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Fokus: Auszeit
Der Zeit Gedichte abringen

Sonnenaufgang
Foto: Luca Argalia, CC BY-NC-SA 2.0, via flickr

Die Zeit ist geizig zu mir. Schreibend dränge ich mich in die Ritzen der Zeit – das Schreiben ist qualvoll, und doch macht mir die Qual auch Freude.

Von Che Yangao (车延高)

Gedichte verfassen ist etwas Heiliges, wie eine Schöpfung aller Dinge, die im Herzen sprießt und doch im Erdboden wurzelt, ein „Orgelton des Himmels“ aus hehren Tempeln entlegener Berge. Gedichte gehörten eher in die jungen Jahre der Schulzeit, man schreibt sie in der Blüte der Jugend. Es ist etwas für jene, deren Phantasie die Ratio überflügelt, die gefühlstrunken in Worten schwelgen, die aus dem Halbschlaf aufstehen, um Stift und Papier zu suchen.

Das alles passt eigentlich nicht auf mich – allein vom Alter her bin ich längst in jenen Jahren, die im Lauf der Zeit an Leidenschaft verloren haben. Leidenschaft und Neugier schwinden, meine Haare sind weiß geworden, als stünde ich das ganze Jahr über mitten im Schneesturm. Den Kampf gegen das Hinscheiden habe ich einst in einem Gedicht beschrieben: „Das weiße Haar ist ein Signal / es zeigt, dass es auch dann schneit, wenn nicht Winter ist.“

Aber manchmal ist das Schicksal wie verwünscht; es lässt mich ich in den 40ern auf einmal wie besessen den steinigen Weg der Lyrik begehen. Doch meine Gedichte sind anders – ich sage oft spaßeshalber, in meinem letzten Leben hätte ich mich wohl nicht ausreichend der Vervollkommnung gewidmet, ich müsse wohl ein asketischer Pilger gewesen sein. Die Zeit verhält sich geizig zu mir. Ich bin ein Schreibender, der sich in die Ritzen der Zeit zu zwängen sucht; das Schreiben ist qualvoll, und doch macht es Freude.

Die Zeit zur Weiterbildung und zum Schreiben lässt sich abringen

Wenn man nebenberuflich schreibt, ist Zeit stets die knappste Ressource. Außerhalb der Arbeitszeit schreibe ich mit Leidenschaft, bin jemand, der „samstags sicher schuftet und sonntags nicht sonntags selten ruht.“ Wenn auch nur ein bisschen Zeit übrig ist, arbeite ich sofort an den Gedichten.

Der zweite Gedichtband, den ich publiziert habe, trägt den Titel Die Morgendämmerung wecken (把黎明惊醒). Er ist auch eine akkurate Beschreibung meines Schreibmodus‘. Denn jeden Morgen öffne ich, als wäre meine biologische Uhr vom Schöpfer so eingestellt, pünktlich um fünf Uhr die Augen. Daher habe ich jeweils nach einer halben Stunde Morgengymnastik und zehn Minuten im Badezimmer gut zwei Stunden zum Schreiben. Und dies ist denn auch die Zeit, in der meine Gedanken dahingaloppieren und die Worte Flügel bekommen. Die meisten Gedichte habe ich in diesen Morgenstunden zu Papier gebracht. Um 7:40 Uhr bin ich dann jeweils schon auf dem Arbeitsweg, zehn Minuten später in der Speisehalle, und um halb neun fängt die Arbeit an. Die Mittagspause ist dann die goldene Zeit zum Surfen im Internet und zum Schreiben. Nach dem Essen lege ich mich 20 Minuten hin, um die Durchblutung des Gehirns zu regulieren, doch dann beginne ich am Rechner die Worte fließen zu lassen. Auf diese Weise habe ich bis zum heutigen Tag ohne es zu merken über tausend Gedichte verfasst, und alle entstanden im Morgengrauen oder um die Mittagszeit. Gewiss, das Schreiben lässt sich nicht aus einem Luftschloss hervorzaubern, es muss verbunden sein mit der ständigen Aufnahme neuer Inhalte.

Für mich heißt das zum einen, Erfahrungen im täglichen Leben zu sammeln. Wenn man schreibend sein Schicksal und das des gesellschaftlichen Umfelds zu Papier bringt, verbraucht man auch seine Lebensreserven und den Geist der Kultur. Es ist abhängig von der Fülle der persönlichen Erlebnisse, der Tiefe der Lebenserfahrung, der Weltsicht und der inneren Bereitschaft, seinen Träumen freien Lauf zu lassen, ob die Worte wirklich so frei und gewaltig zu strömen vermögen, dass sie „dreitausend Ellen hoch hernieder stürzen“, wie es der große Dichter Li Bai (李白, 701–762) in seinem Gedicht über einen Wasserfall formulierte. Ein Dichter braucht eine hohe Sensibilität und einen analytischen Blick, damit er eine große Wortgewalt entfalten kann.

