Film Der Vielvölkerstaat in Kultur und Unterhaltung

Fest der Minoritäten an der Southwest University in Chongqing
Fest der Minoritäten an der Southwest University in Chongqing | © www.icpress.cn

Der Soziologie- und Anthropologieprofessor Ma Rong (马戎) fragt, welchen Sinn die Unterscheidung von Filmen in „allgemeine Stoffe“ und Minoritäten-Filme in China hat.

In China werden Filme in zwei große Genres eingeteilt: In „Filme, die allgemeine Stoffe behandeln“, und „Filme über nationale Minderheiten“. Inwiefern fördert oder schwächt diese Segmentierung des Kultur- und Unterhaltungssektors die kollektive Identifikation der einzelnen Ethnien mit der „chinesischen Nation“?
 
Der folgende Text von Ma Rong (马戎), Professor an der Peking-Universität, erschien am 4. März 2010 in der Wochenzeitung Southern Weekend

In Literatur und Film Chinas fällt auf, dass eine mehr oder weniger systematische Trennung zwischen „Minoritäten-Literatur und -Filmen“ beziehungsweise „Literatur und Filmen mit allgemeinen Stoffen (auch: nicht-ethnische Filme)“ besteht. Seit den 1990er Jahren hat die Regierung mit dem „Fliegenden Drachen“ und dem „Edlen Ross“ sogar eigens Filmpreise für das Minderheiten-Genre etabliert. Der chinesische „Minoritäten -Film“ muss sich in Haupthandlung und Hauptrollen an den nationalen Minderheiten orientieren, während dem Zuschauer in den „allgemeinen Filmen“ nur in Ausnahmefällen Figuren begegnen, die einer der ethnischen Minderheiten angehören. Es scheint, dass die Regierung durch solch eine Unterscheidung den einzelnen Volksgruppen Chinas besondere Wertschätzung und Aufmerksamkeit zukommen lässt, doch ist es vielleicht an der Zeit, einmal zu analysieren und zu diskutieren, inwiefern diese systematische Segmentierung des Kultur- und Unterhaltungssektors nach Volksgruppen denn dazu beiträgt, deren kollektive Identifikation mit der „chinesischen Nation“ zu stärken, beziehungsweise das friedliche Miteinander aller Chinesen zu fördern.

Omnipräsente Multiethnizität im Film

Obwohl beispielsweise die Vereinigten Staaten zu den großen Ländern unserer Welt gehören, in denen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und ethnischer Zugehörigkeit zusammenleben, scheint man dort keinen Unterschied zwischen „ Minoritäten-Filmen“ und Filmen über „normale“ Menschen (weißer Hautfarbe) zu machen. Freilich gibt es in den USA auch einige Filme, die farbige oder indianische Persönlichkeiten beziehungsweise deren Leben zum Thema haben, doch in den meisten Filmen – insbesondere jenen Filme, die nach der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre gedreht worden sind – spielen Menschen jeglicher Hautfarbe mit. Wenn es zum Beispiel in einem Film um zwei tapfere Cops geht, ist normalerweise der eine ein Weißer und der andere ein Schwarzer, und wenn man dann noch eine dritte Figur benötigt, nimmt man mit großer Wahrscheinlichkeit jemanden asiatischer Abstammung. Wird ein Richter oder ein heldenhafter Polizist dargestellt, und letzterer ist ein Weißer, dann ist sein Vorgesetzter üblicherweise ein Farbiger – oder auch umgekehrt. Unter den US-amerikanischen Filmen der letzten dreißig Jahre findet man kaum einen, der ausschließlich mit Weißen besetzt worden wäre. Auch unter den Moderatoren von Fernsehnachrichten oder anderen TV-Programmen hat ein beträchtlicher Anteil eine dunkle Hautfarbe. Durch diese Filme und Fernsehsendungen vermittelt sich den amerikanischen Zuschauern – schwarzen wie weißen und Menschen anderer Couleur - der Eindruck, dass die USA eine multiethnische Gesellschaft sind, in der Weiße, Schwarze und andere Bevölkerungsgruppen Tag für Tag zusammen leben und arbeiten, und dass ihre wichtigste gemeinsame Identität darin liegt, sich allesamt als „Bürger der Vereinigten Staaten“ zu fühlen.

