschaft sowie die räumliche Integration zwischen Innen und Außen von entscheidender Bedeutung.

Wang Shu versteht sich in der Tradition der chinesischen Literati, die über Jahrhunderte die intellektuellen Diskurse prägten. Manchem mag das in heutigen Zeiten, die in China sehr von kommerziellen Aspekten bestimmt sind, etwas aufgesetzt erscheinen. Dahinter steht die Suche nach individuellen Lösungen, die Alternativen zum kommerziellen Einerlei und zum marktschreierischen Besonderen aufzeigen. Bei der Entscheidung der Prizker-Jury hat offensichtlich die Tatsache eine Rolle gespielt, dass in den kommenden Jahren weitere bedeutsame Bauprogramme in China zu erwarten sind. Die rapide Urbanisierung und die damit einhergehende Bauproduktion haben das Land in den letzten 30 Jahren nachhaltig verändert. In Zukunft warten neue Herausforderungen, für die stärker als bislang auf lokale Ressourcen zurückgegriffen werden muss. 

Dem Amateur Architecture Studio wird durch den Preis ein Vorbildcharakter zuerkannt, der jedoch nicht so leicht imitiert werden kann. Ein Modell im formalen Sinne ist also (hoffentlich) nicht zu erwarten, aber die Aufmerksamkeit der Medien wird in Zukunft wohl stärker auf den kleinen chinesischen Büros liegen und deren Positionen werden im Diskurs mit Politik, Wirtschaft und Kultur an Bedeutung gewinnen. In diesem Sinne ist der Preis für Wang Shu ein Gewinn, nicht nur für ihn persönlich, sondern auch für die zeitgenössische Architektur in China.

Im Frühjahr 2001 traf ich Wang Shu zum ersten Mal bei der Zusammenstellung der Teilnehmer für die Ausstellung Tu Mu (Erde und Holz) in der Galerie Aedes in Berlin, zu der er mit seiner gerade fertiggestellten Universitätsbibliothek in Suzhou beitrug. Er zeigte uns das Bauwerk am Wasser, das mit kleinen Pavillons den Außenraum einbezieht. Intime Situationen, die für die Nutzer gedacht sind, verstärken auf abstrakte Weise die poetische Kraft der gesamten Anlage. Ihre ruhige Ausstrahlung, in einem komplexen Raumgefüge, hob sich entschieden von der Umgebung ab. Bereits hier war deutlich zu spüren, dass Wang Shu nach mehr strebt als der Erfüllung der technischen Vorgaben. Die Kraft des Lokalen zu verstehen und sie auch in größeren Zusammenhängen beizubehalten wurde zu seinem Markenzeichen, auch dann, wenn die Bauten nicht in allen technischen Fragen den heutigen (westlichen) Standards entsprechen. Aber als Architekt in China muss er sich mit den vorgefundenen Bedingungen auseinandersetzen, die Schritt für Schritt auf diesem Gebiet eine Weiterentwicklung erfahren. Seine späteren Bauten für den Campus der Kunsthochschule in Hangzhou (2004–2007) oder das Museum für zeitgenössische Kunst in Ningbo (2005) brachten ihm bereits internationale Anerkennung. Nun ist er der erste chinesische Pritzker-Preisträger, dessen Werk ausschließlich in China steht. Vor ihm hatte nur der in Suzhou aufgewachsene amerikanisch-chinesische Architekt I.M. Pei den Pritzker-Preis (1983) für sein Werk in Amerika erhalten.

Es ist der zeitgenössischen chinesischen Architektur zu wünschen, dass sich mit dieser Auszeichnung die Aufmerksamkeit der Investoren, der Entscheidungsträger, der Studenten und der Öffentlichkeit mit neuem Elan ungewöhnlichen Lösungen zuwendet, auch wenn diese oft erst gegen Gewohnheit und Phantasielosigkeit durchgesetzt werden müssen.