Bildung Chinawissenschaften in Deutschland

Chinesische Schriftrolle im Museum in Quzhou
Chinesische Schriftrolle im Museum in Quzhou | Foto: ML

Vom Studium des Chinesischen müsse er mir eigentlich abraten, meinte einst mein erster Chinesischlehrer, als er von meinen Studienplänen erfuhr. Die Sinologie sei „ein Fass ohne Boden".

Vom Studium des Chinesischen müsse er mir eigentlich abraten, meinte einst mein erster Chinesischlehrer, als er von meinen Studienplänen erfuhr. Die Sinologie sei „ein Fass ohne Boden". Ein ganzes Leben genüge kaum, um sich nur ansatzweise mit der chinesischen Sprache, Schrift und Kultur vertraut zu machen. Ganz zu schweigen von meinen zukünftigen Mitstudenten: Sinologen seien meist ziemlich verschrobene, eigenbrötlerische Zeitgenossen und keine sehr sympathischen Mitmenschen. Mein damaliger Mentor, der übrigens selbst zu den wenigen deutschen Sinologie-Absolventen seiner Generation zählte, wiederholte damit nur, was noch in den 1970er Jahren in Deutschland als unbestritten galt: dass das Studium der Chinawissenschaften eine in jeder Hinsicht exotische Beschäftigung darstelle – und deutsche Sinologen ein Außenseiterdasein fristeten.

 Das alles hat sich inzwischen gründlich geändert. Ob die ältere deutsche Sinologie wirklich so weltfremd war, wie ihr Ruf besagte, und wie es dazu kam, dass sie sich erneuerte, zeigt der folgende Rückblick auf die Geschichte der deutschen Sinologie.

„Als Sinologie bezeichnet man die mit philologischer Methode betriebene Erforschung Chinas, seiner Geschichte und Kultur aus den chinesischen Quellen." So beschrieb Herbert Franke, einst Sinologie-Professor in München, das Fach „Sinologie" in einer Veröffentlichung aus dem Jahre 1953. Tatsächlich war die ältere Sinologie eine Textwissenschaft. Und nicht nur in Deutschland befassten sich Sinologen vor allem mit klassischen chinesischen Texten und linguistischen Fragestellungen – was dazu beitrug, das Klischee des weltabgewandten Chinawissenschaftlers zu fördern. Sicherlich zu Unrecht, denn schon die frühe Chinakunde des 18. und 19. Jahrhunderts wurde von recht lebenspraktischen Persönlichkeiten betrieben: etwa von Christian Mentzel (1622-1701), Leibarzt des Kurfürsten von Brandenburg, der sich mit chinesischer Medizin befasste. Oder von Johann Heinrich Plath (1802-1874), der schon 1830 ein Standardwerk über die Mandschurei veröffentlichte, und wegen seiner liberalen Gesinnung viele Jahre im Zuchthaus saß.

Sinologie als akademische Disziplin

Eine renommierte „Grammatik der chinesischen Schriftsprache“ verfasste der in Leipzig als außerordentlicher Professor für ostasiatische Sprachen lehrende Linguist Georg Conon von der Gabelentz (1840-1893). Wie seine Vorläufer hat auch er China nie betreten. Dies änderte sich erst nach der deutschen Reichsgründung (1871), als 1887 an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin ein Seminar für Orientalische Sprachen gegründet wurde. Hier fand ein regulärer Unterricht in chinesischer Sprache und Landeskunde statt, denn man benötigte Dolmetscher für den diplomatischen Dienst in Peking. Koloniale Überheblichkeit verhinderte allerdings lange Zeit, dass die Chinawissenschaften als gleichberechtigte Disziplin an den Universitäten gelehrt wurden. Immerhin gab es Forscher wie Wilhelm Grube (1855-1908), Leiter der ostasiatischen Abteilung des Berliner Museums für Völkerkunde. Er verfasste eine „Geschichte der chinesischen Literatur“(1902) und erforschte die Sprache und Schrift der Dschurdschen. Doch eine planmäßige Professur für Sinologie wurde erst im Jahre 1909 am Hamburger Kolonialinstitut eingerichtet: Auf den Lehrstuhl wurde Otto Franke (1863-1946) berufen. Franke hatte Sanskrit und Geschichte studiert, danach als Übersetzer in der deutschen Botschaft in Peking gearbeitet und zahlreiche Reisen durch Südchina und die Mongolei unternommen. Seine auf fünf Bände angewachsene „Geschichte des chinesischen Reiches“, sollte unvollendet bleiben. Noch im Alter von 60 Jahren, wurde Franke als Nachfolger des Niederländers Jakob Maria de Groot auf den 1912 begründeten Lehrstuhl in Berlin berufen.

