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Peking: Künstler auf der Wanderschaft
Die Künstlerkolonie am Yuanmingyuan

Gruppenfoto der Künstler in der Künstlerkolonie des Alten Sommerpalastes/Yuanmingyuan
Gruppenfoto der Künstler in der Künstlerkolonie des Alten Sommerpalastes/Yuanmingyuan | © Hu Min

Der 798 Art District in Peking ist heute praktisch ein Synonym für den aktuellen Boom zeitgenössischer chinesischer Kunst. Viele der heute hoch gehandelten Künstler begannen ihre Laufbahn vor über 20 Jahren in einer "wilden" Künstlerkolonie im Alten Sommerpalast, dem Yuanmingyuan.

Von Wang Ge (王歌)

Die achtziger Jahre im Yuanmingyuan

Bei vielen Chinesen, die ihre Sturm- und Drangzeit bereits hinter sich gelassen haben, kommt beim Gedanken an die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts ein Gefühl von Nostalgie auf. Damals war gerade die Kulturrevolution zu Ende und man diskutierte über Verantwortlichkeiten oder die davon getragene Narben. Neben offenen Worten, gab es aber auch reichlich Tabus und Verdrängungen. Wer von der Kulturrevolution gebeutelt worden war, stand der Reform- und Öffnungspolitik skeptisch gegenüber, während sich für die von der Last der Geschichte unberührte junge Generation ein neuer Raum auftat, in dem sich alternative Lebensformen ausprobieren ließen.

Mitte der achtziger Jahre begannen sich einige junge Chinesen – die meisten von ihnen Künstler - in Fuyuanmen Xicun auf dem Gelände des Alten Sommerpalasts Yuanmingyuan oder in Guajiatun in der Nähe der Peking-Universität anzusiedeln. Fang Lijun, Li Xianting, Wang Jin und Tian Bin, der sich heute Shi Ruo nennt, mieteten sich ein. Ihr Ansinnen war zunächst einmal anspruchslos, sie suchten einfach in einer ansprechenden Gegend einen erschwinglichen Ort, an dem sie bleiben konnten.

Der Park des Alten Sommerpalasts Yuanmingyuan liegt am nordwestlichen Stadtrand Pekings. Der Ruinenpark selbst birgt in sich die Spuren jener chinesischen Vergangenheit, als das Land seinen Weg in die Moderne suchte. Wurde der Alte Sommerpalast doch im 18. Jahrhundert im Stil italienischer Baukunst errichtet und schließlich 1860 von englischen und französischen Truppen fast dem Erdboden gleich gemacht. Noch zur Zeit der achtziger Jahre gab es in seiner Umgebung weder den überlaufenen Hightech-Park Zhongguancun noch die täglich aufs Neue verstopfte vierte und fünfte Ringstraße. Stattdessen erstreckten sich hier die beschaulichen Campusgelände des Univiertels. Die nahe gelegene Peking-Universität und die Qinghua-Universität boten den Künstlern und kreativen Autodidakten, die es an diesen Ort verschlagen hatte, nicht nur eine Atmosphäre der Gelehrsamkeit, sondern auch Mensen, Badehäuser und Hörsäle.

Die meisten von ihnen waren in den sechziger Jahren geboren, und sie kamen aus ganz China. Peking war in ihren Augen die „faszinierende Ferne", ein Eldorado der freien Kunst. Einige hatten zwar einen Abschluss von einer Kunstakademie, lehnten aber den staatlich zugeteilten Arbeitsplatz ab und zogen – offiziell als mangliu, „blindlings Herumziehende" bezeichnet – in den Yuanmingyuan. Da das Hukou-System, nach dem die Bürger Chinas ihren Wohnort nicht frei wählen konnten, damals noch streng gehandhabt wurde, besaß man ohne hukou kein offizielles Wohnrecht in Peking.

Leben am Rande der Gesellschaft

Diese Pioniere der „Hauptstadt-Migration" mussten also privat unterkommen oder unter der Hand ein Quartier anmieten und waren zu ständigen Umzügen genötigt. Sie saßen in irgendwelchen Rumpelkammern, lauschten Opernübertragungen oder den Rockklängen von Cui Jian. Im Winter heizten sie mit Kohlebriketts und unterzogen sich einer schnellen Katzenwäsche am Wasserhahn im Hof. Mit Freunden, die ebenfalls so herumhingen, improvisierten sie Theaterstücke, wobei ein einfaches Bettlaken, in das man ein Loch schnitt, als Kostüm herhalten konnte. Die meisten hatten weder Arbeit noch Einkommen. Aber damals teilte sich Peking noch nicht in Arm und Reich, niemand fragte nach der Herkunft und wirtschaftlich ging es allen gleich - das Geld reichte hinten und vorne nicht. Viele konnten die Miete nicht aufbringen und waren immer auf der Suche nach einer Mahlzeit. Die Kunst war für sie so essentiell wie Wasser oder Luft und man brachte sie absolut nicht mit Geld in Verbindung. Ihre Selbstzufriedenheit, aber auch ihre Verlorenheit in der Welt ließ sie näher zusammenrücken. Auch kannte die Kunst keine Klassen, Nichtsnutze ohne einen Yuan in der Tasche waren sie alle. Mit Leidenschaft lebten sie in den Tag hinein und klopften Sprüche. Finanziell abgebrannt, aber an Bier und billigem Tabak, Freundschaft und Kunst fehlte es nie. Oberflächlich gesehen hatte ihr Leben keine Wurzeln, aber tatsächlich war es über alle Zweifel erhaben und unerschrocken. 

