Bildende Kunst und Design Chinesische Künstler auf der „Country Road”

Projekt der Architektengruppe Xie Yingjun in Sichuan
Projekt der Architektengruppe Xie Yingjun in Sichuan | mit freundlicher Genehmigung von Xie Yingjun

Die meisten zeitgenössischen chinesischen Künstler leben und arbeiten heute in Städten. Einige wenige haben den umgekehrten Weg eingeschlagen und engagieren sich auf dem Land. Stellen sie einen neuen Trend dar?

Die Novemberausgabe 2011 der Zeitschrift Art World widmete sich unter dem Titel „Country Road“ dem Thema „Chinesische Künstler auf dem Land“. Hierfür wurden chinesische Künstler und Akademiker aus den unterschiedlichsten Bereichen wie Malerei, Schriftstellerei, Architektur und Regionalplanung interviewt, darunter der freie Regisseur Mao Chenyu (毛晨雨), der nach seinem Studienabschluss in der Großstadt bereits seit über zehn Jahren auf dem Land lebt und Dokumentarfilme dreht und die Künstler Zuo Jing (左靖) und Ou Ning (欧宁), die den Versuch unternommen haben, in einem Dorf in der Provinz Anhui eine utopische Kommune aufzubauen, die traditionelle Kultur und Ackerbau umfasst.

Was sie von anderen Menschen unterscheidet, die das stressige Leben in der Großstadt satt haben und auf dem Land einen nur kurzfristigen Tapetenwechsel suchen, ist, dass sich die vorgestellten Künstler alle relativ lange auf dem Land aufhalten. So heißt es im Vorwort zu „Country Road“: „Die Künstler überwinden die Koordinaten ihrer eigenen Bereiche und lassen sich mit allen Sinnen aufs Land ein, um so ihre Ablehnung der Vogelperspektive zu demonstrieren. Nur auf dem unbefestigten, schlammigen Ackerboden können sie überprüfen, ob die in der Luft entstandenen Definitionen und Vorstellungen imstande sind, Wurzeln zu schlagen und Knospen sprießen zu lassen. “ 

Das Deutsch-Chinesische Kulturnetz sprach mit der verantwortlichen Redakteurin Wu Chen (伍忱) von Art World.

Wie sind Sie auf das Thema „Country Road“ gekommen und was erschien Ihnen dabei wichtig?

Ende August 2011 bin ich in die Provinz Anhui in das Dorf Bishan gereist, wo die Kuratoren Zuo Jing und Ou Ning das Projekt „Bishan-Kommune” ins Leben gerufen haben. Das am Fuße des Huangshan gelegene Dorf Bishan wurde als Standort für das Projekt gewählt, in der Hoffnung, Kräfte aus den Bereichen Gegenwartskunst, Architektur, Film und Regionalplanung anzulocken, um das traditionelle Leben in dieser Region zu bewahren und die ursprüngliche Vitalität der chinesischen Agrargesellschaft Chinas wiederzubeleben. Dieser Wunsch übt zwar eine große Anziehung aus, doch vor Ort hat sich das Projekt noch nicht vollständig entfaltet. An den vielen Mediendiskussionen kann man erkennen, dass die von den Kuratoren und Künstlern mit diesem Projekt bisher erzielten Ergebnisse von vielen Leuten angezweifelt werden. Sie stellen die Frage, ob dieses Projekt nicht zu utopisch ist.

Das hat uns dazu angeregt, über die Möglichkeit des Engagements von Künstlern auf dem Land zu reflektieren, und zu hinterfragen, welche Rolle Künstler bei den Visionen zur Wiederbelebung der Dörfer spielen. Ziel unseres Beitrags war es nicht, ein bestimmtes Ergebnis zu verkündigen oder zu sagen, „dies ist richtig und das ist falsch“, denn alle vorgestellten kreativen Projekte sind momentan noch am Laufen.

Wie wurden die Künstler für den Themenschwerpunkt ausgewählt? Gab es bestimmte Kriterien?

Viele Kunstzeitschriften haben sich bisher lange Zeit hauptsächlich mit Künstlerkreisen und Kunsträumen in Städten beschäftigt, aber das Stichwort unseres Schwerpunkts waren die ländlichen Gebiete. Wir als Redakteure fühlten uns dabei etwas unbehaglich, denn da keiner von uns bisher länger auf dem Land gelebt hat, ist unser Bild vom Land ein nostalgisches und unrealistisches.

