Film „Um Probleme zu lösen, muss man darüber reden.“

Zhang Xi und Feng Yawei
Zhang Xi und Feng Yawei | © Alexander Haase

Autismus ist eine in China wenig bekannte Krankheit. Alexander Haase hat einen Dokumentarfilm über die Schule Stars and Rain bei Peking produziert, die betroffenen Eltern hilft.

Autismus ist eine auf funktionelle Störungen im Gehirn zurückzuführende tiefgreifende Entwicklungsstörung. An Autismus erkrankte Kindern zeigen häufig bereits in den ersten drei Lebensjahren diese Krankheitssymptome: sie möchten nicht mit anderen Menschen Kontakt aufnehmen, meiden Menschenansammlungen, sind in der Sprachentwicklung verzögert und in ihren Emotionen und im zwischenmenschlichen Verhalten auffällig. Autismus kann nicht mit einer medikamentösen Therapie geheilt werden und derzeit ist die wirksamste Therapie durch Verhaltenstraining Verbesserungen zu erzielen und betroffenen Kindern Kompetenzen zu vermitteln, die es ihnen ermöglichen mit der Gesellschaft in Kontakt zu kommen und selbstständig leben zu können. 

Star and Rain ist die erste private Förderschule in China, die autistischen Kindern und ihren Eltern Unterstützung bietet. Der deutsche Produzent Alexander Haase und der britische Regisseur Rob Aspey haben gemeinsam den Dokumentarfilm Children of the Stars gedreht. Sie haben im Jahr 2007 ein autistisches Kind und seine Eltern während ihres elfwöchigen Trainingsprogramms in dieser Schule filmisch begleitet. Obwohl es nur eine kurze Dokumentation ist, berührt sie die Menschen sehr.

Die Regisseurin Dr. Liu Guoyi von China Central Television (CCTV) hat im Auftrag des Deutsch-Chinesischen Kulturnetzes mit Alexander Haase über den Film Children of the Stars gesprochen.

LGY: Children of the Stars ist ein Film über die Förderschule für autistische Kinder Stars and Rain in Peking. Ich persönlich meine, dass die chinesische Gesellschaft doch viel offener als früher ist. Immer mehr Ausländer kommen nach China, um alle möglichen Dokumentationen oder Filme zu drehen und setzen sich dabei mit der chinesischen Gesellschaft aus einer ganz anderen Perspektive als die Chinesen auseinander.

AH: Ich finde das auch sehr interessant. Aber ich denke, dass solche Filme nicht nur die Menschen in China ansprechen, sondern dass sich weltweit Menschen dafür interessieren werden. In einigen westlichen Ländern, insbesondere in den USA, kann die Gesellschaft finanzielle und andere Hilfen zur Verfügung zu stellen. Viele Menschen sind bereit, Menschen, die Hilfe benötigen, zu unterstützen. In dieser Hinsicht ist die chinesische Gesellschaft ganz anders als die amerikanische Gesellschaft, aber auch hier zeigen sich allmählich Veränderungen. Zurzeit sind diejenigen Menschen in China, die Teilnahme und Hilfe benötigen, noch gar nicht in den Fokus der internationalen Gemeinschaft gerückt und werden auch noch gar nicht richtig von ihr wahrgenommen. Und deshalb ist es wichtig, dass wir etwas tun. 

LGY: Mir persönlich gefällt der Film Children of the Stars sehr gut, denn er zeigt eine Seite der chinesischen Gesellschaft, die gemeinhin ignoriert wird. Außerdem habe ich auch noch viel über Autismus erfahren.
 

AH: Als ich im Jahr 2003 das erste Mal nach China kam, war ich sehr beeindruckt, wie sehr sich die Chinesen um ihre eigene Familie und um ihren eigenen kleinen Kreis kümmern. Um alles, was sich außerhalb dessen befindet, kümmern sie sich sehr wenig und meinen, das gehe sie nichts an. 

Chinesen fehlt im Allgemeinen das Verständnis für autistische Kinder. Wenn Eltern mit diesen Kindern auf die Straße gehen, dann finden die Passanten, dass diese Kinder zu laut und zu unruhig sind, dass ihr Verhalten auffällig ist und dass die Eltern ihre Kinder nicht erziehen können. Es ist ihnen nicht bewusst, dass diese Kinder eigentlich behindert sind. Angesichts dieser gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ist es ganz wichtig, mittels eines Films in aller Öffentlichkeit den Menschen mitzuteilen, dass dies in Wirklichkeit die Krankheitssymptome von Autismus sind. Wenn die Menschen mehr über Autismus wissen, können sie diese Menschen auch besser verstehen.

Dieser Dokumentarfilm wurde bereits im chinesischen Staatsfernsehen CCTV gesendet, und so ist es gelungen, noch mehr Interesse für autistische Kinder zu wecken, denn nur so besteht die Möglichkeit, dass immer mehr Menschen bereit sind, ihnen zu helfen.

LGY: Während ich mir den Film ansah, fühlte ich mich doch etwas unwohl, einmal wegen des Zustands, in dem sich die Kinder befanden, und auch wegen der Ratlosigkeit vieler Eltern. Haben Sie beim Drehen des Films auch manchmal diesen Druck gefühlt?