Die Wiege der chinesischen Avantgarde-Kunst

Es wird behauptet, dass die freie chinesische Kunstszene oder die professionelle chinesische Kunst ihre Geburtsstunde im Künstlerdorf Yuanmingyuan erlebt hat. Künstler wie Fang Lijun, Yue Minjun, Yang Shaobin, Wang Jin, Shi Ruo und Wang Qingsong haben dort zu ihrer künstlerischen Sprache gefunden. Die zentrale Figur in diesem Kreis war der Kunstkritiker Li Xianting, den sie ihren „geistigen Vater" nennen. Die künstlerischen Konzepte wie political pop, Kitschkunst, oder "Zynischer Realismus", die er in ihrer Kunst fand, bilden in gewisser Weise einen Abriss der zeitgenössischen chinesischen Kunst und dienten ihnen als theoretisches Leitprinzip und Stütze.

Mit der Zeit zog der Ort immer mehr Leute an. Viele kamen ohne eine künstlerische Ausbildung, erfuhren hier ihre erste Prägung und widmeten sich fortan der Kunst. Andere hatten mit der Kunst gar nichts am Hut. Sie trieben sich nur einfach so im Yuanmingyuan herum, führten ein Leben der Bohème und atmeten sorglos die Luft der Freiheit. In einer Gesellschaft, die das Individuum verleugnete, folgten diese Müßiggänger ihren eigenen Gesetzen in einer Existenz ohne materielle Sicherheit. In den Dokumentarfilmen Bumming in Beijing (1990) von Wu Wenguang und Die Künstler vom Yuanmingyuan (1995) von Hu Jie finden sich ihre Lebensumstände dokumentiert. In den östlich und westlich gelegenen Künstlerkolonien des Yuanmingyuan wurde das Leben selbst zur Kunst. Man könnte auch sagen, dass aus diesem konkreten Umfeld eine spezielle und unverfälschte Lebensweise resultierte. Vor der Kulisse ihrer Zeit erschienen sie dekadent und unkonventionell. Ihre Flucht aus der Banalität eines normalen Familien- und Arbeitslebens wurde zu einem Akt mit politischer Bedeutung, denn zu dieser Zeit widersprachen abstrakte Malerei, Performance Kunst und l`art pour l`art aufs Heftigste der herrschenden Ideologie.

Das ist lange her. Die meisten dieser Lebenskünstler haben in ein Leben, das traditionellen Vorstellungen entspricht, zurückgefunden. Einige haben sich einen Namen als Künstler gemacht, andere das Fach gewechselt. Aus ihnen sind Geschäftsleute geworden, sie arbeiten beim Film, haben China verlassen oder Ausländer geheiratet. Und es gibt auch welche, die in Pekings geschlossener Anstalt Anding gelandet sind... Eines lässt sich mit Gewissheit sagen: Nur wenige leben mit derselben Spontaneität wie damals. 

​Songzhuang von den 1990er Jahren bis heute 

Im Mai 1995 wurden die jungen Künstler infolge eines Delikts „wider die guten Sitten", so die offizielle Diktion, kollektiv aus dem Yuanmingyuan vertrieben. Ein betrunkener Maler hatte vor versammelter Mannschaft auf den Esstisch gepinkelt, erzählte man sich damals. Viele zogen danach in das Dorf Songzhuang im Kreis Tongzhou. Fang Lijun, Li Xianting, Lu Lin und Shi Ruo waren unter den ersten gewesen, die das Künstlerdorf Yuanmingyuan bezogen hatten; sie wanderten auch als erste nach Songzhuang ab. Es war keine einzelne Aktion kollektiver Umsiedlung, aber nachdem man einen günstigen, sauberen und der Kreativität zuträglichen Ort gefunden hatte, sprach sich das im Freundeskreis schnell herum.

