Architektur und Stadtentwicklung Politik und Ästhetik chinesischer Staatsbauten

Ministerium für Öffentliche Sicherheit in Peking
Ministerium für Öffentliche Sicherheit in Peking | Foto: Jiang Jian © Imaginechina

Manche Staatsbauten spiegeln vielmehr die ästhetischen Vorstellungen der politischen Entscheidungsträger als die der Architekten wider.

Der folgende Artikel erschien am 21. April 2011 in der chinesischen Zeitung Southern Weekend. Das Deutsch-Chinesische Kulturnetz veröffentlicht eine leicht gekürzte Version. 

Will man die Besonderheiten chinesischer Verwaltungsgebäude von Partei und Regierung beschreiben, ist das Ministerium für Öffentliche Sicherheit in Peking wohl am besten geeignet. Vor einem halben Jahrhundert begann das Ministerium mit der Planung seines neuen Bürogebäudes, doch lange war man mit keinem Entwurf zufrieden. An den abgelehnten Entwürfen lässt sich ablesen, dass man keinen Gefallen an hochmodernen, großflächigen Glasfronten fand und noch wenig für plastische, extrem skulptural anmutende Fassadenentwürfe übrig hatte.

Schließlich nahm sich Jiang Peiming (蒋培铭), Architekt beim Radio, Film and Television Design and Research Institute, der Sache an. Sein Ansatz war es, das Wesen einer Polizeibehörde einzufangen. „Gedanklich ging ich sogar bis zu den Yamen, den Lokalbehörden der Kaiserzeit, zurück, etwa zu deren Ministerium für Strafjustiz“, erklärte er gegenüber der Southern Weekly. Auch einige westliche Anlagen hätten ihn inspiriert, etwa das Pentagon als Sitz des US-Verteidigungsministeriums, der St. Petersplatz im Vatikan und das altrömische Kolosseum.

Ein Charakteristikum haben all diese Gebäude gemeinsam: die strenge Ordnung. „Majestätisch und eindrucksvoll“ seien sie, bringt Jiang Peiming es auf den Punkt, „von ihnen geht eine vollkommene geistige Kraft aus.“

Auf den Plänen Jiang Peimings zeigte sich der Regierungsbau des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit als ein perfekt quaderförmiges Gebäude mit gerader Linienführung und klar definierten Kanten. Sein Zentrum kragt etwas hervor und erinnert an ein Komma, das innerhalb des monolithischen Blocks für visuelle Abwechslung sorgt. „Schlichtheit steigert die Monumentalität“, so Jiang Peiming, der Bau sei in seiner Haltung „unbeugsam und kraftvoll“.

Wenig später hatte er den Zuschlag. „‘Genau das haben wir gewollt’ waren die Worte des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit“, erzählt Jiang Peiming. „Mein Entwurf erinnerte sie an das Schriftzeichen „ding 鼎 “,den antiken chinesischen Dreifuß (Anm. d. Übers.)“ In China gilt der Dreifuß als ein Herrscherinsignium und symbolisiert Einheit, Prosperität und Frieden. Bald nannte man Jiang Peimings Konzept nur noch den „Dreifuß der Blütezeit“, auch wenn er den ursprünglich gar nicht im Kopf gehabt hatte.

Beim Material für die Fassade entschied sich das Ministerium für Öffentliche Sicherheit für Stein – so ist es bei den meisten Regierungsgebäuden. Die Baukosten liegen zwar höher, aber dafür hat man etwas Solides und Haltbares. Nach seiner Fertigstellung wurde der gewaltige Bau, der an der Südseite des Platzes des Himmlischen Friedens, östlich vom heutigen Nationalmuseum steht, vielfach gelobt, wobei jede der Lobeshymnen letztlich auf ein Wort hinauslief: „Imposanz“.

 „Imposanz ist das grundlegende Merkmal von Regierungsgebäuden im heutigen China“, meint Xu Weiguo (徐卫国), Leiter des Architectural Design and Research Institute an der Tsinghua-Universität. Sie steht für die Geschlossenheit und Unzugänglichkeit des Raumkonzepts.

Liu Li (刘力), führender Architekt beim Architektur- und Designbüro Werkhart World Wide 5-Star Alliance (WWW5A), hat in China noch nie ein Regierungsgebäude gesehen, bei dem der rechte und der linke Gebäudeflügel nicht gleich hoch gewesen wären. Was er zu sehen bekommt, sieht meistens so aus: ein massiger Baukörper, rechteckig und symmetrisch, eine hohe Treppe, die man Stufe für Stufe erklimmen muss, und Sicherheitsleute, die über den Eingang wachen. „Damit werde der Gestaltungsplan der Verbotenen Stadt weiter fortgesetzt.“, meint Liu Li, durch seine strenge Achsensymmetrie verstärke der Kaiserpalast das Gefühl von Autorität gegenüber den Menschen.

