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Architektur und Stadtentwicklung
Was ist mit Chinas Straße passiert?

West Chang’an Avenue
West Chang’an Avenue | Foto: Fan Jiashan / Imaginechina

Warum sind viele Hauptstraßen in China nur für den Transport da und haben keine andere Funktion? Welche politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte sind am Bau und an Veränderungen von Straßen beteiligt und wie kommt es, dass die Entwicklungen so oft im Widerspruch zu den Interessen der Bevölkerung stehen?

Von Tao Dongfeng (陶东风)

Der folgende Text ist ein vom Autor überarbeiteter Vortrag anlässlich der Planungskonferenz zum Thema „Chinas Straßen“ am Institute for Culture Industries der Peking University. 

CCTV will eine TV-Dokumentation mit dem Titel „Chinas Straße“ produzieren. Ich halte das für ein sehr gutes Thema. Denn die Straße ist der Ort, wo alles aufeinandertrifft: Wirtschaft und Politik, Tradition und Moderne, Gesellschaft und Individuum, die wichtigen Ereignisse der Politik und das Alltagsleben der Bevölkerung, das private und das öffentliche Leben. Über die Straße nachzudenken bedeutet in gewisser Weise auch, über Moderne und Urbanisierung nachzudenken, haben doch die Straßen und die durch sie transportierten und realisierten Lebensformen und kulturellen Traditionen im Verlauf der Modernisierungs- und Urbanisierungsprozesse einen dramatischen Wandel erfahren. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass an dieser Stelle Moderne und Urbanisierung nicht nur einer allgemeinen Betrachtung unterzogen werden sollen, vielmehr geht es um Moderne und Urbanisierung in ihrer chinesischen Ausprägung.

Was ist eine „Straße“?

Was versteht man eigentlich unter einer Straße, und was unterscheidet die Staße (jie 街) von einer Fahrstraße (damalu 大马路)? Meine Antwort: Die „Fahrstraße“ hat eine reine Verkehrsfunktion, wohingegen bei der „Straße“ die Dinge etwas anders liegen. Sie ist im Kern der Platz, an dem sich das Alltagsleben der Stadtbevölkerung abspielt, ein Ort der allgemeinen Kommunikation und des öffentlichen Lebens. Im Zentrum der Straße steht der Bürger und nicht die Regierung, ihr Ausgangspunkt ist ein menschengerechtes Leben der Bevölkerung und nicht die Erleichterung der politischen Administration. Das sind die Grundprinzipien, die es bei der Planung und dem Bau von Straßen zu berücksichtigen gilt. Das Problem der chinesischen Straße ist jedoch, dass man mit diesen Prinzipien gebrochen hat.

Warum haben sich die Straßen in vielen chinesischen Städten in reine Verkehrswege verwandelt, bei denen es nur noch um die Funktion des Transports geht? Wie konnte der Fahrzeugstrom den Menschen an den Rand drängen? Welche politischen, ökonomischen und kulturellen Kräfte haben derart in die Konstruktion und den Wandel der Straße eingegriffen, dass letztlich das Prinzip des Bürgerzentrismus verletzt wurde? Genau an diesem Punkt können wir uns anhand der Straße über Fragen wie Modernisierung und Urbanisierung, Kulturökologie und Lebensraum Gedanken machen.

Die Straße in ihrer Beziehung zu Urbanisierung und Modernisierung

Bei der Betrachtung der chinesischen Straße ist es vor allem wichtig, zu untersuchen, wie sich der Verstädterungsprozess in China verändert hat, denn die Art und Weise der Urbanisierung entscheidet unmittelbar über das Erscheinungsbild der Straße. Der Urbanisierungsprozess, der nach der Gründung der Volksrepublik einsetzte, hat mittlerweile zwei Phasen durchlaufen, die politische und die ökonomische Urbanisierung. Nun wünscht man sich die Verschiebung in Richtung einer kulturellen Urbanisierung, aber das ist nicht so einfach. Beim Urbanisierungsprozess zwischen 1949 und 1979 hatte die Regierungsgewalt das Sagen, was zur Folge hatte, dass heute die Zeichen der Macht in den Städten allgegenwärtig sind. Am deutlichsten zeigt sich das in den Straßen von Peking. Fast alle Hochhäuser und Prachtbauten entlang des Chang’an Boulevards beherbergen Regierungsorgane, in die der normale Bürger keinen Fuß setzen darf. Der Hauptunterschied zwischen der Champs-Élysées in Paris und dem Chang’an Boulevard in Peking ist, dass dort der Stadtbewohner und hier die Macht im Zentrum steht. Während es dort darum geht, Freizeitleben zu ermöglichen, geht es hier darum, Kontrolle und Verwaltung zu erleichtern. Dies ist das Resultat einer von der chinesischen Regierungsgewalt gesteuerten politischen Urbanisierung. Nach 1979 haben die ökonomisch motivierte Urbanisierung und der Straßenbau dem Diktat der Macht noch das des Geldes hinzugefügt. So hat nun das Kapital überall seine Spuren hinterlassen, und diese gehen mit den Zeichen der politischen Macht eine Verbindung ein. Allerdings ordnet sich das Geld in seiner Relation zur Macht dieser stets unter beziehungsweise wird zu deren Domäne, weshalb man die Rolle und auch die Schattenseiten der Kommerzialisierung nicht überbewerten darf.

