Fokus: Web 2.0 Learning by Sharing

Lehrer Xu Yonghai aus Shanghai betrachtet sein eigenes Unterrichtsvideo im Internet.
Lehrer Xu Yonghai aus Shanghai betrachtet sein eigenes Unterrichtsvideo im Internet. | © Lai Xinlin, ImagineChina

Die neuesten Entwicklungen in Sachen Online-Bildung kommen aus den USA. Was bedeutet dies für Europa und China? Wo liegen Unterschiede, welche Möglichkeiten eröffnen sich? Der renommierte Blogger Isaac Mao (毛向辉) mit einem aktuellen Überblick.

Während ich auf der Heimreise von der Berliner Netzkonferenz re:publica Anfang Mai 2012 in Frankfurt auf meinen Anschlussflug wartete, verfolgte ich im Internet eine Pressekonferenz von bahnbrechender Bedeutung: Die Harvard-University verkündete gemeinsam mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) die Gründung der neuen Online-Bildungsplattform edX. Ein Schritt, der nicht nur symbolische Bedeutung hat, sondern jedem Einzelnen von uns faktisch die neuen Sphären des E-Learnings eröffnet.

Anant Agarwal, der Präsident dieser neuen Plattform, hatte noch eine Woche zuvor die Plattform MITx, den technischen Vorläufer von edX, höchstpersönlich einem empirischen Test unterzogen. Dazu hielt er online ein Seminar ab und diskutierte im „Klassenzimmer“ mit Kursteilnehmern aus aller Welt über Detailfragen. Als Klassenzimmer fungierte das World Wide Web und als Studiertisch ein Computer, ein Handy oder ein Tablet-Computer. Manche der Studenten saßen gerade während der Rush-Hour in der U-Bahn, andere waren Schüler einer Mittelschule in der chinesischen Provinz Shandong und wieder andere kamen gerade vom Kriegsschauplatz Irak zurück. Und dann gab es noch diejenigen Studenten, denen einst die Aufnahme am MIT verweigert worden war. Die neue Online-Studienplattform sei eine Revolution, meinte Anant Agarwal auf der Pressekonferenz.

Tatsächlich ist es schon die zweite Revolution innerhalb eines Jahrzehnts.

Chancen der OpenCourseWare

Im Oktober 2002 hatte das MIT angekündigt, über tausend Vorlesungen und Lehrmaterialien des Instituts öffentlich zu machen. Es war der Start der MIT-Initiative OpenCourseWare (OCW), mit der man das Tor zum Elfenbeinturm für die Öffentlichkeit aufstieß und zahlreiche Hochschulen dazu motivierte, in diese Sphäre vorzudringen und die eigenen Kurse und Lehrmaterialien der Öffentlichkeit frei zur Verfügung zu stellen. So wurden tausende von Kursen über verschiedene Uni-Portale oder öffentliche Sharing-Plattformen zugänglich gemacht und von Freiwilligen in viele Sprachen übersetzt. Das größte Problem von OpenCourseWare war allerdings die schiere Menge an Ressourcen. Vielen Leuten mangelte es an Motivation, die offenen Kurse zu besuchen, und abgesehen von wenigen Ausnahmen, wurden die Lehreinheiten nur selten wirklich bis zum Ende absolviert. Was im Vergleich zum Lernen in der Schule offensichtlich fehlte, war der Rahmen eines pädagogischen Prozesses.

Wieder einmal hat das Internet uns Menschen die Chance eines gesellschaftlichen Umbruchs verschafft. Genau 2002 setzte auch der globale Hype um das Web 2.0 ein. Dieser Hype hatte seinen Ursprung in den von ganz normalen Leuten verfassten Online-Tagebüchern (sprich Blogs) und führte schließlich dazu, dass man alle möglichen Inhalte miteinander teilte. Die Revolution des sogenannten Web 2.0 betraf nicht die technischen Aspekte, sondern die Relevanz hinsichtlich gesellschaftlicher Veränderungen.

Phänomen des „Sharism“: „the more you share, the more you get“

Das Web 2.0 legte zudem die Basis für die Sozialen Netzwerke und führte zur Geburt von virtuellen „Staaten“ wie Facebook und Twitter. Nach der „Bevölkerungsanzahl“ ist Facebook nach China und Indien mittlerweile das drittgrößte Land der Welt. Das Internet erleichtert es, jene Menschen zu identifizieren und zu validieren, die bereit sind, zu teilen, und es ermöglicht ihnen, peu à peu ihre eigene Anhängerschaft zu formieren. Je mehr man mit anderen teilt, desto mehr festigt sich die Beziehung zu den Followern. Diese Beziehung ist derjenigen zwischen „Verlag und Abonnent“ in den traditionellen Medien vergleichbar. Es handelt sich jedoch nicht um ein einseitiges Verhältnis, sondern um eine interaktive „many-to-many“-Kommunikation, bei der ein Rückfluss von Informationen möglich ist. Das Wissen wird auf dem Weg seiner Verbreitung veredelt und bereichert auf diese Weise auf dem Rückweg den, der es ursprünglich geteilt hatte. Basierend auf diesem Modell ist das Phänomen des „Sharism“ in Erscheinung getreten und zur treibenden Philosophie für das kollektive Schaffen zahlreicher Internet-Anwender geworden. Der Sharism verstärkt das „Glaubwürdigkeitskapital“ von Informationen und potenziert den Wert des Sharers zyklisch, so dass der Effekt „the more you share, the more you get“ eintritt. Wikipedia ist das Paradebeispiel für das Teilen von Inhalten und auch die Jasmin-Revolution in der arabischen Welt ist in engem Zusammenhang mit den Kommunikationsformen der neuen Medien zu sehen.

