Film Last Train Home geht mit Wanderarbeitern auf Reisen

Zhang Qin in Last Train Home
Zhang Qin in Last Train Home | © Fan Lixin, Zeitgeist Films

Der Dokumentarfilmer Fan Lixin (范立欣) spricht im Interview über die aktuelle Situation des Dokumentarfilms in China und sein Interesse am Leben der Wanderarbeiter vor dem Hintergrund eines Landes im Umbruch.

Fan Lixin (范立欣) ist ein Newcomer im chinesischen Dokumentarfilm. In seinem Regiedebüt Last Train Home aus dem Jahr 2009 erzählt er die Geschichte eines Wanderarbeiterehepaars, das zum chinesischen Frühlingsfest gemeinsam mit 130 Millionen anderen Reisenden in die Heimat zurückkehrt. Doch obwohl der Film international mit Preisen und Anerkennung überschüttet wurde, bekam er erst im März 2011 die Erlaubnis der chinesischen Zensoren, auf dem Festland gezeigt zu werden.

Der 35-jährige Fan Lixin kam 2003 zum Dokumentarfilm, als er den Schnitt für den prämierten Film To Live Is Better Then To Die des Regisseurs Chen Weijun (陈伟军) machte. Dieser Film über Aids und die Situation der Epidemie in China gilt als besonders schockierender Dokumentarfilm und wurde für das Sundance Film Festival nominiert. Fan Lixin war außerdem als Koproduzent an Up The Yangtze beteiligt, einem gefeierten Dokumentarfilm über den Drei-Schluchten-Staudamm. Fan Lixin spricht im Interview über seine Erfahrungen als Dokumentarfilmmacher auf dem Festland und über seine Zukunftspläne.

Wie sind Sie zum Dokumentarfilm gekommen? 

Das war Anfang 2002, als ich als Kameramann bei Wuhan TV arbeitete. Eines Tages erzählte mir mein Kollege Chen Weijun, der Regisseur von To Live Is Better Then To Die, dass er einen Dokumentarfilm über HIV-Infizierte in einem chinesischen Dorf drehe. Er hatte damals schon über ein Jahr an dem Film gearbeitet und ziemlich viel Filmmaterial. Als er mich fragte, ob ich ihm beim Schnitt helfen wolle, sagte ich sofort zu. 

Wir haben zehn Monate gebraucht, um den Film zu schneiden. Allerdings hatten wir keine Ahnung, wie es danach weitergehen sollte. Wir reichten den Film bei nationalen Filmwettbewerben ein, bekamen aber nie eine Antwort. Nachdem wir das einige Monate versucht hatten, riet uns ein ehemaliger Kollege, der bei Voice of America arbeitet, es auf dem Sundance Film Festival zu versuchen. Tatsächlich wurde der Film akzeptiert, das war einfach toll. 

Ich habe immer davon geträumt, Filmemacher zu werden. Mein Vater war früher Filmvorführer und später Direktor an einer Schule für Filmprojektion.

Wie sah das Drehen von Dokumentarfilmen früher aus?

Die Blütezeit des chinesischen Dokumentarfilms war Ende der 1990er Jahre und am Anfang dieses Jahrhunderts. Ein Grund dafür war, dass der Einsatz von Digitalkameras einfacher und auch günstiger wurde. 

Davor hatte es aus dem Festland überhaupt keine richtigen Dokumentarfilme gegeben. Doch während der Blütezeit des Dokumentarfilms fühlten sich viele Leute, die bei staatlichen Fernsehsendern arbeiteten, verpflichtet, den dramatischen Wandel der Gesellschaft zu dokumentieren. So entstanden viele wichtige Dokumentationen. Allerdings wurden die meisten Dokumentationen nicht groß bearbeitet und um die Erzähltechnik war es auch schlecht bestellt.

Außerdem wurden Filme sehr strengt zensiert. Vor zehn Jahren war Aids in China ein Tabuthema. Nach unserer Teilnahme am Sundance Film Festival wurde Chen Weijun von den entsprechenden Behörden zum Gespräch einbestellt.

Wie läuft die Filmzensur denn ab?

Auf dem Festland ist es sehr schwierig, einen Dokumentarfilm zu machen, weil alle Regierungsebenen Angst haben, sich den Medien auszusetzen. Die Regeln sind oft ziemlich diffus. Wenn beispielsweise die Behörden die Leute, die hinter deinem Film stehen, nicht mögen, wird er wahrscheinlich verboten. Und wenn du an einem Filmfestival teilnimmst, das ihnen nicht passt, nun ja, dann wird dein Film höchstwahrscheinlich auch verboten.

Allerdings habe ich das Gefühl, dass sich die Einstellung der Regierung momentan ändert. Was mich anbelangt, so haben mich die Behörden letztes Jahr kontaktiert und erlaubt, dass Last Train Home in China öffentlich gezeigt wird. Das war schon bemerkenswert. Meiner Meinung nach hatte das damit zu tun, dass ich einige internationale Preise gewonnen habe und die nicht ihr Gesicht verlieren wollten. Darüber hinaus will die Regierung junge und talentierte chinesische Filmemacher dazu ermutigen, China zu dokumentieren und der Welt die chinesische Kultur zu zeigen.

