Bildende Kunst und Design Design: Wer designt China?

Abschlussausstellung des Designstudiengangs vom Nanjing Art Institute
Abschlussausstellung des Designstudiengangs vom Nanjing Art Institute | © Wang Xin, ImagineChina

Wie steht es um die Entwicklung des Industriedesigns in China – übermäßige Kommerzialisierung und Mangel an Kreativität?

Der folgende Beitrag wurde erstmals in der Juli-Ausgabe von China New Time veröffentlicht, er erscheint hier in einer gekürzten Fassung. 

Lisa Ma, die zuvor als Designerin für Pentagram, eine der weltweit renommiertesten Designfirmen, unter anderem Entwürfe für American Airlines oder das Natural History Museum in London machte, arbeitet heute als freie Designerin. Vor kurzem hat Lisa Ma in Shenzhen ein Konzept umgesetzt, das sie „Farmification“ nennt und das Arbeitern ermöglicht, in ihrer Freizeit Landwirtschaft zu betreiben. 

„Ich denke, dass die chinesischen Arbeiter in naher Zukunft zwangsläufig vor einem neuen Problem stehen werden. Denn wenn die neuen, technologieintensiven Erzeugnisse die alten Produkte ablösen, werden die Arbeiter bei den herkömmlichen Unternehmen eventuell ihre Stellen verlieren. Allerdings hoffe ich, dass mein Projekt das Leid der Arbeitslosen in dieser Situation lindern wird.“ Das sind deprimierende Gedanken und trotzdem klingt Lisa Ma entspannt und zuversichtlich.

Doch in Wirklichkeit ist das mit dem Design keine so leichte Sache wie Lisa Ma glauben lässt. Auch wenn die Designbüros schon beim Start eines Projekts größte Vorsicht walten lassen, haben die Konsumenten (Regierung, Unternehmen oder Privatkunden) im Allgemeinen am letzten Design des Produkts doch immer noch etwas auszusetzen. Obwohl die Designer oft von Anfang an Geld und Arbeitskraft investieren, besteht das Risiko, dass ihr Entwurf zum Schluss komplett abgelehnt wird. Die Lage chinesischer Designfirmen war eine zeitlang sogar noch kritischer. Da das chinesische Design stets im Schatten der „Made in China“-Produkte stand, blieb ihm die Anerkennung des Marktes verwehrt. So erklärte der Chef eines Fertigungsunternehmens: „Man gibt dem Designbüro das Foto eines ausländischen Produkts, sie verändern oberflächlich etwas daran und damit hat sich die Sache.“ Unter solchen Bedingungen müssen viele Designer mit einem Projekt beginnen, ohne dass sie zum Schluss Geld sehen oder auch nur mit einer Anzahlung rechnen können. 

Lisa Ma ergeht es nicht viel besser als den anderen chinesischen Designern. Sie musste ihr Designprojekt aus eigener Tasche finanzieren. Ihre Wahl fiel schließlich auf ein chinesisches Unternehmen, das Joysticks für Spielkonsolen produziert. Ma begann zu überlegen, wie man die Arbeiter in ihrer Freizeit zur Landwirtschaft bringen könnte.

„Die Angestellten bauen in ihrer Freizeit auf der Brache neben der Fabrik Gemüse an und greifen dabei auf das Wissen zurück, das ihnen ihre Vorfahren überliefert haben. Das Gemüse können sie nach der Ernte entweder selbst verzehren oder verkaufen und auf diese Weise ihre Lebenshaltungskosten senken. Als ich die Freude in den Gesichtern der Arbeiter sah, wusste ich, dass meine Idee funktioniert, dass sie sich mit Leben füllt.“ In ihrem Projektbericht beschreibt Lisa Ma es so: „Sobald sich dieses Pilotprojekt durchsetzt, wird das Beschäftigungsproblem gelöst, vor dem die Arbeiter stehen, wenn die Joysticks für Spielkonsolen im Zeitalter von iPad und Kinect einmal überflüssig werden. Gleichzeitig wird so bis zu einem gewissen Grad auch die übermäßige Abhängigkeit der chinesischen Branchenstruktur von den technischen Anforderungen des Westens reduziert.“

