Fokus: Auszeit Über alle Berge

Blick vom Norden auf die Karawanken
Foto: hwi Blackharry, CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Auch von der eigenen Familie braucht man manchmal eine Auszeit. Den Schriftsteller Thomas Lang zieht es dafür in die Karawanken.

An der Südseite ist das Häuschen verglast. Ich sehe zwischen Fichten und Lärchen hindurch in sonnige Alpentäler. Dazwischen liegen bewaldete Hügel, am Horizont die wilde, steile Wand der Karawanken. Am nächsten Tag regnet’s, ich sitze in den Wolken und kann kaum den nächsten Baum erkennen. Vier-, fünfmal am Tag knirschen Autoreifen auf dem Schotterweg, ab und zu höre ich Stimmen von Wanderern. Mein Schreibtisch steht vor der Glaswand, ich spüre die Sonne auf der Haut, höre durchs geöffnete Fenster den Vögeln zu und lasse die Gedanken kommen. Wenn es regnet, mache ich Feuer und lasse die Gedanken kommen. Drei Wochen lang muss ich nichts tun und an nichts denken als an meinen nächsten Roman.

Zu Hause sieht mein Leben so aus: Um sechs, halb sieben stehe ich auf und wecke meine älteren Töchter, die zur Schule müssen. Ich mache Frühstück und Brotzeiten, bespreche mit meiner Frau die Familientermine. Die Große gesteht, dass sie die Englisch-Hausaufgabe nicht gemacht hat; sie findet ihr Buch nicht. Ich schreibe ihr eine Entschuldigung. Die Mittlere sucht vergeblich ihren Hausschlüssel. Halb acht gehen die drei aus dem Haus, dann wecke ich meine jüngste Tochter, mache Frühstück und Brotzeit, verhandele mit ihr übers Anziehen und Zähneputzen, bringe sie in den Kindergarten. Kurz nach neun bin ich im Büro. Ich habe einen halben Tag für die literarische Arbeit, manchmal weniger. Der Nachmittag gehört dem Broterwerb. Um sechs, halb sieben komme ich zurück.

Wenn meine Frau die Kleinste in den Kindergarten bringt, gehe ich halb acht aus dem Haus und bleibe bis um vier im Büro, kaufe anschließend ein, hole die Kleine aus dem Kindergarten ab, koche. Die Kinder haben am Nachmittag viel zu erzählen, oft alle drei zugleich.

– Was hat der Englisch-Lehrer gesagt?

– Gar nix.

– Und, du, was liest du gerade?

– Och, da geht's um ...

(ich bekomme eine zehnminütige Inhaltsangabe eines Fantasyromans inklusive aller Figurennamen und Nebenhandlungen, so verschlungen, dass ich nicht zwei Minuten folgen kann).

Gegen sieben kommt meine Frau nach Hause. Später am Abend versuche ich, noch zu lesen. Manchmal schlafe ich gleich ein. Oft bringt der Nachmittag zusätzliche Termine: beim Augenarzt, beim Kieferorthopäden, bei Lehrern und Erziehern, im Fahrradgeschäft etc. Abends warten Lesungen, Vernissagen, lang nicht gesehene Freunde.

Genau dieses Leben ist es, dem ich ab und zu entfliehen muss. Die kreative Arbeit braucht Ruhe und Raum. Eben mal an einem Roman arbeiten, wenn man gerade zwei Stunden Zeit hat, funktioniert nicht. Gegen das allgegenwärtig drohende Chaos hilft zu Hause ein strenger Plan. Zumal die Welt des schreibenden Herrn, dem eine dienende Gattin den Rücken freihält, nicht mehr existiert, ja, undenkbar geworden ist. Hin und wieder muss ich überwechseln können in einen besonderen geistigen Raum, der geschützt bleibt. Ich muss die innere Tür schließen können. Da sitzen oder liegen und in die Welt schauen, mit niemand sprechen, von nichts belastet sein, eine Stunde oder zwei an die Luft gehen, um mich durchpusten zu lassen. Ich fahre meine Bedürfnisse runter, so weit es geht, koche nur das Nötigste, verlasse den Berg nur zweimal in der Woche, um einzukaufen, kümmere mich tagelang nicht um meine Mails. Morgens liege ich eine halbe Stunde im Bett, trinke Kaffee und lese. Es ist ein beinah eremitisches Leben, wie ich’s zu Hause nicht führen kann. Die Gedanken kommen, die kleinen Szenen und Dialoge melden sich. Es wird eine fruchtbare Zeit.

Einmal die Woche sehe ich Freunde. Einer besucht mich auf meinem Berg, mit einem anderen, meinem Gönner, der mir das Häuschen für diese Wochen überlassen hat, gehe ich segeln. Auch das fühlt sich gut und zwanglos an. Es wird kein rein „geistiges“ Leben in meiner Einsiedelei. Abends schaue ich oft die Fußballspiele, da gerade Weltmeisterschaft ist. Ich skype mit der Familie. Das Bild pixelt, weil der Empfang auf dem Berg nicht besonders gut ist. Meine drei Töchter reden alle auf einmal, ich verstehe kaum ein Wort. Es gibt wieder Elterndinge zu besprechen. Meine Jüngste hat bald Geburtstag, wiewowann ist der zu feiern? Die Älteste will in den Sommerferien surfen lernen und zwar in England. – Das können wir doch alles planen, wenn ich zurück bin. Jetzt will ich faul sein. An einem anderen Abend spricht die Kleine gar nicht mit mir, weil sie gerade einen Film schaut, die Mittlere liest, die Älteste ist maulfaul, sagt nur „ja“ und „weiß nicht“. Es tut ein bisschen weh, als wäre sie schon dabei, mich aus ihrem Leben zu streichen. Zweifellos würden sie das tun, wenn ich wegbliebe. Kinder sind sehr pragmatisch. Aber ich kehr’ bald zurück und ich weiß: Sie werden mich nicht vergessen haben.

Ich mache den Computer aus. Die Tage sind lang, es dämmert erst. Ich lege mich hin und lese noch in einem Buch von V. S. Naipaul. Er schreibt im Grunde von den gleichen Dingen: der Zurückgezogenheit, dem Mitleben auf Abstand. Er hat sich nicht wie ich über alle Berge gemacht, sondern lebt (in dem Buch) nicht allzu fern von London. Dort scheint er jahrelang in jenem inneren Raum verharrt zu haben. Ich schließe nach drei Wochen das Häuschen ab und kehre zurück zum Kampf mit der so unfreiwilligen wie überbordenden Administrierung des Familienlebens, zur Sorge um das Aufwachsen dreier Kinder, so lange sie ihre Eltern brauchen. Ich bin gestärkt und entspannt. Vor allem halte ich den Faden in der Hand für meinen Roman. Jetzt kommt es darauf an, ihn nicht wieder wegzugeben. 

Nach dem Studium der Neueren Deutschen Literatur in Frankfurt am Main wurde Thomas Lang in München schriftstellerisch tätig. Parallel hierzu arbeitet er journalistisch, unter anderem auch für Computerzeitschriften. Neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen erhielt er 2005 für seinen Roman Am Seil den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2012 erschien sein aktueller Roman Jim (Verlag C.H. Beck).