Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Architektur und Stadtentwicklung
Die kulturelle Transformation eines Stahlriesen

Am letzten Maiwochenende 2013 fand in der alten Shougang Stahlfabrik das Intro Festival für elektronische Musik statt;
Am letzten Maiwochenende 2013 fand in der alten Shougang Stahlfabrik das Intro Festival für elektronische Musik statt; | © Intro Music Festival

Auf dem Gelände des Shougang-Werks, wo einst 200.000 Arbeiter den Stahl für Chinas Industriewachstum produzierten, feierten dieses Jahr erstmals 10.000 Besucher auf dem größten chinesischen Festival für elektronische Musik.

Von Dong Hao(董灏)

Auf dem Gelände des Shougang-Werks, wo einst 200.000 Arbeiter den Stahl für Chinas Industriewachstum produzierten, feierten dieses Jahr erstmals 10.000 Besucher auf dem größten chinesischen Festival für elektronische Musik.

Der deutsche Philosoph Friedrich Joseph Wilhelm Schelling prägte einst die Redewendung „Architektur ist erstarrte Musik“. Dieses Jahr hat das Intro-Festival für elektronische Musik das Shougang-Gelände (首钢) als Veranstaltungsort gewählt, jene Stahlfabrik, in die früher einmal alle Hoffnungen des chinesischen Volkes auf die Entwicklung der Stahlindustrie gesetzt wurden und die eine historische Mission erfüllen sollte. Welches Schicksal wartet nun, nach fast hundert Jahren Geschichte auf dieses Beispiel „erstarrter Musik“?

Die elektronische Musik übernimmt das Industrieviertel

Hartes Metall und in der sommerlichen Hitze entblößte Haut, hoch aufragende Industrieanlagen und tanzende Gliedmaßen – das Fabrikareal, wo früher einmal nur Produktionsziffern zählten, wird inzwischen von kraftvoller elektronischer Musik erschüttert. Am letzten Mai-Wochenende 2013 kamen etwa zehntausend Liebhaber elektronischer Musik aufs Gelände von Shougang in einem westlichen Vorort von Peking und ließen sich im strahlenden Sonnenschein vom Rhythmus der Musik dieses Festivals mitreißen.

Dem Kurator der Veranstaltung, DJ Wengweng, ist es dank seiner Intuition und Hartnäckigkeit gelungen, das Intro-Festival 2013 in die Stahlfabrik zu verlegen. Für ihn steht außer Zweifel, dass elektronische Musik und industrielles Umfeld dem Charakter nach zusammenpassen: „Die elektronische Musik liefert den Bewohnern der großen modernen Metropolen mit ihrem von mechanischen Abläufen geprägten Leben eine Möglichkeit, Dampf abzulassen. Im repetitiven Rhythmus der Musik spiegelt sich die Monotonie und Eintönigkeit unseres Alltags wider. In gewissem Sinne ist unser modernes Leben genauso von Wiederholung bestimmt, wie es auch das Industriezeitalter war. Daher ist es nur logisch, elektronische Musik mit Fabrikanlagen wie Shougang zu kombinieren.“ Seiner Auffassung nach kann dieses weitläufige Areal unter freiem Himmel mit seinem gigantischen industriellen Umfeld uns auf einer sehr archaischen Ebene – nämlich durch Tanz - helfen, uns selbst auszudrücken.

Seit seinem Beginn im Jahr 2009 konnte sich das Intro-Festival als Chinas wichtigstes und größtes Event für elektronische Musik etablieren. An den bislang drei Veranstaltungen haben mehr als 50.000 Besucher und mehr als zweihundert Künstler teilgenommen und in der altehrwürdigen Stadt Peking ein Kulturspektakel geboten, das wie kein anderes am Puls der Zeit ist. Seit dem Ende der 1980er Jahre hat das Konzept eines Festivals für elektronische Musik die Geschichte Europas, ja, der ganzen Welt beeinflusst, und für junge Menschen des 21. Jahrhunderts sind solche Veranstaltungen eine beliebte Form des Entertainments geworden. Dank eines Festivals wie Intro findet nun auch China – das als kommende Hochburg einer neuen Welle elektronischer Musik gehandelt wird – seinen Platz auf der aktuellen Weltkarte der Szene. Außerdem gelingt es Intro eine wirkungsvolle Brücke zwischen chinesischen Musikern und Pionieren der internationalen elektronischen Musikszene zu schlagen.