Einige Leute meinen, dass jeder, der mit der Regierung kooperiert, zwangsläufig ein Opfer des Systems wird, aber ich denke da anders. Als Regisseur kannst du die Grenzen immer überschreiten. Nur weil sie mir erlauben, einen Film zu zeigen, kann mir noch niemand vorschreiben, was ich zu tun habe. Und wenn du es clever anstellst, kannst du die Grenzen sogar verschieben.

Das größere Problem in punkto Zensur liegt heute darin, dass sich die Menschen nach der jahrzehntelangen Zensur durch die Regierung an die Selbstzensur gewöhnt haben. Das ist, als hätte man dich über Jahrzehnte gezwungen, zu knien. Am Ende kommst du gar nicht mehr auf die Idee, dass du aufstehen könntest.

Und wie sieht die Dokumentarfilmbranche heute aus?

Der Dokumentarfilm steckt auf dem Festland noch in den Kinderschuhen und die Situation ist etwas verzwickt. Die Regierung gibt zwar Geld für Dokumentarfilme, doch der Löwenanteil fließt an die staatlich kontrollierten Medien. Und dann wird das Geld für Filme ausgegeben, die nur wenig dazu beitragen, die Realität des Landes zu verändern. Für Produzenten von unabhängigen Filmen ist es so gut wie unmöglich, eine staatliche Förderung zu bekommen, weil es in ihren Filmen meist um aktuelle Themen geht.

Verglichen mit internationalen Dokumentarfilmen wirkt die Qualität der hiesigen Filme noch unausgegoren. Der Hauptgrund dafür sind die fehlenden Mittel. Außerdem haben viele der Regisseure nie eine fachliche Ausbildung erhalten und es mangelt ihnen am erzählerischen Know-how. Deshalb sind die filmerischen Techniken bei vielen chinesischen Dokumentarfilmen, die wir heute zu sehen bekommen, noch etwas ungeschliffen. Das heißt aber nicht, dass es in China keine guten Dokumentarfilme gibt; tatsächlich sind viele inspirierende Dokumentarfilme aus China national wie international auf große Resonanz gestoßen.

Warum haben Sie sich als Thema für Ihren ersten Film Wanderarbeiter ausgesucht?

Im Anschluss an Wuhan TV ging ich zum Zentralen Staatsfernsehen. Da ich für CCTV häufig in ganz China unterwegs war, fiel mir auf, dass unter dem Glanz der modernen Metropolen eine unvorstellbare Armut und Not in den ausgedehnten ländlichen Regionen verborgen ist. Mir begann bewusst zu werden, dass die Pracht der Städte in diesem Land zwar von Millionen von Wanderarbeitern aufgebaut wurde, ihnen aber die Sicherung der elementarsten sozialen Grundbedürfnisse vorenthalten bleibt. Sie müssen den Schmerz ertragen, praktisch ständig von ihren Familien getrennt zu leben. Ich wollte einen Film machen, um diese spezielle Bevölkerungsgruppe vor dem Hintergrund eines Landes im Umbruch zu dokumentieren.

Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus? 

Mein Fokus wird weiter auf den Wanderarbeitern liegen, vor allem auf ihren Kindern. Denn die wollen ihren Status ändern und von Arbeitsmigranten zu Stadtbewohnern werden. Doch sind die chinesischen Städte bereit oder willens, sie aufzunehmen?

Das große Thema dahinter ist der Urbanisierungsprozess. Ich mache mir um die Zukunft dieser jungen Wanderarbeiter echte Sorgen. Werden sie zurück aufs Land gehen, wenn die Städte sie ablehnen? Anders gefragt: Können sie denn überhaupt zurück? Wo wird in Zukunft ihre Heimat sein, angesichts der Tatsache, dass es kein effektives soziales Sicherungsnetz gibt und sie außerdem Gefahr laufen, im Zuge des Urbanisierungsprozesses ihr Land zu verlieren?

Ich habe vor, das sich wandelnde Schicksal der chinesischen Wanderarbeiterschicht über zehn bis fünfzehn Jahre zu dokumentieren und dabei zu untersuchen, wie die Wanderarbeiter die Zukunft dieser Nation beeinflussen.

China ist wie ein Hochgeschwindigkeitszug, da gehen Erfolge und Probleme Hand in Hand. Niemand kann mit Gewissheit sagen, wohin die Reise geht, aber wir sind alle an Bord. Alles was wir tun können, ist, die Probleme so gut wie möglich in den Griff zu bekommen. Wenn jeder tut, was in seiner Macht steht, hilft das, den Zug in der richtigen Spur zu halten, dann wird er nicht entgleisen.