Berlinale-Blogger 2014 Wandernde Geister, driftende Menschen

„Gui ri zi“ (Shadow Days), Forum, CHN 2014, Regie: Zhao Dayong, im Bild: Liang Ming, Liu Yu
„Gui ri zi“ (Shadow Days), Forum, CHN 2014, Regie: Zhao Dayong, im Bild: Liang Ming, Liu Yu | © Zhao Dayong

Wer sind die Geister, und wer sind wir selbst? Zhao Dayongs „Gui Ri Zi“ und Fruit Chans „The Midnight After“ erforschen die Toten, die Lebenden, das Sichtbare und das Unsichtbare.

In Praia do Futuro von Karim Aïnouz geht der brasilianische Rettungsschwimmer Donato für seinen deutschen Liebhaber Konrad nach Berlin und verschwindet damit aus dem Leben seiner Mutter und seines jüngeren Bruders Ayrton, der später Deutsch lernt, weil er befürchtet, dass aus Donato ein „deutschsprechender Geist“ werden könnte. Obwohl Ayrton das Wort „Geist“ in seinem buchstäblichen Sinne, nämlich in Bezug zur Seele seines Bruders nach dessen Tod nutzt, ist es im Grunde eine akkurate Metapher für Menschen, die sich fehl am Platz fühlen. Donato erlebt dies als Migrant. Geister begegnen uns erneut in Zhao Dayongs Gui ri zi (鬼日子, engl. Titel: Shadow Days), aber dieses Mal auf eine schaurigere Art und Weise. Während Donato in einem fremden Land weitab des Meeres zum Geist wird, findet die geisterhafte Transformation von Liang Renwei (梁仁伟) aus Gui Ri Zi in dessen Heimatort statt.

Um ihrer zweifelhaften Vergangenheit als Wanderarbeiter in einer großen Stadt zu entkommen und sich auf die Geburt ihres Babys vorzubereiten, kehren Liang Renwei und seine schwangere Freundin Pomegranate (石榴) zurück in Renweis Heimatdorf. Als das Paar mit einer Motorrikscha ankommt, heben sich die beiden unmittelbar von ihrem Umfeld ab. Ihre Kleider passen besser und sind modischer als die der Dorfbewohner, die sich in erdigen Farben kleiden. Die Haare sind gestylt, und die jungen Gesichter voller Lebensfreude.

Auf den ersten Blick wirkt das Dorf friedfertig, idyllisch. Die Luft ist sauber und die Bergsicht atemberaubend. Dennoch wird bald klar, dass diese Heimkehr mehr Entfremdung bringt als Wohlbehagen. Die Blockhäuser, vor einigen Jahrzehnten noch bewohnt, sind nun verlassen und warten auf den Abriss. Die immer größer werdende Leere in diesem alternden Dorf, aus dem alle jungen Leute für ein besseres Leben fliehen, zieht Geister aus verschiedenen Zeiten an. Sie entstammen sowohl der kollektiven Vergangenheit als auch der Gegenwart der kleinen Gemeinde. So sehen wir einen gesichtslosen Geist im Kostüm der Roten Garden, einen an einen Pflock gefesselten Mann mit einem „Anti-Revolutionär“-Schild, eine langhaarige in Weiß gekleidete Frau und viele weinende Babys. Diese spukenden Geister mit menschlicher Gestalt sind Opfer, die weiter bestehen bleiben, weil Schuld und Scham im kollektiven Bewusstsein bis heute nicht offen thematisiert wurden.

Genau wie im chinesischen Volksglauben leben die Toten und die Lebenden Seite an Seite miteinander. Während diese Grenzen zwischen Leben und Tod verschwimmen, werden Renwei und Pomegranate zu lebenden Geistern. Sie sind Geister, die Schmerzen zufügen oder unter Brutalität leiden; sie sind in ihrem Heimatort, aber nicht zuhause. 

Noch facettenreicher werden die Geister in The Midnight After (那夜凌晨,我坐上了旺角开往大埔的红VAN) von Fruit Chan (陈果). Ganz Hongkong – eine der am dichtesten besiedelten Städte der Welt – ist in diesem apokalyptischen Film von jeder Menschenseele verlassen, abgesehen von ein paar Menschen, die in der Stadtmitte in einen Minibus einsteigen.

Vor dem Hintergrund gigantischer Wolkenkratzer und ominöser leergefegter Straßen passieren seltsame Dinge. Eine unbekannte Epidemie hinterlässt rote Flecken auf Menschenkörpern. Eine Gruppe maskierter Japaner greift den Minibus mit Panzern an. Das hübsche Mädchen Yuki verwandelt sich immer wieder in ein bleichgesichtiges Phantom mit roten Augen. Ein junger Mann mit einem Faible für Musik kidnappt schließlich den gesamten Film, als er sein eigenes Lied anstimmt. Eine Vergewaltigung, die im kollektiven Rachefeldzug endet.

In diesem postmodernen Durcheinander wird Angst ansteckend, hier kommen die Geister letztlich aus der Psyche und nicht aus der Welt, die um sie herum zusammenbricht. Ist es die Welt, die verschwindet, oder sind es die Fahrgäste an Bord des Busses, die in ein Parallel-Universum der Geister transportiert werden? Diese Frage spielt keine Rolle mehr, denn die lebenden Toten sind genauso furchteinflößend wie die toten Lebendigen.