Die Entwicklung der Stadt: Toleranz

An die Stelle von Fabrikarbeitern ist nun das trendige Publikum des Intro-Festivals getreten; die Musik mit ihrem auffallend freien Rhythmus hallt wie ein Echo des bereits verstummten Dröhnens des Stahlwerks. Peking ist eine Metropole, die gerade große Schritte in Richtung Internationalisierung macht, und auch Shougang, das einmal das Symbol für ein neues Regime und für eine neue Klasse war, schlägt nun diesen Weg ein. Wenn die elektronische Musik ein Bedürfnis unserer Zeit widerspiegelt, dann spiegelt das Antlitz der Stadt den Zeitenwandel wider. Die elektronische Musik mit ihrer stark partizipativen und toleranten Ausrichtung steht auch für eine Forderung, die wir an eine moderne Stadt stellen: nämlich dass sie vielfältige Lebensformen erlaubt und ein buntes urbanes Umfeld bietet.

Shougang, die 1919 gegründete schwerindustrielle Produktionsstätte, kann auf eine fast hundertjährige wechselhafte Geschichte zurückblicken. Sie verkörpert wie kaum ein anderes Unternehmen die Geschichte der Entwicklung der chinesischen Industrie und hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich Peking gleich nach der kommunistischen Revolution von einer monotonen Konsumstadt sukzessive zu einer komplexen Stadt mit beträchtlicher Produktivität entwickeln konnte. Heute spielt die Transformation dieses Unternehmens auch eine wesentliche Rolle bei der Neudefinition der Funktionen einer Stadt.

Nachdem Peking im Jahr 2001 den Zuschlag für die Olympischen Spiele erhalten hatte, begann die Stadt, höhere Anforderungen an den Umweltschutz zu stellen. Aus diesem Grund wurden bei Shougang nach und nach die Produktionslinien und das Stahlwerk Nummer 1 mit einer Jahreskapazität von zwei Millionen Tonnen stillgelegt, und im Februar 2005 genehmigte der Staatsrat den Umzug von Shougang: Die neuen Produktionsstätten befinden sich nun in Caofeidian bei Tangshan in der Provinz Hebei. Anfang 2011 wurde der Betrieb auf dem Betriebsgelände in Peking vollkommen eingestellt und im Februar 2012 der Bebauungsplan für das neue alte Shougang vom Planungsausschuss bewilligt. Darin wird festgelegt, dass der gesamte Verwaltungsbereich für den Spitzensektor des neuen Shougang eine Fläche von 8,63 Quadratkilometern und das Bauvolumen 10,6 Quadratkilometer betragen. Der Plan sieht vor, dass das Gelände verschiedenste Funktionen erfüllen soll: Geplant sind ein Industrierevitalisierungsgebiet von Weltklasse, ein nachhaltiges städtisches integriertes Funktionsgebiet, eine neu aktivierte Talentehochburg, eine Basis für den postindustriellen Kultur- und Kreativsektor sowie ein Demo-Projekt für harmonische Umwelt. Außerdem sollen industrielle Forschung, Entwicklung und Design, der Kulturmediensektor, Produktionsdienstleistungen und der Industriemuseumstourismus gefördert werden.

Direktor Chen Shijie (陈世杰), der für die Sanierung und Nachnutzung des Fabrikgeländes von Shougang verantwortlich ist, hat jedenfalls genaue Vorstellungen für die Zukunft: „Durch die Umgestaltung des jetzigen Fabrikgeländes und die Verbindung mit modernen Kulturaktivitäten wird das Industrieerbe geschützt und bewahrt. Wenn wir das Erbe aus der Zeit von Chinas Industrialisierung zu neuem Leben erwecken können, so ist das auch eine Wertschätzung der Geschichte der Stadt Peking und ein Beitrag für die Zukunft.“

Nach den Olympischen Spielen von 2008 hat es sich Peking zum Ziel gesetzt, eine Weltstadt zu werden. Parallel zur Entwicklung der Wirtschaft tritt die Stadt für die Diversifizierung von Kultur und Lifestyle ein. Daher sollte auch die Gestaltung des städtischen Raums dementsprechend vielfältiger werden, er soll wachsen, sich entwickeln und an Dynamik gewinnen. Im Zuge einer solchen gewaltigen Veränderung kommen ständig neue Formen auf, und es stellt sich die Frage, wie man bereits existierende Ressourcen nutzen und ihnen eine neue Bedeutung und Funktion verleihen kann. Dabei wird auch immer stärkeres Augenmerk auf eine symbiotische Verschmelzung gelegt – Shougang ist das beste Beispiel für diese Entwicklung.

In einer Zeit, in der das Konzept von Kultur eine vollkommen neue Interpretation erfährt, darf Shougang kein Fremdkörper im Gewebe der Stadt sein, sondern muss sich als Organismus entwickeln, der mit dem Stadtkörper verschmilzt – eine Chance für die Stadt Peking, ihre Diversität zu stärken und den Bewohnern einen vielfältigeren Lebensstil zu ermöglichen.

Top