Zum anderen ist es auch wichtig, viel zu lesen. Bücher bieten nicht nur Stufen zum Wissenserwerb, sondern sind auch Schatzkammern der Inspiration, angefüllt von einer gleichsam atomaren Zündkraft der Poesie. Wer viel liest, lebt ein Leben mehr als andere.

Zeit zum Schreiben abzuringen ist inzwischen zu einer großen Freude meines Lebens geworden. Es ist die Freude darüber, in Momenten des Ausgleichs und der Erneuerung die Zeit dazu zu bringen, Erfolge zu tätigen. Am Bürotisch bin ich ein Staatsdiener, dort liegen meine Leistungen im Dienst am Volk und im Erledigen von Aufgaben. Im lyrischen Schaffen aber bin ich ein Dichter, hier liegen meine Erfolge darin, ein gutes Gedicht zu verfassen, das mich erregt und jenen, die es genießen können, beim Lesen das Glücksgefühl erhöht.

Inspiration heißt, aus der Tiefe des Lebens schöpferisch zu wirken

Oft heißt es, Inspiration sei eine Gabe, die dem Dichter gleichsam von Göttern geschenkt werde; Inspiration entstehe in Momenten der Ergriffenheit. Manche glauben, eine Leidenschaft lasse sich erarbeiten, auf Inspiration hingegen könne man nur warten. Diese Ansicht teile ich nur zur Hälfte.

Natürlich braucht ein Dichter Inspiration, sie ist wie ein Schatten mit seiner Begabung verbunden. Doch Inspiration entsteht nicht aus dem Nichts, ihr plötzliches Erscheinen wurzelt in jedem Fall in einem konkreten Nährboden – der Tiefe der Lebenserfahrungen und der feinfühligen Betrachtung des Lebens.

Einmal, als ich im Herbst draußen spazieren ging, betrachtete ich auf den Feldern die aufgestellten Korngarben und die Bauern, die das Korn schnitten. Da kam mir unvermittelt ein Satz in den Sinn: „Der Herbst stößt satte Rülpser aus.“ Zuhause feilte ich daran weiter und es entstand ein kurzes Gedicht.

Manchmal wenn ich frühmorgens aufstehe und vom Balkon aus die Sonne betrachte, scheint mir, als würde eine Orange oder ein Eidotter hochsteigen. Einmal kamen mir dabei die Worte: „Die Nacht – sie hat die Sonne reingewaschen.“ Schnell schrieb ich es nieder, um später in Muße daran weiterdenken zu können. Daraus hat sich dann ein Gedicht ergeben:

Die Nacht – sie hat die Sonne reingewaschen

Lässt sie von der Dämmerung den Berg hochtragen

Wenn sie oben ist

Wird der Tag hell

Inspiration ist also nicht eine Gabe des Himmels, sondern entsteht in konkreten Lebenssituationen. Unvermittelt stoßen wir auf etwas, das wie ein Signal auf den Grund des Gehirns zu dringen vermag und sich in einem bestimmten Augenblick damit verbindet. Daraus wird dann ein Vers. Inspiration ist etwas sehr Vergängliches; man muss sie unbedingt immer mit sich tragen und die Momente, in denen das Herz erbebt sogleich notieren und aufheben. So kann die Inspiration die poetische Seele „aufknacken“ und die Quelle der Poesie zum Sprudeln bringen.

Eines meiner Gedichte mit dem Titel Der Mann, der sich zur Tragestange machte beschreibt das Leben der Lastenträger in der Stadt. Zwei Stellen darin lauten: „Sie pflegen auf ihren Schulterstangen zu sitzen / Als säßen sie in einem sicheren Reich“, und „Bereitwillig lassen sie sich dirigieren / Bereitwillig mit schweißüberströmtem Gesicht / Ihr Hemd hat eine Funktion mehr als jenes der Städter / Man kann es anheben, den Schweiß abzuwischen.“ Um diese Feinheiten treffend auszudrücken, habe ich ihnen mehrere Tage lang auf der Straße zugeschaut.

Gespeicherte Erinnerungen lassen sich zum Gedicht entwickeln

Anders als das Leben, das nur vorwärts und niemals rückwärts geht, entsteht jedes Gedicht erst nach einem verflossenen Zeitabschnitt. Die Zeit gibt mir alle Erlebnisse, und diese werden zu Erinnerungen im Rücken der Zeit. Sobald aber diese Erinnerungen im Heute zu einer konkreten Begebenheit stoßen, fließt Kraft in den Schreibstift und der Schaffensgeist erfüllt sich mit Inspiration. Gleichgültig ob das entstandene Gedicht in einem realistischen, romantischen oder surrealistischen Stil verfasst sein mag, wird es dadurch von ganz realer Erregung durchdrungen sein. Auf dieser Ebene werden jedem, der das Gedicht liest, innerlich mit Wucht die Augen geöffnet. Diese besondere Wirkung entsteht im Zusammenspiel zwischen der akkumulierten Lebenserfahrung und dem Sediment von Erinnerungen; sie verleiht der Sprache Flügel, bringt die Erde schreibend zum Leben, lässt Blumen und Gräser die Augen öffnen.

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