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Fokus: Kunstkriterien
Wo ist der Reiz? Wo die Rührung?

Richard Long, „Berlin Circle“ im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwartskunst Berlin, 2011
Foto: Rosemary, CC BY 2.0, via flickr.

Heute gibt es mehr Kunst denn je und es scheint schwierig, das Gute vom Schlechten zu unterscheiden. Doch nach wie vor kann sich jeder sein Qualitätsurteil bilden. Er muss sich nur auf sein Kunstgefühl verlassen und es schulen.

Von Hanno Rauterberg

Es reicht fürs erste, wenn er sich einlässt auf das, was ihm in der Kunst begegnet. Er kann sich auf sein Sprachgefühl verlassen, sein Rhythmusgefühl und ebenso auf das, was man das Gefühl für Kunst nennen könnte. Dieses Gefühl mag nicht sonderlich ausgeprägt sein, doch das muss es auch nicht unbedingt. Kein Mensch wird mit einem tiefen Kunstgefühl geboren, es entwickelt sich erst nach und nach. Und gerade daran ist ein gutes Kunstwerk zu erkennen: Es bringt den Betrachter auf den Geschmack, es spricht das Kunstgefühl an, im besten Falle wird es sogar gestärkt.

Erstaunlich viele Kunstwerke scheinen sich nicht weiter um den Betrachter zu scheren. Sie sind kaum mehr als ein unterkühltes Symbol, da gibt es nichts zu spüren, alle Sinnlichkeit ist ausgeblendet. Neben solchen Formen von Gefühlsarmut gibt es in der zeitgenössischen Kunst auch eine Armut des übergroßen Reichtums: gefühlsgeladene Bilder und Skulpturen, die es dem Betrachter schwer machen, vor lauter Pathos noch eigene Empfindungen zu entwickeln. Brutalität muss brutal sein, Blut blutig, Tod tot nach diesem Prinzip funktioniert diese tautologische Kunst. Sie ist reizvoll und reizlos zugleich, sie will mit äußerstem Lärm ein tiefinnerliches Echo erzeugen, doch bis auf ein wenig Ekel und Furcht mag sich in den meisten Betrachtern kaum etwas rühren.

Gefühle lassen sich halt nicht erzwingen, niemand kann sie aufmalen, niemand freimeißeln. Gute Kunst kennt keine Befehle der Trauer, keine Kommandos der Freude, dergleichen setzt den Betrachter nur unter Gefühls- und Leistungsdruck. Er meint dann, nun sofort und unbedingt etwas sehr Gravierendes empfinden zu müssen, woraufhin er innerlich erst recht verstummt. Gute Kunst bietet keine Empfindungen in Reinform. Vielmehr erlaubt sie dem Betrachter, sich auf ungesichertes Gefühlsterrain zu begeben.

Kunst muss eine Erwartung aufbauen

Deshalb ist auch Schönheit, anders als manche meinen, nie die große Harmonie und Vollkommenheit. Kunst muss eine Erwartung aufbauen, ohne diese auch gleich zu erfüllen. Ohne die Freude am Entschlüsseln, am Überlegen und Verwerfen, hat sich das Kunstglück rasch erschöpft und übrig bliebe weichgespülter Mystizismus oder privatmythologische Esoterik. Gute Kunst aber bietet etwas anderes: Sie löst im Betrachter das Bedürfnis aus, nicht nur zu fühlen, sondern auch zu verstehen.

Nun ist ein Bild kein Lexikonartikel und eine Skulptur kein Sachbuch oder sonst irgendwie eine Form strengrationaler Welterklärung. Wenn die Kunst damit begänne, luzide und verbindliche Antworten zu geben, dann wäre sie keine Kunst mehr. Doch heißt das im Umkehrschluss nicht, dass sie sich allen Fragen entziehen soll. Manche Künstler sehen das so: Sie meinen, etwas möglichst Verstiegenes und Nebulöses fabrizieren zu müssen, sie flüchten sich auf die Eiseshöhen der Abstraktion oder spinnen sich in einen magischen Symbolismus ein. Es kommt für einen Künstler aber nicht darauf an, möglichst viel „Konsequenz und Kontinuität“ an den Tag zu legen, wie es gerne heißt. Weit wichtiger ist ein Gespür für Balance. Verständlich wird seine Kunst nur, wenn sie im Hallraum des Regelhaften zu eigenen Regeln findet. Sie muss zugänglich bleiben, ohne in Vereinnahmung aufzugehen.

Das Ideal einer Kunst, die Vielfalt wagt und Einheit sucht, wurde bereits im England des 18. Jahrhunderts intensiv gepflegt. Regelfrommes Formen galt damals als genauso langweilig wie regelloses. Als viel reizvoller galt es, sich auf ein federndes Spiel von Anpassung und Abweichung einzulassen, also auf Prinzipien, wie sie ähnlich auch eine demokratische Gesellschaft prägen, in der Gleichheit herrscht und erst in dieser Gleichheit das Ungleiche möglich wird. Während sich die Kunst heute oft als permanenter Ausnahmezustand geriert, machten es sich die Künstler damals leichter und schwerer zu gleich: Sie begannen im Gewöhnlichen und wendeten es sanft ins Ungewohnte, sie suchten das Vertraute, um diesem eine Ausnahme abzugewinnen. Der Betrachter durfte verstehen, und in diesem Verstehen sich umso mehr verwundern.

Stimmt das Verhältnis von Sehaufwand und Betrachterertrag?

Das Verhältnis von Betrachter und Kunstwerk ist immer geprägt von Geben und Nehmen. Nur wer seine Aufmerksamkeit investiert, wer Geduld aufbringt und Zeit opfert, kann reicher werden: Er gewinnt Bilder und Geschichten, wird gestärkt in seiner Einbildungskraft, es wächst das Empfindungsvermögen. Allerdings muss das Verhältnis von Aufwand und Ertrag schon stimmen –auch daran zeigt sich gute Kunst. Was bietet ein Werk für die Mühe, die das Betrachten kostet? Und: Was löst es ein von dem, was die Größe der Gesten und der materielle Aufwand zu versprechen scheinen? Nun lässt sich die Kunst natürlich nicht in ein abstraktes Kosten-Nutzen-Schema pressen. Doch ist es bei einem Roman mit 800 Seiten selbstverständlich, dass er mehr sein muss als die breitgeklopfte Fassung einer 150-seitigen Novelle. Immer wächst mit dem Umfang auch die Gefahr der Langeweile.

Gute Kunst lädt ein in den Hintergrund, sie hofft darauf, ein paar Pforten zu öffnen, die in eine tiefere, inhaltliche Diskussion führen. Sie will fremde Erfahrungsfelder erschließen oder bietet ungewohnte Zugänge zu vertrauten Themen. Gute Kunst verlangt nach mehr. Sie hält den Betrachter, stärkt seine Neugier, sie bewegt ihn zum Wiederkommen, zum Nach- und Weitersehen. Nicht wenige Menschen gehen an einem Bild, das sie bereits kennen, einfach vorbei. Sie hätten es doch schon gesehen, sagen sie. Bei einem guten Bild allerdings erschöpft sich das Sehen nicht beim Erstkontakt, im Gegenteil, die Wiederbegegnung wird zum Reiz, auch weil der Betrachter nie weiß, ob sich sein Sehen im Wiedersehen verändert.

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