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Fokus: Kitsch
Kitsch in China

Auf dem Markt in Shandong verkaufte IPhone-Schlappen, deren Logo dem originalen
© Wenwu, Imagine China

„Man klebt den Fabrikaten aus Untergrundfabriken einfach das Logo einer bekannten Marke auf und schon ist dem Geltungsbedürfnis des Konsumenten auf billige Weise Genüge getan.“

Von Dai Wangcai (戴旺财)

Wie ich gehört habe, stammt das Wort „Kitsch“ aus dem Deutschen. Ich bat also meine Frau, die deutsche Sprache und Literatur studiert hat, mir zu erklären, was Kitsch nun eigentlich bedeute. Es zeigte sich, dass es sehr schwierig war, den Begriff überhaupt verständlich auf Chinesisch zu erklären.

Dem Wort Kitsch wurde in China wohl erstmals breitere Aufmerksamkeit zuteil, als Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins bei chinesischen Yuppies zur Pflichtlektüre wurde. Damals übersetzten die chinesischen Übersetzer Kitsch mit mèisú (媚俗). Doch sofort regte sich Widerspruch, weil jemand meinte, die Übersetzer des Buches hätten den Sinn des Wortes in sein Gegenteil verkehrt: mèisú bedeute nämlich, „Anderen zu schmeicheln“, doch Kitsch habe eher die Bedeutung von zìméi (自媚), also sich selbst zu schmeicheln oder das eigene Gefallen zu erregen. Anderen war auch diese Interpretation noch zu ungenau. Weil Kitsch schwerlich mit einem Satz zu erklären sei, solle man es einfach phonetisch mit kèqí (刻奇) widergeben und sich jede weitere Erklärung sparen.

So eine Diskussion ist nicht weiter verwunderlich. Jedem Mensch wohnt ein Hamlet inne und jeder trägt in sich seine ganz eigene Auffassung von Kitsch. Bei der Verwendung von Sprache an sich existieren vielschichtige historische Hintergründe und regionale Faktoren. Da ist es ganz natürlich, dass jeder einzelne aufgrund seiner biografischen Hintergründe, seiner Wissensstrukturen und seines Kenntnisstands bei einem Fremdwort mit so komplexer Bedeutung zu einer anderen Auffassung kommt. Dies sind die ganz normalen Verfremdungen und Mutationen innerhalb kultureller Diffusionsprozesse.

Man denke an das Deutschland des 19. Jahrhunderts zurück, damals wurde Kitsch als Umschreibung für billige Kunstwerke zur Erfreuung der Massen verwendet. Mit Erhöhung der Produktivität fertigte man Reproduktionen von berühmten Kunstwerken an. Und weil es sich lediglich um Kopien handelte, war ihr Preis so niedrig, dass sie sich jedermann leisten konnte. Allerdings war diese billige en gros kopierte Dekorationskunst zwangsläufig von schlechter Qualität. So geht populärer Geschmack notwendigerweise mit eitler Oberflächlichkeit einher.

Stellt sich angesichts dieser Schilderungen nicht ein Déjà-vu-Erlebnis ein? Richtig, auf dem Seidenmarkt Xiushuijie in Peking, auf dem Huatinglu-Fashionmarkt (beide haben sich längst in Luft aufgelöst) oder auf der Shoppingmeile Huaqiangbei in Shenzhen wimmelte es einst von Menschen, die ganz wild auf sogenannte Shanzhai-Ware wird oft gleichbedeutend mit Ramsch verwendet. Man klebt den Fabrikaten aus Untergrundfabriken einfach das Logo einer bekannten Marke auf und schon ist dem Geltungsbedürfnis des Konsumenten auf billige Weise Genüge getan. Viele Chinesen trauten sich eine ganze Weile nicht mehr, eine echte Louis Vuitton-Tasche zu kaufen, denn die Straßen waren voll von Lous-Vuitton und Original und Fälschung nicht mehr voneinander zu trennen. Machte es da noch einen Unterschied, ob man mit einem echten oder falschen Louis Vuitton-Rucksack in die U-Bahn stieg?

Als das iPhone gerade seinen weltweiten Siegeszug angetreten hatte, dominierte plötzlich ein Handy namens IPhone (man achte auf den ersten Buchstaben) ikonenhaft sämtliche Online-Werbeplattformen. Dieses IPhone war in seiner prägnanten Optik fast nicht vom iPhone zu unterscheiden. Es verfügte nicht nur über einen großen Touch Screen, sondern auch über eine Dual-SIM-Funktion und einen austauschbaren Akku. Kurz gesagt: Es besaß alle Stärken eines iPhones zuzüglich der Vorteile, die ein iPhone nicht bieten konnte. Und das zu einem Fünftel des Preises.