Ab und zu entscheidet man sich in den amerikanischen Filmen auch für Chinatown als urbane Kulisse, und wenn die Protagonisten zum Essen gehen, gehen sie wahrscheinlich in ein italienisches oder chinesisches Restaurant. Drehbuchautoren, Regisseure und die Programmgestalter der Fernsehsender sind sehr darauf bedacht, dass das eigene Programm vor dem Zuschauer in allen Details das Bild einer multiethnischen und multikulturellen Gesellschaft erstehen lässt, so dass den Menschen die Idee einer „multiethnischen Gesellschaft“ in Fleisch und Blut übergeht. 

Die Anstrengungen, welche die amerikanische Kultur-, Film-, und Fernsehwelt diesbezüglich unternommen hat, haben entscheidend zur Verbesserung der Beziehungen zwischen den amerikanischen Volksgruppen beigetragen. Wer in den USA reist oder lebt, wird schnell bemerken, dass auch die amerikanische Werbung permanent die Botschaft vermittelt, dass dies eine multiethnische Gesellschaft ist. In der Reklame für alle möglichen Produkte und Dienstleistungen treten viele Farbige auf, zum einen, um schwarze Konsumenten anzusprechen, zum anderen, um die Multiethnizität der amerikanischen Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen. Fragt man einmal einen Amerikanisten, was den „amerikanischen Geist“ ausmache, wird er bei seiner Erläuterung der amerikanischen Werte bestimmt nicht vergessen, über die multiethnische Gesellschaft und die Multikulturalität der USA zu sprechen.

Der Vielvölkerstaat im Alltag 

In China werden Filme in zwei große Genres eingeteilt: In „Filme, die allgemeine Stoffe behandeln“, und „Filme über nationale Minderheiten“. Im „gewöhnlichen Filmgenre“ gibt es kaum Rollen für Minderheiten und selbst Angehörige der Hui-Nationalität oder Mandschuren, die in den Städten mit Han-Chinesen Tür an Tür leben, tauchen als Figuren im Film nicht auf. Ließe man ein paar Jugendliche oder Polizisten im Film zum Essen gehen, wäre folgende Szene eher unwahrscheinlich: Einer aus der Gruppe erinnert die Begleiter, dass heute ein Hui mit ihnen isst und schlägt ein muslimisches Restaurant vor. Auch die folgende Szene wird man nicht zu Gesicht bekommen: Frauen beim Shoppen. Eine bewundert den guten Geschmack der Freundin, und bemerkt dazu scherzhaft, das sei wohl auf ihren mandschurischen Kulturhintergrund zurückzuführen. In vielen amerikanischen Filmen indessen bekommt man Eindrücke und Informationen über Kultur und Sitten von Afroamerikanern, Chinesen, Italienern oder Hispanos wie selbstverständlich mitgeliefert. Der gelegentliche Akzent von Schwarzen, Chinesen oder anderen Volksgruppen in einem Dialog hat nicht nur einen gewissen Unterhaltungswert, sondern weist auch ganz objektiv auf die Vielfalt der religiösen Traditionen, kulturellen Gepflogenheiten, Dialekte und Akzente innerhalb der amerikanischen Gesellschaft hin.

Abgesehen von der Reklame für verschiedene Touristenziele in Westchina oder Arzneimittel der Minoritäten, in der auch Nicht-Han-Chinesen auftauchen, begegnet einem in der gängigen chinesischen TV-Werbung (für Autos, Mode und Kosmetik, Nahrungsmittel und Elektrogeräte) selten ein Angehöriger einer Minderheit. Auch unter Fernsehansagern und den Moderatoren der populären Unterhaltungsshows ist die Minderheiten-Quote äußerst niedrig. Dass China die Produktionen von Film und Fernsehen nach „ethnischer Zugehörigkeit“ klassifiziert und in den beliebten Fernsehsendungen, in der Literatur und in der Werbung Persönlichkeiten aus dem Kreis der nationalen Minoritäten fehlen, hat eines zur Folge: Die wichtige Botschaft „China ist ein Vielvölkerstaat und unsere Gesellschaft eine multiethnische Gesellschaft“ vermittelt sich der chinesische Bevölkerung in ihrem täglichen Kultur- und Unterhaltungsprogramm kaum. Noch weniger haben sie in diesen Kultur- und Unterhaltungsprogrammen die Gelegenheit, Geschichte, Sprache, Religion und Gepflogenheiten der einzelnen Volksgruppen kennenzulernen. Dies wiederum führt dazu, dass sich der Wissensstand über die Minderheiten bei einer breiten Bevölkerungsschicht im Alltag nicht erweitert, ja dass sie kaum ein Bewusstsein für diese entwickeln. Führt sie dann die Jobsuche in westchinesische Städte, stellen sich infolge ihrer extremen Wissenslücken über die Minoritäten allzu leicht kulturelle Missverständnisse, psychische Barrieren oder ein Han-Chauvinismus ein, der für das Miteinander der Volksgruppen sowie die sozioökonomische Entwicklung zweifellos sehr nachteilig ist. In China als einem geeinten Vielvölkerstaat, in dem die Gleichbehandlung der einzelnen Volksgruppen verfassungsmäßig garantiert ist, bilden die hochgradige Identifikation der einzelnen Volksgruppen mit der „chinesischen Nation“ sowie die Universalität der Bürgerrechte die wichtigste Basis, um den Zusammenhalt im Staat und die eigene „soft power“ im internationalen Wettbewerb zu erhöhen.

