Film Richard Wilhelm und das I Ging im Film

Yijing und Richard Wilhelm
Yijing und Richard Wilhelm | © 2011 TRILUNA FILM AG

Mitte November 2011 kam ein Dokumentarfilm über den berühmten Sinologen und Übersetzer Richard Wilhelm (1873 – 1930) in die deutschen Kinos. Regie führte seine Enkelin, die Regisseurin und Drehbuchautorin Bettina Wilhelm.

Ein junger Mann entflieht der Provinzialität seiner Heimat und taucht in eine fremde Kultur ein; eine Frau beginnt in einer Umbruchsituation nach ihren familiären Wurzeln zu suchen; ein Land wird nach 2000 Jahren Kaiserreich zur Republik und ist 100 Jahre später wieder enormen Veränderungen ausgesetzt; dazu ein altes Buch über den ständigen Wandel alles Bestehenden – das sind die Bestandteile des Dokumentarfilms Wandlungen – Richard Wilhelm und das I Ging, den Bettina Wilhelm über ihren Großvater, den berühmten Sinologen, Übersetzer und Kulturvermittler gedreht hat.

Die gesprochenen Erinnerungstexte Richard Wilhelms lassen das Bild eines sensiblen Mannes entstehen, der in seiner Jugend das Leben in Stuttgart als bedrückend und chaotisch empfindet und sich verzweifelt nach dem Sinn des Ganzen fragt. Er studiert Theologie in Tübingen und trifft im Vikariat auf den undogmatischen, sozial engagierten Pfarrer Christoph Blumhardt, dessen Tochter Salome er 1900 heiratet. 1899, mit 26 Jahren, geht Richard Wilhelm als Missionar in die deutsche Kolonie Qingdao („Tsingtau“). Sein Unbehagen an der eigenen Kultur und seine intellektuelle Unvoreingenommenheit ermöglichen es ihm, sich ohne die verbreiteten kolonialen Überlegenheitsgefühle offen auf das Land und seine Menschen einzulassen. Statt zu missionieren, gründet er eine Schule, lernt die fremde Sprache, nimmt Kontakt mit chinesischen Gelehrten auf und begeistert sich für die Weisheit der chinesischen Klassiker, die durch seine Übersetzungen in Deutschland bekannt werden. 

Die zweite Stimme des Films gehört seiner Enkelin, der Regisseurin Bettina Wilhelm. Sie erzählt von ihren Erfahrungen und Begegnungen auf der Suche nach einem Mann, dessen Bücher zwar in ihrem Elternhaus standen, den sie aber nie kennengelernt hat. 

Buch der Wandlungen

Vor allem das I Ging, das Buch der Wandlungen, spielt im Film eine zentrale Rolle. Im Gespräch mit der Regisseurin beschreibt es der amerikanische Experte Richard Smith als den zentralen Basistext der chinesischen Kultur, vergleichbar der Bibel oder dem Koran. Acht Grundsymbole, bestehend aus einer Kombination von drei durchgehenden oder durchbrochenen Linien stellen Naturphänomene dar, die mit bestimmten Eigenschaften verknüpft sind: zum Beispiel die empfangende Erde, der schöpferische Himmel, das abgründige Wasser ... In ihrer Kombination und Veränderung beschreiben sie die gesamte Vielfalt und die Wandlungsmöglichkeiten der Natur und des menschlichen Lebens.

Richard Wilhelm erlebt in China Zeiten des Wandels: 1900 die Revolution gegen die Kolonialmächte, elf Jahre später den Untergang des Kaiserreiches und die Ausrufung der Republik. Chinesische Gelehrte flüchten sich nach Qingdao, unter ihnen Lau Nai Süan (劳乃宣), der Wilhelm mit dem I Ging bekannt macht. Gemeinsam machen sie sich an die Übersetzung, die 10 Jahre in Anspruch nimmt, 1924 wird die deutsche Fassung veröffentlicht.

Das I Ging, so Smith, stellt eine Verbindung von Ordnung und Kreativität her. Der Kosmos und der Mensch als Teil davon folgen bestimmten Gesetzen. Doch innerhalb dieses Rahmens ist ständig alles in Veränderung begriffen.

Alles bleibt neu

Für diesen Zusammenhang von Kontinuität und Wandel versucht der Film Bilder zu finden. Alte Archivaufnahmen vom China zu Beginn des 20. Jahrhunderts vermischen sich mit den Fotografien des bekannten Qingdaoer Fotografen Ren Xihai (任锡海), der den heutigen Alltag der „kleinen Leute“ und die Veränderungen im Stadtbild festhält; Filmsequenzen vom modernen Großstadtleben kontrastieren mit Aufnahmen von Menschen, die alte Rituale pflegen; der Zuschauer sieht Wolkenkratzer und zerstörte alte Häuser und dann ein einsames daoistisches Bergkloster, das immer noch so aussieht wie zu jener Zeit, als Richard Wilhelm dort mit dem Abt über philosophische Fragen diskutierte.

Im ersten Weltkrieg wird Qingdao von den Japanern erobert, 1920 kehrt die Familie Wilhelm, zu der mittlerweile vier Söhne gehören, nach Deutschland zurück. Richard Wilhelm geht auf Vortragsreisen und ist enttäuscht von den Vorurteilen gegenüber China und den Chinesen, denen er überall begegnet. 1922 wird er für zwei Jahre wissenschaftlicher Berater der deutschen Gesandtschaft in Peking. Er unterrichtet an der Peking-Universität und ist begeistert vom intellektuellen Aufbruch in China. „Sorgen wir dafür, dass das Chaos schöpferisch wird.“ 

Die Vorstellung, dass man auf das Schicksal Einfluss nehmen kann, ist bereits im I Ging als Orakelbuch angelegt, erläutert der Sinologe Henrik Jäger im Film. Alles, was geschieht, vollzieht sich nach bestimmten Regeln. Wenn der Mensch sich selbst und die Situation kennt, kann er die Zukunft gestalten.

Verständnis durch „liebevolle Versenkung“

Es fällt Richard Wilhelm schwer, nach Europa zurückzukehren. Er übernimmt den ersten Lehrstuhl für Chinakunde in Frankfurt und sammelt Gelder für die Gründung eines Chinainstituts. Doch in akademischen Kreisen gilt seine teilweise intuitive Herangehensweise und seine Überzeugung, dass wirkliches Verständnis der „liebevollen Versenkung“ bedarf, als unwissenschaftlich. Mehr Anregung findet er im Austausch mit Männern wie Hermann Hesse, Albert Schweitzer oder C.G. Jung. 

Die „liebevolle Versenkung“, die Richard Wilhelm für seine Übersetzungen in Anspruch nimmt, ist auch dem Film seiner Enkelin eigen. Es ist kein kritischer, sondern ein einfühlsamer, um Verständnis bemühter Blick auf den Großvater; ein ruhiger Film, der den Bildern und Texten Zeit gibt, sich zu entfalten.

Richard Wilhelms Bemühungen um Kulturaustausch finden im Deutschland der späten 20er Jahre wenig Resonanz. Er stirbt 1930 mit nur 56 Jahren an einer Tropenkrankheit. Auf seinem Grabstein sind die acht Symbole des I Ging im Kreis angeordnet.

Er konnte nicht ahnen, dass seine Fassung des I Ging, in viele Sprachen übersetzt, zur Inspiration für Generationen von Sinnsuchern in aller Welt werden würde. Es hätte seine Überzeugung bestätigt, dass die großen Menschheitsfragen zeitlos und transkulturell sind und „die Wahrheit von jedem Standpunkt aus erreichbar ist, wenn man nur tief genug gräbt.“