Der Ort Songzhuang liegt im Osten Pekings, er ist Teil der Kreisstadt Tongzhou. Anfangs lebten die meisten Künstler im Dorf Pu, heute verteilen sie sich über die gesamte Kreisstadt und leben nicht mehr so konzentriert wie im Yuanmingyuan. Songzhuang liegt an der Grenze zwischen Stadt und Land, Peking ist verkehrstechnisch gut angebunden, und die Lebenshaltungskosten sind um einiges niedriger als in der Metropole. Das Anmieten beziehungsweise der Kauf der Häuser von den Bauern gestaltete sich allerdings nicht ganz problemlos. Am Anfang waren die Anwesen billig zu haben, aber dann kletterten die Preise, und die Tatsache, dass das Eigentumsrecht an Grund und Boden nicht klar definiert war, zog einige rechtliche Auseinandersetzungen nach sich.

Während im 798 Dashanzi Art District die Galerien dominieren, hat sich in Songzhuang eine Kolonie gebildet, in der freie Künstler arbeiten und leben. Songzhuang ist dem Publikum nicht so ausgesetzt und hat sich eine familiäre und intime Atmosphäre bewahrt. Hier lebt man quasi halb im Verborgenen. Manch einer sagt, in Songzhuang herrsche noch das volkstümliche Flair von Vagabunden und Handwerksstätten, wie man es aus der Zeit des Yuanmingyuan kannte: eine Produktionsstätte für Kunst mit niedrigen Kosten. 2007 - im Jahr 12 der Gründung des Künstlerdorfes - veranstaltete die Regierung des Kreises Tongxian das Songzhuang Culture Art Festival. Damit erfuhr die Künstlerkolonie Songzhuang die gleiche offizielle Anerkennung der Behörden wie die Kunstfabrik 798. 

Der Künstler Shi Ruo, der aus der zentralchinesischen Provinz Shaanxi stammt, lebt inzwischen schon seit über zwanzig Jahren in Peking, zuerst im Yuanmingyuan, nun in Tongzhou. Obwohl er in Künstler- und Kritikerkreisen hoch geschätzt wird, stellt er nur selten aus und lebt nach wie vor in bescheidenen Verhältnissen. Auf die Frage, welche Empfindungen er mit den zwei Orten verbinde, meint er, die Romantik des Yuanmingyuan sowie die Legenden von Songzhuang seien gleichermaßen Geburten medialer Sensationslust, da werde sehr viel phantasiert. Die Zeit im Yuanmingyuan seien seine Lehrjahre gewesen, vergleichbar Goethes Wilhelm Meister. Die Kunst bildete den Rahmen für seine Entwicklung. Da gab es das Ringen um ein Weiterkommen und das Hinauswachsen über sich selbst, aber auch Langeweile, Radau und Selbstgefälligkeit. 

Im Yuanmingyuan hingen alle zusammen rum und man diskutierte oft über Kunst. Heute sei eher der Kunstmarkt Thema, über Kunst spreche man jetzt so wie über die Performance einer Aktie. Manche Leute bezeichnen die zeitgenössische chinesische Kunst als „falsch, aufgeblasen und leer", aber wer kann sich schon völlig profanen weltlichen Bedürfnissen entziehen. Im Übrigen heizt selbst solche Kritik den Kunstmarkt weiter an. Kunstmarkt, Akademien und Behörden verschaffen erfolgreichen Künstlern derzeit Banknoten, Ansehen und Ämter. Sie machen aus der Kunst einen Markt und institutionalisieren sie. Shi Ruo hält das Streben nach öffentlicher Anerkennung zwar für verständlich, aber auch für schädlich. Auf die Frage, was diese Künstler denn beschäftige, antwortet er: „Heutzutage geben die Kuratoren die Themen vor. Wenn sie meinen, das Thema Umwelt sei jetzt angesagt, machen viele Künstler schnell auf Umwelt. Setzen die Kuratoren globale Politik oder den Kampf der Kulturen auf den Plan, verhalten sich einige Künstler wie eifrige Grundschüler und produzieren entsprechende Werke." Wie bei einem Straßenkehrer, der jeden Tag dieselbe Straße säubert, verlaufe auch in der Kunst inzwischen alles in absehbaren Bahnen. Nach seiner eigenen künstlerischen Intention gefragt, meint Shi Ruo, er sei sich sehr klar darüber, was er tue. Es müsse zum Leben reichen und er wolle die Werke so schaffen, wie sie ihm vorschwebten, sie sollten ehrliche Gefühle und etwas Konkretes ausdrücken, nichts weiter. Bei Zeiten würde er seinen kleinen Hof fertig bepflanzen und etwas Tee trinken.

