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Fokus: Sex! Sex? Sex …
Vom Vogelei zur Viagrapille

Illustration: Chris Warner-Coburn
Illustration: Chris Warner-Coburn

In allen Kulturen der Welt sind Aphrodisiaka mit Sexologie, Medizin und Soziologie verbunden. Auch aus dem alten China sind uns dazu zahlreiche historische Dokumente überliefert. Ihre lange Geschichte kulminiert heute in der allgegenwärtigen Präsenz von Viagra.

Von Jiang Xiaoyuan (江晓原)

In allen Kulturen der Welt sind Aphrodisiaka mit Sexologie, Medizin und Soziologie verbunden. Auch aus dem alten China sind uns dazu zahlreiche historische Dokumente überliefert. Ihre lange Geschichte kulminiert heute in der allgegenwärtigen Präsenz von Viagra.

In der Tierwelt können wir oft beobachten, wie ein starkes Männchen die Führung einer Anzahl Artgenossen übernimmt und gleichzeitig eine Schar Weibchen um sich sammelt. Dieses Bild hat sich im Gedächtnis der menschlichen Evolution eingeprägt. So war denn auch im Altertum die männliche Potenz ein Zeichen von Stärke und Macht: Die Fürsten im alten China sollen sich „neun Frauen auf einmal“ genommen haben; der Kaiser besaß gar „drei Damenpaläste mit 9 Nebenfrauen, 27 Konkubinen und 81 Mätressen“ (Buch der Riten, Kapitel „Vermählung“, 礼记•昏义).

Die männliche Angst

Obschon der Mann nach sexueller Potenz strebt und seinen Stolz darauf gründet, hegt er gleichzeitig eine tiefe Furcht vor der weiblichen Sexualkraft. Dies kommt nicht von ungefähr: Biologisch gesehen kam beim Menschen im Laufe der Evolution die weibliche Brunstzeit abhanden, so dass die Frau täglich und zu jeder Jahreszeit sexuell aktiv sein kann; sie braucht auch keine Refraktärzeit wie der Mann und kann mehrere Orgasmen nacheinander haben. Ihre Sexualkraft ist also tatsächlich stärker. Umgekehrt hat der Mann wiederum eine stärkere Tendenz, sich mehrere Partnerinnen anzueignen. Wie sollte er sich da nicht fürchten, allein auf schwacher Position von Stärkeren umgeben! Da ist es kein Wunder, dass im alten China die Spezialisten der „Künste der Schlafkammer“ den Geschlechtsverkehr als Kampf beschrieben und das „Reiten der Frau“ mit den Worten schilderten: „Als wollte man mit einem schwachen Strick ein galoppierendes Pferd bändigen; als stünde man am Rande eines klingenbesetzten Abgrunds, voller Angst hinunterzufallen“ (Ishimpō, 医心方, Teil 28). Das ist doch eine schreckliche Vorstellung!

Die Lehre der alten Kaiser

Da diese Furcht nun mal besteht, geht es darum, einen sicheren Weg zu finden. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder erst dann angreifen, wenn der Feind „geschwächt“ ist, das heißt vor dem eigentlichen Geschlechtsakt allerlei Vorspiele anwenden, damit die Frau zuerst zum Orgasmus kommt; oder erst angreifen, wenn die eigenen Kräfte stark genug sind. Letzteres kann auf zweierlei Wegen erreicht werden: Erstens mit Techniken wie dem Verzögern der Ejakulation oder durch Ablenkung der Aufmerksamkeit länger kampffest bleiben; zweitens Aphrodisiaka, um die es hier gehen soll, zu Hilfe nehmen, ebenfalls mit dem Ziel, länger im Kampf standhalten zu können.

