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Fokus: Rot
Schöne rote Farbe – zur Bedeutungsvielfalt der Farbe Rot

Straßenlichter
© Kevin Dooley, CC BY 2.0, via flickr

Wie eine Farbe wahrgenommen wird, unterscheidet sich nicht nur von Ort zu Ort, sondern wandelt sich auch mit der Zeit. Rot hatte aber schon immer eine herausragende Stellung unter den Farben.

Von Thomas Macho

 

Welches Ergebnis würde eine Umfrage in Mitteleuropa erzielen, die nach den Farben der Liebe und des Lebens, des Zorns oder der Rebellion fragt? Die Antwort liegt nahe: Rot. Unsere Affekte sind rot, so rot wie Blut, so rot wie das Begehren, so rot wie der Sozialismus. Dabei ist die Tradition solcher Zuordnungen nicht sehr verlässlich. Noch in der Antike und im Mittelalter galt Rot als die Farbe der Herrschenden. Der kostspielige Purpur aus Tyros wurde nur den höchsten Würdenträgern zuerkannt; die römischen (und danach die byzantinischen) Kaiser erließen zahlreiche Edikte, um diese Farbe für sich selbst und ihre nächsten Angehörigen zu reservieren. Wer einen purpurroten Flicken auf sein Gewand nähte, signalisierte seine Auflehnung gegen die Mächtigen und riskierte, rasch verhaftet zu werden. Rot war exklusiv; noch im Jahr 1197 erließ König Richard I. ein Gesetz in England, das einfachen Leuten unter Strafe verbot, eine andere Farbe als Grau zu tragen. Während des Dreißigjährigen Krieges signalisierten rote Schleifen die Zugehörigkeit zur Armee der Habsburger; die Schweden wurden an gelben, die Franzosen an blauen, die Niederländer an orangefarbenen Abzeichen erkannt. Erst in der Französischen Revolution erhielt die rote Farbe eine neue Bedeutung: Die Jakobiner erwählten die rote Mütze der Galeerensträflinge zu ihrem Symbol; ihr grelles Rot avancierte bald zur Farbe der politischen Linken.

Dabei wirkt die rote Zipfelmütze nicht besonders rebellisch. Sie erinnert an die Kappe der Zwerge oder an die in altorientalischen Kulten der großen Muttergöttinnen verbreitete phrygische Mütze, die aus gegerbten Stierhoden hergestellt wurde. Und die rote Farbe muss auch weiterhin mit zahlreichen alternativen Bedeutungen in Konkurrenz treten: Nach jeder Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten von Amerika scheint der halbe Kontinent zu erröten, was aber keine Siege der Linken visualisiert, sondern die Mehrheiten der konservativen Republikaner. Zwischen dem republikanischen Rot und dem kommunistischen Rot wird keine farbliche Grenze gezogen: Rot bleibt Rot, wie auch die Rede von rot-roten Koalitionen in Deutschland anschaulich verrät; es wäre schwer vorstellbar, ein Bündnis zwischen einer zinnoberroten und einer scharlachroten Partei zu schmieden. Wer von Rot spricht, weiß gewöhnlich, was er meint. Der Redner in einer politischen Versammlung bezieht sich auf einen anderen Kontext als der Fußgänger vor der Ampel oder der Liebhaber im Blumenladen. Rot kann Erotik und Leidenschaft signalisieren, aber auch – etwa im Straßenverkehr – ein Verbot. In ihren jeweiligen Kontexten sind die Bedeutungen der Farbwörter relativ fest; dabei darf aber nicht übersehen werden, dass alle diese Kontexte zumeist eng begrenzt sind und daher unentwegt eine Vielzahl – mehr oder weniger unbewusster – Übersetzungsleistungen erzwingen. Warum sind wir nicht irritiert davon, dass ein rotes Licht in einer katholischen Kirche die Gegenwart Gottes anzeigt, während – vielleicht zwei Gassen weiter – dasselbe rote Licht die Käuflichkeit sexueller Dienstleistungen avisiert? Die Farben sind ebenso konkret wie abstrakt. Ihre rätselhafte Evidenz tritt offenbar nicht in Widerstreit mit höchster Allgemeinheit.

Die Bedeutungsvielfalt der Farben entspringt ihrer Kontextneutralität. Schwarz sind die Anhänger christlicher Parteien, deren Farbe von den Talaren der Priester und Pastoren abstammen, die seit dem 17. und 18. Jahrhundert, besonders in der protestantischen Kirche, schwarz gefärbt werden mussten; schwarz sind aber auch die Schwarzhemden des italienischen Faschismus oder die schwarzen SS-Uniformen, die sich an der Farbsymbolik des Todes orientieren. Gelb und Blau waren in Deutschland die Farben des Liberalismus und des nationalen Konservatismus, ganz anders als in China: Während der Qing-Dynastie (1644–1911) war ein spezifischer Gelbton für den Kaiser reserviert; nach der Revolution 1949 zeigten sich dagegen alle Chinesen, unabhängig von ihrer sozialen Stellung, in dunkelblauen Kleidern. Die grünen Parteien wählten die Farbe der Vegetation und der Hoffnung zu ihrem Farbsymbol, um eine Haltung der Naturnähe zu demonstrieren. Die Gründung der grünen Partei in Deutschland erfolgte 1980, kurz nach dem Sieg der islamischen Revolution im Iran, die sich ebenfalls mit der grünen Farbe – der Farbe des Islam – verbündet hatte: Bei der iranischen Volksabstimmung vom 31. März 1979 war der Stimmzettel für die Errichtung einer islamischen Republik grün, der Stimmzettel, mit dem gegen die Republik votiert werden konnte, war rot.

Es hängt also stets von den Umständen ab, was wir mit einer Farbe assoziieren. In Jean-Luc Godards Film Le Mépris (von 1963) wird der Filmregisseur Fritz Lang, der 1933 vor den Nazis nach Hollywood geflohen war – ausgerechnet vor Curzio Malapartes Haus auf Capri – die Dolmetscherin Francesca, die einen gelben Bademantel trägt, mit der Bemerkung grüßen: „Schöne gelbe Farbe!“ Und das Filmpublikum wird verstehen: Noch vor drei Jahrzehnten war Gelb die Farbe der Diskriminierung …

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