Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Fokus: Sex! Sex? Sex …
Apotheken oder Galerien? Chinas neue Sexshops

Illustration: Chris Warner-Coburn
Illustration: Chris Warner-Coburn

Sexshops gibt es in China seit Beginn der 1990er-Jahre. Doch oft wurde hier Sex wie eine Krankheit behandelt. Eine neue Generation von Unternehmerinnen kämpft erfolgreich gegen das Schmuddelimage.

Von Liz Tung

Nichts an der TOIs Boutique ist sexy – schon gar nicht ihre Lage weit nördlich vom Stadtzentrum in einem Gebäudekomplex, der ebenso grau ist wie der Rest der Umgebung. Auch nicht das Büro, eine kleine Suite im 28. Stock, die vollgepackt ist mit Schreibtischen und Kartons mit Ware. Nur das Personal von TOIs ist quicklebendig: Vier Frauen zwischen Anfang 20 und Anfang 30, die vor ihren Laptops sitzen und, wie man denken könnte, emsig Versicherungsformulare tippen. Tatsächlich sind sie allerdings mit etwas vollkommen anderem beschäftigt: dem Verkauf von Sexspielzeugen.

„Ladengeschäfte kosten so viel – außerdem kommen die Leute normalerweise nur, um sich umzusehen. Also beschlossen wir, online anzufangen“, sagt Chris Wu (吴小飘), Einsatzleiterin von TOIs. Wu ist eine sachlich auftretende Frau Anfang 30 mit zarten Zügen und einem toughen Auftreten– mit genau dem Schneid, den man bei einer Frau erwartet, die in einer von Chinas weniger erschlossenen Ecken des Konsumismus Pionierarbeit leistet.

Eine neue Generation

Wu gründete TOIs 2011, obwohl sie die Idee dazu schon Jahre vorher hatte. Sexspielzeuge hätten sie schon seit ihrer Teenagerzeit interessiert, sagt sie, aber erst, als sie ins Ausland ging, habe sie sich in sie verliebt. „Ich studierte in England, und während meiner Zeit dort sah ich ein paar wirklich schöne Spielzeuge in Spitzenqualität“, sagt sie. „Doch als ich nach meinem Studienabschluss nach China zurückkehrte, konnte ich kein Geschäft finden, das Produkte von vergleichbarer Qualität führte. Deshalb wollte ich diese Firma gründen.“

Während sie ihre Geschichte erzählt, zeigt sie mir eine Kollektion von TOIs-Produkten: kleine runde und ovale Vibratoren und Dildos, Gleitmittel und Massageöle, Handschellen und Bondage-Utensilien, Analketten und Liebeskugeln. Die Produkte wirken durchwegs elegant und modern, ihre Kurven und Farben würden auch gut in Läden von Ikea oder Apple passen. Wu demonstriert die Funktion eines jeden Spielzeugs, anfangs ernst, wird sie beinahe ausgelassen, während sie die Vibratoren über den Tisch hoppeln lässt. „Ich probiere fast jedes Spielzeug selbst aus“, erklärt sie. „Ich nehme nur solche mit guter Qualität, schönem Design und gutem Preis – nicht zu teuer. Die Leute sollen sie sich leisten können."

Wu und ihre Mitstreiterinnen sind eine neue Generation von Enthusiasten, die die Sexspielzeugbranche revolutionieren. In den letzten Jahren waren die Medien voll von Geschichten über junge Leute, die Unternehmen gründen – vor allem Frauen. Neben Wu sind da noch Ma Jiajia (马佳佳), eine 23-Jährige, die kürzlich mit ihrer couragierten Haltung und ihrem neuen Laden namens Powerful (泡否) das Medieninteresse auf sich zog, Shauna Mei (梅雪), eine ehemalige Analystin bei Goldman Sachs, über deren Online-Shop Ahanoir Bloomberg Business berichtete, und Emily Meng, die vor über zehn Jahren in Peking einen Laden namens The G Spot (G点) eröffnete.

Ein neuer Ansatz

Das Revolutionäre ist nicht, dass es diese Läden gibt, sondern vielmehr, wie man dort mit Sex und Sexualität umgeht: Der Fokus liegt auf Vergnügen und Sex mit Stil, Sex wird zu einer Kunstform erhoben. Das ist eine Kehrtwende im Vergleich zu Chinas Umgang mit Sex in den letzten 60 Jahren.

