Fokus: Stadtwärts! Landwärts! Dali – so sollte das Leben eigentlich sein

Die Altstadt Dalis unter dem Abendhimmel
© Cheng Chang (程昌)

In der New York Times vom 23. November 2013 erschien Dali (大理) auf der Titelseite, und der dazugehörige Artikel bezeichnete die vielen nach Dali gezogenen Großstädter als „Umweltflüchtlinge“. In Wirklichkeit ist dies nur eine Seite der Realität und dabei nicht einmal die wichtigste. Denn damit ist noch nicht erklärt, warum ausgerechnet Dali eine solche Anziehungskraft ausübt, wo es in China doch immer noch zahllose ländliche Gebiete gibt, die ebenfalls frei sind von Umweltverschmutzung.

Als Cheng Chang (程昌) sich in Peking bei einer Bäckerei als Lehrling bewarb, wusste keiner, dass er eigentlich ein Fotostudio führte und selbst ein ausgezeichneter Fotograf war. Zehn Jahre zuvor hatte er in diesem Metier ganz unten begonnen, bis er schließlich mit seiner Frau ein Studio führen konnte, das über ein stattliches Jahreseinkommen von mehr als einer Million Yuan verfügte und seine Fotografien in wichtigen chinesischen Modezeitschriften wie Elle und anderen erschienen.

Auf nach Dali!

Die Arbeit in der Bäckerei war die letzte Stelle, die Cheng in Peking annahm, und dies auch nur deshalb, weil er sich das Handwerk aneignen wollte. Während er sich dort unter den gestrengen Anweisungen des taiwanischen Bäckermeisters abrackerte, traf er die letzten Vorbereitungen für seinen Umzug nach Dali. Nicht mehr als drei Monate vergingen von der Entscheidung bis zur tatsächlichen Abfahrt. Er wollte nicht allein das smoggeplagte Peking hinter sich lassen, sondern auch seinen Beruf, der ihn in den vergangenen zehn Jahren so viel Schweiß und Mühe gekostet hatte. Er hatte nicht einmal Lust, jemals wieder zu fotografieren.

In Dali begannen Cheng und seine Frau dann mit zwei Hunden ein gänzlich neues Leben. Sie wurden zu Besitzern eines kleinen Cafés, das sie „Hutong Café“ nannten, und das in Dali bald nicht nur für seine Muffins bekannt war, sondern auch dafür, sich nicht an die üblichen Öffnungszeiten zu halten. Mit der Zeit sprach es sich in den umliegenden Straßen und unter den Kunden herum, dass Cheng Chang „großen Wert auf Prinzipien legte“, nämlich auf das Prinzip von „Lust und Laune“. Keiner hätte geglaubt, dass sich in einer Stadt eine solche Arbeitshaltung etablieren könnte, und man darf wohl von einer Neuerung sprechen, die er damit nach Dali gebracht hatte. Indem Cheng und seine Frau nun ihr neues Leben starteten, wurden sie unbewusst zu Repräsentanten des Trends zur „Entstädterung“.

Denn nach und nach waren immer mehr Städter in die Straßen und Gassen von Dali eingezogen und verliehen der Stadt allmählich ein immer bunteres Aussehen. So wurde Dali schließlich zu einem Modell für vielfältige Lebenskonzepte.

Zum Glück gibt es noch Dali!

Was sich hier als ungleiche Lebensform präsentiert, hat im Grunde mit unterschiedlichen Wertvorstellungen zu tun. Seit Beginn der Reform und Öffnung im Jahr 1978 das Pendel von dem Motto „je ärmer desto glorreicher“ (越穷越光荣) fast übergangslos ins Gegenteil schwang und heute im anderen Extrem zu verharren scheint, zog diese abrupte Kehrtwendung nicht nur die Veränderung der materiellen Umgebung und die Modernisierung mit sich, sondern vollzog sich in noch radikalerer Weise im Geiste der Menschen, insbesondere was die allgemeinen Wertvorstellungen angeht.

Irgendwann hat es angefangen, dass sich in den Städten alles nur noch darum drehte, welche Markenkleider man trug, was für ein Label die Handtasche hatte, welches Auto man fuhr, in was für einem Viertel man wohnte, oder welche Titel und Rangbezeichnungen auf der Visitenkarte prangten. Es war, als würde auf einmal jeder über einen allgemeingültigen Maßstab zur Beurteilung der Mitmenschen verfügen und als wäre ein jeder nur noch darauf erpicht, sich selbst und die anderen in diese Normen zu zwängen. Für ein Land, in dem niemals Anstrengungen unternommen worden sind, die Ausgrenzung anderer zu vermeiden, ist dies eine wahre Brutstätte von Albträumen.