Das Hauptmerkmal der chinesischen Straße ist ihre Uniformität. Durch die extreme Wiederholung des immer Gleichen zeigen sich überall die Spuren der Zwangsplanung durch die Staatsmacht. Was geordnet aussieht, ist in Wirklichkeit nur monoton, denn es ist das Resultat einer autoritären Stadtplanung durch die Regierung. Die Vielfalt und der Reichtum der Straße sind verlorengegangen, überall sieht man ähnliche Straßenzüge und die gleichen Gebäude, und die Menschen auf der Straße sind den verschiedensten Formen der Kontrolle unterworfen.

Ein weiteres Charakteristikum von Chinas Straßen liegt darin, dass sie genau so schnell wieder „sterben“ wie sie gebaut wurden. Die Todesarten sind mannigfaltig. Eines natürlichen Todes sterben nur wenige Straßen, die meisten werden von Menschenhand „zu Tode gebracht“. Abriss und Umbau stellen eine Methode dar, einer Straße das Leben zu nehmen, aber auch die Errichtung historisch anmutender Straßen bedeutet deren sicheren Tod: ein Todesurteil im Namen von Aufbau und Entwicklung. An vielen touristischen Sehenswürdigkeiten in China gibt es historisierte Straßen mit zahlreichen auf alt gemachten Häusern, die alle gleich aussehen.

Die Straße, das öffentliche Leben und die Zivilgesellschaft

Ein wichtiges Merkmal der Straße ist ihr öffentlicher Charakter. Eine ihrer Hauptfunktionen liegt darin, dass sich auf ihr alle möglichen öffentlichen kulturellen Aktivitäten einer Stadt abspielen. In China jedoch unterliegen solch ungeplante öffentliche Veranstaltungen, die aus der Mitte der Gesellschaft kommen, durch die doppelte Repression von Staatsmacht und Kapital einer strengen Kontrolle. Das hat dazu geführt, dass sich der öffentliche Charakter der Straße verloren hat, die Buntheit ist aus dem Bürgerleben verschwunden, es gibt keine kulturelle Lebendigkeit mehr und insbesondere keine von der Bevölkerung initiierten öffentlichen Kulturveranstaltungen. In westlichen Städten kann man solche autonomen Kulturaktivitäten häufig beobachten, beispielsweise, wenn farbige Kids auf der Straße Breakdance tanzen oder sich Leute versammeln, um Musik zu machen, und sie zeigen sich auch in der Graffiti-Kultur. All diese Dinge hat man aus den chinesischen Straßen verbannt, man sieht sie im Grunde genommen gar nicht oder sehr selten. Das liegt daran, dass unser bürgerliches öffentliches Leben stark kontrolliert wird. Beinahe alle öffentlichen Kulturaktivitäten sind hochgradig organisiert und haben ihren öffentlichen Charakter im eigentlichen Sinn verloren. So hat die chinesische Straße ihre Vitalität eingebüßt und ist zu einem Ort geworden, an dem sich alles nur noch um Shopping und Konsum dreht.

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die Vitalität der Kultur bei der Bevölkerung angesiedelt ist. Zwischen kultureller Soft-Power und der Zivilgesellschaft besteht ein enger Zusammenhang. Es ist ein Irrtum der chinesischen Regierung, anzunehmen, dass kulturelle Soft-Power durch massive Investitionen der Regierung erzeugt werden kann. Wie die Lebenskraft der Universitäten in deren Selbstverwaltung liegt, so hängt die Vitalität der Kultur an der Autonomie der Zivilgesellschaft. Der Verlust von öffentlichem Leben auf den Straßen hat als Begleiterscheinung, dass sich die Zivilgesellschaft unter der Ägide der politischen Regierungsgewalt nicht entwickeln kann. Der Verlust der Autonomie der Straße ist in Wirklichkeit die zwangsläufige Folge der Tatsache, dass die Zivilgesellschaft ihre Selbstverwaltung verloren hat.

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