Alle Kaiser im alten China hielten sich zahlreiche Frauen. Ein Kaiser ist per se eine Machtfigur, und da der Kaiser nun mal viele Frauen besaß, hatte er auch die Pflicht, allen „die Gunst des fruchtbaren Regens“ zukommen zu lassen. Daher standen alle Kaiser vor der bangen Frage, wie ein Mann allein so vielen Frauen standhalten kann. In einer mit Zehn Fragen (十问) betitelten Bambusschrift, die in den Han-zeitlichen Gräbern von Mawangdui (马王堆) zutage kam, beginnt die zweite Frage mit „Der Gelbe Kaiser fragte den Großen Cheng“. Tatsächlich verzeichnen alte Schriften wiederholt, wie sich der Gelbe Kaiser ungeniert mit offenen Fragen über die „Künste der Schlafkammer“ an seine Untertanen wandte und sich von Personen, die später zu Legenden erhoben wurden, über sexuelle Techniken unterrichten ließ, einschließlich der Fragen, wie sich der Geschlechtsverkehr verlängern lasse, wie die Partnerin zum Orgasmus käme und anderes mehr. Der Große Cheng antwortete mit einem Rezept zur Stärkung der Yang-Energie:

„Der Herrscher wird öfter Yin-Energie einnehmen, dabei helfen Zedernkerne, sowie Quellblüten schreitender Tiere, denn damit lässt sich Alterung verhindern, [und die Haut bleibt] fein und glänzend. Bei vermehrtem Kontakt mit Yin-Energie helfen fliegende Insekten und Vogeleier, denn die Lust ist wie der krähende Hahn, und der krähende Hahn hat Lebensessenz. Wird dies befolgt, so erwacht der Jadestab zu neuem Leben.“

Gemeint ist: Der Verzehr von Zedernkernen und Kuhmilch hilft gegen Alterung, und bei häufigem Geschlechtsverkehr solle man reichlich Geflügel verzehren, besonders Vogeleier oder Hähnchen, was einem erschlafften Penis wieder zur Erektion verhelfe. Was der Große Cheng hier anspricht, ist eine „erste Stufe“ der Stärkung, daher geht es erst einmal nur um Nahrungsmittel wie Milch und Eier, was nicht weiter von Belang ist. Weiter ist dann die Rede von pflanzlichen und tierischen Ingredienzen, und die Potenzpräparate werden etwas geheimnisvoller.

Verschiedenste Aphrodisiaka

Es gibt stärker oder schwächer wirkende Aphrodisiaka. Stärkere Mittel wirken zwar sehr schnell, jedoch nur über eine bestimmte Zeitspanne hinweg. In den überspitzten Schilderungen klassischer Erotikliteratur werden Männer, die während dieser „Wirkungsfrist“ ihre Libido nicht auf der Stelle ausleben können, vom Feuer der Leidenschaft verbrannt, meist mit verheerenden Folgen. Sanftere Potenzmittel hingegen sind oft nicht klar von normalen Stärkungsmitteln abzugrenzen. Gemäß der traditionellen chinesischen Medizin ist zur Förderung der männlichen Yang-Energie eine Stärkung der Nieren notwendig, diese wiederum wirkt sich allgemein stärkend und lebensverlängernd aus. Daher sind grundsätzlich alle Stärkungsmittel, die vorgeben, der Alterung vorzubeugen, aus Yang-stärkenden und Yin-nährenden Bestandteilen zusammengesetzt. Besonders häufig anzutreffen sind Hirschhorn oder Goji-Beeren, beides gehörte im Altertum zu den wichtigsten Ingredienzen mit Yang-stärkender Wirkung.