Der Unterschied zwischen Dali und anderen chinesischen Kleinstädten liegt darin, dass sich dort Menschen mit anderen Wertvorstellungen angesammelt haben. Vom freundlichen Klima und der schönen Landschaft einmal abgesehen, hängt das wohl auch damit zusammen, dass das kleine Kulturviertel von Dali für Außenstehende noch so gut wie unbekannt ist. Da die zahlreichen Zuzügler neue Wertvorstellungen mitbrachten, konnte sich in der kleinen Stadt ein äußerst reiches und vielseitiges Leben entwickeln. Denn wenn eine Gesellschaft sich nur noch dem Ruhm und Profit verschrieben hat, mag sie äußerlich noch so vielfältig erscheinen, im Kern decken sich die Verhaltensweisen: Man distanziert sich von jenen, die einen um Geld anpumpen könnten und hält sich an Beziehungen, von denen man glaubt, dass sie für die eigene Karriere nützlich wären. Freude macht ein Studienabschluss an einer angesehenen Hochschule, und wenn einer mal nach Abschluss an einer berühmten Uni sein Geld als Metzger verdient, kommt es in den Nachrichten (dies empfand auch der Betroffene selbst beschämt als Diskreditierung seiner Hochschule).

In Dali hingegen ist es gang und gäbe, dass Millionäre mit Mittellosen am selben Tisch sitzen; es findet hier eine erstaunliche Angleichung unterschiedlicher sozialer Formen statt. Begegnungen kommen nicht deshalb zustande, weil man Geld, Titel oder Beziehungen hat, sondern weil man einfach der Mensch ist, der man ist. Und anders als in gängigen Bekanntschaftskreisen, wo jeder mehr oder weniger denselben Bildungsstand hat, trifft man in Dali Menschen aller möglichen Berufsrichtungen aus aller Welt. Dies bringt immer wieder überraschende Erkenntnisse mit sich, über die man sich freuen kann.

Außerdem bietet das gemächliche Leben in Dali auch ausreichend Spielraum, etwas Neues auszuprobieren, etwas wofür sich zuvor keine Möglichkeit geboten hat. Denn während in einem entwickelten kommerziellen System alle Bedürfnisse gesellschaftlich abgedeckt sind und jeder sich das, was er braucht, mit Geld beschaffen kann, ist dies in Dali nicht unbedingt der Fall. Hier, wo es nicht an Zeit mangelt, beginnen viele irgendein kleines Handwerk anzubieten, wie etwa die meisten Frauen von Dali Brote, Kekse und Kuchen backen können. Und Cheng Chang, der sich zuerst als Schreiner versucht hatte, überlegt sich neuerdings, eigenhändig Lastwagen umzugestalten.

Es sind Menschen, für die das Leben selbst im Mittelpunkt des Interesses steht. Sobald die Wertvorstellungen einmal nicht mehr von dem alleingültigen Maßstab „Erfolg“ beherrscht sind, richtet sich der Blick ganz von selbst auf das Leben. Während der „Erfolg“ jeden in einheitliche Umgangsformen zwang, kommt hier das „Leben“ in vielfältigster Weise zum Ausdruck, denn schließlich hat jeder seine eigene Antwort auf die Frage, was für ein Leben er führen möchte – und sei es, dass einer es nötig hat, mit Peitschen und Kerzenlicht sexuelle Befriedigung zu finden, ist dies auch kein Grund zur Verwunderung, denn hier haben alle Lebensformen Platz, und der größte gemeinsame Nenner ist die gegenseitige Toleranz. Es gilt das Grundprinzip der harmonischen Gesellschaft, in der die eigene Freiheit da aufhört, wo sie die Freiheiten anderer behindert.

Gewisse Vertreter der auf Erfolg ausgerichteten Weltanschauung bezeichnen das Leben in Dali als „abwegig“, als „Verschwendung von Lebenszeit“, als „passive Weltflucht“. Lustig daran ist aber, dass genau diese Leute von manchen in Dali mit denselben Bezeichnungen kritisiert werden. Denn für die Leute in Dali sind vielmehr Äußerlichkeiten wie das Streben nach Geld und Ruhm, die man sich doch mit einer begrenzten und unwiederbringlichen Lebenszeit erkauft, „Abwege“, „Verschwendung“ und „Weltflucht“. Ist nicht das Leben in Dali erst wirklich so, wie das Leben sein sollte? Oder lebt der Mensch etwa nicht dafür, sich ein „gutes Leben“ zu gestalten?

Jede Lebensweise hat ihre Vertreter mit jeweils eigenen Vorstellungen davon, wie das Leben aussehen sollte. Und so sollte auch jeder nach seinen Vorstellungen leben können. Christopher Morley drückte es so aus: “There is only one success – to be able to spend your life in your own way.” Falls Dali mal ein eigenes Wappen braucht, sollte dieser Satz darauf eingeschrieben werden.