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Fokus: Sex! Sex? Sex …
„Social Porn“ – Sex als Gemeinschaftserlebnis

Verliebt in ein Betriebssystem. Wirklich Science Fiction? Szene aus dem Film „Her“
© Warner Bros. Pictures

Sex und Pornografie sind wesentliche Inhalte im Internet. Das Netz schafft einen Überfluss an Sex. Neue Gefahren entstehen - und neue Möglichkeiten.

Von Benjamin Dürr

Sex und Pornografie sind wesentliche Inhalte im Internet. Das Netz schafft einen Überfluss an Sex. Neue Gefahren entstehen - und neue Möglichkeiten.Überall, jederzeit. Im Internet ist Sex nur einen Klick entfernt. Es gibt Websites für den Sex mit Pflanzen und virtuelle Swingerclubs zum Fremdgehen. Manche Wissenschaftler rechnen vor, dass knapp 40 Prozent aller Websites im Netz Erotik-Seiten sind. Das Web hat einen Überfluss an Sex geschaffen. Neue Gefahren entstehen – und neue Möglichkeiten.

Technologie und Sex – eine Wechselbeziehung

Pornografie und Sex waren die wichtigsten Inhalte in den Anfangsjahren des Internets. Manche Forscher gehen sogar davon aus, dass Cybersex zur Entwicklung und zum schnellen Wachstum des Webs beigetragen hat. „Für die Akzeptanz von neuen Technologien in der Gesellschaft sind Sex-Anwendungen oft eine treibende Kraft“, erklärt Rinie van Est vom niederländischen Think Tank Rathenau Instituut. VHS-Kassetten zum Beispiel hätten sich nicht zuletzt wegen Pornos durchgesetzt.

In den vergangenen Jahren ist das Internet sozialer geworden – auf Facebook, Twitter, Instagram und anderen Social Media Seiten verbreiten Nutzer eigene Texte, Fotos und Videos. Das verändert auch den Cybersex: „Social Porn“ heißt die Richtung, in die sich der virtuelle Sex bewegt. Porno-Websites werden zu Netzwerken, wo eigene Nacktfotos hochgeladen, kommentiert, gesammelt und verbreitet werden.

Das verändert das Erlebnis. „Lange wurde Pornografie von den Leuten allein konsumiert“, sagt Simon Lindgren, Soziologie- und Social Media-Forscher aus Schweden, in der britischen Zeitung Guardian. Das Internet mache Sex und Pornografie dagegen zu einem interaktiven Gemeinschaftserlebnis.

Die Zukunft

In diese Entwicklung passen die Ideen von verschiedenen Designern. Bisher ist Cybersex nur Stimulation durch Simulation. Technik erzeugt Erregung. Entwickler wollen weg vom bloßen Konsum: Statt Bildern und Videos sollen in Zukunft auch Berührungen online übertragen werden. Das Web soll körperliche Nähe verbreiten.

Tüftler der Firma „Kiiroo“ in den Niederlanden bauen menschliche Geschlechtsorgane nach, die an den Computer angeschlossen werden. Der Dildo für die Frau und die Vagina für den Mann reagieren jeweils auf die Bewegungen des anderen. Über das Internet können sie vom Partner aus der Ferne gesteuert werden. So soll Sex über Distanzen möglich werden.

Der Zulauf bei Datingwebsites und Sozialen Netzwerken zeige, dass die Leute auf der Suche seien nach Kontakt, sagt Maurice Op de Beek vom Entwicklerteam aus Amsterdam. „Wir wollen Intimität im Internet eine dritte Dimension geben“, sagt Op de Beek. „Leute sollen sich nicht mehr nur hören und sehen können.“ Andere Erfindungen, die künstliche Nähe herstellen, gibt es schon. Der „Kissenger“ ist ein Gerät, mit dem sich Küsse über das Internet übertragen lassen.

Das Interesse an solchen Produkten gebe es, bestätigt der international anerkannte, emeritierte deutsche Sexualforscher Professor Volkmar Sigusch. Technisch seien diese Erfindungen allerdings noch weit entfernt von einer befriedigenden Sexualität.

Für Sigusch sind sie ein weiteres Symptom für das Verschwimmen der Grenze zwischen Natur und Gesellschaft. In immer kürzeren Abständen würden der Natur Dinge und Vorgänge hinzugefügt, die in ihr gar nicht vorkommen. Klone, Nanotechnologie und eine künstliche Verlängerung der Fruchtbarkeitsperiode ließen Biologie und Technik, Fleisch und Elektronik immer effektiver zusammenwachsen, schreibt Sigusch in seinem Buch Sexualitäten – Eine Theorie in 99 Fragmenten. Das alte Leben und Lieben, meint Sigusch, „wird gesellschaftlich Zug um Zug abgeschafft“.

Die Folgen

Cybersex verkleinert den Abstand zwischen Mensch und Technik. Technik wird intim. Eine Extremform zeigt der Film Her aus dem Jahr 2013, in dem sich ein Mann in die weibliche Stimme eines Betriebssystems verliebt. Außerdem verstärkt der virtuelle Sex die Entwicklung, Sex und Liebe zu trennen. Lange Zeit gehörte beides zusammen, Sex war der Höhepunkt einer Liebesbeziehung. Die ständige Verfügbarkeit, der Überfluss und die Möglichkeiten, online reale Sex-Partner zu finden, haben aus Sex eine Handlung gemacht, die ihre Besonderheit verliert.

Der Sex-Überfluss im Internet hat weitere Folgen. Mediziner und Psychologen stellen fest, dass die Zahl der Internet-Süchtigen stark zunimmt. 2013 galten etwa 600.000 User als medienabhängig. Gefährdet sind der Definition zufolge Menschen, die sich mehrere Stunden am Tag – manche bis zu 16 Stunden täglich – im Netz bewegen und nicht abschalten können.

Cybersex ist einer der häufigsten Gründe für eine Abhängigkeit, sagt der Bochumer Arzt und Psychotherapeut Bert te Wildt. „Die Cybersex-Süchtigen sind abhängig vom Sammeln von Bildern und Videos“, erklärte er im Deutschlandfunk. „Sie sind immer auf der Suche nach dem schärfsten Bild, der schärfsten Filmszene.“

Cybersex hat weitere, globale und gesellschaftliche Schattenseiten. Die Anonymität, die Freiheit und die Möglichkeit, Dateien weltweit zu verbreiten, erleichtern Verbrechen. Kinderpornos, Menschenhandel zum Zweck von Zwangs-Prostitution sind Folgen.

In Südostasien, vor allem auf den Philippinen, ist eine ganze Cybersex-Industrie entstanden. Junge Frauen, auch Kinder, werden vor Webcams zu sexuellen Handlungen gezwungen. Die Regierung der Philippinen hat deshalb 2012 ein Gesetz erlassen, das Cybersex unter Strafe stellt. Wer „Geschlechtsorgane oder sexuelle Aktivitäten mittels eines Computersystems“ zur Schau stellt, kann mit bis zu einem halben Jahr Gefängnis bestraft werden. Regelmäßig finden Polizei-Razzien statt. Ob solch ein Gesetz die Ausbeutung verhindern kann, ist allerdings fraglich. Sex ist Teil des Internets, das sich ständig verändert und neue Formen schafft – auch beim Erleben von Sex.

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