Fokus: Auszeit Der (gescheiterte) Versuch, dem Alltag zu entfliehen

Like Spinning Plates

Genießt die Monotonie in vollen Zügen, anstatt sie zu meiden! Sie ist uns schon fremd genug.

Ständig wollen wir anderen vorschreiben, wie sie zu leben hätten. Und dabei haben wir selbst das Leben noch nicht verstanden.

Wenn ich mich in meinem persönlichen Umfeld umsehe, habe ich das Gefühl, dass wir die sogenannten Alltagsnöte im Allgemeinen zu hoch hängen. Wir jammern zum Beispiel über die „tägliche Eintönigkeit der Arbeitsabläufe“. Dabei kann man unseren Arbeitsalltag bei weitem nicht als „eintönig“ bezeichnen. Wie abwechslungsreich ist das, was wir tun, verglichen mit der Arbeit einer Servicekraft in einer kleinen Gaststätte, der Tätigkeit eines Tellerwäschers oder eines Arbeiters, der in der Fabrik am Fließband steht. Die junge Kellnerin, die sich von früh bis spät zwischen ein paar Tischen die Hacken abläuft, nutzt ihren seltenen freien Tag. Sie wirft sich in Schale, um in Pekings trendigem Studentenviertel Wudaokou (五道口) einen langen Schaufensterbummel zu machen. Der Fließbandarbeiter wiederum holt in einem unbeobachteten Moment heimlich sein Handy aus der Tasche und verfolgt nebenbei eine TV-Serie, während er gleichzeitig mit Hilfe seines motorischen Gedächtnisses routiniert sein Arbeitspensum erledigt. Ich habe den Eindruck, dass diese Menschen wissen, wie man wirklich lebt, während ich mit meinem Leben immer unzufriedener bin.

Wie dem Gefühl von Monotonie und Mühsal entkommen

Der ewige Kreislauf aus Arbeit, Überstunden und Feierabend. Hirnnerven und Fingermuskulatur ergehen sich während der Arbeit als eingespieltes Team in scheinbar mechanischer Geschäftigkeit. Durch die Rückkopplung optimiert der Lernalgorithmus die physischen Reflexmuster, so dass sich die Effizienz der Routineabläufe weiter erhöht und optimiert. In der Folge winkt am Jahresende ein höherer Bonus oder gleich die Beförderung. Es sind eben diese mechanisch-monotonen Prozesse, die die Welt am Laufen halten. Auf diese anbetungswürdige Kombination aus Arbeit und Intelligenz will ich ein Lob aussprechen. Ich bettle auf Knien darum, dass ich immer Teil dieses Prozesses sein möge, bis zu meinem letzten Atemzug.

Auch das Musikmachen hat seine redundanten, scheinbar eintönigen und mühsamen Arbeitsabläufe. Wenn es um die Details geht, wird es immer trocken und kompliziert. Durch diese Durststrecke muss man durch, um mit den Feinheiten belohnt zu werden. Erst dann hat man das Spiel gewonnen. Die Kunst braucht natürlich auch Intuition und Kreativität, aber der Entstehungs- und Reifeprozess eines Kunstwerks verläuft die meiste Zeit mühsam und zäh.

Womöglich verhält es sich in Wahrheit so, dass es objektiv gar kein mechanisches und langweiliges Leben gibt, sondern nur ein Gefühl davon. Insofern muss die Frage nicht lauten, wie man der monotonen und mühseligen Arbeit, sondern wie man dem Gefühl von Monotonie und Mühsal entkommen kann.

„Bei mir? – Keine Chance“, lautet meine Antwort.

Das ist wie mit der Frage, wie man leben könne, ohne zu atmen. Vielleicht ist das möglich, aber bei mir? – Keine Chance.

Beim Tellerdrehen Löcher in die Luft starren

Was mir möglich ist und worin ich sogar richtig gut bin, ist das „Löcher-in-die-Luft-Gucken“. Es gibt etliche schlaue Menschen, die sich in stilles Nachdenken vertiefen können. Anschließend sind sie noch schlauer. Ich aber starre vor mich hin, und bin danach nur noch stumpfer – und dazu noch ein bisschen gealtert.

Ich neige dazu, schwierige Angelegenheiten und Fragen auf die lange Bank zu schieben. „Das ist kompliziert, darüber muss ich erst gründlich nachdenken“, sage ich mir und fange an, vor mich hin zu starren. Oder ich verliere mich in Gedanken und widme mich dabei irgendeiner hirnlosen Tätigkeit. Naiv und verbohrt hänge ich folgender Theorie an: Obwohl ich nicht über das eigentliche Problem nachdenke, stellt mein riesiges Unterbewusstsein am Grund meines Gedankenmeeres bereits fleißig Berechnungen an. Wenn ich aus meiner Träumerei erwache, spuckt mein Unterbewusstsein mit aufschäumender Gischt schließlich die Antwort aus. Es kann auch passieren, dass sich die Probleme bereits auf wundersame Weise in Luft aufgelöst haben. Oftmals allerdings geht der Plan nicht auf und dann habe ich Zeit und Geist verschenkt.

Jemand hat einmal den Versuch unternommen, mein Verhaltensmuster auf den Punkt zu bringen: „Indem du die Dinge nur halbherzig angehst, hältst du dich zwar über Wasser, landest aber keinen Erfolg, und das schlägt dir aufs Gewissen.“ Es ist, als würde ich den einen Aktivismus mit dem nächsten bekämpfen. Bis das Ganze in der artistischen Performance eines Tellerdrehers ausartet. Beide Augen starr in den Himmel gerichtet, rotiere ich mit Händen und Füßen, um die vielen Teller am Laufen zu halten, während ich in Gedanken völlig abwesend bin. So gesehen kann von Gewissensbissen nicht die Rede sein, denn eigentlich denke ich an gar nichts. Aber um die schönen Teller ist es wirklich schade.

Ich war lange Zeit von dem Wunsch besessen, den Job zu wechseln und als Programmierer zu arbeiten. Ein Kollege, selbst Programmierer und Zen-Praktizierender, meinte zu dieser fixen Idee: Vielleicht würde ich eines Tages in meinem tiefsten Inneren zu den wahren Ursachen vordringen und den Grund für diesen Wunsch erfahren. Und hätte sich erst die Ursache für meine Neigung gefunden, dann würde ich auch merken, dass ich in Wirklichkeit nicht Computerprogramme schreiben wolle. Es dauerte danach eine Weile bis ich es mit meinem eigenen Musikprojekt versuchte. Einige Wochen davor hatte mir eine korpulente New Yorkerin erklärt, die vielen Kompromisse, die einem die komplizierten Arbeitsverhandlungen abverlangten, könnten einem manchmal zu dem Wunsch verleiten, etwas ganz alleine für sich selbst zu tun. Das war wohl ihre Art der Ursachenforschung – wobei sie sich eben fürs Kochen entschieden hatte. Aber nun genug von dieser langweiligen Geschichte.

Was ich sagen will, ist, dass man die Monotonie in vollen Zügen genießen sollte, anstatt sie zu meiden. Sie ist uns schon fremd genug. Mein Problem mag vielleicht darin liegen, dass ich das Leben zu wenig eintönig finde. So drängt es mich, etwas Langweiliges tun, aber mein unverbesserlicher Charakter bringt mich auch immer wieder dazu, die Teller rotieren zu lassen. So ist es unter den langweiligen Dingen noch am einfachsten, Löcher in die Luft zu starren, auch wenn es nichts Nutzloseres gibt.