Film Filmsynchronisation in China

Kino in Peking
Kino in Peking | © ML

Sowohl in Deutschland als auch in China werden kaum ausländische Filme im Originalton gezeigt – einen Blick hinter die Kulissen der Filmsynchronisation in China gewährt Professor Gu Tiejun (顾铁军) von der Communication University of China (CUC) in Peking.

Auf einem Übersetzersymposium meinte eine Kollegin aus Korea, deren Forschungsgebiet die Filmübersetzung ist, seufzend, aufgrund der niedrigen Honorare in Korea seien es meistens sehr gering qualifizierte Übersetzer, welche Drehbücher für Film- und Fernsehproduktionen übersetzten. Das Niveau der Übersetzungen lasse im Allgemeinen zu wünschen übrig. Ihre Worte erinnerten mich daran, dass die Situation in China nicht viel besser aussieht. Außerdem dachte ich daran, in welche Verlegenheit ich geraten war, als ich kürzlich für eine indische Fernsehserie einen Übersetzer für die Dialoge ins Chinesische gesucht hatte und ein Professor für Hindi zu mir sagte, abgesehen von der geringen Bezahlung gäbe es auch kein Erfolgserlebnis bei der Übersetzung von Filmen. Wenn man schon Zeit und Energie investiere, dann doch lieber in die Übertragung eines Romans. Da zähle die Übersetzung zu den persönlichen Werken, der akademische Wert sei vergleichsweise hoch und außerdem habe man ein konkretes Buch als bleibendes Andenken.

Die Drehbuchübersetzung im Dienste der Synchronisation

Während die hochqualifizierten Professoren an den Fremdsprachenuniversitäten die Übersetzung von Filmdialogen für unter ihrer Würde halten, sind die mit der Synchronisation befassten Regisseure und Schauspieler häufig mit deren Übersetzungen nicht zufrieden, denn ihre Sprache ist selbstverliebt, sie sind nur auf die Schönheit ihrer Übersetzung bedacht und lassen dabei vollkommen außer Acht, ob diese „Sprachkunst“ von den Schauspielern synchron gesprochen werden kann. Sie verstehen nicht, dass die übersetzten Dialoglisten nur das Rohmaterial für die Nachvertonung liefern und nicht wie bei einer Romanübersetzung das Endprodukt sind. In der reinen Textübersetzung ist es der Übersetzer, der sein Werk zum Abschluss bringt. Er muss keine textexternen Faktoren berücksichtigen, wenn er die letzte Entscheidung über seine Formulierung trifft. In der Filmübersetzung ist das anders, denn die Übersetzung des Drehbuchs steht im Dienste der Synchronisierung, sie muss den besonderen Anforderungen der Szenen und Bilder des Films entsprechen, insbesondere aber dem Sprechakt der Schauspieler.

Die Übersetzung von Filmen ist eine sehr praxisorientierte Aufgabe. Um zu entscheiden, welches die treffendste Übersetzung ist, schaut sich der Übersetzer am besten selbst einmal im Tonstudio um und beobachtet, ob die Schauspieler die übersetzten Dialoge zu dem Film sprechen können. Eine gute Übersetzung lässt den Schauspielern genügend Spielraum zur Improvisation. So können die Sprecher ihre Fähigkeiten optimal entfalten und Sprache und Bewegung der Figuren zu einem organischen Ganzen verbinden, so dass Ton und Bild zu einer Einheit werden und ganz natürlich wirken. Wer eine Fremdsprache beherrscht, mag sprachlich und kulturell sehr bewandert sein und auch elegante Übersetzungen anfertigen, um aber zu einem fachgerechten Filmübersetzer zu werden, muss man zusätzlich die Kunst des Filmemachens studiert haben und über praktische Erfahrungen in der Synchronisation verfügen. 

