Fokus: Auszeit Der Körper ist das Grab der Seele

Huang Min vor einem ihrer Werke
Courtesy: Huang Min

Seit ich ein Kind habe, ist Zeit für mich viel kostbarer geworden. Vor allem ist mir viel bewusster geworden, welches Wunder das Leben ist, wie zerbrechlich es ist. Diese Veränderung spiegelt sich auch in meinem künstlerischen Schaffen wider: Ich empfinde dem Leben gegenüber eine größere Ehrfurcht und möchte meine frühere Oberflächlichkeit überwinden, ich möchte etwas Wesentlicheres, Schlichteres in meine Arbeiten bringen.

Was das Thema „Auszeit“ betrifft: Für mich als hauptberufliche Malerin sind Freizeit und Arbeit immer miteinander verschränkt. Arbeit ist Leben, Leben ist Kunst. 

Ausstellungen nutzen, um die Welt zu erkunden

Als ich noch kein Kind hatte, verbrachte ich meine Freizeit oft mit Arbeit und Ausstellungen, wobei ich die Gelegenheit immer auch nutzte, um ein bisschen zu relaxen – ich ging selten einfach nur auf Reisen. Weil auch mein Mann Ma Jun (马军) Maler ist und wir mit denselben Galerien zusammenarbeiten, organisierten die Galerien die Ausstellungen oft so, dass wir sie gemeinsam machen konnten: Meine Bilder nahmen die Wände der Galerie in Beschlag, während Ma Juns konzeptuelle Skulpturen und Installationen den Galerieraum an sich bespielten – unsere Arbeiten ergänzten einander. Nach jeder Ausstellungseröffnung besichtigten wir die Stadt, in der die Ausstellung stattfand, aber auch Orte in der Nähe, und ließen es uns gut gehen. Unser Interesse galt natürlich in erster Linie den Galerien und Museen.

Ich erinnere mich, dass wir 2006 nach der Eröffnung einer Ausstellung in einer Frankfurter Galerie ein Museum für zeitgenössische Kunst und ein paar kunsthistorische Museen besuchten. Am Abend gingen wir am Main-Ufer spazieren und genossen die Entspannung nach dem Stress der Arbeit. Die restlichen Tage wollten wir unbedingt in Berlin verbringen. Wir besuchten jeden Tag ein paar Museen und Galerien und flanierten durch die Stadt – diese paar freien Tage waren ein seltener Luxus für uns.

Unsere Ausstellungen boten uns die Gelegenheit, auch eine ganze Reihe anderer Städte zu besuchen: Wir kamen nach Barcelona, Dubai, Berlin, Rostock, Dresden, Meißen, Venedig, Florenz, Siena, New York, Dallas und Los Angeles. So konnte ich nicht nur meinen allgemeinen Horizont erweitern, sondern mir auch klarer über meine eigene Position werden und mein Verständnis von Leben und Kunst vertiefen. 

Fragmentiert und ganz

Nach der Geburt unserer Tochter im Jahr 2012 bildete meine Zeit plötzlich nicht mehr wie früher ein Ganzes, sondern war auf einmal total fragmentiert. Daran musste ich mich erst langsam gewöhnen, ich musste lernen, damit umzugehen. Bei der Arbeit musste ich nun schnell in den richtigen Arbeitsmodus kommen, um diese zerteilte Zeit bestmöglich nutzen zu können. Und ich musste schnell zwischen den verschiedenen Rollen umschalten lernen.

Solange ich stillte, musste ich natürlich den ganzen Tag zu Hause sein. Da nutzte ich die Zeit, während der das Baby schlief, für meine eigenen Angelegenheiten, ich malte ein paar kleine Aquarelle, ja, ich zeichnete sogar für unser Baby. Das war für mich die allerentspannteste und genussvollste Zeit. Während ich unsere Tochter malte, empfand ich ein intensives Glücksgefühl, aber ich spürte auch die Verantwortung, und langsam konnte sich auch mein Potenzial wieder entfalten. Nachdem ich meine Tochter mit einem Jahr abgestillt hatte, begann sie zu laufen und zu sprechen. Dank der Hilfe meiner Eltern und unserer Haushaltshilfe konnte ich nun langsam wieder länger arbeiten. Ich fuhr nun wieder jeden Tag zwanzig Minuten mit dem Auto in den Pekinger Vorort Heiqiao (黑桥) in mein Atelier und arbeitete dort einen guten halben Tag. In den letzten Monaten war ich tagsüber fast die ganze Zeit im Atelier, um meine Einzelausstellung vorzubereiten.