Deshalb haben wir bei der Auswahl der vorgestellten Künstler darauf geachtet, dass es sich nicht um solche handelt, die nur aufs Land fahren, um Material zu sammeln, und mit den Augen von Passanten, also Außenstehenden, die Landbewohner betrachten. Sie sollten auch nicht wie normale Künstler dem Leser ein fertiges Kunstwerk, das in irgendeiner Weise mit dem Land zu tun hat, präsentieren.

Im Gegenteil, wir wollten solche Menschen finden, die dem Leser über einen langen Zeitraum gesammeltes, ja durchaus auch bruchstückhaftes Material vorlegen können, aus dem er die wirkliche Situation auf dem Land herauslesen kann, wenn auch nur mosaiksteinartig; gleichzeitig sollte er auch einen kleinen Eindruck von der Arbeit des Künstlers bekommen können. Deshalb haben wir solche Künstler, Architekten und Regisseure interviewt oder um Beiträge gebeten, die planen, sich längerfristig in Projekten auf dem Land zu engagieren. Wir zeigen eben einen Ausschnitt aus ihrer Arbeit.

Natürlich ist das Endprodukt unseres Schwerpunktthemas anders als wir es uns anfangs vorgestellt hatten, denn das Material der Künstler ist sehr umfangreich und ungeordnet. Sie sind alle sehr beschäftigt und haben nur wenig Zeit, für uns eine geeignete Auswahl herauszupicken.

Welcher Künstler dieser Ausgabe hat Sie am meisten bewegt? Warum?

Das kann man nicht so einfach sagen. Da sie aus den verschiedensten Bereichen kommen – Malerei, Schriftstellerei, Architektur, Film, Kunsterziehung usw. – würden sich einige von ihnen vielleicht selbst gar nicht als Künstler bezeichnen, sondern als „Feldforscher“, die beobachten und experimentieren. Mich interessiert die Arbeit jedes Einzelnen sehr stark. Bevor ich sie kennenlernte, waren meine Eindrücke vom und meine Gefühle für das chinesische Land ausgesprochen oberflächlich. Jeder Künstler hat auf seine ganz eigene Weise auf dem Land Fuß gefasst, ihre Arbeiten haben mir einen sehr viel echteren Einblick in das Leben in den Dörfern gegeben.

Zum Beispiel die praktische Arbeit der Architektengruppe um Xie Yingjun (谢英俊): Ihr Konzept für die flächendeckende Verbesserung der Wohnverhältnisse auf dem chinesischen Land ist sehr ambitioniert und anspruchsvoll. Ich hatte zuvor einen Film dieser Architektengruppe im Internet gesehen, der zeigt, wie jeder beim Bau von Leichtstahlbauhäusern selbst Hand anlegen kann, das ist hochinteressant. Die Prinzipien des kostengünstigen und umweltschonenden Bauens, die sie dabei beachten, Selbstbau, Austausch von Arbeitskraft und weitere Baupraktiken werden in China häufig als Wohltätigkeit missverstanden, doch in den Augen der Architekten ist es besser, den Menschen das Fischen beizubringen als nur Fische zu verteilen. Wenn ihre Baukonzepte nach und nach in größerem Umfang verwirklicht und serienmäßig hergestellt und in den ländlichen Regionen akzeptiert und umgesetzt würden, könnten die Wohnbedingungen der ländlichen Bevölkerung erheblich verbessert werden und enorme Kosten eingespart werden. Ich habe ziemlich große Erwartungen an dieses Projekt.

Repräsentieren die von Ihnen vorgestellten Künstler, die auf dem Land tätig sind, Ihrer Meinung nach Einzelfälle oder handelt es sich um eine Art Trend?

Ich denke, dass es momentan noch einzelne Initiativen sind. Man kann schwer sagen, ob das Ergebnis, wenn so ein Trend ins Rollen gekommen ist, positiv oder negativ sein wird. Ich denke auch, dass sich dies nicht allzu schnell zu einem Trend entwickeln sollte, erst recht, weil Trends ja oft schnell kommen und schnell wieder gehen und was sollte daran für die ländliche Bevölkerung vorteilhaft sein? Oft nützt das nur den Opportunisten und sonst niemandem.

