Fokus: Kitsch Politkitsch und Kunstkitsch

In rot-gelbem Coronaglanz erstrahlend oder Politkitsch?
© Stefanie Thiedig

Politkitsch besteht für Wang Ge (王歌) in extremem „Gefühlsüberschwang, dem es an Vernunft mangelt“ und in dem sie das chinesische Volk gefangen sieht – sowohl auf offizieller als auch auf bürgerlicher Seite.

Das Informationszeitalter hat den riesigen Planeten auf ein globales Dorf komprimiert. Die Menschen können alle erdenklichen Dinge bequem austauschen und die Währung hat die Illusion einer „objektiven Äquivalenz“ erzeugt. Der Konsum wird als Tauschmodell für China nun zur blind machenden Ideologie: Der Konsum rettet die Wirtschaft; der Konsum rettet die Politik; der Konsum rettet die Bevölkerung in ihrem Gefühl der Unzufriedenheit. Der Konsumismus ist per se der größte Kitsch: bunt, fröhlich und leicht verdaulich.

Der Konsument ist weder dafür, noch dagegen. Er nimmt gegenüber der Gesellschaft eine Haltung der Gleichgültigkeit ein und zieht sich auf den privaten Bereich zurück. Diese pubertäre „Null-Bock-Haltung“ mag vielleicht die „Anerkennungsmechanismen“ der Macht etwas ankratzen, doch sie ist kein Korrektiv für den in China vorherrschenden Glauben an den „Beamtenstatus“ oder die gefühlslose „Günstlingsgesellschaft“. Wie viele Jugendliche machen in ihren Kreisen einen „auf cool“; träumen als Jungs davon, „groß, reich und gutaussehend“, und als Mädchen, „hellhäutig, reich und schön“ zu sein; tragen sich in alle möglichen „Fanclubs“ ein, als hätten sie mit sich selbst nicht genug zu tun. Die chinesische Showkultur und das Überhandnehmen von Fans bedeutet an sich schon eine Anbiederung an das Vulgäre. Darüberhinaus sind nicht wenige Medien momentan dabei, diesen Kitsch zu systematisieren. Sie verwandeln die Aufmerksamkeit für das Triviale in Einschaltquoten und Klickraten, um ein wenig Kapital daraus zu schlagen. Die Chinesen sind sowieso zu viele und gestrandete Schicksale gibt es zuhauf, so lassen sich gigantische Werbesummen anhäufen.

Im Strudel radikaler Politisierung

Entpolitisierter Konsumismus ist Kitsch. Wenn der Mensch in den Strudel einer radikalen Politisierung gezogen wird, ist das ebenfalls Kitsch. Dies sind die zwei Gesichter des Politkitsches. Politischer Kitsch zeigt sich mal mit einem euphorischen Grinsen und dann wieder versteinert seine Miene zur Gleichgültigkeit. In beiden Fällen wird unabhängiges Denken und eigenständiges Handeln von Grund auf unterdrückt. Der Politkitsch, von dem hier die Rede ist, zielt nicht auf eine allgemeine Charakterisierung von politischen Persönlichkeiten ab. Meiner Ansicht nach führt es in die Irre, immer wenn einem die Politik in den Sinn kommt, gleich an Machthaber und Offizielle, an Einfluss und Prestige zu denken. Dieser Irrtum beruht auf zwei Vorurteilen: Auf der einen Seite hält man die Politik für schlecht, weil die Politiker und das System verderbt seien, wobei man die Mittäterschaft der Allgemeinheit ausblendet. Andererseits hält man ein gutes System für gottgegeben und legt die Hände in den Schoß, weil man vergisst, dass es über die Zeit im zivilen Leben erkämpft wurde. Ich mache beim Politkitsch keinen Unterschied zwischen dem „Offiziellen“ und dem „Bürger“, meiner Meinung nach sind im gegenwärtigen China beide fragwürdig. Solange wir nicht die Macht haben, die Dinge von Grund auf zu ändern, können wir nur über die Kreativität und die Partizipation jedes einzelnen Bürgers die Kraft einer „Mikropolitik“ entfalten.

