Bildung Weshalb Chinesen so wenig lesen…

Lesen dient in China vor allem der Aneignung von Wissen
Lesen dient in China vor allem der Aneignung von Wissen | © www.icpress.cn

Professor Wang Dongjie (王东杰), Universität Chengdu, bedauert, dass das Lesen im heutigen China vor allem als Werkzeug zur Wissensvermittlung betrachtet wird.

Der folgende Artikel erschien am 1. April 2010 in der Wochenzeitung Southern Weekend.

Die Lesefaulheit der Chinesen bereitet mir in den letzten Jahren immer wieder Kopfzerbrechen. Wie oft sehe ich an öffentlichen Orten in China – sei es in Überlandbussen oder an Flughafen-Terminals – Ausländer, die trotz eines riesigen Rucksacks auf ihrem Rücken und der lärmenden Menschenmenge in die Lektüre eines Buches vertieft sind. Bei genauerem Hinsehen verraten die Buchumschläge, dass hier kein Klassiker gelesen wird, sondern meist populäre Romane, die man wohl kaum zur höheren Literatur zählen kann. Der Knackpunkt ist jedoch, dass ich mich wirklich schwer damit tue, unter den Chinesen in meiner Umgebung auch nur einen zu entdecken, der ein Buch oder eine Zeitung liest, und das selbst, wenn man die lokalen Käseblätter mit dazuzählt. Zwar werden die ausländischen China-Reisenden wohl kaum allesamt bildungsbeflissene Gelehrte sein, doch wenn sich einem ständig so ein Anblick bietet, ist das für uns Chinesen doch vergleichsweise beschämend.

Eigentlich werden Texte und Bücher in der chinesischen Tradition hoch geschätzt. So wurde im daoistischen Klassiker Huainanzi Weltbewegendes berichtet: „Als Cangjie (仓颉) die Zeichen schuf, fiel Regen wie Hirse vom Himmel und die Geister heulten in der Nacht.“ Xu Shen (许慎), der im 2. Jahrhundert n. Chr. das erste chinesische Wörterbuch verfasste (Anm. d. Übers.), meinte, die Schrift sei, „die Wurzel der Kultur und der Keim des Herrschertums, durch sie können die Vorfahren der Nachwelt etwas überliefern und die Nachkommen von früher erfahren.“ Die Schrift war nicht nur ein simples Instrument der Aufzeichnung, sondern ein Vehikel des „rechten Weges“ (dao). Seit der Ming- und Qing-Dynastie wurden zahlreiche zivile „Gesellschaften zur Pflege der Schrift“ und ähnliche Organisationen gegründet. Obwohl dies auch mit dem ganz pragmatischen Ziel der kaiserlichen Beamtenprüfungen zusammenhing, fußte ihre theoretische Basis doch auf den klassischen Schriften und dem Streben nach Wissen. Das Lesen von Büchern hatte aber auch eine hohe symbolische Bedeutung. Der Dichter Su Dongpo (苏东坡) etwa meinte, „Wo Menschen lesen können, nehmen Kummer und Sorgen ihren Anfang.“ Nachdem die Gebildeten begannen, sich als „Gelehrte“ zu identifizieren, waren sie bestrebt, über ihr kleines Selbst hinauszuwachsen und sich der Aufgabe zu widmen, „die Welt zu läutern“.

Dass in dieser kulturellen Atmosphäre die Schriftzeichen selbst unter den Analphabeten eine große Wirkung entfalteten, hätten aber auch viele Gelehrte der neueren Zeit nicht vermutet. 1907 bemerkte der russische Student Wassili Michailowitsch Alekseev, der das Reich der Mitte bereiste: „Hier in China bringen die Menschen noch an jedem freien Plätzchen ein Spruchpaar an.“ Diese Spruchpaare „stammen natürlich nicht von den Bewohnern der ärmlichen Häuser und Läden, auch nicht von unserem Bootsmann, der die Aufschrift nicht einmal lesen kann, obwohl er das, worauf sie anspielt, sehr gut kennt. Das Wichtigste jedoch ist, dass alle diese wenig oder gar nicht gebildeten Liebhaber von literarischen Zitaten Gefallen daran finden. Die Tiefe der kulturellen Durchdringung Chinas zeigt sich hier besonders deutlich.“ 

Allerdings waren seit der späten Qing-Zeit viele Studierte der Ansicht, dass der Hauptgrund für die Armut und Schwäche des neuzeitlichen Chinas die niedrige Alphabetisierungsrate sei, aufgrund derer sich in China kein Wissen verbreiten könne. Gerne führten sie zum Vergleich an, dass Japan allein deshalb so stark sei, weil dort noch jedes einfache Mädchen und jeder Rikschakuli in der Lage sei, Bücher und Zeitungen zu lesen. Allerdings blieb das Lesen auch dann noch eine Seltenheit, als das Ziel einer breiten Bildung weitgehend verwirklicht und die Schriftkundigkeit der Chinesen wie nie zuvor angestiegen war und das Lesen von Büchern und Zeitungen technisch gesehen gewiss kein Problem mehr darstellte. Hierbei spreche ich allerdings nur vom puren Leseakt und noch nicht vom „Streben nach geistig Höherem“.