Das neue E-Learning-Format: Massive Online Open Course

Aus der Sharism-Idee heraus wurde 2011 unter dem Namen Massive Online Open Course (MOOC) das E-Learning-Format der neuen Generation geboren. Die „Masse“ steht hier für die Zunahme der offenen Kurse und deutet zugleich an, dass sich die Ausrichtung der Kurse verändert hat und sie sich mehr für die Gesellschaft öffnen. Die Lehraktivitäten und Inhalte der offenen Kurse beginnen sich zu verzahnen. Die MIT-OpenCourseWare hatte zu seiner Zeit noch eine Reihe elitärer Finessen bereit gehalten, so als wollte man sagen, „ihr braucht nicht zu glauben dass ihr den Stein der Weisen findet, nur weil wir die Kurse geöffnet haben.“ Denn damit ihr zum Unterricht angenommen werdet, braucht ihr eine Qualifikation (in Form von Geld oder Zugangsqualifikationen)“.

2011 jedoch brach die Stanford University mit dieser Konvention. Für den Kurs Einführung in die Künstliche Intelligenz, der von zwei Professoren der Stanford University, Sebastian Thrun und Peter Norvig, konzipiert worden war, wurden nicht nur die Vorlesungen sukzessive komplett online gestellt, es wurden auch öffentlich Teilnehmer rekrutiert, die zeitgleich studieren sollten. Innerhalb einer bestimmten Sperrfrist konnte sich jeder Mensch von jedem Ort dieser Welt für die Teilnahme an dem Studium registrieren und nach Abschluss des Kurses durch eine Prüfung ein Abschlusszeugnis für den Kurs erwerben. Mit dem Erfolg hatte niemand gerechnet: In nicht einmal zwei Monaten hatten sich weltweit über 120.000 Interessenten angemeldet. Am Ende hatten 20.000 Teilnehmer den Kurs abgeschlossen und Leistungspunkte von der Stanford University erhalten.

MOOC ist im Kern etwas anderes als simpel geteilte Lehrmaterialsoftware, sondern nutzt für das Studium das Sharing-Modell von Wikipedia. Jeder MOOC-Kurs verfügt über eine elaborierte organisatorische Struktur, welche die Erstellung von Inhalten, Zeitpläne, Dozenten, Tutoren, Lernteams, offenes Referenzmaterial, Übungs- und Bewertungsmechanismen sowie Zeugnisse umfasst. Es scheint, als habe man den traditionellen Prozess der Lehre komplett ins Netz verlagert, aber konkret läuft es ganz anders ab. Während die Studierenden ihrerseits über grundlegende Internetkompetenzen verfügen müssen, um sich in die automatisch entstehenden Lerncommunitys einzufügen, steht auch das Unterrichtsmanagement vor einer Herausforderung. Die Hauptfrage dabei ist, ob es gelingt, eine komplexe technische Infrastruktur bereitzustellen und ob es den Anwendern gelingt, sich selbst zu managen, denn sonst lässt sich ein Seminar, in dem Abertausende zugleich studieren, etwas das im traditionellen Klassenraum unvorstellbar wäre, gar nicht steuern. Die gemeinsame Philosophie von Web 2.0 und vom Lernen an sich ist generell das Teilen. Allerdings musste erst eine technische Plattform geschaffen werden, die das Sharing ermöglicht. Einfach allen zu sagen „du musst teilen“ reicht nicht aus.

Eine neue Bildungsökonomie?

Während sich die Kosten für die Gesellschaft verringern, erhöht sich die Effizienz. Wenn es uns gelingt, die grenzenlosen Technologien der sozialen Netzwerke maximal auszuschöpfen, dann können wir im hohen Grad Werte einer neuen Bildungsökonomie schaffen. In der traditionellen Bildung gestaltet sich die Wirtschaftlichkeit in Form der Kosten-Nutzenbilanz ziemlich irrational. Nun haben wir die Möglichkeit, das Lernen, die Interaktivität und das Sharing innerhalb der Bildung zu perfektionieren und besitzen eine viel bessere wirtschaftswissenschaftliche Basis, die uns dabei unterstützt. Um es mit den Worten des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Chris Anderson zu sagen, der das Web 2.0 über die Long-Tail-Theorie erklärte: Die Strategie kostenloser Inhalte wirkt in der Praxis anscheinend wie ein Motor, der einen hochwertigen Service konsolidiert und noch steigert. Aus der Perspektive des Sharism ist der Weg des Teilens nichts anderes als ein Weg der Wertsteigerung und funktioniert letztlich genauso wie die Akkumulation von Kapital. Das Nebeneinander von Profit und Non-Profit lässt sich hier voll und ganz verwirklichen. Während es so aussieht, als würde das Teilen nur den anderen nutzen, entsteht letztlich doch ein perfektes Zusammenspiel von Eigen- und Fremdnutzen.

