Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Fokus: Diaosi
Prekäre Arbeitsverhältnisse in Deutschland: Tendenz steigend

Stellensuchender im Arbeitsarmt
© Colourbox

Der Soziologe Professor Michael Hartmann über neueste Entwicklungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt und deren gesellschaftliche Auswirkungen.

Von Prof. Dr. Michael Hartmann

In den letzten Jahren hat es in Deutschland eine intensive Diskussion über prekäre Arbeitsverhältnisse gegeben. Der Grund ist ganz einfach. Ihre Anzahl hat rasant zugenommen. Entscheidende Ursache für diese Zunahme sind die Hartz-Reformen zwischen 2003 und 2006. 2003 kam es zur Einführung von Mini-Jobs und verschiedener anderer untypischer Arbeitsverhältnisse. Vor allem gab es nun die Möglichkeit, Befristungen von Arbeitsverträgen relativ unbegrenzt zu verlängern. Ihr Anteil hat sich daraufhin von 4,7 auf 8,9 Prozent fast verdoppelt. Das trifft auch Hochqualifizierte. An den Hochschulen sind inzwischen neun von zehn Stellen befristet. Fast jeder zweite Arbeitsvertrag hat eine Vertragszeit von maximal einem Jahr. Die Leiharbeit hat sogar noch stärker zugenommen, von 0,6 auf 2,9 Prozent. Dazu kommen dann noch die bei den größeren Unternehmen immer beliebter werdenden Werkverträge. Bei ihnen wird von Subunternehmen eine Dienstleistung zu einem bestimmten Preis eingekauft. Die daraus resultierenden, sehr niedrigen Löhne sind dann nicht mehr das Problem der Auftraggeber. Insgesamt kommen heute auf eine Person, die ein atypisches Arbeitsverhältnis (Teilzeit von max. 50%, Leiharbeit, befristet oder geringfügig beschäftigt) hat, nur noch drei mit einer unbefristeten Vollzeitstelle. 1991 waren es noch mehr als sechs. Bei den jüngeren Erwerbstätigen unter 35 Jahren hat jeder dritte, bei denen unter 25 Jahren sogar jeder zweite ein prekäres Arbeitsverhältnis. Auch unter den Hochschulabsolventen trifft es auf jeden zweiten zu. Wenn man die vielen jungen Menschen noch dazu rechnet, die in schlecht oder gar nicht bezahlten Praktika als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden, fällt der Prozentsatz noch höher aus. Zwar hat man den Begriff „Generation Praktikum“ anfänglich auch ironisch gemeint, inzwischen handelt es sich bei vielen Betroffenen aber eher um Galgenhumor.

Working Poor auch in Deutschland

Ganz allgemein zählt eine wachsende Zahl der Beschäftigten zu den „Working Poor“. Waren es 2004 noch 4,9 Prozent, stieg ihre Zahl bis 2010 schon auf 7,5 Prozent. Sie bleiben arm, obwohl sie arbeiten, häufig sogar in Vollzeit. Das ist die Konsequenz der massiven Ausweitung des Niedriglohnsektors mit einem Höchstlohn von 9,15 Euro pro Stunde. In ihm ist mit über 23 Prozent mittlerweile fast ein Viertel der Beschäftigten tätig. Von den Jugendlichen ist es sogar über die Hälfte, von den Leiharbeitern über zwei Drittel. Die Löhne im Niedriglohnsektor liegen teilweise unterhalb der Hartz IV-Sätze und müssen deshalb durch staatliche Transferzahlungen ergänzt werden. Von den sechs Millionen Beziehern von Hartz IV gehören 1,3 Millionen in diese Kategorie. Elf Milliarden Euro, das heißt ein Drittel des Bundesetats für Hartz IV-Leistungen, werden inzwischen für solche Aufstockungsleistungen ausgegeben. Zwölf Prozent der Beschäftigten, also fast vier Millionen Menschen, müssen für Bruttostundenlöhne von weniger als sieben Euro und vier Prozent sogar für weniger als fünf Euro arbeiten. Auch Tarifverträge und eine berufliche Ausbildung schützen nicht immer vor solchen Niedriglöhnen. So bekommen beispielsweise die Mitarbeiter in Architektur- und Ingenieurbüros als Anfangsgehalt nicht mehr als 6,21 Euro die Stunde. Bei un- oder angelernten Kräften geht es runter bis auf gut drei Euro die Stunde. Besonders heftig betroffen von dieser Entwicklung sind Leiharbeitskräfte. Sie verdienen, wenn sie in Vollzeit tätig sind, im Durchschnitt nur gut halb so viel wie andere Vollzeitbeschäftigte. Jeder dritte von ihnen hat weniger als 1.200 Euro brutto im Monat, jeder achte muss ergänzend Hartz IV beantragen. Auch Hochschulabsolventen sind betroffen.

Burn-out und Perspektivlosigkeit auch bei Hochschulabsolventen

Die Folgen dieser Entwicklung sind eindeutig. Zum einen scheuen viele junge Menschen angesichts der unsicheren Arbeitsplätze und der niedrigen Entlohnung die Gründung einer Familie. Sie wollen keine Verpflichtungen für lange Jahre eingehen, wenn sie nicht einmal wissen, was in ein paar Monaten ist. Zum anderen nimmt die Zahl der jungen Menschen mit psychischen Erkrankungen massiv zu. Das Burn-out-Phänomen lässt sich auch unter ihnen immer häufiger beobachten. Der hohe Arbeitsstress durch steigende Arbeitsanforderungen bei gleichzeitig sinkender Arbeitsplatzsicherheit setzt den Menschen zu. All das trifft zwar in erster Linie wenig qualifizierte Arbeitskräfte, es sind aber zunehmend auch Personen mit hohen Bildungsabschlüssen betroffen. Das gilt zum Beispiel für einen Teil der geistes- und sozialwissenschaftlichen Mitarbeiter an den Hochschulen, besonders für das wachsende Heer der Lehrbeauftragten, vor allem aber für die im Medien- und Kulturbereich beschäftigten jungen Menschen. Für Berufseinsteiger ist dort die schlecht bezahlte Tätigkeit als freiberufliche Mitarbeiter fast schon die Regel. Sie wissen nie, wann und ob sie einen Auftrag erhalten, und müssen aufgrund der harten Konkurrenz ihre Preise stetig reduzieren. Feste Arbeitsverträge werden in den Medien immer mehr zur Ausnahme. Man ist hier zumeist gezwungenermaßen selbständig, nicht weil man es selbst so möchte. Auch unter promovierten Geisteswissenschaftlern findet man immer mehr prekär Beschäftigte. Ein konkretes Beispiel: jemand hält sich trotz Promotion mit mehreren Sprachkursen über Wasser, mit denen er im Monat gut 1.000 Euro brutto verdient. Um in der relativ teuren Rhein-Main-Region leben zu können, verzichtet er auf eine Krankenversicherung. Für den Krankheitsfall gibt es damit überhaupt keine Absicherung.

Unsicherheit und Angst vor der Zukunft

Für die deutsche Gesellschaft hat das zwei gravierende Konsequenzen. Erstens: Wenn ein erheblicher Teil der Jugend keine sicheren Zukunftsperspektiven mehr hat, dann prägt das das gesellschaftliche Klima. Unsicherheit und Angst vor der Zukunft nehmen zu. Zweitens: Die Gesellschaft reißt immer stärker auseinander. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer.

Top