Die Bezeichnungen der chinesischen Aphrodisiaka sind von verwirrender Vielfalt, doch lassen sich daraus gewisse Sachverhalte herauslesen. Teils wird die hauptsächliche Ingredienz benannt, wie etwa „Yang-anregende Skolopender-Beutel“ oder „Rezeptur mit Drachenknochen und Perlen“, teils wird auch die Wirkung betont, wie etwa in der „Rezeptur zur gesunden Aktivität des Mannes in der Schlafkammer, unermüdlich über zehnmal pro Nacht“, der „Rezeptur zur Vergrößerung des männlichen Geschlechtsteils“ oder der „Rezeptur zur Verengung des weiblichen Jadetors“. Außerdem werden bisweilen Legenden bemüht, wie etwa in „Kaiser Sui Yangs Pillen zur wohligen Festigung des Spermas“ oder „Wollust der Kaiserin Wu Zetian“ und anderes mehr. Bei solchen Präparaten werden allerdings häufig Zutaten von fragwürdiger Wirkung bemüht. Auch wenn bestimmte Bestandteile tatsächlich Yang-stärkend wirken, wurde dies im Altertum oft mit absurden Theorien hochgespielt. So wurde etwa der Gecko im Altertum als besonders „lüsternes Tier“ bezeichnet, da sich Geckos während der Brunstzeit paarweise umschlingen und oft über mehrere Tage hinweg nicht voneinander lassen. Die begehrteste Sorte ist diejenige aus der Gegend von Wuzhou (梧州), Provinz Guangxi, besonders die Exemplare von umschlungenen Geckopaaren. In Schnaps eingelegt nimmt die Flüssigkeit eine grünliche Färbung an und wird für äußerst potenzfördernd gehalten.

Weitere häufig anzutreffende Ingredienzen von Aphrodisiaka sind Seepferdchen, Muschelversteinerungen, Nelken, Morinda, Hartriegel, Brenndolden, Teufelszwirn, Zedernkerne, Mandeln, Ginseng, Poria, Pfeffer, Fenchel, Psoralea, Aktinolith, Schwefel, Zinnober und ähnliches. Noch ausgefallenere Bestandteile sind Glimmer, Kalk, Skorpione, Wasserläufer, menschliche Plazenta, das Menstruationsblut junger Mädchen, sowie männliche Geschlechtsteile von Seehunden und anderen Tieren oder auch Falter bestimmter Raupenarten – vieles davon ist für den heutigen Menschen unvorstellbar.

Viagra – der Gipfel aller Aphrodisiaka

Vor einigen Jahren überflutete Viagra – ein Aphrodisiakum, dem beispiellose Idealwirkung zugeschrieben wurde – die ganze Gesellschaft, und verbreitete sich innerhalb kürzester Zeit unter kräftigem Rühren der Werbetrommel auf der ganzen Welt. Viagra sei ein Mittel ohne die unerwünschten Nebenwirkungen herkömmlicher Aphrodisiaka, hieß es, denn die aphrodisierende Wirkung käme nur bei Lust auf Geschlechtsverkehr zu tragen, ansonsten bleibe sie jedoch unbemerkt (dies ist seit alters die Idealvorstellung von Aphrodisiaka und auch heute das Versprechen einschlägiger Werbung).

Doch kein Gewinn ist zu haben, ohne dass wir einen Preis bezahlen und gewisse Risiken eingehen, da ist auch die sexuelle Lust nicht ausgenommen. Was Viagra angeht, werden wir erst nach einem gewissen Zeitraum einen wirklichen Überblick haben. Immerhin ist bei einer derart wunderwirkenden „Waffe“ für geschlechtliche Liebe zu erwarten, dass auch deren negative Auswirkungen nicht gering zu schätzen sind. Aus historischer Sicht betrachtet, stehen das Streben nach „immerwährender Freude“ – und die Liebesfreuden sind nun mal die höchsten Freuden im Menschenleben – und das Streben nach „immerwährendem Leben“ in immanenter Verbindung. Der Erste Kaiser der Qin oder Kaiser Wudi der Han-Dynastie waren die berühmtesten Vertreter der Suche nach ewigem Leben; in ihrer Nachfolge stehen viele spätere Kaiser, Adlige und Würdenträger. Inzwischen musste die Suche nach ewigem Leben bereits das Schlachtfeld räumen – wie es mit dem Streben nach ewiger Freude sein wird, bleibt abzuwarten.

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