Paradoxerweise ist es wohl ausgerechnet die Verbreitung moderner Bildung, welche für dieses Phänomen mitverantwortlich ist. Denn nach modernem Bildungsverständnis hat die Schrift ihre mit dem „rechten Weg“ zusammenhängende Heiligkeit verloren. Sie ist zu einem einfachen „Werkzeug“ der Niederschrift und Kommunikation geworden. Das Lesen wird in erster Linie als ein vorberufliches Wissens- und Fähigkeitstraining betrachtet, das die Kinder auf ihrem Weg in die Gesellschaft erhalten. Dies wird auch an dem in China, propagierten Spruch „Wissen verändert dein Schicksal“ sofort ersichtlich. Dabei kann Wissen per se keineswegs die Geschicke des Menschen verändern. Was jedoch tatsächlich ein Schicksal beeinflusst, ist eine gesunde Lebenseinstellung, welche man durch das Lesen über die Zeit gewinnt. Allerdings geht es bei dem, was man derzeit unter „Bildung“ versteht, mitnichten um eine menschliche Herzensbildung, sondern de facto nur darum, Wissen einzutrichtern.

Wenn das Lesen allein als Werkzeug angesehen wird, sich Wissen und Fähigkeiten anzueignen und nicht mehr als Mittler zwischen Mensch und „rechtem Weg“ fungiert, haben die Studenten, sobald sie mit der Uni fertig sind, natürlich das Gefühl, „die Vollendung erlangt zu haben“ und keine Bücher mehr zu benötigen. Heutzutage gibt es zwar auch manch einen, der fordert, dass man sich nach Schule und Studium weiterbilden müsse oder der die Errichtung einer „Lernenden Gesellschaft“ postuliert. Bei genauerer Betrachtung geht es bei dieser sogenannten „Bildung“ und dem „Lernen“ jedoch meist wieder nur um das Aufstocken von Wissen und Fertigkeiten. Das mag dem Menschen vielleicht dabei helfen, seinen Platz in der Gesellschaft einzunehmen, nicht aber den Sinn des Lebens zu finden. Der Mensch indessen wird abgesehen von seiner puren materiellen Existenz immer auch mit dieser viel abstrakteren Frage konfrontiert werden. Doch lernt man in der Schule nichts dergleichen, und wenn man sich dann nach dem Abschluss einer Gesellschaft gegenübersieht, die ganz anders denkt als man selbst, ist man völlig hilflos. Derartige Tragödien konnten wir in den letzten Jahren allzu oft beobachten.

Unter dem Leitbild eines solchen Bildungsverständnisses hat eine immer stärker prüfungsorientierte Bildung einmal mehr dazu geführt, dass den Chinesen die Lust am Lesen vergangen ist. „Wer es mit Mathe, Physik und Chemie gut hält, kommt ohne Furcht durch die ganze Welt“, diese drei Jahrzehnte alte Devise hört man in diesen Jahren zwar kaum noch, aber an der durch sie vorgegebenen Marschrichtung hat sich nichts geändert. Das einzige, was bei der prüfungsorientierten Bildung zählt, und die einzigen „Bücher“, die überhaupt Bestand haben, sind Lehrbücher und Übungshefte. Jegliches prüfungsferne Lesen wird als „müßige Lektüre“ angesehen, mit der man sich besser nicht abgibt. Zwar scheint das Erziehungsministerium den Grund- und Mittelschülern in den letzten Jahren ein Paket literarischer Klassiker empfohlen zu haben, aber soweit ich in der Praxis gesehen habe, handeln die Schulen diese Bücher genauso wie Schulaufgaben ab. So wird es den Schülern nicht nur unmöglich gemacht, umfassende Lesegewohnheiten zu entwickeln, sie müssen auch noch zwangsläufig zu der Meinung kommen, dass das Lesen von Büchern eine trockene und fade Angelegenheit ist. Als ich einmal ein Geschichtsbuch der Mittelschule durchblätterte, war ich hochgradig gelangweilt. Wenn dies „Bücher“ sein sollen, dann würde ich von ihnen auch die Finger lassen.

Natürlich könnte man einwenden, dass man, wenn man wie die Ausländer ständig einen Schmöker vor der Nase hat, auch nicht unbedingt den Sinn des Lebens findet. Das ist nun auch wieder wahr. Zunächst kommt es jedoch darauf an, Gefallen am Lesen zu finden. Ich bin überzeugt, dass ein Mensch, der viel und gerne liest, das Leben stets vielschichtiger begreifen wird als andere, dass er feinsinniger und auch aufgeschlossener sein wird. Selbst ein Bestseller kann die Seele des Lesers gelegentlich zum Leuchten bringen. Damit ist immerhin ein Anfang gemacht, von dem man sich weiterentwickeln kann, und dann könnte es einem eines Tages so ergehen wie jenem belesenen Kanalarbeiter, dem in der Kanalisation der Gedanke an Hegel zum Lichtblick wurde. (Nachzulesen in dem Artikel „Fragen und Antworten eines Kanalarbeiters“, erschienen in Southern Weekend vom 28.10.2009.)