AH: Ja, genau so war es. Einen Film über so ein Thema zu drehen ist sowohl körperlich als auch seelisch außerordentlich anstrengend, und die erste Woche, in der wir in der Schule gefilmt haben, war besonders anstrengend. Bei Kindern, die gerade neu in der Schule angekommen sind, sind die Symptome besonders ausgeprägt: sie sind außerordentlich aggressiv, ständig wird gebrüllt und geschrien, und es wird viel geweint. Als ich das sah, wurde mir klar, welchem Druck diese Eltern jeden Tag standhalten müssen. Wir haben nicht jeden Tag gedreht, aber wenn wir einen ganzen Tag gedreht hatten, dann waren wir am Ende des Tages in einer ganz besonderen Verfassung – wir fühlten uns unbehaglich, deprimiert, beklemmt. Und das nach nur einem Tag, die Eltern werden jeden Tag damit konfrontiert. Das ist ihr Leben.

LGY: Mir ist aufgefallen, dass in dem Film bei vielen Szenen, die die Ratlosigkeit und das Leid der Eltern autistischer Kinder zeigen, keine Musik gespielt wird und immer wenn Musik zu hören ist, dann bei liebevollen Szenen, z.B. wenn Eltern und Kinder zusammen spielen. Ich finde, dass diese Art des Einsatzes von Musik den Zuschauer in eine angenehme Stimmung versetzt.

AH: Richtig, wir haben die Musikeinspielungen bewusst so arrangiert. Das Thema, das wir gewählt haben, ist bedrückend, aber wir wollten keinen bedrückenden, sondern einen positiven Film drehen, der den Menschen Hoffnung vermittelt und den Glauben daran, dass die Zukunft besser wird. Außerdem finde ich, dass traurige Szenen keine musikalische Verstärkung benötigen, denn die Traurigkeit ist klar und deutlich wahrnehmbar. Dazu noch Musik einzuspielen, finde ich übertrieben. 

LGY: Als ich in Deutschland war, habe ich einige Dokumentationen gesehen, die Deutsche in oder über China gemacht haben. Man kann grob zwei Kategorien unterscheiden, die eine thematisiert interkulturelle Konflikte, so z.B. chinesische Arbeiter, die in Deutschland eine Fabrik demontieren. Und die andere Art Dokumentarfilm misst der chinesischen Ideologie eine sehr große Bedeutung bei und widmet ihr viel Aufmerksamkeit, z.B. den Themen Kulturrevolution und Olympiade. Doch Ihr Film fällt in keine dieser Kategorien.

A: Ich denke, dies ist von zwei Faktoren abhängig. Zum einen stellt sich die Frage, mit wem haben Ausländer, die nach China kommen, um einen Dokumentarfilm drehen, den Vertrag unterzeichnet, von wem kommen die Gelder und wo wird der Film schließlich gezeigt. Ihnen können also eine Menge Vorgaben diktiert werden. Wenn sie also mit einem deutschen Fernsehsender oder einer deutschen Firma einen Vertrag machen, dann müssen sie China den Vorstellungen und Auffassungen ihrer Vertragspartner entsprechend darstellen. Regisseur und Aufnahmen sind dabei völlig unwichtig. Der Boss stellt die Vorgaben und die müssen erfüllt werden.

Bei unserem Film war die Situation anders. Wir wurden von niemandem kontrolliert. Wir waren neben Autismus Deutschland e.V. weitgehend unsere eigenen Geldgeber und so waren wir in der Lage, völlig unabhängig alles zu drehen, was wir drehen wollten. Natürlich gab es auch zwischen dem Regisseur und mir Meinungsverschiedenheiten, doch die konnten durch intensive Gespräche immer beigelegt werden.

Die andere Seite hat etwas mit meinem eigenen Standpunkt zu tun. Ich bin der Meinung, dass in Dokumentarfilmen Objektivität sehr wichtig ist. Wenn sie zu subjektiv sind, dann fühlen sich die Zuschauer manipuliert, und das finde ich nicht gut. 

LGY: Warum haben Sie ausgerechnet eine Bevölkerungsgruppe in China für Ihren Film gewählt, die Unterstützung braucht?

Ich meine, wenn wir ein Problem lösen wollen, müssen wir darüber auch reden, und zwar mit Respekt. China will immer die Harmonie wahren, alles muss immer schön aussehen und bestens sein. Aber in Wirklichkeit muss man auch die hässlichen und traurigen Seiten ansprechen und über sie diskutieren, nur so besteht überhaupt die Möglichkeit, eine Lösung zu finden und Harmonie zu erreichen. Sie haben gerade erwähnt, dass sie beim Anschauen des Films Children of the Stars sehr traurig geworden sind. Meiner Meinung nach ist diese Traurigkeit absolut notwendig. Solche Empfindungen sind die Grundlage für potentielle Hilfestellungen für die Betroffenen und somit bei weitem produktiver als das Wegschauen bei unschönen Aspekten des Lebens. Auf diese Weise können Deutsche und Chinesen im respektvollen Umgang miteinander gemeinsam etwas bewegen