Dabei stößt Lisa Mas Konzept nicht überall auf Beifall. Einer, der seit Jahren in der chinesischen Designbranche zugange ist, stellt Lisa Mas Projekt-Präsentation von vornherein in Frage: „Wer macht dafür schon Geld locker?“ Und das ist tatsächlich eine zentrale Frage, um die man in China schwerlich herumkommt.

Entwicklungen und Nöte des chinesischen Industriedesigns

Jahr für Jahr gibt es dutzende Büros von Industriedesignern, die infolge geschäftlichen Misserfolgs aus der Branche verdrängt werden, selbst wenn die gestalterischen Ideen dieser Firmen vielleicht sehr gelungen sind. Davon weiß Sun He (孙禾), Innenarchitekt aus Zhengzhou, ein Lied zu singen. Vor sieben Jahren entschloss er sich, seine Stelle als Design-Direktor eines Raumausstattungsunternehmens zu kündigen und seine eigene Firma zu gründen. Die Entscheidung war ihm nicht schwer gefallen: „Damals wurden mindestens 50 Prozent der Aufträge von mir an Land gezogen.“ Sein ehemaliger Partner, der das Unternehmen mit aufgebaut hat, meint allerdings, Sun He hätte beim Innenausbau zu viel Wert auf Perfektion gelegt und zu wenig an die Kosten gedacht. „Mittlerweile habe ich verstanden, woran das Ganze gescheitert ist. Das nächste Mal arbeite ich mit jemandem zusammen, der etwas vom Geschäft versteht und Verträge aushandeln kann. Dann deponiere ich das ganze Geld bei ihm und erst am Ende des Jahres wird abgerechnet.“ Sun He lacht, als er von seinen Zukunftsplänen erzählt.

Tatsache ist, dass Sun bei seiner Entscheidung, sich im Jahr 2005 selbständig zu machen, nicht einfach, wie er behauptet, „einer Laune folgte“. 2005 war in der Geschichte des chinesischen Designs das Jahr, in dem für das Industriedesign in China eine Phase des Aufstiegs begann: In jenem Jahr nahm die Zahl der im Industriedesign Beschäftigten auf 300.000 zu und fast jede Universität richtete ein entsprechendes Studienfach ein; mit den Höhenflügen an der Börse und dem verbesserten Lebensstandard der Bevölkerung zeigten die Verbraucher großes Interesse an schön gestalteten Produkten. 2005 lag der aufs Jahr gerechnete Produktionswert des chinesischen Industriedesigns bei 30 Milliarden Renminbi (knapp 3,7 Millionen Euro), was 2,19 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts von 2004 entsprach. Nachdem auf der 5. Plenartagung des 16. Zentralkomitees der KP China 2002 ein Bericht vorgelegt worden war, in dem es hieß, man wolle die Entwicklung des chinesischen Kultur- und Kreativsektors kräftig vorantreiben, erließen die Lokalregierungen 2006 eine Reihe entsprechender Entwicklungspläne und Unterstützungsmaßnahmen. Die chinesische Kreativindustrie schien aufzublühen und viele traditionelle Unternehmen sattelten um und versuchten sich auf dem Sektor von Kultur und Kreativität.