Die Blütezeit der deutschen Sinologie

Dort wirkten weitere bedeutende Sinologen, darunter Erich Hauer (Philosophie, mandschurische Sprache und Geschichte), Erich Schmitt (klassisches Chinesisch, Philosophie), Walter Simon (Sprachwissenschaft), Alfred Forke (Philosophie), die Nachwuchswissenschaftler Wolfram Eberhard, Hellmut Wilhelm, der gebürtige Ungar Étienne Balázs (Wirtschaftsgeschichte), sowie ab 1932 als Nachfolger Otto Frankes, Erich Haenisch (Mongolisch, Mandschurisch). Chinesisch wurde in Göttingen und Bonn gelehrt, ostasiatische Kunstgeschichte außerdem an Museen in Köln und München betrieben. Neben Hamburg und Berlin gab es seit 1922 einen Lehrstuhl in Leipzig und seit 1925 eine aus privaten Stiftungsgeldern finanzierte Professur in Frankfurt am Main, die Richard Wilhelm (1873-1930) innehatte, der populäre Übersetzer der konfuzianischen und daoistischen Klassiker. In dieser Epoche zwischen den beiden Weltkriegen erlebte die deutsche Sinologie eine später nie mehr erreichte Blütezeit: Da Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg keine Kolonialmacht in China mehr war, intensivierten sich die Beziehungen zur chinesischen Republik. In der deutschen Öffentlichkeit machte sich nach Weltkrieg und Wirtschaftskrise der Zweifel an der Überlegenheit der westlichen Zivilisation bemerkbar. Das steigende Interesse an ostasiatischen Wertesystemen wiederum, förderte den Aufschwung der Sinologie.

Absturz in die Bedeutungslosigkeit

All dies endete in den Jahren nach 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Bedeutende Sinologen, wie etwa Walter Simon, Étienne Balázs oder der aus Tschechien stammende Gustav Haloun wurden aus Deutschland vertrieben. Die Zeitschrift Asia Major, das auch international bedeutendste Organ der deutschen Sinologie, konnte nicht mehr erscheinen, nachdem ihr jüdischer Gründer und Herausgeber Bruno Schindler (1882-1964) nach England fliehen musste. Die wenigen an den deutschen Hochschulen verbliebenen Sinologen dienten sich meist dem Regime an. Eine Ausnahme war Erich Haenisch. In seinen Arbeiten zur konfuzianischen Moral kritisierte er indirekt die Nazi-Diktatur. Und als einziger deutscher Sinologe wandte er sich 1944 an die zuständigen Behörden, um die Freilassung des französischen Sinologen Henri Maspero aus der Haft im Konzentrationslager Buchenwald zu erreichen – leider vergeblich. Henri Maspero, dem die europäische Sinologie wertvolle Forschungsarbeiten verdankt, starb am 17. März 1945 in Buchenwald. Mit der Bombardierung der deutschen Städte wurden auch wertvolle sinologische Buchbestände zerstört. Isoliert von der internationalen Forschung und diskreditiert durch die Regimetreue ihrer Vertreter versank die deutsche Sinologie in Bedeutungslosigkeit.

Der deutschen Sinologie war es in den Jahren nach 1945 kaum mehr möglich, an das in den 1920er Jahren erreichte Niveau anzuknüpfen. Unter den Emigranten, die Deutschland nach 1933 verlassen mussten, waren Wissenschaftler, die innovative Forschungsansätze in die Sinologie eingebracht hatten und nun die Forschungsszene etwa in den USA bereicherten. Dazu kam noch die Teilung Deutschlands und Berlins. Leipzig, wo nach 1945 wieder der einst von den Nationalsozialisten aus dem sinologischen Institut entfernte Eduard Erkes lehrte, geriet unter sowjetische Verwaltung.

Der Wiederaufbau nach 1945

Erich Haenisch verließ Berlin und übernahm 1946 den erstmals besetzten Lehrstuhl für Sinologie an der Universität München. Später sollten dort einige jener Professoren lehren, die in den 1960er und 1970er Jahren maßgeblich die akademische Sinologie in Westdeutschland prägten: Herbert Franke, der u.a. über das chinesische Mittelalter und die zentralasiatische Kulturgeschichte arbeitete, Wolfgang Bauer, dessen großes Werk über die Autobiographie in China eine Brücke zwischen den älteren sinologischen Traditionen und neueren Fragestellungen schlug, sowie, später dann, Helwig Schmidt-Glintzer, der eine neuere „Geschichte der chinesischen Literatur“ vorlegte. An den westdeutschen Universitäten entstanden zusätzliche sinologische Institute, die eine stärkere Spezialisierung pflegten. Während beispielsweise in Heidelberg Günther Debon mit zahlreichen Übersetzungen der klassischen chinesischen Lyrik hervortrat und außerdem eigens ein Lehrstuhl für „Ostasiatische Kunstgeschichte“ eingerichtet wurde, konnte die neue Universität in Bochum neben einer sinologischen Professur für Sprache und Literatur noch Lehrstühle für Politik und Geschichte, sowie (ab 1984) für Wirtschaft vorweisen.

