Berlinale-Blogger 2015 „Das Leben ist einfach“ – Interview mit Li Ruijun

Li Ruijun auf der Berlinale 2015
Li Ruijun auf der Berlinale 2015 | www.dfic.cn

Für den chinesischen Filmemacher Li Ruijun bedeutet Geldgier das sichere Ende jeglicher Originalität. Er erzählt, was ihn dazu bewegt, dem alternativen Kino treu zu bleiben.

Wie entstand „River Road“?

Diesen Film wollte ich schon seit 2009 drehen. Selbst in der Provinz Gansu ist vielen Menschen die autonome Region, in der 14.000 Yuguren leben, unbekannt. Ich  stamme aus einer Stadt in der Nähe des yugurischen Gebiets, und zwischen uns hat es schon immer einen regen Austausch und viel Verständnis füreinander gegeben. Als das Drehbuch fertig war, konnte ich nicht sofort Geldgeber gewinnen. Das folgende Projekt Fly with the Crane war einfach kostengünstiger und wurde daher zuerst realisiert. Zum Glück waren die Produzenten von River Road sehr hilfsbereit und tolerant. Sie fanden, dass manche Filme auch gedreht werden müssen, wenn sie die Kosten vielleicht nicht wieder einspielen. Wir beendeten die Dreharbeiten zu River Road im Oktober 2013 und die Postproduktion im September 2014. Ich hatte beschlossen, dass eine Geschichte über die Yuguren auch in yugurischer Sprache erzählt werden muss. Ich bat die Abteilung für Kulturerbeschutz des örtlichen Kulturbüros, mir bei der Suche nach einem Dorf zu helfen, in dem die alten Sprachen noch gepflegt werden. Ich fand eine Schule mit 400 yugurischen Schülern, von denen aber nur vier Jungen die Sprache einigermaßen beherrschten. Daher war die Auswahl beim Casting sehr eingeschränkt. Wir mussten eine ganze Weile an Aussprache und schauspielerischem Können der Kinder arbeiten. Die Dialoge ließ ich von älteren Yuguren einlesen. Auf Grundlage dieser Aufnahmen lernten die Kinder dann ihren Text auswendig und feilten an ihrem Akzent. Auch das Kameltraining nahm einige Zeit in Anspruch, denn die Menschen sind mittlerweile auf Traktoren umgestiegen.

Wie sind Sie darauf gekommen, den iranischen Komponisten Peyman Yazdanian für die Filmmusik zu gewinnen?

Eigentlich wollte ich dafür wieder den Komponisten des Soundtracks zu Fly with the Crane engagieren. Doch dann hielt ich Peyman für geeigneter. Es ist schön, dem Film eine Prise Internationalität zu verleihen und mit der Gewohnheit zu brechen, auf einheimische Komponisten zurückzugreifen. Und es funktioniert gut, weil es Parallelen zwischen den Iranern und Yuguren gibt, besonders was Kultur und Musikinstrumente anbelangt. Wir ließen uns beim Soundtrack von Musik und Kultur der Yuguren beeinflussen. So basiert das Hauptthema der Filmmusik auf einem alten yugurischen Wiegenlied. Das Lied besteht nur aus zwei Zeilen, und die Melodie und Betonung klingen genauso wie ein altes ungarisches Wiegenlied. Wenn man es hört, denkt man an eine Mutter, die ihr Kind tröstet, und steht für mich daher in Verbindung mit den beiden Kindern aus dem Film, die ja auf der Suche nach ihrer Mutter und ihrer Heimat sind. Wir haben das Lied neu arrangiert und anschließend mit traditionellen yugurischen Instrumenten eingespielt. Mit dem Ergebnis waren wir sehr zufrieden.

Hat dieses Filmprojekt viel Recherche zur Kultur und Geschichte der Yuguren erfordert?

Ich wusste bereits, wie die Yuguren heute leben, aber ich stellte ausgiebige Nachforschungen über ihr Leben in der Vergangenheit an. Der Mann in der Rolle des Großvaters ist Yugure. In seiner Jugend war er im Kulturbüro angestellt. Nun ist er im Ruhestand. Obwohl er über 70 Jahre alt ist und gesundheitliche Probleme hat, war er uns eine große Hilfe. Ich bat ihn, uns auf Ungereimtheiten bei der Inszenierung aufmerksam zu machen, damit wir sie ausbügeln können. Vor den Dreharbeiten sagte er mir, dass es sehr mutig von uns sei, etwas zu thematisieren, das er schon immer zur Sprache bringen wollte. Viele hätten Angst anzuecken und beschönigten die Realität. Er finde, River Road sei sehr nah an der Wahrheit.

Das Ende des Films ist äußerst beeindruckend.