Filmübersetzung ist kein Kinderspiel

Im Synchronstudio hört man immer wieder die Klagen der Schauspieler über die Übersetzung: Mal ist der Sinn nicht verständlich, dann wieder sind die Formulierungen nicht flüssig, am häufigsten jedoch sind die Sätze zu lang oder zu kurz. Dann wird genörgelt, dass das Niveau der Übersetzer nicht hoch genug sei und sie werden der Faulheit bezichtigt. Natürlich trägt der Übersetzer die Verantwortung, wenn das Drehbuch schlecht übersetzt ist, aber auch die Schauspieler sollten sich etwas toleranter zeigen und den Schwierigkeiten des Übersetzers mehr Verständnis entgegenbringen. Tatsächlich hängt die Qualität einer Übersetzung von vielen Faktoren ab, einige davon sind subjektiv, andere objektiv. Manchmal etwa wird ein Auftrag sehr kurzfristig erteilt, so dass nur wenig Zeit für die Übersetzung bleibt. Unter normalen Umständen benötigt man etwa sieben bis acht Tage, um die Dialoglisten für einen Film zu übersetzen. Drängt aber die Zeit, räumt der Regisseur dem Übersetzer nur vier bis fünf Tage ein, und dieser muss Tag und Nacht arbeiten, um den Auftrag möglichst pünktlich und gut zu erledigen. Die Zeit mag noch so knapp sein, der Übersetzer muss das Filmoriginal kennen, Material zum Film lesen, Story und Filmszenario verstehen, sich über Sujet und Stil des Films klar werden und entscheiden, wie Spezialvokabular übersetzt werden soll, bevor er überhaupt Satz für Satz an die Übersetzung geht. Anders als bei einem normalen Übersetzungsauftrag muss man auf die Bilder schauen, während man die Dialoge für einen Film übersetzt und immer wieder die Länge der Sätze testen und korrigieren. Vor allem ausgedehnte Monologe kosten Zeit. Der Übersetzer muss den Sinn des Ausgangstextes vollständig übermitteln und dabei Mimik und Gestik der Darsteller mit einbeziehen. Schließlich muss die übersetzte Fassung den Pausen und dem Rhythmus des Originaltextes folgen. Satzstrukturen, Sprechpausen und Intonation müssen in der Vertonung ganz natürlich wirken. An einer Übersetzung von einigen hundert Schriftzeichen sitzt man unter Umständen den ganzen Tag. Steht für die Arbeit nicht genügend Zeit zur Verfügung, kommt es teilweise zu großen Abstrichen bei der Qualität.

In einer Fremdsprache, aber auch in unserer chinesischen Sprache, bringt man es nur schwer zur Meisterschaft. Obwohl chinesische Schüler von der Grundschule bis zur Universität unermüdlich Chinesisch und Fremdsprachen lernen, sind es schließlich nur sehr wenige, die ihre Muttersprache und eine Fremdsprache so perfekt beherrschen, dass sie sich dem Schreiben oder Übersetzen widmen. Das Filmmetier umfasst ein breites Spektrum: Geschichte, Philosophie, Kunst, Wissenschaft, Militär, Religion oder Moral, alles kann in einem Film zum Thema werden. Abgesehen von hervorragenden sprachlichen Grundlagen, muss der Übersetzer auch in Kunst und Kultur über genügend Bildung verfügen, um die Botschaft eines Filmes zu verstehen und zu transportieren. So hat sich ein ausgezeichneter Filmübersetzer seine Könnerschaft hart erarbeitet und bei seiner Übersetzertätigkeit handelt es sich zweifelsohne um wertvolle geistige und körperliche Arbeit, die allgemeine Achtung und Verständnis verdient hat. Die meisten der importierten Filme und Fernsehserien erzielen in China beträchtliche Gewinne, aber den Übersetzern gesteht man nur ein Honorar von wenigen tausend oder sogar hundert Yuan zu, was wirklich in keinem Verhältnis zu ihrer Leistung steht.

Qualitätsunterschiede bei der Übersetzung

Pauschal zu behaupten, das Niveau von Filmübersetzungen sei nicht hoch, ist natürlich etwas unsachlich. In der Realität findet man Gutes und Schlechtes, es gibt die Spreu und den Weizen. Die regulären Produktionsfirmen sind in ihrem Anspruch und Management relativ streng, so dass die Qualität der Übersetzungen hier etwas besser ist. Dagegen liefern die weniger professionellen Produktionsfirmen, insbesondere einige kleinere Betriebe, die Raubkopien bearbeiten, eine mangelhafte übersetzerische Qualität. Macht man eine Bestandsaufnahme der in den letzten Jahren in China neu vertonten ausländischen Blockbuster sowie der vom Zentralen Staatsfernsehen (CCTV) und anderen Mainstream-Medien ausgestrahlten synchronisierten Filme, stößt man auf viele Meisterwerke, wie beispielsweise auf den amerikanischen Film Harry Potter, synchronisiert durch das Shanghai Film Dubbing Studio, auf die US-Produktion Der Herr der Ringe, neu vertont durch das August First Film Studio oder auf die koreanische Fernsehserie Die Männer vom Badehaus, die bei CCTV und anderen Kanälen über den Bildschirm flimmerte. 