Tatsächlich sind symmetrisch ausgerichtete und in sich geschlossene Regierungsgebäude in China weit verbreitet. Von vorne betrachtet sieht das Gebäude der Stadtverwaltung Shanghai wie das Schriftzeichen „shan 山“ für „Berg“ aus. Eine Reihe von Pfeilern trägt einen dem Gebäude vorgelagerten Portikus und die vertikale Linienführung unterstreicht die Strenge des Gebäudes. Auch die Provinzverwaltung der Insel Hainan hält sich an die Konventionen von Regierungsgebäuden: Von weitem mutet sie wie ein großes kastenförmiges Schiff an. Und selbst das höchstgelegene Regierungsgebäude der Welt, die Stadtverwaltung von Shigatse in Tibet, wollte im springenden Punkt der „Symmetrie“ keine Ausnahme machen.

All diesen Großbauten sind Treppen vorgelagert, so dass man den Blick heben muss, um den Haupteingang zu sehen. Zu beiden Seiten des Haupttors aber gibt es Auffahrtsrampen, so dass den Regierenden mühsames Treppensteigen erspart bleibt und sie direkt aus dem Auto ins Gebäude gelangen können. 

„Durch Architektur die Massen erziehen“

Die Volkszeitung schrieb seinerzeit, dass die Baumeister sich die Paläste und Tempel, die traditionellen Gedenktore und buddhistischen Pagoden der Feudalzeit zum Vorbild nähmen und allen möglichen überladenen Zierrat produzierten.

Da sie Beschränkungen durch die Politik unterliegt, passt sich die Architektur stilistisch an die jeweiligen politischen Veränderungen an. Zu Beginn der kommunistischen Herrschaft hatte die Architektur noch ein ganz anderes Gesicht als heutzutage. In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eiferte man in Politik und Wirtschaft der Sowjetunion nach und die Architektur durfte dem natürlich in nichts nachstehen. Das Aussehen chinesischer Städte hing von der Innenpolitik der Sowjetunion ebenso ab wie vom chinesisch-russischen Verhältnis.

1953 kehrte der berühmte Architekt Liang Sicheng (梁思成) von seinem Besuch aus der Sowjetunion zurück. Seiner Meinung nach war die Verwendung eines nationalen Stils eine Frage des Klassenstandpunktes. Man müsse, so Liang Sicheng, „durch architektonische Werke die Massen erziehen und ihnen helfen, vorwärtszuschreiten.“

In der Folge wurde China im Nu von Bauten überzogen, die auf den Formenkatalog von Palästen und Tempeln zurückgriffen. Ausladende Dächer waren die häufigste Erscheinungsform von Liang Sichengs „Nationalstil“. Die mit glasierten Ziegeln gedeckten „großen Dächer“ mit ihrem Dougong-Konsolensystem und den geschwungenen Traufen wirkten imposant und majestätisch – ganz und gar geeignet, die Legitimation und den Nationalstolz der neuen Machthaber zum Ausdruck zu bringen.

Doch ebenso wie die modernistischen Gebäude sollte auch der restaurative „Nationalstil“ nicht lange währen. Wieder einmal wirkte sich ein Führungswechsel in der Sowjetunion auf die architektonische Gestaltung in China aus. Ende 1954 wurden die architektonischen Leitlinien Stalins durch den neu eingesetzten KPdSU-Generalsekretär Chruschtschow vom Tisch gefegt.

Nach 1955 galten „ausladende Dächer“, eben noch eine Anfechtung des kapitalistischen Klassenbewusstseins, als Paradebeispiele für Luxus und Verschwendung. Als in Peking der Bau für „Vier Ministerien und eine Kommission“ entstand – die heutige Nationale Entwicklungs- und Reformkommission – lagerte das Baumaterial für das große Dach des Mitteltrakts bereits auf der Baustelle, durfte jedoch nicht mehr verwendet werden, und so wurden die glasierten Bauteile im nationalen Stil noch vor Ort wieder eingestampft.

Alles schaut auf Peking

 Mit der Reform- und Öffnungspolitik wurden auch die dogmatischen politischen Ansprüche an die Architektur aufgeweicht. Doch die persönlichen Wünsche mancher Regierenden sind nach wie vor oftmals ausschlaggebend, wenn Chinas Städte sich neu erfinden. In einem Punkt sind sich alle Architekten einig: Der Umgang mit Beamten ist eine heikle Sache.