Es ist eine Umweltparabel. China erlebt eine rasante Industrialisierung. Der Film endet mit der Desillusionierung der beiden Kinder. Das ist das Problem, dem sich ihre Generation gegenübersieht. Die Menschheit ist schon immer davon ausgegangen, dass es uns zusteht, die Welt zu verändern und zu formen. Doch nun sind Luft, Wasser und Boden verseucht, zahlreiche Spezies, Kulturen und Sprachen vom Aussterben bedroht. Wenn die Zerstörung schneller als die Entstehung voranschreitet, oder wenn die Umwelt so verschmutzt ist, dass dem Menschen kein Lebensraum bleibt, wird alle Schöpfung bedeutungslos. Bereits im Altertum war China ein Land mit großem Umweltbewusstsein. Unser philosophisches System basiert auf der Harmonie zwischen Mensch und Natur, also dem friedlichen Miteinander der beiden. Und doch wird heute alles von der wirtschaftlichen Entwicklung angetrieben, und ihr opfern wir unsere Ökosysteme. Das ist es absolut nicht wert.

Welche Reaktionen bekamen Sie auf den Film?

Abgesehen von Schauspielern und Festivalbesuchern hat den Film in China niemand gesehen. Wir wollen ihn im Juni herausbringen. Der Film ist zu ernst und nicht spannend genug für ein chinesisches Publikum. Es ist kein Film, den man sich anschauen und dabei Kürbiskerne knabbern und Cola trinken kann. Heutzutage gibt es kaum noch Menschen, die sich Zeit zum Nachdenken nehmen oder das Mobiltelefon ausschalten, um ein Buch zu lesen. Nur wenige Regisseure drehen alternative Filme, und daher fühle ich mich zum Durchhalten verpflichtet. Würden sich 50%-60% der Filmemacher ähnlichen Themen widmen, würde ich sofort auf kommerzielle Filme umschwenken. Doch da es mehr als 90% der Regisseure ausschließlich um Unterhaltung und Geschäft geht, will ich Filme mit künstlerischem und kulturellem Anspruch schaffen. Der kleine Anteil von Zuschauern, der sich für alternatives Kino interessiert, soll wissen, dass jemand die Fahne hochhält. Diese Filme leuchten wie kleine Fackeln, die ich nicht verlöschen sehen will.

Was halten Sie vom chinesischen Mainstream-Kino?

Es mangelt ihm an Originalität. Die meisten Filme folgen bloß einem Trend. Wenn sich Jugendfilme gut verkaufen, investieren die Geldgeber ein paar Jahre lang ausnahmslos in dieses Genre. Meines Erachtens liegt der Reiz des Kinos in seiner Vielfalt und seinem Ideenreichtum. Herdenverhalten erstickt jegliche Kreativität. Die Produzenten wollen weder Zeit noch Energie in originelle Drehbücher stecken. Sie wollen die Filme einfach so schnell wie möglich fertigstellen und damit Geld verdienen. Das schadet der gesamten Branche.

Haben Sie nach der Teilnahme an internationalen Filmfestivals mehr Unterstützung für Ihre Projekte erhalten?

Die Teilnahme an renommierten Filmfestivals zeugt vom Können des Filmemachers und der Qualität seiner Werke. Sie schafft auch Vertrauen. Doch Filme wie River Road profitieren davon eigentlich nicht so sehr. Filmfestivals sind hauptsächlich Orte, an denen sich die Zuschauer den Film anschauen und wir mit ihnen in Kontakt kommen. Zudem bieten sie die Gelegenheit, das Schaffen anderer zu verfolgen und den Film an Verleiher in der Region des Festivals zu verkaufen, damit die Investoren nicht allzu viel Geld verlieren und sich für ein neues Projekt begeistern lassen.

Wie bringen Sie Ihren Idealismus beim Filmemachen und die Zwänge des Alltags ins Gleichgewicht?

Das finde ich sehr einfach. Da ich mich für diese Art von Filmen entschieden habe, bin ich nicht auf das große Geld oder ein Leben in Luxus aus. Niemand ist gezwungen, alternative Filme zu drehen, und wir sind für unsere Entscheidungen voll verantwortlich. Für mich ist alles gut, solange ich genügend zu essen und ein Dach über dem Kopf habe. Das Leben ist einfach.

Li Ruijun ist Regisseur von River Road und wurde in der Provinz Gansu geboren. Seit seinem Abschluss an der Communication University von Shanxi im Jahr 2003 drehte er vier Spielfilme, die auf verschiedenen internationalen Filmfestivals gezeigt und prämiert wurden. 2010 war The Old Donkey auf dem Festival des Asiatischen Films in Deauville sowie auf dem Internationalen Filmfestival in Hongkong zu sehen. 2012 wurde Fly with the Crane auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig präsentiert und gewann den ersten Preis in der Kategorie Regie auf dem Internationalen Filmfestival in Brasilien. River Road lief 2015 auf der Berlinale und auf dem Internationalen Filmfestival in Tokio.