Seit den 1990er Jahren hat die chinesische Gesellschaft nach Jahrzehnten absoluter Politisierung dieser den Rücken gekehrt. Diese Kehrtwende ist das Ergebnis der staatlichen Einengung von gesellschaftlichen Räumen und politischem Leben. So haben in der Volksrepublik Frauen im gebärfähigen Alter in den ersten drei Jahrzehnten fünf oder sechs Kinder zur Welt gebracht, während ihnen in den letzten drei Jahrzehnten nur ein einziges erlaubt wurde. Halten sie sich nicht daran, müssen sie ein Bußgeld zahlen, werden aus dem Staatsdienst entlassen oder sogar zwangssterilisiert. So fällt eine Nation, die ursprünglich die konfuzianische Doktrin von „Mitte und Maß“ (中庸) und den buddhistischen „Weg der Mitte“ (中道) geschätzt hatte, seit über einem halben Jahrhundert hysterisch von einem Extrem ins andere.

Im Besitz der absoluten Wahrheit

Während in Europa Wissen und Politik zwei voneinander relativ unabhängige Sphären bilden, hat die Politik meines Landes stets bekundet, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Folglich gibt es zahlreiche „Wortführer der Wahrheit“ und „Wahrheitsfans“, jedoch nur selten beharrliche Skepsis und kritische Hinterfragung. Wir hören heute immer öfter, wie die Medien begeistert über U-Boote, Tarnkappenflugzeuge, Flugzeugträger und Militärmanöver diskutieren; wie sie darüber debattieren, dass China von den USA militärstrategisch eingekesselt und politisch isoliert wird und sie sich über den Territorialstreit mit Ländern wie Japan und den Philippinen die Köpfe heißreden. Was wir aber weitaus dringender benötigen als diese Emotionalisierung sind kühle Analysen und eine differenzierte Geschichtsbetrachtung. Wir sollten die Argumente für die Forderungen der einzelnen Parteien kennen und außerdem wissen, wodurch sie gerechtfertigt sind. Solche Fragestellungen sind keineswegs formale Dialoge des Relativismus, sondern die unabdingbaren Kettenglieder eines vernünftigen politischen Lebens.

Politischer Kitsch ist nicht notwendigerweise falsch. Sein Problem ist allerdings, dass er „sich selbst immer im Recht sieht“ und in der Folge stolz und selbstherrlich auftritt. Weil es uns an Bewusstsein und Übung in Sachen Partizipation mangelt, verwechseln wir „Anhänglichkeit“ und „blinde Zustimmung“ leicht mit politischer Leidenschaft, verstehen „Politik“ als Machtspiel im Hinterzimmer und ignorieren sowohl den öffentlichen Gebrauch der Vernunft als auch das alltägliche Leben als Bürger. Wie jeder andere Kitsch transportiert auch der politische Kitsch eine billige Begeisterung – einen Gefühlsüberschwang, dem es an Vernunft mangelt. Feuchte Augen und geballte Fäuste, all das ist nichts anderes als von der Ideologie zur Schau gestellter Fanatismus.