Defizite der deutschen Sinologie

 Allerdings machte sich gerade in den 1960er und 1970er Jahren die einseitige Ausrichtung der deutschen Sinologie auf die ältere Kultur Chinas als Defizit bemerkbar. Einer Darstellung Herbert Frankes zufolge, beschäftigte sich im Jahre 1967 nur einer der damals dreizehn sinologischen Lehrstühle in der Bundesrepublik Deutschland intensiv mit der chinesischen Gegenwart. Zwar existierte seit 1956 das Hamburger Institut für Asienkunde (heute: GIGA-Institut für Asienstudien) mit seiner Fachzeitschrift „China aktuell“, doch dessen Arbeiten wurden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Im Zeichen der globalpolitischen Rivalität zwischen den Großmächten der USA und der Sowjetunion einerseits, der Selbstabschottung „Rotchinas“, wie es damals hieß, andererseits, fristete die gegenwartsbezogene seriöse Chinawissenschaft in Deutschland ein Schattendasein. Im Zuge der westdeutschen Studentenbewegung der Jahre um 1968 mutierte dann plötzlich das kulturrevolutionäre China zum utopischen Sehnsuchtsland der bundesdeutschen Linken. Ihre Vordenker, wie der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, damals Herausgeber der Zeitschrift kursbuch, oder der Sinologe Joachim Schickel verklärten die damalige politische Situation in China zum Mythos. Eine nüchterne Auseinandersetzung mit Unterdrückung, Terror und Folter, unter denen die chinesische Bevölkerung zu leiden hatte, fand nicht statt. Im Verlaufe der 1970er Jahre indes beruhigte sich die Situation. An zahlreichen sinologischen Instituten wurde nun auch modernes Chinesisch unterrichtet – teilweise mit Hilfe von Lehrmaterialien aus der damaligen Volksrepublik China, deren Vokabular sich in kommunistischen Propagandafloskeln erschöpfte. Und so mancher Student zog es angesichts solch geistestötender Lektüre vor, sich weiterhin mit den älteren Texten der chinesischen Geistesgeschichte auseinanderzusetzen.

Die aktuelle Situation

Das Erscheinungsbild der deutschen Sinologie hat sich seitdem noch einmal grundlegend gewandelt. Dazu haben nicht nur die enormen Veränderungsprozesse in der Volksrepublik China selbst und der Boom der deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen beigetragen. Auch eine veränderte Hochschulkonzeption im vereinigten Deutschland hat dazu geführt, dass China-Studiengänge nicht mehr exklusiv an Universitäten angeboten werden. Fachhochschulen, Berufsakademien, ja sogar Handelskammern haben spezielle Programme entwickelt, die sprach- und landeskundliche Kurse mit betriebswirtschaftlichem Know-how kombinieren. An manchen Universitäten hat das Fach „Wirtschaftssinologie“ Einzug gehalten. Die Umstellung sinologischer Institute auf die Erfordernisse von „Bachelor“- und „Master“-Studiengängen erweckt den Anschein von größtmöglicher Praxisnähe. Aus dem einstigen Orchideenfach, so scheint es, ist ein radikal gegenwartsbezogener Studiengang geworden, der – inklusive Praktika und China-Aufenthalt – von seinen Studenten in möglichst kurzer Zeit zu absolvieren und später einmal eine Karriere in Privatwirtschaft oder Institutionen eröffnen soll.

Offene Fragen

Ist bei all dem noch Platz für eine Forschung, die Traditionslinien berücksichtigt? „Zeit ist die Ressource, die fehlt“, antwortet darauf Prof. Heiner Roetz, der in Bochum Geschichte und Philosophie Chinas lehrt und von dem ökonomischen Druck berichtet, der auf Lehrenden und Studenten lastet. Optimistischer gibt sich hingegen Prof. Dorothea Wippermann, die den sinologischen Lehrstuhl in Frankfurt am Main innehat: „Das klassische Chinesisch ist noch längst nicht untergegangen“. Sie verweist auf die Wiederbelebung der alten Schriftsprache und der philosophischen Klassiker in der Volksrepublik China von heute. Und in der Tat: Von der Chinawissenschaft zu verlangen, dass sie auf die Reflexion des Geschichtlichen verzichtet, hieße, sie ihres Wissenschaftscharakters zu berauben. Es bleibt zu hoffen, dass diese Einsicht sich dereinst einmal auf allen Entscheidungsebenen durchsetzen möge.