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taiwanische Deckelgeschosse
Das Haus auf dem Haus

Ein Blick über die aufgesetzten Deckelgeschosse Taipeis
Ein Blick über die aufgesetzten Deckelgeschosse Taipeis | © Ruben Ranke

Taipei ist berühmt-berüchtigt für seine „Wellblechdeckel“.

Von Ruben Ranke

Wenn man das erste Mal nach Taipei kommt, kann einen die Hässlichkeit der taiwanischen Großstadt schon überraschen. Taiwan ist eines der reichsten Gebiete Asiens. Etwas, was man vielleicht nicht vermuten würde, wenn man das erste Mal in den Blechdachdschungel mit seinen unansehnlichen Betonklötzen, welche den Großteil der Stadt ausmachen, hineinstolpert. Die Klötze stammen hauptsächlich aus der Zeit von 1970 bis 1990, zählen oft vier bis fünf Stockwerke und haben ein Flachdach. Vor den kleinen Fenstern finden sich vogelkäfigartige Gitter, welche meist schon lange vor sich hin rosten. So unansehnlich wie die Häuser von außen wirken, so sauber und ordentlich sind sie innen. Wie in China, könnte man meinen. Denn was die taiwanischen Häuser besonders macht, findet man oben, auf den Dächern Taipeis.

Wie etwa bei den Familien Pan und Zhao. Beide wohnen in Taipeis Stadtteil Wanhua, in der Kangding Straße. Laut dem Briefkasten und dem Klingelschild hat das Haus nur vier Stockwerke. Beim Zählen kommt man jedoch auf fünf. Den meisten Flachdächern Taiwans haben nämlich die Bewohner noch einen „Deckel“ verpasst. Die sogenannten dinglou jiagai (頂樓加蓋, wörtlich: dem Obergeschoss einen Deckel hinzufügen) sind eine taiwanische Besonderheit. Begünstigt durch die schwammige Gesetzeslage bauten sich bis 1984 unzählige Familien ein Extrageschoss aufs Dach. So auch die Familien Pan und Zhao. Beide wohnen in dem ehemals obersten Stockwerk ihres Hauses, dem 4. Stock. Vor mehr als 30 Jahren fügte Familie Pan dann ein Deckelgeschoss hinzu. Familie Zhao ein paar Jahre später. Von innen ist nicht zu erkennen, dass hier angebaut wurde, da das Treppenhaus von vornherein bis ganz nach oben ging, um aufs Dach zu gelangen. Von außen ist der Aufsatz allerdings noch deutlich zu sehen. 

Wenn man durch Taipei läuft, bekommt man zahlreiche Varianten dieser Deckelgeschosse zu Gesicht. Die einfachste ist ein Dach mit Stützen, um etwa die Wäsche vor Regen zu schützen. Von da aus ist es nicht mehr weit zu ein paar Wellblechwänden. Von diesen Billig-Wellblechbauten bis hin zu kompletten Häusern wurde so ziemlich alles aufs Dach gesetzt, was man sich vorstellen kann. Die billigeren Varianten sind dabei klar in der Mehrheit und tragen nicht gerade zur Verschönerung des Stadtbildes bei. Im Sommer sind sie extrem heiß und im Winter zieht es kräftig. Doch viele Deckelgeschosse haben auch eine Terrasse, einen schönen Blick und überzeugen nicht selten durch ihre ungewöhnlichen Konstruktionen.

Die Nutzung des Extrawohnraums ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Viele vermieten den zusätzlichen Wohnraum – wie etwa Familie Zhao. Manche Familien und auch Familie Pan nutzen sie für sich. Im 4. Stock gibt es ein Wohnzimmer, das Schlafzimmer der Eltern und einen Wirtschaftsraum. Hier geht Frau Pan ihrem Hobby nach: Backen – zu finden sind ein riesiger Ofen, eine Teigrühr-, eine Verpackungsmaschine und alles, was sie sonst noch für ihre Kuchen braucht. In dem Deckelgeschoss wohnen die Kinder, mit eigener Küche und einem zweiten Wohnzimmer. Sie haben sich gegen einen Durchbruch innerhalb der Wohnungen entschieden. Das Leben findet also auf zwei Etagen statt, will man von einer Wohnung zur anderen, muss man durchs Treppenhaus.

Wie das Ganze anfing, lässt sich nur schwer sagen, die schwammige Gesetzeslage der damaligen Zeit setzte dem illegalen Bau auf den Dächern nichts entgegen und so schossen die Deckelgeschosse wie Pilze aus dem Boden … und wuchsen den Behörden langsam über den Kopf. Darum wurde 1984 die Gesetzeslage geändert und das Bauen der Deckelgeschosse offiziell illegal. Trotzdem wurden Neubauten bis 1994 weiterhin geduldet. Die in den Jahren zwischen 1984 und 1994 gebauten befinden sich heute in einer Art Schwebezustand. Sie sind offiziell illegal, derzeit sieht die Regierung aber davon ab, sie abzureißen – kann ihre Entscheidung dazu aber jederzeit ändern. Alles was nach 1994 kam, wurde abgerissen, sobald die Behörden davon Wind bekamen. Es ist auch nicht gestattet, ein bereits bestehendes Deckelgeschoss abzureißen und an dessen Stelle ein neues zu bauen. Allein die Renovierung eines bestehenden Objektes ist möglich.

Die Familien Zhao und Pan haben bereits vor 1984 gebaut und also nicht zu befürchten, dass ihre Deckelgeschosse einfach so abgerissen werden. Ganz unmöglich ist es aber nicht. Die Stadtregierung Taipeis unternimmt seit einiger Zeit erhebliche Kraftanstrengungen, um das optische Bild der Stadt aufzuwerten. Seit 2010 wird der sogenannte Urban Renewal Act (都市更新條例) tatsächlich mit Bulldozern in die Tat umgesetzt. Die Stadterneuerung richtet sich vorrangig gegen die alten 4- bis 5-stöckigen Wohnblöcke. Diese sollen abgerissen und durch neue Hochhäuser ersetzt werden. Trotz alledem werden uns die Deckelgeschosse, allein durch ihre große Anzahl, noch eine Weile erhalten bleiben.

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