Unmut als Edelmut oberflächlichen Gesprächsstoffes

Selbst wenn man dazu eine klare Gegenposition bezieht, läuft man Gefahr, kitschig zu werden. Man äußert einfach den Unmut, der vielen auf der Zunge liegt. Der Enthusiasmus der Vergangenheit und das heutige kollektive Bauchgrimmen sind allesamt Metamorphosen des Politkitsches. So wird die Unzufriedenheit mit dem System, der Korruption oder dem ungleich verteilten Wohlstand zwar zum Gesprächsstoff bei Essenseinladungen, bleibt jedoch ohne Bedeutung für die Erkenntnis oder das eigene Handeln. Einige Menschen fordern immer, dass ihnen mehr legitime Rechte zugestanden werden. Doch was ist mit den Rechten, die wir bereits haben, nutzen wir sie denn vollständig und übernehmen wir die mit ihnen verbundene Verantwortung? Eigentlich genießen wir gewisse Freiräume, und trotzdem haben wir kein nachbarschaftliches und gesellschaftliches Leben gestaltet. Hingegen meinen wir, dass sich unsere Bürgerpflicht darin erschöpft, dass man einen Wahlzettel hat, auf dem man seinen in China üblichen Haken machen kann. Gegenwärtig droht eine Gefahr: nämlich, dass alles zur Ware wird, zum Konsum, zum BIP. Nur selten macht sich jemand Gedanken darüber, dass dadurch viele andere Alternativen verborgen bleiben, weil man uns Glauben macht, dass es nur die Möglichkeit dieses äquivalenten Tauschs gibt. So setzen wir einen möglichst großen Teil unserer Arbeitszeit in äquivalente Tauschobjekte um. Oberflächlich gesehen ist das die Logik des freien Homo oeconomicus. Doch tatsächlich ist das die Lebenshaltung des Privatmanns, denn es bleibt uns keine Zeit mehr für die Gesellschaft, keine Zeit dafür, ein Zoon politikon, ein Lebewesen in der Polisgemeinschaft, zu werden.

In jeder Epoche hat der Politkitsch seine unverwechselbare Gestalt. Er macht den „guten“ und „richtigen“ Dingen schöne Augen. Dabei kommt ihn diese Umgarnung nicht teuer, denn Loyalität, Edelmut und Gerechtigkeit lassen sich ohne jeglichen Kostenaufwand rasch nachahmen. Man gibt sich entrüstet und schon steht man selbst auf der Seite der Gerechten. Die „unerträgliche Leichtigkeit“ Milan Kunderas meint eben den Kitsch von dem Wahrheitsanspruch einer billigen Politik. Und das auch, wenn dieser Kitsch in so hehren universalen Werten wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechten besteht.

Im Vergleich zum politischen Kitsch gibt sich der Kitsch im künstlerischen Kontext etwas raffinierter, weil er um die Formen der Ironie bereichert wird.

Der amerikanische Kunstkritiker Clement Greenberg (1909-1994) hat in den 1930er Jahren Avantgarde und Kitsch einander gegenübergestellt. Er behauptete sogar, zeitgenössische Kunst gleite ins Kitschige ab, wenn sie realistisch sei. Greenbergs Einsicht leitete einerseits ein neues Kunstverständnis ein und korrigierte den Marktpreis von Kunstwerken, andererseits unterdrückte sie auch andere Alternativen. Sowohl die Einsicht als auch der Kitsch besitzen eine zwingende Kraft. Allerdings sind im Übergang von abstrakter Avantgarde zum abstrakten Kitsch, von Installations-Avantgarde zu Installations-Kitsch, von Video-Avantgarde zum Video-Kitsch und von einer den Realismus wiederholenden Avantgarde zum realistischem Kitsch, die Anhänger einer solchen Avantgarde nicht so sehr „Kitschbrüder“, als vielmehr „kulturelle Trittbrettfahrer“.

Die Kunst versucht, die Unversöhnlichkeit zwischen Avantgarde und Kitsch aufzulösen. Gerade die „Rote Popart“ funktioniert innerhalb der zeitgenössischen chinesischen Kunst als Parodie auf den Kitsch und stimmt das Gegenlied zu Kants Verständnis vom „Schönen“ an. Diese Art von Kitsch ist überladen, von schriller Farbigkeit und voll vorgefertigter Symbole. Ähnlich dem „Preemptive Kitsch“, von dem der britische Philosoph Roger Scruton spricht, richtet sich diese Kunst in ihrem tiefsten Innern gegen den Kitsch, zumindest hat sie das am Anfang getan.