In den Filmbranchen einiger Länder wird zwischen Produktion und Ausstrahlung getrennt, das heißt, die Sendeanstalten produzieren nicht selbst, sondern kaufen alle Filme auf dem Markt ein, während die Produktionsfirmen sich allein dem Machen von Filmen widmen und ihre Produkte auf dem Markt vertreiben müssen. Auch wenn die chinesische Filmwirtschaft gerade eine Reform hin zu mehr Marktorientierung durchläuft, sind Produktion und Ausstrahlung derzeit noch gekoppelt. Import, Bearbeitung und Ausstrahlung ausländischer Filme werden grundsätzlich innerhalb eines großen, geschlossenen Systems eigenständig abgewickelt. Konkret gibt es in China drei Arten von Firmen, die Synchronfilme produzieren: jene, die zum staatlichen Filmsystem bzw. zum staatlichen Fernsehsystem gehören, sowie private Filmgesellschaften. Das staatliche Filmsystem liefert vor allem Synchronfassungen für die Kinos in ganz China, die Filmkanäle des Zentralen Staatsfernsehens und für das Digitalfernsehen. Hier geht es vor allem um Spielfilme. 

Zu den wichtigsten Produktionsgesellschaften zählen das Shanghai Film Dubbing Studio, das Synchronzentrum der China Film Group Corporation, die Synchronabteilung der Changchun Film Group, das August First Film Studio, Huaxia Films sowie das Programmzentrum des CCTV Movie Channel. Das staatliche Fernsehsystem liefert natürlich die Synchronfassungen für die einzelnen TV-Sender. Hier dominieren Fernsehserien, es werden aber auch Spielfilme importiert und übersetzt, die dann im Fernsehen gesendet werden. Zu den größeren Gesellschaften, welche Fernsehfilme einkaufen und synchronisieren, zählen die China International Television Corporation (CITVC) und die internationale Abteilung von CCTV, aber auch einige lokale Fernsehsender. In die dritte Kategorie der Synchrongesellschaften fallen die nicht-staatlichen Filmproduktionsfirmen, welche Filme, Fernsehserien, populärwissenschaftliche Dokumentationen und Dokumentarfilme importieren und vertonen. Die Produktionen werden von den verschiedenen Fernsehsendern eingekauft und ausgestrahlt. Außerdem werden sie in Form von DVDs über die Buchläden vertrieben, wie es etwa die Beijing Continental Bridge Media Group tut.

Derzeit verfügt nur eine kleine Anzahl von Filmgesellschaften, darunter das Shanghai Film Dubbing Studio und die Beijing Continental Bridge Media Group, über hauptberufliche Synchronisationsteams. Die Mehrzahl der Synchronfirmen arbeitet mit temporären Kräften, das heißt man engagiert im Fall einer Synchronisierung vorübergehend Übersetzer, Regisseure und Schauspieler, reduziert so den Verwaltungs- und Kostenaufwand, und gibt den Künstlern die Freiheit, sich die Arbeit einzuteilen und die Zeit flexibel zu planen. In Wirklichkeit sind die von den Synchronunternehmen engagierten Mitarbeiter zwar ungebunden, aber zugleich auch relativ beständig, denn zwischen ihnen und der Firma entwickelt sich meist eine langfristige Zusammenarbeit. Die Drehbuchübersetzer der einzelnen Synchronfirmen kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Unter ihnen sind Freiberufler, in Privatbetrieben oder staatlichen Institutionen angestellte Übersetzer sowie Dozenten und Studenten der fremdsprachlichen Fakultäten von Hochschulen und Universitäten. Einige Filmübersetzer haben gar keine Fremdsprache studiert, aber da sie Filmliebhaber sind und zusätzlich über sehr gute fremd- und muttersprachliche Fähigkeiten verfügen, ist die Qualität ihrer Übersetzungen sehr hoch. Derzeit ist die überwiegende Mehrheit der Filmübersetzer nicht speziell geschult. Ihre Fertigkeiten haben sie sich hauptsächlich in der Praxis angeeignet.