798 im neuen Millennium

Der 798 Dashanzi Art District nordöstlich von Peking hat mittlerweile seinen Weg in die Reiseführer gefunden und gehört neben Kaiserpalast und Großer Mauer in die Reihe der Tourismus-Highlights. Als das Kombinat 1957 geplant wurde, reisten über 150 Architekten und Ingenieure aus der ehemaligen DDR an und halfen, die Fabrik Nr. 798 und weitere fünf Fabrikgebäude im Bauhaus-Stil zu errichten. 2001 tat sich der Künstler Huang Rui mit knapp 50 Künstlern, Galerien und Institutionen zusammen und unterschrieb mit dem Qixing-Konzern, dem das Fabrikgelände unterstand, einen befristeten Vertrag bis 2005. Ende 2005, so der Plan der Regierung, sollte der Komplex abgerissen und eine Electronic City ähnlich der in Zhongguancun gebaut werden. Aber als der Termin näher rückte, wendete sich das Blatt. Künstler und Geschäftsleute setzten sich dafür ein, die Fabrik 798 als industrielles Kulturerbe zu bewahren. Nicht nur das Kunstareal wurde unter Schutz gestellt, die Regierung begann auch aktiv beim jährlichen 798 Art Festival mitzumischen, das so zu einem halboffiziellen Event wurde.

Rasante Kommerzialisierung 

Als ich vor einigen Jahren gemeinsam mit einem Schweizer Sammler die Kunstfabrik 798 besuchte, überwog noch das Gefühl, sich im Untergrund zu bewegen. Es gab mehr Ateliers als Galerien und Boutiquen. Von Ferne vernahm man die Geräusche der Künstler, die in einer aufgegebenen Fabrik an ihren Werken arbeiteten. Seitdem hat sich der 798 Art District, von dem früher nur Insider wussten, zu einem bekannten Kunstareal entwickelt. Die Spuren des Roten Pop, die man überall auf dem Gelände in Form kommunistisch angehauchter Symbole und Dekoration findet, werden nicht mehr als ironische Zitate verstanden, sondern haben sich als kommerzieller Stil etabliert. Heute sind im 798 Art District über 300 Kulturbetriebe in Form von Galerien, Ateliers, Designfirmen und Bühnen über vertreten, hinzukommen Bars, Restaurants, Modeboutiquen und Buchläden. Jede Woche finden hier zahlreiche Vernissagen, Theaterperformances, Konzerte, Modenschauen und Präsentationen für Markenprodukte statt.

Noch vor wenigen Jahren betrug die tägliche Miete im 798 Art District weniger als 0,5 Yuan pro Quadratmeter, umgerechnet etwa 5 Cent. Für ein Atelier mit 100 Quadratmetern zahlte man im Jahr nur 10.000 Yuan, knapp 1000 Euro. Seitdem sind die Preise auf das fünf- bis sechsfache gestiegen. Viele Künstler haben den Distrikt Dashanzi deshalb verlassen und Ateliers in nahe gelegenen Dörfern und Vierteln wie Suojiacun oder Caochangdi bezogen.

Die Künstler ziehen wieder weiter...

Obwohl sich die zeitgenössische chinesische Kunst auf dem internationalen Kunstmarkt etabliert hat und ihre Werke saftige Preise erzielen, lassen sich die Künstler, die davon profitieren, an einer Hand abzählen. Den Löwenanteil kassieren die Händler auf dem Kunstmarkt. Kommerz und Politik haben die Künstler, die allmählich aus ihrem Schattendasein getreten sind, einen nach dem anderen ihrem System einverleibt und zeigen sie nun stolz auf ihrem Präsentierteller. In Peking wird das anschaulich so formuliert: „Erst kamen die Arbeiter nach 798 und die Bauern gingen; dann kamen die Künstler und die Arbeiter gingen; schließlich kamen die Geschäftsleute und die Künstler gingen." Bei dem ständigen Kommen und Gehen gibt es immer Menschen, die mit dem Strom schwimmen - aber es gibt auch diejenigen, die Grenzen überwinden und sich über Normen hinwegsetzen. Sie sind es, die sich als kraftvoll wuchernde Triebe zu neuen Horizonten erstrecken und dort für sich erblühen.

Über die Fotografin

Hu Min, geboren 1964 in Jinan in der Provinz Shandong, kam 1993 nach Peking und ließ sich im Yuanmingyuan nieder. Hier begann sie ihre Laufbahn als Fotografin und dokumentierte zwischen 1993 und 1995 das Leben der Künstler. Hu Mins Werke wurden seitdem in vielen Publikationen und Ausstellungen in China und im Ausland gezeigt, zu ihren Einzelausstellungen zählen Childen in the Field, 2007 in der Colgate University, USA, Driftage File, 2006 im Today Art Museum in Peking und Childen im Shifang Art Center in Peking 2002.

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