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Selbstständigkeit
Große Chance oder letzter Ausweg?

Selbstständige im Betahaus Berlin
© dpa - Report / Foto: Alina Novopashina

Deutschland gilt nicht gerade als Land von Unternehmerpersönlichkeiten. Trotzdem steigt die Zahl der Selbständigen seit Jahren. Unter ihnen befinden sich viele gut Ausgebildete. Doch immer öfter ist eine hohe Qualifikation an ein niedriges Einkommen gekoppelt.

Von Katja Hanke

Deutschland gilt nicht gerade als Land von Unternehmerpersönlichkeiten. Trotzdem steigt die Zahl der Selbständigen seit Jahren. Unter ihnen befinden sich viele gut Ausgebildete. Doch immer öfter ist eine hohe Qualifikation an ein niedriges Einkommen gekoppelt. Ist die Selbstständigkeit etwa für Akademiker eine Chance oder eher eine Notlösung wegen mangelnder Perspektiven?

Sein eigener Chef sein, bei der Arbeit die eigenen Ideen verwirklichen, gutes Geld verdienen – das klingt überaus erstrebenswert. Allerdings ist Deutschland nicht gerade als Land bekannt, in dem Menschen frohen Mutes ein Unternehmen gründen. Gerade mal 12 Prozent der erwerbstätigen Menschen arbeiten auf eigene Rechnung – im europäischen Durchschnitt sind es immerhin 17 Prozent. „Die Deutschen gründen relativ selten ein eigenes Unternehmen“, sagt der Wirtschaftsgeograph Rolf Sternberg. Der Professor beschäftigt sich seit langem mit Gründungsaktivitäten unter anderem als Leiter des deutschen Teams des Forschungsprojektes „Global Entrepreneurship Monitor – Unternehmensgründungen im weltweiten Vergleich“. Den wichtigsten Grund dafür, dass die Deutschen seltener als andere ein Unternehmen gründen, sieht Sternberg in ihrer Ängstlichkeit. „Sie haben Angst, mit der Gründung zu scheitern und meiden das Risiko“, sagt er. „Der Deutsche möchte lieber einen sicheren Arbeitsplatz in einem deutschen Großunternehmen.“ Dennoch ist die Zahl der Existenzgründungen in den letzten zehn Jahren rasant gestiegen. Momentan gibt es in Deutschland mehr Selbstständige als je zuvor.

Hohe Qualifikation – niedriges Einkommen

Für die starke Zunahme sorgten vor allem Ein-Personen-Unternehmen. Zwischen 2000 und 2011 stieg ihre Zahl um 40 Prozent. Und fast die Hälfte dieser Alleinunternehmer hat einen Hochschulabschluss – das ergab eine Studie des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung in Berlin (DiW). „In Deutschland ist die Selbstständigkeit viel mehr durch qualifizierte Arbeit geprägt als in anderen Ländern“, so der DiW-Arbeitsmarktexperte Karl Brenke. In Südeuropa gebe es zwar mehr Selbstständige, doch arbeiteten die vor allem im Handel und in der Landwirtschaft.

Laut dieser Studie hinkten die deutschen Alleinunternehmer trotz ihrer hohen Qualifikation beim Einkommen hinterher: Ihr mittleres Monatseinkommen liegt mit 1.510 Euro netto deutlich unter dem eines vergleichbaren Arbeitnehmers (1.780 Euro). Am besten stehen Selbstständige mit Beschäftigten da. Sie kommen auf 2.200 Euro pro Monat. „Das Bild ist aber sehr gemischt“, sagt Karl Brenke vom DiW. „Es gibt Akademiker wie Ingenieure, Techniker oder Leute im beratenden Bereich, die kommen auf ein relativ hohes Einkommen. Es gibt aber auch welche, die haben nur spärliche Einkünfte.“ Ungefähr ein Viertel der Befragten verdient sehr gut, jeder dritte dagegen so wenig, dass er als Arbeitnehmer zum Niedriglohnsektor zählen würde. Erfolg oder Misserfolg – an spezifischen Berufsgruppen möchte Brenke das nicht festmachen: „Es hängt auch vom Talent, von den Fähigkeiten und vom Markt ab.“