Verständnis durch Verständigung 

Manch einer mag sich dieser Frage noch aus einer anderen Warte nähern, gab es doch in der Vergangenheit Inhalte von Publikationen beziehungsweise literarischer oder künstlerischer Werke, welche von einigen Minoritäten als Respektlosigkeit oder Beleidigung der eigenen Geschichte und Religion, der eigenen Traditionen und Sitten aufgefasst worden sind, woraufhin Angehörige dieser Volksgruppen Beschwerde einlegten oder protestierten und die betreffenden Verlagshäuser samt der beteiligten Personen schließlich von den übergeordneten Regierungsbehörden abgestraft wurden. Nachdem so etwas einige Male vorgekommen ist, versuchen viele Kulturschaffende und Verleger der Han-Nationalität, sich solche „Scherereien“ zu ersparen und verweigern und vermeiden so gut es geht künstlerische Inhalte, die mit Minderheiten zu tun haben. Darüber hinaus unterlassen es die zuständigen Regierungsbehörden, weil auch sie möglichen Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen wollen, die ihnen unterstellten kulturellen Einrichtungen dazu zu ermutigen, „Minoritäten-Stoffe“ aufzugreifen.

Wie nun soll man mit alledem umgehen? Ich finde, zum einen sollten Kulturschaffende der Han-Nationalität über die ethnischen Minderheiten, die in China immerhin fast 10% der Bevölkerung ausmachen, besser informiert sein. Sie sollten sich mehr mit Intellektuellen aus den ethnischen Minderheiten austauschen, und möglichst vermeiden, dass es aus Unkenntnis und durch kulturelle Missverständnisse zu Konfrontationen kommt. Zum anderen müssten Verlagsanstalten und leitende Behörden Leute einstellen, die mit der Geschichte und Kultur der Minoritäten vertraut sind. Diese könnten die entsprechenden Inhalte redigieren und an Stellen, die falsch verstanden werden könnten, in Absprache mit dem Autor Korrekturen vornehmen. Drittens sollten auch die Leser und Zuschauer aus den Reihen der Minderheiten die Sache etwas lockerer sehen, sie sollten es begrüßen, dass sich Han-Chinesen mit Themen der Ethnien auseinandersetzen, und sie sollten deren Kreationen mit mehr Toleranz begegnen.

Grundsätzlich denke ich, dass kein Han-chinesischer Intellektueller oder Autor die nationalen Minderheiten absichtlich diffamieren oder beleidigen möchte. Wer sollte so etwas im heutigen China tun? Sollte es aber tatsächlich so jemanden geben, dann führt er gewiss im Schilde, die Beziehungen zwischen den Volksgruppen zu schädigen. Und wenn sich unsere Leser durch solche Inhalte tatsächlich anstiften lassen und auf die Straße gehen, dann helfen sie diesen Leuten, ihre destruktiven Ziele zu verwirklichen. Die auf Unwissenheit zurückgehenden rassistischen Vorurteile mancher Menschen können durch geduldige Erziehungs- und Aufklärungsarbeit seitens der Regierung oder der Bevölkerung allmählich abgebaut werden. Selbstverständlich muss man die Einzeltäter, welche ethnische Konflikte mit Vorsatz schüren und das Miteinander der Volksgruppen stören, also die gemeinsamen Feinde der gesamten Nation, rechtzeitig überführen und bestrafen. Aber in den meisten Fällen müssten die verschiedenen ethnischen Volksgruppen einfach nur etwas toleranter sein und Worte, die wahrscheinlich gar nicht so gemeint waren, nicht gleich auf die Goldwaage legen. Man kann den andern ja auch freundlich darauf hinweisen, in Zukunft besser aufzupassen, was er sagt, und muss nicht gleich extrem reagieren. Tatsächlich könnten auf diese Weise viele Konflikte vermieden oder beigelegt werden