Kulturelles Gedächtnis Die DDR im Film: „Jeder schweigt von etwas anderem"

Szene aus "Good Bye, Lenin!"
© X-Verleih AG

"Ostalgie" oder "Stasi-DRR"? Die Historikerin Annette Eberle hat sich auf Spurensuche im deutschen Film seit 1989 begeben und ein differenziertes und widersprüchliches Bild der DDR vorgefunden.

Die Diskussionen um die historische Wahrhaftigkeit der Spielfilme zwischen „Spreewaldgurkenwirklichkeit“ und „Stasispitzelmentalität“ verweisen auf die mehrfach „geteilten“ Erfahrungen, nicht nur zwischen West und Ost, sondern auch zwischen politischen Identitäten, Familien und Generationen. Wenige Monate vor dem 20. Jahrestag des Mauerfalls offenbaren Umfragen die angeblich zu positive Einstellung von Jugendlichen zur DDR. Gleichzeitig wird eine politische Kontroverse um die Einordnung der DDR als Unrechtsstaat geführt. In diesem Spektrum zwischen „Ostalgie“ und „Stasi-DDR“ bewegt sich auch die Diskussion über das deutsch-deutsche Filmschaffen zum Thema. Beispielhaft dafür ist die Kritik an den zwei wohl bekanntesten Filmen: Das Leben der Anderen (Henckel von Donnersmarck, 2005) und Good Bye, Lenin! (Wolfgang Becker, 2003).

Dem oscargekrönten Drama über Stasiverrat und Opportunismus im Künstlermilieu (Das Leben der Anderen) wurde bescheinigt, die Atmosphäre des Überwachungs- staates eindrücklich bis ins letzte Detail beschrieben zu haben. Die Wandlung des Stasi-Überwachers vom "Täter zum Opfer bzw. Helden" wurde von Bürgerrechtlern und Zeit- historikern aber als unrealistisch und verharmlosend kritisiert. Good Bye, Lenin!, die Komödie über die DDR als privates Refugium, avancierte zwar zum Publikumsliebling, bemängelt wurde aber, dass sich der Alltag Ost in Spreewaldgurken und Rotkäppchensekt erschöpfe und die unmenschliche Diktatur hinter der subversiven Geschichts- alternative verblasse.

Zwischen Selbstvergewisserung und filmischer Abrechnung

Beschäftigt man sich mit dem filmischen Gedächtnis der letzten 20 Jahre, offenbart sich ein differenziertes und widersprüchliches Bild der DDR-Alltagsdiktatur und des Unrechtsregimes. „1984 wurde ich von der Stasi verhaftet, in den Knast gesteckt, im Sommer 1985 über die Grenze nach Westen abgeschoben.“ Welche Erfahrungen sich hinter diesen zwei Sätzen von Sybille Schönemann verbergen, das zeigte sie in ihrem Dokumentarfilm Verriegelte Zeit (1990), der als einer der ersten Filme über die Realität der Repression in der DDR ins Kino kam. Für die Regisseurin bedeutete ihr Film sowohl die „Bewältigung einer Episode meines Lebens“ als auch ein „Dokument dieser Zeit und des doppelt geteilten Landes.“ Dieses zweifache Anliegen der persönlichen Aufarbeitung und der filmischen Suche nach der Realität eines gespaltenen Landes prägte viele in der ersten Hälfte der 90er Jahre entstandenen Spielfilme. Den Filmemachern ging es um Selbstvergewisserung ihrer eigenen DDR-Geschichte und um Abrechnung zugleich.

In Die Architekten (1990) dramatisierte Peter Kahane das Scheitern einer jungen Architektengruppe beim Bau einer neuen Siedlung als Metapher für den Verlust von Hoffnung und Utopien nicht nur junger DDR-Bürgerinnen. Um das persönliche Versagen als Folie der gesellschaftlichen Deformation geht es auch in den beiden Spielfilmen Die Verfehlung (1991) des als kritischer Geist bekannten DDR-Regisseurs Heiner Carow und Das Land hinter dem Regenbogen (1991) von Herwig Kipping. Die Verschränkung von emotionalen Konfliktlagen und gesellschaftlicher Repression wird gerade in diesen ersten Filmen in der Auseinandersetzung mit der Figur des Stasispitzels verdichtet, ob dramatisch in Der Tangospieler (Roland Gräf, 1990) oder tragikomisch im filmischen Abgesang Letztes aus der DaDaeR (Jörg Foth, 1990). Neun Jahre später trägt die Figur, nun weniger realistisch, dafür aber umso komischer, den Kinoerfolg Helden wie wir (1999).

Von dem, was weiter wirkt

Den Zusammenhang von individuellen Handlungsspielräumen, moralisch-politischen Motivationen und gesellschaftlicher Repression dramatisierte Frank Beyer in Nikolaikirche (1995). Nach der gleichnamigen Romanvorlage von Erich Loest stellt der Film eine erste historische Analyse der Geschehnisse, die zum Mauerfall geführt haben, vor. Anhand der Mitglieder der Familie Bacher geht er den Bedingungen für die Herausbildung des inneren Widerstandes in der DDR nach. Schauplatz ist der Ort, der beim Fall der DDR „Geschichte“ gemacht hat: Leipzig von 1987 bis 1989 und die Montagsgebete in der Nikolaikirche. Beyer interessiert nicht nur der Generationskonflikt, sondern wie viel Raum das Streben nach persönlicher Freiheit braucht, um gegen Staatsräson und Opportunismus aufbegehren zu können. Zeitgleich erschien mit Das Versprechen (Margarethe von Trotta, 1995) eine historische Aufarbeitung aus westdeutscher Sicht. Der Versuch, auch den eigenen radikalen Bruch mit der sozialistischen Ideologie filmisch zu manifestieren, reduzierte sich auf eine Liebes- und Dreiecksgeschichte, die in die einzelnen historischen Stationen hineingezwängt und mit düsterer Geschichtsdekoration ausgestattet wurde. Den bisherigen Endpunkt des filmischen Entwurfs der DDR als Familienroman setzte das Fernsehepos Das Wunder von Berlin (Roland Suso Richter, 2008) inspiriert von den Aufzeichnungen eines NVA Soldaten.

„Was wirkt weiter?“ fragt dagegen eine der Protagonistinnen des Dokumentarfilms Jeder schweigt von etwas anderem (Marc Bauder/Dörte Franke, 2006), der die Folgen von Hafterfahrung und der Trennung der Kinder von ihren Eltern anhand dreier Portraits vorstellt. Die ehemaligen Dissidenten müssen erfahren, dass ihre Geschichte die einer Minderheit ist. Allenfalls in Gedenkstätten und als Zeitzeugen finden sie Gehör. Gegenüber den eigenen Kindern dominieren Hilflosigkeit und Schweigen.

Das Weiterwirken der DDR als ein „Nicht-Ankommen“ im vereinten Deutschland ist auch das durchgängige Thema vieler neuerer Filme, allerdings in sozialer Hinsicht. Bis zum Horizont und weiter (Peter Kahane, 1998) oder Wege in die Nacht (Andreas Kleinert, 2000) handeln zwar von Außenseitern. Sie stoßen uns aber darauf, dass das fragmentierte „filmische Gedächtnis“ über die DDR nach wie vor einer gespaltenen Identität entspricht, quer durch Ost-West-Erfahrung, Generationen und Familien.