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Buchrezension
Der urbane Code Chinas

Stadtkulisse Shanghai
Stadtkulisse Shanghai | © www.icpress.cn

Der renommierte Architekt und Stadtplaner Prof. Thomas Sieverts bespricht Dr. Dieter Hassenpflugs Buch zur Entwicklung der modernen chinesischen Stadt, dessen Fazit ist: China verwestlicht keineswegs.

Von Prof. em. Thomas Sieverts

Die Stadtentwicklung der letzten 20 Jahre in China wurde aus europäischer Sicht bisher nur als Kulturverlust gesehen, als ein vollständiger Bruch mit der Tradition des alten chinesischen Städtebaus. Diese Beurteilung steht zur Revision an: Dieter Hassenpflug – Professor für Stadtsoziologie an der Bauhaus-Universität Weimar – hat in seinem bei den ‚Bauwelt-Fundamenten’ erschienenen Buch Der urbane Code Chinas eine Lesart der zeitgenössischen chinesischen Stadt entwickelt, die viele auf den ersten Blick unverständliche Merkmale dieser Städte aus der chinesischen Kulturtraditionen heraus deutet und verständlich macht.

Mit sozial- und kulturwissenschaftlichen Methoden wird z.B. überaus anschaulich erklärt, dass der so typische ‚offene Stadtraum’ chinesischer Städte nichts mit dem ‚öffentlichen Raum’ abendländischer Stadttradition gemein hat, sondern vielmehr in der lebendigen Tradition des dörflichen Gemeinschaftslebens steht, in dem Öffentliches und ganz Privates noch ungetrennt sind.

Ebenso lernt man ganz ungezwungen, dass die durch Zäune und Tore abgeschlossenen neuen Wohngebiete nichts mit den westlichen Formen von ‚Gated Communities’ zu tun haben, sondern in der uralten Tradition der Ummauerung von sozial und funktional zusammengehörigen Einheiten stehen, die in sich durchaus sozial und funktional gemischt sein können. Mit diesem Verständnis begreift man, dass der ‚binäre Hauptcode’ auch der neuen chinesischen Städte aus dem ‚aufgeschlossenen’ offenen Stadtraum einerseits und dem ‚abgeschlossenen’ umschlossenen Raum andererseits besteht. Die Vermittlung durch einen von der Stadtgesellschaft definierten öffentlichen Raum fehlt, und dieses Fehlen deutet durchaus auch auf einen Mangel der chinesischen Gesellschaft hin. Hassenpflug stellt fest: ‚Der Preis, den China für seine zentralistische, die Differenz von Gemeinschaft und Gesellschaft, von Land und Stadt, vom Ruralem und Urbanen schwächende Integrationskultur zahlt, ist das Ausbleiben einer stadtbürgerlichen Emanzipation’. Aber nicht nur räumlich-strukturelle Merkmale werden überzeugend auf ihre ‚Sinnität’ hin abgehorcht, auch z.B. die ausufernden dekorativen Dachformen und die virtuosen Lichtdekorationen, werden mit Traditionen der die Bedeutung einer Person zeigenden traditionellen Kopfbedeckungen bzw. mit dem unbändigen Spaß an Circus und Akrobatik in Verbindung gebracht. Das Buch schließt mit dem Satz: ‚China – so finden wir bestätigt – verwestlicht keineswegs. Es konsumiert westliche Ideen, Konzepte, Bilder ebenso wie Ideen, Konzepte, Bilder aus der eigenen Geschichte, um aus diesem Stoff einen neuen chinesischen Raum zu bilden, den zukünftigen Körper des chinesischen Drachens’.

Das Buch hat aber über sein Thema der chinesischen Stadt hinaus eine allgemeine Bedeutung, denn es kann gleichzeitig auch als Anleitung zu einem frischen und kritischen Blick auf die eigene, die gegenwärtige europäische Stadt gelesen werden. Es regt damit als ein methodisch gelungener, exemplarischer Essay zu einem produktiven Dialog unterschiedlicher Stadtkulturen an. 

Der urbane Code Chinas ist 2008 auf Deutsch im Verlag Birkenhäuser erschienen.

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