Seit ihrer Gründung 1949 hat die Volksrepublik ein kompliziertes Verhältnis zu Sex, wodurch das Land sich – trotz des Verlusts traditioneller Werte – zu den gesellschaftlich eher konservativen Ländern der Welt gesellt. Eine der ersten Amtshandlungen der kommunistischen Regierung war das Verbot von Prostitution und Pornografie. Laut Richard Burger, Autor des Buches Behind the Red Door: Sex in China, war das hauptsächlich ein Mittel zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung:

„Basierend auf dem konfuzianischen Ideal der Familie als ‚Zelle der Gesellschaft‘ kann die Regierung die Stabilität der Familie sicherstellen, wenn sie die Gesellschaft kontrollieren und ihr eigenes Überdauern sichern kann“, schreibt er. „Deshalb stellt sich China unter kommunistischer Herrschaft als moralisch überlegen und rein dar, gereinigt von allen Elementen wie Ehebruch, Prostitution und Pornografie, die an den Grundfesten von Familie und Gesellschaft rütteln könnten.“

Nichts davon wurde völlig ausgerottet, aber vielerorts kam es zu Bemühungen, das Land kulturell zu säubern, Prüderie wurde zur offiziellen Haltung der Regierung in der Gesetzgebung, in den Medien und überall sonst. Die Regierung hatte mit ihren Bemühungen weitgehend Erfolg, und obwohl die Reform- und Öffnungspolitik zu einem Zustrom vergleichsweise anzüglicher Musik und Filme aus dem Ausland führte – durch das Internet noch exponentiell verstärkt – wird dieser im medialen Mainstream weiterhin unterschlagen. Selbst heute werden Szenen, die Nacktheit und Sex zeigen, aus ausländischen Filmen herausgeschnitten – sehr zum Leidwesen des Publikums.

Der Aufstieg des „Erwachsenenladens“

Erst in den 1990ern kam allmählich ein von der Regierung sanktioniertes Ventil für Sexualität auf: Sexshops. Adam and Eve soll der erste chinesische Sexshop gewesen sein, als er 1993 in Peking eröffnete. Damals, schreibt Burger, seien Sexshops ein „Nebenzweig des chinesischen Gesundheitswesens“ gewesen – man betrachtete sie als Praxen für Sexualerziehung und die Behandlung sexueller Probleme. „Dahinter steht der Gedanke … , dass eine sexuell befriedigte Bevölkerung, eine zufriedenere Bevölkerung, zur Harmonie des Landes beiträgt“, fügte Burger in einem Interview mit dem Wall Street Journal hinzu. „Ist die Bevölkerung sexuell nicht befriedigt, ist es wahrscheinlicher, dass sie Autorität infrage stellt.“

Das könnte erklären, warum überall in China nun Sexshops aus dem Boden zu schießen scheinen. Staatliche Medien schätzten 2011, dass es in China mehr als 200.000 Sexshops gibt, allein in Peking sind es über 2.000.

Spaziert man durchs Zentrum von Peking, glaubt man das sofort – in vielen Stadtvierteln entdeckt man alle fünf bis zehn Minuten einen Laden, über dem die Wörter „Produkte für Erwachsene“ prangen. Die meisten dieser Läden sind so, wie Burger sie in seinem Buch beschreibt: klein und schäbig mit billigen Spielzeugen und Inhabern mittleren Alters. Der Kontrast zwischen diesen Läden und den neueren wie TOIs oder Powerful ist gewaltig.

Galerie oder Apotheke?

Ein Beispiel dafür sind die zwei Läden, die weniger als zwei Kilometer voneinander entfernt an der Dongzhimen Nei-Straße (东直门内大街) im Zentrum Pekings liegen. Der erste, Sweet Toys (甜蜜玩偶), ist der Inbegriff von Klasse mit sanft beleuchtetem Interieur und klaren Linien, die ihm das einladende Ambiente einer Galerie oder eines Cafés verleihen. Die Spielzeuge – vorwiegend importiert – werden auf Regalen entlang der Wand ausgestellt, ganz vorn steht jeweils eines zum Ausprobieren. Als wir eintreten, lässt sich gerade ein dünner Mann im Studentenalter von der Inhaberin, einer lässigen Frau in ihren 40ern, beraten, welches Spielzeug er kaufen soll.

"Ich weiß nicht genau, was ich nehmen soll", sagt er. "Suchen Sie etwas für einen Mann oder für eine Frau?", fragt sie.

"Für beide!", antwortet er, woraufhin sie freundlich lacht. Sie unterhalten sich noch eine Weile, während sie ihm eine Menge Spielzeuge zeigt und deren Funktion erklärt.