Durch das Erscheinen von edX befinden sich heute alle Bildungseinrichtungen wieder auf derselben Startlinie. Abgesehen von den genannten Universitäten wie Harvard oder Stanford, die sich schon früher an dem MOOC-Modell beteiligt hatten, haben innerhalb weniger Monate auch die University of Michigan und die Berkeley University of California für ihre Kurse einen kompletten Online-Service bereitgestellt.

Chancen und Herausforderungen für Europa und China

Die amerikanischen Universitäten haben den ersten Schritt gemacht, aber aus europäischer Sicht hat die offene Bildung bereits eine sehr lange Geschichte, die bis in die 1960er Jahre zurückgeht. Nach meinen Beobachtungen der letzten Jahre verläuft die Entwicklung auf dem Online-Bildungssektor in Europa allerdings keineswegs optimal. Viele der Bildungseinrichtungen haben sich nicht schnell genug auf das Internet eingestellt und heute tut es ihnen leid, dass sie angefangen beim OCW von vor zehn Jahren bis zum heutigen MOOC der Konkurrenz das Feld überlassen haben. So gesehen müssten sich die europäischen Länder tatsächlich noch stärker öffnen und insbesondere das globale Potential bedenken, sie sollten dem Ansturm auf die Unis nicht mit weiteren Lehrsälen und mehr Lehrpersonal begegnen, sondern die bestehenden Grenzen einreißen.

Die Chancen für China gestalten sich noch spektakulärer. Abgesehen davon, dass fast 40 % der Chinesen digital vernetzt sind, kommt noch eine Anwendergruppe von gut 100 Millionen Chinesen dazu, die seit einem Jahrzehnt das Web 2.0 nutzt: Da gibt es die Blogger oder die Nutzer von Foto- und Video-Sharing, die User von Sozialen Netzwerken oder den Mikroblogging-Diensten, die heute von allen großen Internetportalen betrieben werden. In ganz China ist man dem globalen Trend dicht auf den Fersen. Als der Harvard-Professor Michael Sandel mit seiner Online-Vorlesung dank eines freiwilligen Untertitelungsteams im Jahr 2010 in China mit einem Schlag berühmt wurde, wurde den chinesischen Webportalen, allen voran 163.com, sofort klar, dass die Aufmerksamkeit im Internet nicht mehr nur den ewig selben Klatschgeschichten gilt, sondern handfestem Wissen. Nach einer kurzen Streitphase zum Thema Copyright startete 163.com mit einem eigenen offiziellen Open-Course-Kanal und die anderen Online-Portale zogen bald nach. Dadurch wurden auch einige chinesische Universitäten dazu angeregt, mit dem Sharing zu beginnen und Videomaterial von über Tausend Kursen und Vorlesungen über die Webportale zu veröffentlichen.

Nichtsdestotrotz steht auch China, das von der Außenwelt ja stets als das Land der „Fälschungen“ angesehen wird, vor der Frage, ob das Modell MOOC wirklich übernommen werden soll und ob man sogar noch einen Schritt darüber hinausgehen soll, vor gewissen Hürden. Zum einen müssen die einzelnen Hochschulen in puncto der Öffnung ihrer Inhalte noch mutiger werden, zum anderen geht es auch um Fragen wie die Erstellung von Inhalten, das Operative oder um einen hochwertigen Service. Das Konfliktpotential für das traditionelle Hochschulsystem ist nicht gerade gering. Dabei verhält es sich genau so wie Jonathan Watts, Korrespondent des Guardian, meinte, bevor er China verließ: „Hier in China ist nichts sicher und alles möglich.“

Wie dem auch sei, die chinesische Internet-Community steht in den Startlöchern. Jetzt kommt es darauf an, wie sich die Universitäten rund um den Globus verhalten.

Isaac Mao (毛向辉), „Chinas Blogger Nr. 1“, war einer der ersten in der chinesisch-sprachigen Webcommunity, der bloggte und Blogs populär machten. Außerdem ist Isaac Mao Unternehmer im Bereich Online-Bildung und Lerntechnologien, Themen, mit denen er sich auch wissenschaftlich auseinandersetzt. Gegenwärtig ist er Direktor der Social Brain Foundation und forscht in Harvard am Berkman Center for Internet & Society.