China ist von alters her eine agrarwirtschaftlich geprägte Gesellschaft, im antiken China hatten die Künstler eine enge Verbindung zum Land, doch scheint diese Verbindung mit der Entwicklung der modernen Industriegesellschaft scheinbar gelitten zu haben. Wie sehen Sie die Beziehung zwischen Künstlern der Gegenwart und dem Land? Gibt es da eine neue Veränderung?

Ich denke, dass die modernen Künstler mit dem Landleben nur sehr wenig zu tun haben. Die meisten Künstler leben ja in der Stadt, wo sie auch arbeiten und ausstellen.

All ihre Schaffensaktivitäten finden in der Stadt statt, ihre Zielgruppe ist auch nicht die Landbevölkerung. Das „Landleben” ist im Kunstsystem häufig nur eine Würze. Kurzum, ich könnte nicht viele Gegenwartskünstler nennen, die eine echte Verbindung zum Land hätten. Die Mehrheit der Personen in unserem Schwerpunktthema gehört ja gar nicht zu den sogenannten Gegenwartskünstlern.

Deshalb ist es sehr schwer zu sagen, was für ein Verhältnis die chinesischen Gegenwartskünstler als Gruppe betrachtet zu den ländlichen Regionen haben, das muss man letztendlich individuell betrachten.

Natürlich gibt es in den letzten Jahren auch viele Dörfer in unmittelbarer Nähe der Stadt, die in Produktionsstätten für Künstler umgewandelt werden, mehr und mehr Künstler siedeln sich dort an und arbeiten dort, aber das ist wohl ein anderes Thema. 

Die Konzentration unterschiedlichster Ressourcen in den Großstädten wird in den letzten Jahren immer gravierender, sodass die kleineren chinesischen Städte und das Land oft als kulturelle Wüste beschrieben werden. Reichen Ihrer Meinung nach die Initiativen der Künstler auf der „Country Road“ aus, um einen Einfluss auf die Entwicklung der ländlichen Kultur auszuüben? Und welchen Einfluss haben die Dörfer gegenwärtig auf die Künstler?

Grundsätzlich denke ich, dass man die kleineren chinesischen Städte und die ländlichen Regionen nicht als kulturelle Wüste bezeichnen sollte. Das ist vielleicht ein Vorurteil des urbanen Kulturmainstreams. Die verschiedenen ländlichen Regionen Chinas haben alle ihre eigene Kultur, ihren Glauben, ihre Werte-, Technologie- und Ethikvorstellungen, die auf einem jahrtausendelangen agrarisch geprägten Leben basieren. Verglichen mit den Städten müssten sie lebendiger und bodenständiger sein. Nur haben sich die Wertvorstellungen der modernen Gesellschaft über sie erhoben, und die ländlichen Regionen werden wie ganz selbstverständlich als zurückgeblieben erklärt, solange, bis die Landbewohner selbst glauben, dass sie hinterwäldlerisch seien und dann ihre Traditionen nicht mehr schätzen und bewahren, nicht mehr an den alten, praktischen Techniken festhalten und nicht mehr in den Häusern ihrer Vorfahren wohnen. Ich denke nicht, dass die ländlichen Regionen Wüsten sind, sie besitzen eine Kultur, nur dass sie selten jemand entdeckt und versucht, sie zu verstehen, alle hetzen sich in den Städten ab.

Das „Land“-Sujet wurde bereits in unzähligen Kunstwerken aufgegriffen, es wurde besungen und nostalgisch verklärt und zum Schauobjekt gemacht. Doch kommt das Land in diesen Werken nur selten selbst zu Wort, es wird immer indirekt von anderen Menschen vertreten. 

Es ist wahrscheinlich ziemlich schwierig für Künstler, einen wirklichen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung der Dörfer auszuüben. Hier gibt es ein Problem des gegenseitigen Verständnisses und ein Ungleichgewicht. Wenn die Künstler die wirklichen Bedürfnisse der Landbevölkerung nicht verstehen können und sich nur in Form eines Kunstwerks auf dem Land engagieren, ist dieser Einfluss auch nur von kurzer Dauer, und die Dorfbewohner sind einmal mehr nur Schaulustige.

Vielen Dank für das Interview!