Neben den Dildos und Vibratoren gibt es Ständer, die voll sind mit DVDs, Geschirr, Klammern für Brustwarzen und Penetrationsspielzeugen für Männer, dazu einen ganzen Raum nur mit Kostümen für Frauen.

Als der Kunde geht, schlendert die Inhaberin herüber, um mit uns zu reden. Sie erzählt uns, dass es diesen Laden seit sieben oder acht Jahren gibt und er immer noch einen breiten Kundenkreis anzieht. „Chinesen, Ausländer, Alte, Junge, Männer, Frauen – alle kommen zu uns!“, sagt sie. Das meiste Geld verdient sie mit Kunden um die 30 oder älter, denn sie verfügen über das Einkommen, um sich diese Spielzeuge leisten zu können, die zwischen mehreren Hundert und Tausend Yuan kosten. Das Geschäft, vertraut sie uns an, laufe gut.

Nach einem zehnminütigen Spaziergang die Straße entlang treffen wir auf einen anderen Laden, eingeklemmt zwischen Feuertopfrestaurants, die sich in Pekings berühmter Restaurantmeile Gui Jie (簋街) dicht aneinanderreihen. Der Laden sieht aus wie Tausende andere rund um Peking: angestaubt und muffig. Drinnen ist es dunkel, an den Wänden sind grob gefertigte, schäbig wirkende Dildos und Spielzeuge in Lippen- oder Vaginaform. Hinter der Ladentheke steht eine Frau mittleren Alters mit weißem Kittel und Brille. Nach dem Namen des Ladens gefragt, antwortet sie lachend: „Na, der steht doch da – ‚Sexprodukte für Erwachsene‘!“ „Dann gibt es keinen anderen Namen?“ fragen wir. „Nein“, sagt sie. „Das verkaufen wir und so heißen wir.“ Bevor wir ihr weitere Fragen stellen können, kommt ein Mann herein, sieht unbehaglich zu uns herüber und nähert sich der Ladentheke. Er beugt sich vor und beginnt verschwörerisch zu murmeln. Nach ein paar Sätzen kommt die Frau hinter der Theke hervor, um uns mit den Worten hinauszuscheuchen: „Sie Journalistin müssen jetzt mal kurz draußen warten. Sie können Fragen stellen, aber nicht, wenn wir Kunden haben. Nein, wenn Kunden da sind, dürfen Sie nicht hier sein!“

Das Ende der Verschämtheit?

Der Unterschied im Ton war auffallend – während Sex bei Sweet Toys mit derselben Ungezwungenheit und Freude wie jede andere Freizeitaktivität behandelt wurde, hing ihm im zweiten Laden der Ruch einer peinlichen Krankheit an. Eben dieser Verschämtheit, die ein offenes Gespräch über Sex noch immer hervorruft, wollen junge Unternehmerinnen wie Chris Wu ein Ende machen, sowohl mit ihrer Offenheit als auch mit anderen Mitteln. Wu und ihr Team arbeiten auf Partys und bei Workshops, wo sie Frauen oder Paaren mithilfe einer großen purpurnen Vaginapuppe beibringen, wie weibliche Lust funktioniert. Inzwischen ebnen Persönlichkeiten wie Ma Jiajia, Inhaberin von Powerful, einer offen gelebten Sexualität den Weg, die, wie der Name ihres Ladens andeutet, Kraft und Selbstvertrauen findet.

Trotz ihrer Popularität – Wu und Ma sagen, ihre Läden hätten sofort nach Eröffnung Gewinne abgeworfen – sind solche Läden noch in der Minderheit. Und obwohl Firmen wie Sweet Toys überaus erfolgreich sind, könnte das auch so bleiben. Denn wie in so vielen anderen Branchen auch verlagert sich der Verkauf von Sexspielzeugen an junge Leute zunehmend ins Internet. Laut einem Artikel in der South China Morning Post vom November 2013 listet Taobao (淘宝), ein viel besuchter Online-Marktplatz,über 2.500 eingetragenen Sexspielzeug-Firmen – und es werden immer mehr.

Trotzdem wird es immer einen Platz für den freundlichen Sexshop um die Ecke geben. „Vieles, was man im Internet findet, ist gefälschte Ware“, sagt die Inhaberin von Sweet Toys. „Hier kann man sich alle Spielzeuge mit eigenen Augen ansehen – und sich vor dem Kauf beraten lassen.

Top