Bildung Musikerziehung in China und Deutschland

Musikunterricht an der South Ocean International School in Qingdao
Musikunterricht an der South Ocean International School in Qingdao | Foto: Li Nan (李楠) © www.icpress.cn

Wie unterscheidet sich die Musikpädagogik in China und Deutschland? Prof. Wolfgang Mastnak, München, und Prof. Yang Yanyi (杨燕宜), Shanghai, im Gespräch.

Die musikalische Erziehung unterliegt in China und Deutschland verschiedenen Standards. Prof. Dr.Dr.Dr. Wolfgang Mastnak, Lehrstuhl für Musikpädagogik an der Hochschule für Musik und Theater München, sprach im Frühjahr 2010 mit Prof. Dr. Yang Yanyi (杨燕宜), Professorin für Musikpädagogik und Musiktherapie am Shanghai Conservatory of Music. Yang Yanyi ist Expertin für komparatistische musikpädagogische Forschung zu Deutschland und China und hat in Deutschland promoviert. 

Frau Yang, die Ansätze in der Musikpädagogik in China und Deutschland unterscheiden sich teilweise erheblich. Inwiefern hat dies Ihrer Meinung nach auch mit der unterschiedlichen Bildungslandschaft beider Länder zu tun? Wie unterscheidet sich das Schulsystem allgemein?

Musikunterricht an Schulen muss natürlich vor dem Hintergrund des jeweiligen Schulsystems gesehen werden. Und hier gibt es zwei wesentliche Unterschiede: die Schulstufenaufteilung und Schultypen. Deutschland hat im Grunde das System 4–4–4 Jahre: Unterstufe, Mittelstufe, Oberstufe. China gleicht eher dem französischen System 6–3–3 Jahre: Eine Differenzierung in Hauptschule, Realschule und Gymnasium gibt es dabei in China nicht. Wir haben ein Gesamtschulsystem. Ein weiterer Unterschied liegt auch im Hochschulzugang. Anders als das deutsche Abitur gibt es in China eine vom Zentralen Erziehungsministerium organisierte Hochschulaufnahmeprüfung. Ähnlich wie in Deutschland ist Musikunterricht von der 1. bis zur 12. Schulstufe vorgesehen, in der Grundschule mit zwei Wochenstunden, ab der Mittelstufe mit einer Wochenstunde, wobei eine Unterrichtsstunde kürzer als in Deutschland ist und nur 40 Minuten beträgt. Das macht durchaus einen Unterschied. Allerdings sind unsere Schulen Ganztagsschulen, mit Präsenz der Schüler in etwa von 8:00 bis 16:00 Uhr.

Wie steht es denn eigentlich mit dem vorschulischen Unterricht, wo lernt ein Kind in China sein Instrument? Wie wird dieser Unterricht vorbereitet – ähnlich wie in der musikalischen Früherziehung, wie wir sie in Deutschland kennen?

Musikalische Früherziehung ist in China vielerorts noch ein Fremdwort. Man kennt hier zwar Orff-Pädagogik, aber im Allgemeinen ist früher Beginn mit Musik mit frühem Beginn am gewählten Instrument gleichzusetzen. Die Ideen musikalischer Früherziehung im Sinne von spielerischem Entdecken von Rhythmus und Klang, von kreativen Spielen spielen in China noch eine sehr untergeordnete Rolle. Vielleicht ist ein Bewusstsein für den persönlichen Wert von Musik gegenüber dem sozialen Nutzen in China noch nicht so ausgeprägt wie wir es etwa von Deutschland annehmen. Auch ein wirklich kindgemäßer Beginn am Instrument ist noch relativ selten. Kurzformel: Musikunterricht ist dann gut, wenn ein Kind relativ rasch Schwieriges spielen kann und damit gesellschaftlichen Erfolg hat. Wo lernt ein Kind? Der außerschulische Instrumentalunterricht ist im Grunde ein beachtlicher Wirtschaftszweig. Es gibt natürlich die Musikschulen, und es gibt eine Unzahl von Privatlehrern. Viele Studenten verdienen sich ihr Studium, indem sie am Wochenende Instrumentalunterricht geben. Und nicht wenige Hochschullehrer unterrichten ebenso privat, was kein so schlechtes Nebeneinkommen darstellt. Wenn man die Situation mit Deutschland vergleicht: Ohne hier Negatives unterstellen zu wollen, aber vielleicht ist in Deutschland die pädagogische Dimension stärker ausgeprägt, in China die kommerzielle. Natürlich kann man dies nicht verallgemeinern. 

Viele chinesische Kinder lernen westliche Musikinstrumente. Ist das eher als Statussymbol zu verstehen oder auf eine tatsächliche Liebe zur westlichen Musik zurückzuführen?

Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Statussymbole spielen hier in vielen Fällen allerdings eine große Rolle. Gerade das Klavier genießt in China ein sehr hohes Ansehen. Im Gegensatz dazu rangieren viele Blasinstrumente – völlig zu Unrecht – im Statusdenken relativ weit unten. Man muss aber auch sagen, dass traditionelle chinesische Instrumente wieder zu neuen Ehren gelangt sind. Ich denke, wir sind hier auf dem Weg zu einer chinesischen Musikkultur, die gleichermaßen auf traditionellen chinesischen und westlichen Instrumenten basiert. Lernt ein Kind in China tatsächlich aus Liebe zur westlichen Musik Klavier? Sehr oft spielt die Entscheidung der Eltern die größte Rolle, und oft ist diese Entscheidung nicht nur musikalisch motiviert. Klavier spielen zu können wird teils wie ein Ticket in eine höhere Gesellschaftsschicht angesehen. Trotzdem: Guter Instrumentalunterricht kann enorm viel zu kulturübergreifendem Verständnis beitragen, den ästhetischen Sprachschatz ungemein erweitern.

Zurück zu den unterschiedlichen Zielen von Musikunterricht in China und Deutschland. Wenn man versucht, die Ziele des Musikunterrichts in Deutschland zusammenzufassen, kommt man vor allem auf  „Förderung der Kreativität und des freien Denkens“, „Allgemeinbildung und Enkulturation“, „Liebe zur Musik“, „die Befähigung, am öffentlichen Musikleben aktiv teilnehmen zu können“ und „Bereicherung des eigenen Lebens“. Wenn ich im Westen das Thema China anspreche, dann denken viele, dass in China hingegen das politische Moment in der Erziehung dominiert.

Nun, ich kenne diese im Westen häufig anzutreffende Sichtweise, die allerdings nicht unbedingt der chinesischen Realität entspricht. Eine Tatsache ist freilich, dass die Ziele nach dem nationalen curricularen Standard festgelegt sind und nicht länderspezifisch wie im föderalistischen System Deutschlands. Allerdings haben in letzter Zeit die Provinzen gewisse Freiheiten im Bereich Curriculum und Unterrichtsmaterialien erhalten. Shanghai ist hier sogar zur Modellstadt erklärt worden, das heißt, wir haben gegenwärtig sehr gute Möglichkeiten zur Eigenbestimmung. Das hat freilich auch Testcharakter. Die Ausrichtungen im Musikunterricht sind dabei durchaus mit Deutschland vergleichbar. Das Erziehungsministerium hat sie so festgelegt: „Ästhetik“ - was in chinesischer Terminologie allerdings so viel wie Musikgeschichte, Musiktheorie, Allgemeines Musikverstehen bedeutet. Desweiteren „Eingehen auf das spezifische Interesse der Schüler“ sowie „Lobpreis des Nationalgeistes“. Zusätzlich noch „Förderung der musikalischen Kreativität“ sowie „Multikulturelle Bildung“. Dabei sehe ich „Eingehen auf das spezifische Interesse der Schüler“ als viel problematischer an als „Lobpreis des Nationalgeistes“: Die Schule darf den Schülern nicht nach dem Mund reden. Schule muss Bildung vermitteln, auch wenn dieser Prozess nicht unbedingt sofort Spaß macht. Der Wert von Bildung lässt sich doch nicht am „Fun-Faktor“ festmachen. Und der Nationalgeist: In wohl jedem Land gibt es pädagogisch eine Art der Heimatpflege, das muss nicht gleich ideologisch eskalieren. 

Um welche Inhalte geht es dann im konkreten Unterricht, mit welchen Methoden wird unterrichtet? In Deutschland kann man im Großen und Ganzen drei große Felder abstecken: Musikalisches Gestalten, also singen, spielen, improvisieren. Desweiteren Musikkunde, also Kenntnis der Notenschrift sowie des Tonsystems . Und zuletzt auch Musikgeschichte, Formenlehre, Stilkunde, also z.B. Beethoven oder die Gattung Symphonie. Methodisch lassen sich dabei zwei sehr kontrastierende Pole ausmachen: theorieorientierter Musikunterricht einerseits und künstlerisch orientierter Unterricht andererseits. Das findet sich auch – und teils wirklich widersprüchlich – in der Hochschullandschaft wieder. 

Die Inhalte sind da durchaus ähnlich, mit dem einen großen Unterschied natürlich, dass sich in China die Vermittlung chinesischer und westlicher Musik ziemlich die Waage hält, während in Deutschland die Musik des Westens dominiert. Ein großes Problem sehe ich in China allerdings im unglaublich unterschiedlichen Niveau der Lehrer. Natürlich gibt es sehr gut ausgebildete Lehrer. Aber wir haben nicht wenige, die im Grunde kaum den Hintergrund dessen verstehen, was sie lehren und vor allem Frontalunterricht machen.