„Es fehlen Mechanismen, durch die man den Ambitionen der hohen Tiere etwas entgegensetzen könnte“, meint Guo Xiaoming (匡晓明), Dozent am College of Architecture and Urban Planning der Tongji-Universität, es sei denn, der betreffende Parteisekretär habe einen Doktortitel. Pessimistische Architekten formulieren es so: „Die Architekten sind in diesem Spiel lediglich die Techniker, welche die Pläne zeichnen“. Manchmal haben die Entscheidungsträger ihre Wahl schon getroffen, noch ehe eine Ausschreibung gemacht wurde. Und auch wenn ein Entwurf den Wettbewerb gewonnen hat, müssen die Architekten sich doch oft auf Schwierigkeiten gefasst machen, personelle Veränderungen in der Regierung wirken sich meist auf die Projekte aus, dann werden die Arbeiten gestoppt und alles war umsonst.

So gesehen spiegeln manche Staatsbauten vielmehr die ästhetischen Vorstellungen der politischen Entscheidungsträger als die der Architekten wider. Allerdings ist ja auch sie dem Geschmack der Zeit unterworfen. Aber was gefällt ihnen eigentlich? Ein einfacher Wunsch ist: Peking nachzueifern. Und so kommt es, dass man allerorts ganz versessen auf das „Tor des Himmlischen Friedens“ ist.

Man nehme etwa das „Südliche Stadttor“ in der Stadt Yinchuan, Provinz Ningxia. Nach seiner Restaurierung hatte sich dieses klassische Gebäude in ein „Tor des Himmlischen Friedens“ verwandelt – der gleiche scharlachrote Baukörper und zu beiden Seiten des Mao-Portraits die Schriftzüge: „Lang lebe die Kommunistische Partei“, „Lang lebe die Volksrepublik China“. Auch der Bezirk Yaodu in der Stadt Linfen, Provinz Shanxi, hat sich sein Tor des Himmlischen Friedens gebaut, selbst ein Stadttor, die Goldwasserbrücke und die zeremoniellen Huabiao-Säulen durften hier nicht fehlen. Abgesehen von diesen Beispielen finden sich Tore des Himmlischen Friedens mittlerweile auch in der Gemeinde Caoji des Kreises Xiayi, Povinz Henan, im Dorf Huaxia, Provinz Jiangsu, und in der Gemeinde Huangjin im Kreis Zhong der Stadt Chongqing.

Dabei beschränken sich die lokalen Imitationen Pekings keineswegs nur auf das Tor des Himmlischen Friedens. So findet man in Shanxi ebenfalls ein „Vogelnest“, wie man das Olympiastadion in Peking nennt (Anm. d. Übers.), und Xu Weiguo wiederum hat nicht nur in Shenyang und Shandong Straßenbeleuchtungen in Form eines unterbrochenen Regenbogens wie am Boulevard des Ewigen Friedens in Peking gesehen – auch das ein Markenzeichen. Und seit Anfang 2010 ragen auf dem Platz „Der Osten ist rot“ in Lanzhou 56 „Säulen der ethnischen Harmonie“ empor, ganz ähnlich den „Säulen der ethnischen Harmonie“, die 2009 auf dem Platz des Himmlischen Friedens standen: mit dem gleichen knallroten Säulenschaft und den goldenen Basen und Kapitellen, die das Firmament tragen.

Natürlich konzentrieren sich solch plumpe Nachahmungen vor allem auf die Kreis- und Gemeindeebene. Regierende höheren Ranges haben andere Vorlieben – nämlich Größe und Höhe. „Die Regierung will über die Architektur ihre Erfolge demonstrieren, sie soll zeigen, dass der Mensch sich die Erde untertan macht.“, meint Liu Li.

Da er sich mit der Architektur im Bereich des Rundfunks auskennt, unterstützte Jiang Peiming Rem Koolhaas bei seinem Entwurf für den neuen CCTV-Tower. „Ich begleitete Rem Koolhaas zur Führungsriege des Fernsehsenders, die meinte, sie wolle etwas, was die Menschheit noch nicht gesehen hätte, sozusagen etwas Außerirdisches“, erzählt Jiang Peiming.

„In den 1990er Jahren waren Glasfassaden modern, sie waren das Symbol der Reform- und Öffnung. Um das Jahr 2000 fanden die politischen Entscheidungsträger Gefallen am Originellen und weltweit Erstklassigen.“ Tan Liefei (谭烈飞), stellvertretender Inspektor des Office of Beijing Chronicles, meint, nach dem National Centre for the Performing Arts (NCPA) von Paul Andreu, dem neuen CCTV-Tower von Rem Koolhaas und dem „Vogelnest“ von Herzog & de Meuron, gehe es heute, zumindest in Peking, architektonisch wieder nüchterner zu.

Doch da die Ideologie sich ständig ändert, setzt sich auch der ästhetische Wandel bei der Architektur weiter fort. Heutzutage kommt sogar das White Swan Hotel in Kanton immer mehr in Bedrängnis. „Die Regierung würde es am liebsten sprengen“, meint Kuang Xiaoming. In den 1980er Jahren hingegen war es als einziges internationales 5-Sterne-Hotel, das von einem chinesischen Architekten erbaut worden war, Kantons ganzer Stolz.