Förderung und eigene Geschäftsideen

Zurückzuführen ist der rasante Anstieg der Alleinunternehmer auf eine massive Förderung durch die Arbeitsagentur ab dem Jahr 2003. Arbeitslose, die sich damals selbständig machten, bekamen einige Jahre lang regelmäßige Unterstützungsleistungen. Inzwischen wurde die Förderung wieder zurückgefahren – auch wegen der guten Arbeitsmarktlage. Rolf Sternberg unterscheidet zwei Hauptmotive für Gründungen: Zum einen gibt es diejenigen, die dem Bild des klassischen Unternehmers entsprechen, der eine eigene Idee umsetzen möchte und die Gründung als Chance sieht. „Rund drei Viertel aller Gründungen beruhen in Deutschland darauf“, sagt Sternberg. „Diese Gründer haben in der Regel einen guten Job, suchen aber in der Selbständigkeit mehr Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit.“ Das restliche Drittel gründet aus einer Notsituation heraus. „In Relation zu anderen Ländern gründen in Deutschland weniger Leute aus einer Chance heraus.“ Dabei seien gerade sie in der Regel erfolgreicher. „Sie sind besser qualifiziert, kennen den Markt, haben höhere Ziele und erreichen diese eher als Gründer aus der Not“, so Sternberg, der findet, dass Deutschland von einer „‚entrepreneurial society’ noch meilenweit entfernt ist“, also von einer „Gesellschaft von Unternehmern“.

Prekäre Selbstständigkeit in Kulturberufen

Die Kultur- und die Medienbranche sind zwei Bereiche, in denen hochqualifizierte Selbstständige sehr wenig verdienen. Sie haben eher aus Not als aus Unternehmergeist ihr Ein-Person-Unternehmen gegründet. Denn in diesen Branchen zeichnet sich seit Jahren ein Trend zu prekären Arbeitsverhältnissen ab: Angestellte werden entlassen und als freie Mitarbeiter wieder engagiert. Die prekäre Selbständigkeit ist dann oft die einzige Alternative zur Arbeitslosigkeit. Prekär, das bedeutet unsicher, schwierig, bedenklich. Prekär sind Arbeitsverhältnisse dann, wenn der Verdienst unter dem Durchschnittseinkommen liegt und es keinerlei Absicherungen gibt. Natürlich verdienen Einzelne auch in diesen Branchen gut. Die Zahl der schlecht Bezahlten wächst aber stetig – und das, obwohl sie einen Studienabschluss oder sogar eine Promotion vorweisen können, über Auslandserfahrung verfügen und Fremdsprachen beherrschen.

Freiheit und Selbstbestimmtheit

Dabei hat die Selbstständigkeit auch viele Vorteile: Man kann sich die Arbeitszeit selbst einteilen, bestimmt das eigene Arbeitstempo und ist keinen hierarchischen Strukturen unterworfen – für viele wiegt das alles sogar mehr als Geld. Außerdem: Selbstständige identifizieren sich überdurchschnittlich viel mit ihrer Arbeit.

Doch diese Zufriedenheit kann nur bis zu einem bestimmten Punkt reichen: Wer viel arbeitet, eine Familie hat und trotzdem nicht genügend Geld zum Leben verdient, tauscht diese Freiheit gern gegen finanzielle Sicherheit. Die DiW-Studie fand heraus, dass etwa 45 Prozent der Selbständigen keinen Cent zurücklegen, also nichts für einen Krankheitsfall oder das Alter sparen können. „Das ist ein enorm großer Teil“, sagt Karl Brenke, „viel größer als bei den Arbeitnehmern, die sowieso in der gesetzlichen Rentenversicherung sind“.

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