Das trifft sich mit meinen Erfahrungen in China: Ich habe teils hervorragenden Musikunterricht gesehen und teils wirklich katastrophalen. Aber ich habe in dieser Hinsicht durchaus auch vergleichbare deutsche Erfahrungen gemacht. Musikunterricht an Schulen ist immer in gewisser Hinsicht ein Spiegel der universitären Ausbildung. Da gibt es freilich auch in Deutschland deutliche Niveauunterschiede.

Natürlich hängt das mit der Ausbildung zusammen. Ich denke, dass viele chinesische Lehrer die Musik, die sie lehren, nicht wirklich verstehen. Die Ausbildung hier reicht einfach nicht. Und viele Studenten und dann eben Lehrer schaffen es nicht, eine Verbindung zwischen den einzelnen Fächern herzustellen. Aber wir müssen hier in China im Auge behalten, dass die hochschulische Musikpädagogik erst in den 1990er Jahren begonnen hat, also nur gut ein Jahrzehnt auf dem Rücken hat. Früher war sie an einer Art pädagogischen Akademie angesiedelt, meist mit eher niedrigem musikalischem Niveau.

Das ist ein sensibles Thema auch in München. Ich habe an unserer Hochschule den Eindruck, dass das künstlerische Niveau in der Schulmusik zurückgedrängt wird. Das halte ich für sehr problematisch. Ein Schüler erwartet schließlich von seinem Musiklehrer ein klares künstlerisches Profil und das zu Recht. Natürlich braucht man aber auch die pädagogisch-psychologischen Kompetenzen. Ein Hauptarbeitsgebiet von mir, das allerdings – ich hoffe sehr, nicht aus ideologischen Gründen – an unserer Hochschule in München teils starken Gegenwind erfährt, betrifft psychisch gefährdete, psychisch kranke und mental besonders förderbedürftige Schüler. Wie sieht das in China aus?

Die Schnittfelder Musikpädagogik und Musiktherapie sind – noch – kein Thema in China. Natürlich haben auch chinesische Schülerinnen und Schüler Probleme. Aber das wird als normal angesehen. Denken wir doch zurück an die Kulturrevolution: Kinder waren von den Eltern getrennt, das persönliche Leid war teils enorm. Aber das gemeinsame Schicksal hat diesen Druck normalisiert.

Freilich, das gemeinsame Schicksal relativiert zunächst das Traumatisierende. Aber in Deutschland – und nicht nur in Deutschland – scheint psychisches Leid zuzunehmen und in Krankheit, Aggression oder Terror zu münden. Das erscheint mir ein brennendes Problem, und ich habe kein Verständnis dafür, die Dramatik dessen unter den Tisch kehren zu wollen. Und Musik kann hier im unterrichtlichen Geschehen Hilfe leisten. Natürlich kann Musikunterricht aber auch nicht nur als Handlanger für Psychoprävention dienen. Die andere Seite davon ist Hochbegabtenförderung. Ich kenne die Schule, die an das Shanghai Conservatory of Music angeschlossen ist und bin fasziniert von dem Niveau dort. In Deutschland sind solche Konstruktionen extrem selten. 

Das sind sie auch in China. Im Grunde haben wir nur in Shanghai und Peking so eine Einrichtung. Das hohe Niveau hängt natürlich damit zusammen, dass an diesen Schulen Lehrer des Konservatoriums unterrichten, die Schüler ständig ihr eigenes Niveau an dem der Hochschulstudenten messen, sehr hohe künstlerische Leistungsbereitschaft herrscht, die allgemeinbildenden Fächer deutlich reduziert sind und die meisten Schüler eine Berufsmusikerkarriere anstreben, was dann natürlich nicht immer so sein muss. Ich muss aber sagen, dass in der letzten Zeit das Niveau gesunken ist. Es scheinen sich hier Wertmaßstäbe zu ändern. Der Idealismus für die Künste scheint teils zu sinken und ökonomische Ideale und sozialer Status dürften an Bedeutung gewinnen.

Veränderung von Werten und Orientierungen sind ebenso in Deutschland ein Thema. Gerade Jugendliche sehen sich oft in der pluralistischen Wertegesellschaft verunsichert: Wirtschaftskrise, Religionskonflikte, Politikverdrossenheit etc. - natürlich reagieren die Schulen mit ihrem Unterrichtsangebot darauf. Die Künste haben seit jeher zur Persönlichkeits- und Bewusstseinsbildung entscheidend beigetragen. Die Globalisierung fordert in diesem Bereich grenzüberschreitende Kooperation. Ich denke, dass in diesem Bereich die deutsch-chinesische Zusammenarbeit noch sehr wichtig werden wird.