Beijing Dance Festival Ein Augenschmaus für Freunde des Modernen Tanzes

Ein buntes „Tanz-Bankett“ mit Beiträgen aus China, Israel, Deutschland und Finnland erwartete die Besucher des Beijing Dance Festivals 2013.

Ein abwechslungsreiches „Tanz-Bankett“ mit Beiträgen aus China, Israel, Deutschland und Finnland erwartete die Besucher des diesjährigen Beijing Dance Festivals.

Mit großem Erfolg endete das Beijing Dance Festival am letzten Juliwochenende 2013. Der bedeutende Impulsgeber für den Modernen Tanz in China und künstlerische Leiter des diesjährigen zweiwöchigen Festivals, Willy Tsao (曹诚渊), richtete zusammen mit Festivaldirektorin Karen Cheung (张月娥) für das Pekinger Publikum ein „Tanz-Bankett“ mit viel Abwechslung aus. Der Programmteil „Bühnen im Fokus“ bildete einen inhaltlichen Schwerpunkt des Festivals. Die sechs Hauptstücke kamen diesmal aus China, Israel, Deutschland und Finnland. Das Eröffnungsstück All River Red - Treading on Grass kam von der gastgebenden Pekinger Tanztruppe Beijing Dance/LDTX. Beide Teile dieses von dem Ehepaar Li Hanzhong (李捍忠) und Ma Bo (马波) choreographierten Werks verwenden Musik von Igor Stravinsky, dessen Le sacre du printemps vor genau hundert Jahren uraufgeführt wurde. Das frühere Werk All River Red hat seinen Ausgangspunkt in der Ballettmusik Le sacre du printemps, während das für das diesjährige Festival geschaffene Stück Treading on Grass Musik aus dem Feuervogel verwendet. Bei der gleichzeitigen Aufführung bleiben diese 13 Jahre auseinanderliegenden Ballettstücke unabhängige Werke, doch dabei werden andernfalls verborgene Verbindungen sichtbar. Der kräftige und dichte Stil von All River Red ist kontrastiv, er bringt das traditionelle chinesische Zeichensystem in Kollision mit dem Vokabular des Modernen Tanzes, erzählt von Leidenschaft, Revolution und Neugeburt. Der Gesamtcharakter von Treading on Grass wird hingegen durch die Verwendung der Klavierfassung des Feuervogel frei und fließend. Sieht man beide Stücke hintereinander, so wird man unterschwellig zum Zurückblicken und Reflektieren angehalten.

Open Source wurde vom Publikum mit am besten aufgenommen. Es erzählt die verwirrende Traumwelt, in die ein Mädchen während seiner Hochzeitsnacht gerät, und ist von mysteriöser und surrealistischer Qualität. Die Story hat fünf Protagonisten: Das Mädchen, ihr Spiegelbild, ihren Gatten und Geliebten, sowie einen Unbekannten, der eine Kapuzenjacke trägt. Der Tanz verfügt über starken Rhythmus und ungezähmte Kraft. Pas de deux, pas de trois und pas de quatre lösen einander in schneller Folge und variationsreich ab, nur der Mann in der Kapuzenjacke streift durch das Grenzland zwischen Traum und Wirklichkeit und scheint bei dem Ganzen die Fäden zu ziehen. In dem Traum wird sinnliche Leidenschaft zurückgeführt auf ursprünglichste tierische Begierde, die sich grenzenlos steigert und schließlich die ganze Bühne vereinnahmt. Das Ende des Stücks bildet den krönenden Abschluss: Ein einziges Sich-Vereinen und Sich-Losreißen, zitternde und tickartige Bewegungen von Tänzer und Tänzerin im schwachen Scheinwerferstrahl, bis zur völligen Erschöpfung. Eine unvergessliche Szene, die an ein getanztes Verlöschen am Jüngsten Tag gemahnt.

Den Höhepunkt des Festivals bildete Blinded Mind der finnischen Susanna Leinonen Company. Das Stück beginnt mit einem knapp zwanzigminütigen Video, das mittels Hochgeschwindigkeitsaufnahme schnelle Tanzbewegungen dehnt und so den Eindruck von sich bewegender Architektur erzeugt. Die eindrucksvollste Szene bildet das Solo einer Tänzerin in einem Schleppenkleid aus weißem Tüll; das Licht zeichnet die Konturen ihres Körpers und ihres Gesichts nach, die Schleppe beginnt im Wind zu tanzen und hüllt ihre Trägerin ein. Zuletzt wird sie im Hintergrund vom wallenden Nebel verschluckt, der die ganze Bühne bedeckt. Emotionale Kälte, Präzision, Selbstbeherrschung, Spannung, Weite, Mystik und Abgeschiedenheit dominierten dieses Stück, fast schien eine kühle Briese aus Nordeuropa über die Bühne zu hauchen.