Avantgarde ohne Grenzen zu sprengen

In der Kunst findet der Kitsch für gewöhnlich zwei Nachahmer. Zum einen den Kitsch, der den Reihen der „Avantgarde“ zugeordnet wird und der sich auf ewig selbst wiederholt. Auch wenn er das Label der „Avantgarde“ trägt, hat er doch dieselbe aufgegeben. Grenzen auszuloten ist anstrengend und die Mechanismen zur Legalisierung neuer Grenzen sind nicht nur kompliziert, sondern auch ziemlich zufällig. Wie viele Künstler sind ihr Leben lang künstlerische Outlaws gewesen, ohne dass ihnen der Ruf zuteil wurde, neue Gesetze aufgestellt zu haben. Ein weiterer ewiger Imitator der Kunst ist die Masse. Das Paradebeispiel ihrer Werke sind die Touristenartikel, die wir auf dem Pekinger Kunstareal 798 finden. Laut Kundera spricht Kitsch nicht über Scheiße, wahrscheinlich weil Schmutz Entfremdung hervorruft und prätentiöse Gefühle irritiert. Nun aber gibt es als neue Reisesouvenirs diverse Regierungsoberhäupter als Plastikfiguren , die auf der Toilette hocken. Offensichtlich kennt der Kitsch der Massen kein Tabu und darf jedes künstlerische Wertesystem verspotten. Wenn Künstler, Sammler, Kuratoren und Auktionshäuser zu Handelsvertretern der Kunst werden, darf auch die Kunstgeschichte nach der Logik von „Einkommensgenerierung“ und „Wertschöpfung“ weitergeschrieben werden. Wobei der Massenkitsch wenigstens nicht mithilfe der Verfälschung der Aura von Kunstwerken zu unerwarteten Reichtümern kommt. Das Billige ist das Kennzeichen für den ironischen Mechanismus von Kitsch. Während man sich durch den Konsum von Luxuswaren über die Masse erhebt, hat der Massenkitsch eher etwas von erzwungener Selbsterkenntnis.

Die wichtigsten Merkmale von Kitsch sind „unechte Gefühle“ und ein „falsches Bewusstsein“. Die unter diesen Umständen empfundene Ästhetik und Moral fällt eigentlich unter den Tatbestand der Nötigung, einem Zustand vor der Aufklärung. Egal ob in Bezug auf Waren oder Politik, der Kitsch heischt stets nach der Gunst der Oberen und ist doch nicht mit ganzem Herzen bei der Sache. Obwohl ihm nur wenig Anerkennung zukommt und ihm keine großen Schecks ausgestellt werden, liegt seine Kraft in seiner schieren Masse an Weltlichkeit. Hinter der Anbiederung an das Triviale oder das Kultivierte stehen wohl immer die Drohgebärde der Macht und die Verlockung des Geldes.

Nichtsdestoweniger fürchtet der Kitsch der Massen nicht die Wiederholung. Er mixt und kombiniert und tauscht die Idole aus, so wie wir die Socken wechseln. Die offene Kritik der Intellektuellen perlt an ihm ab. Ist das nun ein Anzeichen von Demokratisierung, dass alle mittelmäßig, lebensbejahend und gutmeinend werden? Innerhalb des Unkritischen, Unpolitischen und Geschmacklosen hat sich nur noch der Kitsch, einem Narren gleich, gesunden Menschenverstand und Erbarmen bewahrt. Aber für diesen Jahrmarkt der zwiespältigen Gefühle scheint sich noch kein passendes Wort gefunden zu haben. Der Kitsch spricht eine leicht verständliche Sprache und macht sich gleichzeitig über die eigene Oberflächlichkeit lustig. Er hat nicht die Fähigkeit, etwas Neues zu kreieren, findet aber Gefallen an der billigen Kopie und posaunt seine Liebe zum Alltäglichen heraus, vorausgesetzt, er bewahrt sich etwas Skepsis und Ironie.

Oder ist vielleicht auch diese Einschätzung nur eine Form von Kitsch?