Ich kann mir die Zeit nur auf folgende Weise vernünftig einteilen: Nach dem Frühstück verbringe ich eine gute Stunde mit meiner Tochter: Wir spielen Verstecken, gehen im Sand spielen, spielen mit Bauklötzen, ich erzähle Geschichten, wir hören Musik und tanzen. Dann verabschiede ich mich schweren Herzens von ihr. Sehr oft will sie nicht, dass ich gehe, deswegen schleiche ich mich meist heimlich weg und bekomme dann mit, wie ihr Stimmchen nach der Mama ruft oder sie sogar richtig laut weint. Aber damit ich arbeiten kann, muss ich mich überwinden und mich von ihr losreißen. Manchmal ist auch ihr Vater da, um ihr Gesellschaft zu leisten. Wenn ich dann unterwegs bin, fühle ich mich sehr schlecht, ich habe Gewissensbisse. Im Atelier muss ich mir zuerst einmal einen Tee oder Kaffee machen und mich ein bisschen entspannen. Ich muss erst wieder zu mir kommen und möglichst schnell wieder dieses Gefühl einer „ganzen“ Zeit finden, um überhaupt nachdenken und arbeiten zu können. Manchmal male ich dann im Atelier eine Reihe kleiner Arbeiten, weil ich zu sehr an meine Tochter denken muss. Was das Malen betrifft, so entdecke ich immer wieder einmal etwas unerwartet Neues, weil sich die Themen ändern. Dieses intensive Gefühl des Sich-Sorgen-Machens schlägt sich auch in den Arbeiten nieder. Manchmal breche ich beim Malen in Tränen aus, und erst dann löst sich langsam diese Spannung.

Im Moment verbringe ich im Grunde jeden freien Moment mit meinem Kind. Hin und wieder treffe ich mich auch mit gleichgesinnten Freunden. Sobald man ein Kind hat, ist Zeit plötzlich etwas sehr Kostbares, und man entwickelt ein ganz anderes Gefühl für das Leben. Vor allem ist man auf einmal sensibler gegenüber dem Wunder und der Zerbrechlichkeit des Lebens. Diese Veränderung reflektiert sich auch in meiner künstlerischen Arbeit: Für mich war zwar auch schon früher der Mensch das Wichtigste in meiner Auseinandersetzung als Malerin, aber jetzt ist für mich dieser Weg noch viel klarer, und auch den anderen Wesen und Dingen gegenüber empfinde ich mehr Respekt. Ich möchte meine frühere Oberflächlichkeit überwinden, ich möchte etwas Wesentlicheres, Schlichteres in meine Arbeiten bringen.

Ins echte Leben eintauchen

Deswegen und weil ich meine freie Zeit in so engem Kontakt mit meiner Tochter verbringe, ist mir sehr bewusst geworden, wie kostbar das Leben ist. So habe ich ganz unbewusst angefangen, auch andere Kinder, ja überhaupt die Menschen um mich herum, stärker wahrzunehmen. Bei der Vorbereitung der Ausstellung, die in Kürze eröffnet wird, habe ich mich deshalb mit Heiqiao, der Community, in der mein Atelier liegt, beschäftigt. Ich bin schon vor sechs Jahren, 2008, von Feijiacun (费家村) hierher übergesiedelt. Heiqiao bildet wie eine Miniatur die Transformationsprozesse ab, die die chinesische Gesellschaft durch die Urbanisierung durchläuft. Es ist eine jener typischen Gegenden, wo sich Stadt und Land vermischen, sie ist sehr facettenreich und auch international. Es gibt 60.000 bis 70.000 Menschen, die aus anderen Gegenden zugezogen sind, inklusive Wanderarbeitern und Künstlern, während das ursprüngliche Dorf gerade einmal 2.000 Einwohner hatte.

Nach vielem Nachdenken und einigem Hin und Her habe ich gemeinsam mit dem Kurator Wei Xing (魏星) für diese Ausstellung den Titel Heiqiao – ein poststrukturalistischer Mikrokosmos gewählt. Dafür habe ich Kinder von Wanderarbeitern im Volksschulalter und ungefähr 18 Künstler aus Heiqiao eingeladen, gemeinsam Werke zu erarbeiten, die sich mit dem Ort Heiqiao auseinandersetzen. Ich selbst zeige in der Ausstellung nicht nur Malereien, sondern auch Bildinstallationen, Videos und Live-Karaoke.

Die Grundschule in Heiqiao ist eine Privatschule, in der es weder Musik- noch bildnerische Erziehung gibt, weil es dafür nicht genug qualifizierte Lehrer gibt. Diese Ausstellung will auch die Künstler dazu aufrufen, den Kindern gratis Unterricht zu geben, oder ihnen zumindest durch diese Ausstellung ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen. Alles in allem geht es mir darum, ihnen mit meiner beschränkten Energie ein bisschen zu helfen. Wir hoffen, dass diese Ausstellung tatsächlich etwas mit der hiesigen Realität zu tun hat und sich auch in diese Realität einmischt. Sehr oft bin ich ja eher pessimistisch und habe das Gefühl, dass Kunst in dieser Welt nutzlos ist – nur ein Spielzeug für sehr reiche Leute. Durch diese Ausstellung hoffe ich, endlich ein bisschen etwas für die Leute um mich herum tun zu können.

Der Philosoph Pythagoras hat einmal ungefähr Folgendes gesagt: Wir alle sind Fremde auf dieser Welt, der Körper ist das Grab unserer Seele. Wenn man das versteht, dann kann man den Moment genießen und schätzen, egal, ob man arbeitet oder nichts tut.