Hedvig from The Wild Duck und Macbeth sind Adaptionen berühmter Dramen für das Tanztheater. Das Stück der Hongkonger City Contemporary Dance Company Hedvig from The Wild Duck ist eine Bearbeitung von Henrik Ibsens Wildente durch die derzeit gefeierte norwegische Choreographin Ina Johanessen. Leider entbehrt dieses Zweistundenstück tänzerisch eines eigenen Stils, und überzeugend gestalteter Figuren; auch die zahlreichen stilistischen Kunstgriffe vermögen den Zuschauer auf Dauer nicht zu fesseln. Insgesamt bekommt man den Eindruck, nicht ein Tanzstück vor sich zu haben, sondern eine Reihe von Balletteinlagen. Die deutsche Modern Dance-Version von Macbeth zeigt hingegen einen düsteren Tanz der Verführung. Die Schauplätze der Geschichte wurden in zwei Bereiche verlegt, Leben und Tod; die Begleitmusik glänzte durch ein live spielendes Jazz-Ensemble, auch wenn sich die Musik so gelegentlich etwas zu sehr in den Vordergrund drängte.

Der in den USA lebende chinesische Choreograph Dai Jian (戴剑) war als einziger mit zwei Stücken vertreten. Sein Tanzduett Blue Room, das er zusammen mit Elena Demyanenko von der Trisha Brown Dance Company kreierte, zeigt, dass die Quelle der Harmonie zwischen den Geschlechtern in der Aufrechterhaltung einer Unabhängigkeit und Balance besteht. Darüber hinaus hat er erstmals ein großes Stück für die Guangdong Modern Dance Company geschaffen, nämlich Movement Logic Re-pot 2013. Der Tanz beginnt lautlos, die Tänzer gehen einer nach dem anderen zur Mitte der Bühne und legen sich hin, liegen übereinander, die Kräfte der Stille vereinen sich und ziehen sich in die Länge, man assoziiert das Werden und die Wiederherstellung der Natur. Doch über diesen großartigen Beginn hinaus erscheint das Werk disparat und zeitversetzt, nicht ganz auf der Höhe. Besonders die überflüssigen und unstrukturierten Gruppenbewegungen strapazieren die Geduld des Zuschauers. Doch Dai Jian ist trotz allem ein Choreograph mit starkem Stilempfinden, seine Werke haben die dramatische Choreographie aufgegeben und eine ruhige und einfache Kraft an ihre Stelle gesetzt; was seine Entwicklung betrifft, bin ich deshalb nach wie vor optimistisch.

Von den „Bühnen im Fokus“ abgesehen, haben bei mir auch einige der über ein Dutzend Werke aus dem Programmsegments „Alternative Plattformen“ einen tiefen Eindruck hinterlassen, wie das Stück Uphill des in Deutschland lebenden chinesischstämmigen Choreographen Shang-Chi Sun (孙尚绮), sowie das für das Ensemble DanceArt Hong Kong geschaffene Stück M-cident des aus Guangxi (China) stammenden jungen Choreographen Huang Lei (黄磊). „Uphill“ war ursprünglich ein einstündiger pas de trois und wurde diesmal zu einem halbstündigen pas de deux gekürzt, ist aber nach wie vor eine Augenweide. Ein rein körperlicher Tanz ohne Story,ohne dramatische Inszenierung und von einer Abstraktion, die nur noch bewegte Glieder zulässt. Die schneidende, kakophone Musik von Jörg Ritzenhoff eröffnet den Tanz. Der Körper eines am Boden liegenden Tänzers beginnt sich langsam zu bewegen, erst die Fingerspitzen, dann Arme und Schultern, und schließlich alle vier Glieder. Erst nach längerer Zeit kommt ein zweiter Tänzer dazu. Ganz im Gegensatz zur aufgeregten Musik ist ihr Tanz langsam und präzise, ihre Körperbeherrschung grandios, man sieht keinerlei Brüche zwischen ihren Bewegungen, als ob ihre Energie in einem nicht endenden Kreislauf konserviert würde.

M-cident basiert auf dem aufsehenerregenden Fall des Studenten Ma Jiajue (马加爵), der 2004 vier seiner Kommilitonen ermordete, doch im Ergebnis geht es doch um den allgemeinen Hintergrund von Gewalt auf dem Campus, ein Stoff, der auf chinesischen Bühnen praktisch noch nie thematisiert wurde. Vor einer ganz mit Zeitungen beklebten Wand bringt Huang Lei mittels eines Gewebes aus Körpersprache, Stimmen aus dem Off, Multimedia-Einsatz und dramatischen Szenen das Leid vereinsamter junger Menschen, die gefühlskalte Gleichgültigkeit ihrer Altersgenossen und die Pein und Verwirrung der Pubertät zum Ausdruck. Am Ende des Stücks sinkt ein Jugendlicher zu Boden, seine Gefährten begraben ihn unter roten Blütenblättern, die dann von der Windmaschine in die Lüfte geblasen werden. Der Himmel färbt sich rot, ganz als ob die Jugend plötzlich zur Ewigkeit gerönne.