Seit diesem Zeitpunkt geht es beim Design ums Geld, und das keineswegs nur in Bereichen, die mit Umweltplanung, Innenarchitektur, Architektur oder Immobilien eng in Verbindung stehen. Inzwischen ist das in der Welt des chinesischen Industriedesigns ganz allgemein so. Natürlich muss Design markttauglich sein, um seinen Wert zu beweisen. Doch schließlich geht es immer noch um kreative Gestaltung, und die braucht auch Elemente, die ihrer Zeit voraus sind. So entsteht möglicherweise so manches Werk, das vom aktuellen Markt nicht angenommen wird. Wird aber das Design aus finanziellen Gründen übermäßig kommerzialisiert, könnte es dazu kommen, dass man zu wenig in der Reserve hat, die Entwicklung zu kurz kommt und man ohne Ideen dasteht.

Gleichzeitig sind die Industriedesignbüros in China zu klein, so dass sie dem Bedarf, der auf sie zukommt, wahrscheinlich kaum gerecht werden können. Einer vorläufigen Studie zufolge gibt es in China über 100.000 Unternehmen für Industriedesign, von denen nur etwa 1.000 größer dimensioniert sind. Ein Design-Student von der renommierten Tsinghua University in Peking erklärt: „Bei uns sieht die Situation ganz anders aus als im Ausland. Dort ist nach einer Phase radikaler Fusionen und Übernahmen eine relativ gefestigte Unternehmensstruktur entstanden.“ Doch in China hat diese Ära vielleicht gerade erst begonnen.

Zudem wirkt sich auch die chinesische Wirtschaftsstruktur ungünstig auf die stabile Entwicklung der vielen Designfirmen unter den mittel- und kleinständischen Unternehmen aus. Huang Zhixiong (黄志雄), Direktor eines Pfandleihgeschäfts, meint: „Will man jetzt einen Kredit aufnehmen, braucht man einen Pfand. Am besten eignen sich dazu Realien wie etwa Immobilien. Nur so wird die Bank einem Unternehmer oder Privatmann Geld leihen.“ Es ist schwer vorstellbar, wie diese Firmen, die massenhaft immaterielle Ressourcen und Arbeitskräfte binden, im Zuge der beständigen Expansion der Designunternehmen überleben können, wenn die Kapitalkette einmal eng wird. Erst kürzlich haben die zwei großen Designunternehmen Atkins aus Großbritannien und Aecom aus den USA in China rigoros Designbüros aufgekauft, das China-Geschäft in Windeseile unter sich aufgeteilt und sich die Fachkräfte der Branche geschnappt.

Der Trend der Designbranche

Vor langer Zeit hat ein Künstler unter dem Titel I Am What I Buy einen Artikel geschrieben, der in der amerikanischen Designerwelt für Furore sorgte. Weitaus interessanter ist aber, dass dieser Aufsatz die Grundlage für neues Design im heutigen Europa legte. In den Augen europäischer Designer kann ein Mensch, der seinen Charakter und sein gesellschaftliches Umfeld über die Dinge definiert, die er kauft, durch die Einteilung in Kategorien dasselbe erreichen. Etwa so wie ein Waschmittelhersteller, der sich für sein Waschpulver viele interessante Ideen ausdachte. Dadurch dass die Verbraucher eine der Ideen über Facebook bewerteten, konnte die Firma auf deren Vorlieben und Konsumwünsche schließen. Außerdem konnten der Konsumenten selbst zu Repräsentanten werden, die ihren Freundeskreis allmählich beeinflussten, eine ähnliche Wahl zu treffen. 

Viele europäische Designer sind heute Vertreter dieser Art der Geschäftspraktik. Indem sie in Kontakt mit den Zielgruppen treten, entwickeln sie Konzepte, mit denen sich die Probleme dieser Gruppen lösen lassen. Wenn das Konzept genügend „Like“-Buttons bekommt, hat es einen ausreichenden Markt. Dann sind große Firmen auch bereit, mit dem Designer zusammenzuarbeiten und weitergehende Untersuchungen anzustellen. So wird Geld generiert, und zwar weit verlässlicher als durch ganz normale Werbung. Lisa Ma denkt, „dass das chinesische Industriedesign in Zukunft in diese Richtung gehen wird.“