Deutsche Filme – eine kleine Nummer bei den Importen

Beim Import von Filmen und Fernsehsendungen entfällt der größte Anteil auf englischsprachige Produktionen. Da die importierten Filme und TV-Sendungen in erster Linie aus dem angloamerikanischen Raum kommen, wird selbst für einige Filme aus anderssprachigen Ländern bei der Übersetzung eine englische Drehbuchvorlage verwendet, so dass man auch hier Übersetzer mit der Arbeitssprache Englisch benötigt. In den vergangenen Jahren haben koreanische Filme und Fernsehserien in China eine „Koreanische Welle“ ausgelöst. Serien wie My Sassy Girl oder My Lovely Sam Soon sind bei den chinesischen Zuschauern sehr beliebt, und die Zahl der Übersetzungen steigt dementsprechend. Es gibt auch einige Originalfilme und Fernsehsendungen aus Ländern wie Deutschland, Frankreich, Italien oder Indien, aber es sind nicht viele und auch alle zusammengenommen bleiben noch hinter den englischsprachigen zurück. Ich habe einmal bei einem Mitarbeiter von Huaxia Films nachgefragt, warum das chinesische Film- und Fernsehprogramm nicht durch den Import von mehr nicht-angloamerikanischen Filmen bereichert wird. „Die spielen kein Geld ein!“ lautete die Antwort. Filme aus Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Italien legen Wert auf geistigen Tiefgang und das Spiel mit Ausdrucksformen. Das kommt bei filmkundigen Intellektuellen ganz gut an, aber die sind eine kleine Zielgruppe. Bei den großen Hollywood-Produktionen hingegen sind Sound- und Bildeffekte angesagt, welche den Geschmack der heutigen Jugend treffen, so erreicht man automatisch ein großes Publikum. Auch in der chinesischen Filmindustrie zählen heutzutage die Einspielergebnisse, und im Fernsehen schaut man auf die Einschaltquoten. Sie bestimmen maßgeblich den Einkauftrend bei Film- und Fernsehproduktionen.

Je weniger Filme in einer Sprache eingeführt werden, desto weniger Gelegenheiten ergeben sich auch für die Praxis der Übersetzung, und das führt zwangsläufig zu einem Mangel an Übersetzern in dieser Sprache. Um das Problem fehlender Übersetzungspraxis auszugleichen, sieht der Synchronregisseur normalerweise zwei Leute vor, welche die Übersetzung der Dialoglisten in zwei Etappen anfertigen. Zunächst wird der Filmdialog von einem Übersetzer der jeweiligen Arbeitssprache sinngemäß übertragen, ohne dass er auf die Anforderungen der Synchronisation achten muss, allein der Inhalt muss stimmen. Anschließend wird der Text von jemandem, der sich mit dem Synchronsprechen auskennt, „auf den Ton aligniert“. Das bedeutet, dass die Übersetzung im Hinblick auf die konkreten Filmszenen und insbesondere entsprechend der Gesten und Lippenbewegungen der Figuren neu arrangiert wird, so dass sie schließlich zur Performance der Synchronsprecher passt. Zweifellos erhöhen sich hierdurch Arbeits- und Zeitaufwand für die Übersetzung und der Prozess wird weniger effizient. So vorzugehen, hat noch einen fatalen Nachteil: Versteht derjenige, der den Text arrangiert, die Originalsprache nicht, besteht die Gefahr, dass bei der Anpassung der Dialoge der Sinn verfälscht wird oder es zu Übersetzungsfehlern kommt. 

Wir brauchen mehr hochwertige Synchronfilme auf Bildschirm und Leinwand. Ich hoffe, dass immer mehr Übersetzer sich den Bereich der Filmübersetzung erschließen, sich immer weiter mit der Kunst, Filme zu übersetzen, befassen und den Ausländern auf der Leinwand ein authentisches und schönes Chinesisch in den Mund legen.

Gu Tiejun, geboren im Jahr 1965, ist Professor im Bereich Film- und TV-Übersetzung und -Synchronisation an der Communication University of China (CUC) in Peking. Nebenbei übersetzt er auch Drehbücher und leitet Nachvertonungen von Filmen, übersetzt Romane und Gedichte und schreibt Fachartikel. Prof. Gu Tiejun war für die Übersetzung vieler Filmdialoge verantwortlich, u.a. in Herr der Ringe – Rückkehr des Königs. Für die Dialoge des Films King Arthur erhielt Prof. Gu 2005 bei der 11. Verleihung der chinesischen Huabiao-Film-Preise eine Auszeichnung.