Bühne Recherchen in der Wirklichkeit

Szene aus dem Stück Heuschrecken
Szene aus dem Stück Heuschrecken | © Toni Suter

Beim Regie-Kollektiv Rimini Protokoll stehen seit 10 Jahren lauter „Experten des Alltags“ auf der Bühne.

Rimini Protokoll, das vor zehn Jahren von drei Studenten der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen gegründete Regie-Kollektiv, hat eine neue Form von Dokumentartheater erfunden. Zum zehnten Jubiläum der Gruppe zeigt der Heidelberger Kunstverein eine Werkschau der innovativen Theatermacher. Statt Theaterprofis stehen in den Inszenierungen von Helgard Haug (geboren 1969), Stephan Kaegi (geboren 1972) und Daniel Wetzel (geboren 1969) Laien auf der Bühne, die die Rimini Protokoll-Regisseure gerne als „Experten des Alltags“ bezeichnen. Schließlich gibt es für jedes Thema, jeden Bereich der Gesellschaft, jeden Stoff, den sie in ihre rechercheintensiven Arbeiten untersuchen, Fachleute. Und die können darüber im Zweifel interessanter und vielschichtiger berichten, als das Schauspieler und Dramentexte könnten. In einer ihrer frühen Arbeiten, Deadline, die 2003 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt wurde, widmen sich die drei Regisseure zum Beispiel einem gleichermaßen dramatischen wie alltäglichem Phänomen: dem Sterben. Beziehungsweise in ihren Worten dem „durchschnittlichen, mitteleuropäischen Tod: das unspektakuläre Ableben, das leise Sterben und seine Organisation, prä- und postmorten.“

Denn auch diese extreme menschliche Situation wird begleitet von Experten und verwaltet von Organisationen. Also berichten auf der Bühne zum Beispiel ein professioneller Trauerredner, ein auf Grabstätten spezialisierter Steinmetz und eine Krankenschwester von ihren Erfahrungen.

Weil die Rimini-Künstler in den Recherchen und Vorgesprächen so vorurteilsfrei wie offenbar unendlich neugierig sind, erfährt man in ihren Arbeiten, auch wenn es zum Beispiel um ein medial, literarisch, popkulturell, wissenschaftlich etc. so ausgiebig behandeltes Thema wie den Tod geht, immer wieder überraschendes. In Deadline zum Beispiel, dass 97 Prozent der Deutschen im Bett sterben. Die Berichte der „Experten“ verknüpfen die Regisseure sehr beiläufig und zwanglos mit theatralischen Momenten, Unterbrechungen, Einschüben – eine Montage der unterschiedlichsten Tonlagen. Was in den besten Arbeiten von Rimini Protokoll so entsteht, ist ein neuer, detailscharfer, komplexer und nicht von medialen Klischees verstellter Blick auf eine nur scheinbar längst bekannte gesellschaftliche Realität. Diese Arbeiten entdecken im Vertrauten das Exotische, im Alltäglichen die kleinen und großen Dramen und im Banalen eine unerwartete Komik. Rimini-Inszenierungen produzieren auf diese Weise keine sicheren Gewissheiten und Erklärungsmuster, sondern sorgen im Gegenteil für Irritationen, einander widersprechende Beobachtungen und zeigen lauter konturenscharfe Realitätssplitter, die sich nicht zu einem geschlossenen Gesamtbild fügen.

Das Theater der Gesellschaft

Um gesellschaftliche Wirklichkeit im Theater abzubilden, nutzen die drei Rimini Protokoll-Regisseure, eine so einfache wie wirkungsvolle Beobachtung: Auch außerhalb des Theaters findet gesellschaftliche Kommunikation in theatralischen Mustern statt, sei es vor Gericht, im politischen Wahlkampf oder in den Talkshows. Statt die Wirklichkeit ins Theater zu holen, entdeckt Rimini Protokoll das Theater lieber da, wo es niemand vermutet: In der gesellschaftlichen Realität.

So wird dann das Theater im Theater zur Raubkopie und zum ironischen Spiegelbild des Theaters in der Wirklichkeit: In einer Gesellschaft des Spektakels ist das altmodische Medium des Theaters plötzlich wieder sehr präzise auf der Höhe der Gegenwart. Besonders virtuos funktionierte dieses Verknüpfen, Collagieren und gegenseitige Brechen des Theaters der Kunst und des Theaters der Wirklichkeit in einer der wenigen Inszenierungen, in denen das Regie-Kollektiv mit einem klassischen Dramentext arbeitete, Friedrich Schillers Wallenstein. Kurze Passagen aus Schillers Text montierten sie unter anderem mit Auftritten eines CDU-Politikers, der berichtet, wie er Wahlkampf machte, um Bürgermeister von Mannheim zu werden. Oder mit Statements zweier US-amerikanischer Veteranen des Vietnamkriegs und Antikriegs-Aktivisten. Oder mit dem Bericht eines Wahrscheinlichkeitsforschers. Themenfelder aus Schillers Stück – Krieg, politischer Machtkampf und die Blindheit des Schicksals – fanden so sehr direkt und gleichzeitig recht unerwartet und streckenweise komisch ihre Fortsetzung in die Gegenwart.

Theater als Ort des Diskurses 

Das Verfahren von Rimini Protokoll ist äußerst beweglich. Die Regisseure haben mit arbeitslosen argentinischen Pförtnern, mit ehemaligen Opernsängern und Polizisten aus Venezuela, mit indischen Callcenter-Mitarbeitern und deutschen Unternehmensberatern und Marxismus-Forschern gearbeitet. Die Experten müssen auch nicht unbedingt Menschen sein: Für seine Produktion Heuschrecken am Schauspielhaus Zürich hat Stefan Kaegi einige tausend Heuschrecken in ein großes Terrarium gesteckt und ihr Sozialverhalten von Biologen, Ernährungswissenschaftlern und Soziologen erläutern lassen. Haug, Wetzel und Kaegi arbeiten an ihren Projekten mal zu dritt, mal zu zweit oder alleine. Rimini Protokoll ist zum Markenzeichen, zum Theater-Label geworden. Neben der Intelligenz ihrer Inszenierungen dürfte auch die Tatsache zu ihrem Erfolg beitragen, dass in Zeiten des Web 2.0 und der virtuellen Freundschaftskontakte in sozialen Netzwerken hier Bruchstücke von Wirklichkeit zu erleben sind, keine nur simulierte Realität. 

Wie genau und variantenreich sie mit ihrem Verfahren auf Gesellschaft reagieren können, führten Rimini Protokoll mit Prometheus in Athen, einer ihrer spektakulärsten Inszenierungen der letzten Jahre, in Athen vor. Die Premiere im Juli 2010 fand während des drohenden Staatsbankrotts, mitten in einer schweren ökonomischen und gesellschaftlichen Krise Griechenlands statt. Die Rimini-Versuchsanordnung war zunächst simpel: Sie suchten 100 Bürger Athens sowie drei illegale Einwanderer, die in ihrer Zusammensetzung in Parametern wie Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen etc. den statistischen Durchschnitt der Bevölkerung abbildeten. Indem die 103 Athener auf der Bühne von ihren Ängsten, ihrer Wut auf das Versagen der Regierung und die Korruption der Eliten sprachen, entstand etwas, das seit der Erfindung des europäischen Theaters in der griechischen Antike zum Kern des Theaters gehört: ein Ort, an dem sich eine Gesellschaft mit sich selbst über ihre Lage verständigt, in einer anderen, direkteren, vielschichtigeren, komplexeren und widersprüchlicheren Weise, als das in allen anderen öffentlichen Foren möglich ist.