Ich habe mich immer gefragt, ob dieses Handy tatsächlich gekauft wird. Denn lässt man sich mit so einem Fake-Handy blicken, ist einem der Spott der Freunde gewiss. So bin ich davon ausgegangen, dass diese Handys ihren Platz bei den Jugendlichen in den sogenannten Third- und Fourth-tier-Cities (chinesische Kreisstädte und wenig entwickelte Provinzhauptstädte, Anm. d. Übers.) gefunden hätten. Bis zu dem Tag, als ich mich mit einer befreundeten Staatsanwältin aus Shanghai zum Sport verabredet hatte, und mir auffiel, dass sie tatsächlich solch ein Shanzhai-Handy Marke IPhone benutzte. „Es sieht schick aus, ist funktional und außerdem günstig, was spricht also dagegen?“, erklärte mir die Staatsanwältin begeistert. „Auf spezielle iPhone-Funktionen kann ich verzichten, ich brauche das Telefon nur, um SMS zu schreiben und um zu telefonieren. Ist da für mich nicht eins wie das andere?“

Ich muss zugeben, dass es für den Erfolg der Shanzhai-Handys durchaus Argumente gibt: Sie kommen dem Wunsch der Chinesen entgegen, wenig Geld auszugeben und trotzdem etwas her zu machen. Womöglich liegt darin die Kraft des Kitsches.

Obwohl Kitsch als Fremdwort der proletarischen Masse in China längst nicht so geläufig ist wie „Sofa“ oder „Hamburger“, ist, wenn man einmal darauf achtet, Kitsch in China doch allgegenwärtig. Nicht zuletzt in der Medienbranche, in der ich arbeite.

Als ich vor einigen Jahren für ein Nachrichtenmedium arbeitete, das auf Enthüllungsjournalismus spezialisiert war, hatte ich mit dem Redakteur die folgende Frage eingehend diskutiert: Wird ein Ereignis für uns zur berichtenswerten Nachricht, weil es die Gesellschaft weiter bringt oder weil es die Blicke auf sich zieht? Jenes Blatt zählt in China mittlerweile zu den Medien mit einem besonders hohen Berufsethos. Und trotzdem steht man als Medienvertreter immer wieder vor einem Dilemma: Berichte wie der über den „Vorfall Song Zhigang“ (孙志刚事件2003 wurde ein Student, der Migrant war, weil er sich nicht ausweisen konnte, von der Polizei in ein Internierungslager gebracht und zu Tode geprügelt.), der letztlich dazu führte, dass das System der Verhaftung und Rückführung von Migranten ohne temporäre Wohnerlaubnis durch die Polizei abgeschafft wurde, sind ein seltener Glücksfall. Ganz zu schweigen davon, dass nicht jedes Medium den Mut und die Möglichkeiten hat, über so ein Ereignis zu berichten. Bei den meisten Medien gilt bei der Bearbeitung ihrer täglichen Nachrichten letztlich das Bewertungskriterium, inwieweit die Nachricht Aufmerksamkeit erregen kann. Vornehm ausgedrückt „gibt man erst dann Ruhe, wenn man bewegende Worte gefunden hat“ (nach einem berühmten Gedicht des Song Dichters Su Dongpo (苏东坡), Anm. d. Übers.), etwas unschöner formuliert könnte man dabei von mèisú, also von Kitsch sprechen.

Diese Art von Kitsch erreichte im Jahr 2007 einen Höhepunkt. Ein Pekinger Fernsehsender produzierte ein TV-Programm, bei dem gefilmt wurde, wie ein „skrupelloser Baozi-Laden“ Pappkartons in Natriumhydroxid auflöste und daraus die Füllung für gedämpfte Teigtaschen, baozi, machte. Kurzzeitig gab es einen riesigen Skandal, doch wenig später wurde die Nachricht als Falschmeldung entlarvt. Der Programmdirektor hatte auf der Suche nach einer Sensation in betrügerischer Absicht einen Baozi-Laden dafür bezahlt, „Papierbaozi“ nach seinen Anweisungen herzustellen und den ganzen Vorgang mit der Kamera aufgenommen. Der Urheber der Sendung wurde schließlich zu einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt und die Verantwortlichen des Fernsehsenders wurden bestraft. Doch die Sache hatte noch weitreichendere Konsequenzen: Über einen relativ langen Zeitraum war es sämtlichen Pekinger TV-Stationen untersagt, Enthüllungssendungen zu produzieren oder auszustrahlen.

So ist der Kitsch, der lediglich „Blickfang“ sein möchte, letztlich nur eine Frage des Niveaus, verbreitet man aber Aufmerksamkeit heischende Lügen, ist das ein Problem des Berufsethos.

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