Literatur Renaissance der Literaturzeitschrift?

Zeitschriftencover, Collage
Zeitschriftencover, Collage

In der ersten Jahreshälfte 2011 wurden in China gleich mehrere neue Literaturzeitschriften gelauncht – ein Zeichen dafür, dass es neben dem schnelllebigen Internet auch wieder eine Leserschaft für längere Texte gibt?

Im März 2011 kam die erste Ausgabe der Zeitschrift Xinrui auf den Markt. Ihr englischer Name, Thinkers’ Letter, könnte den eigenen Anspruch der Publikation als „Kulturzeitschrift der Premiumklasse“ kaum deutlicher zum Ausdruck bringen; einen Monat später wurde die zweite Ausgabe von Thinkers’ Letter planmäßig ausgeliefert, ihr Titelthema: „Auferstehung“.

Eigentlich wäre „Auferstehung“ der passende Titel für die Erstausgabe von Thinkers’ Letter gewesen. Die Gründer, Xu Yang (许洋) und Li Nan (李楠), waren seit langem für das von den Promi-Immobilienmagnaten Pan Shiyi (潘石屹) und Zhang Xin (张欣) geführte Unternehmen SOHO China Limited tätig. Von Mitte 2002 bis Oktober 2010 hatten die beiden das Firmen-Magazin Newsletter for Modern City Customers allmählich zu dem literarischen Magazin SOHO Xiaobao umgestaltet. Doch im Oktober 2010 wurde die Zeitschrift eingestellt: „In der heutigen Zeit der neuen Medien passen Print-Magazine nicht mehr zu unserem Lebensrhythmus,“ lautete die offizielle Begründung des Unternehmens. Ende Dezember 2010 wechselten Xu Yang und Li Nan dann zur CITIC Publishing Group, deren Schwerpunkt bei Bestsellern aus den Bereichen Wirtschaft, Management, Finanzen, Investment und Vermögensverwaltung liegt, und die Teil der von dem ehemaligen chinesischen Vizepräsidenten Rong Yiren (荣毅仁) gegründeten CITIC Group ist. In dieser starken Allianz vereinten sich Reputation und Autorenkontakte mit den Vorteilen einer etablierten Verlagsinfrastruktur. Die Tage, da die als Thinkers’ Letter auferstandene SOHO Xiaobao gratis verschickt wurde, gehören der Vergangenheit an.

Zur gleichen Zeit trat Annie Baobei (安妮宝贝), die sich Ende der 1990er Jahre als Web-Schriftstellerin der Post-70er-Generation einen Namen gemacht hat, als Herausgeberin des Saisonmagazins Dafang (englischer Titel: O-pen) auf, dessen Erstauflage mit einer Million angegeben wurde. Vermutlich vor allem ein Verlags-Coup, bei dem eine Schriftstellerin vorgeschoben wurde, um die Aufmerksamkeit der Leser zu gewinnen.

Und zum 1. April 2011 brachte die Guangzhou Modern Information Media Company (die Firma ist für das Advertising des altehrwürdigen Hongkonger City Magazines verantwortlich und nennt außerdem das mondäne, monatlich erscheinende Life Magazine sein eigen) die Literaturzeitschrift Chutzpah in den Handel, eine Zwei-Monats-Publikation unter der Federführung des Kunstkurator Ou Ning (欧宁).

Guo Jingming (郭敬明), Kultautor der Post-80er-Generation, wiederum baut auf dem Erfolg seines über vier Jahre geführten Magazins Top Novel auf. Für März und April 2011 betraute er jeweils die bei seiner Firma unter Vertrag stehenden Schriftstellerinnen Di An (笛安) und Luo Luo (落落) mit der Herausgabe von ZUI Found und ZUI Fount. Die aus Frankreich heimgekehrte Di An ist die Tochter von Li Rui (李锐) und Jiang Yun (蒋韵), einem berühmten Schriftstellerpaar aus Shanxi. Die Zeitschriften ZUI Found und ZUI Fount wecken Assoziationen an die Publikation Newriting, welche die Post-80er-Autorin Zhang Yueran (张悦然) drei Jahre lang in unregelmäßigen Abständen herausgab, und die für stark feministisch gefärbte Themen wie „Loneliness“, „Ambigious“ oder „Too late to...“ bekannt war.

Doch diejenigen, die Han Han (韩寒), den schriftstellernden Rennfahrer der Post-80er-Generation, für seine mutigen Wortmeldungen zu öffentlichen Angelegenheiten bewundern, rümpfen über den kommerziellen Erfolg Guo Jingmings nur die Nase. Ihr „Mitgefühl“ gilt vielmehr der von Han Han herausgegebenen Zeitschrift Chor der Solisten: Hatte sich doch der bekannte Schriftsteller Yan Lianke (阎连科)ohne Zögern bereit erklärt, ein Manuskript für Chor der Solisten zu liefern. Doch noch ehe er die versprochene Erzählung vollendet hatte, konnte Chor der Solisten schon nach der ersten Ausgabe nicht mehr erscheinen.

Aber auch wenn Chor der Solisten als Literaturzeitschrift scheiterte, durch den zeitgleichen Auftritt von Thinkers’ Letter, Chutzpah, Dafang sowie ZUI Found und ZUI Fount ist bei den chinesischen Lesern und Beobachtern der Szene doch ein Anflug von Freude über die„Rückkehr der Literatur“ und die „Renaissance der humanistischen Kultur“ aufgekommen. Hinzu kommt, dass die Zeitung People‘s Literature Anfang 2010 eine eigene Rubrik für Sachtexte einrichtete und im Oktober 2010 das Non-Fiction-Writing-Programm „Renmin Dadi“ (zu Deutsch: „Reich des Volkes“, Anm. d. Übers.) ins Leben rief, und außerdem bei Zeitungen wie Harvest, Shanghai Literature und Peoples Literature die Autorenhonorare im vergangenen Jahr jeweils kräftig angehoben wurden.

Über den gegenwärtigen Boom chinesischer Kulturmagazine wurde in Southern Weekend, der Southern Metropolis Weekly, New Weekly oder der Oriental Morning Post ausführlich berichtet. Bei Southern Weekend lag der Akzent auf den sogenannten „Buchmagazinen“ und den entsprechenden Erfahrungen in Japan. Indem sie die Formate Magazin und Buch zusammenfassen, reagieren die chinesischen Verlage darauf, dass der Staat die knappe Ressource der chinesischen Standardseriennummer CSSN streng unter Verschluss hält. So werden Zeitschriften vermehrt unter der Chinesischen Standardbuchnummer CSBN herausgeben. In der Southern Metropolis Weekly wurde vornehmlich die Situation der Pariser Literaturzeitschriften beleuchtet; die New Weekly wiederum ließ die Geschichte der Magazine der Republikzeit Revue passieren.

Wie ich finde, kommt in den genannten neuen Literaturmagazinen eine Art Gewissensprüfung der Verlags- und Kulturwelt zum Ausdruck, eine Art Kehrtwende weg vom irrationalen Internet, das nicht die Spreu vom Weizen trennt und stets zum Oberflächlichen tendiert. Dafang-Verleger Chen Mingjun (陈明俊) formuliert es so: „Im Jahr 2011, als Mikroblogs mit 100 Schriftzeichen en Vogue waren und das elektronische Buch tatsächlich Teil unseres Lebens wurde, sind wir mit Dafang herausgekommen, einer fundierten und fokussierten Literaturzeitschrift mit einem breiten Spektrum, mit einer Lektüre aus Papier und Druckerschwärze, und haben uns damit für den Respekt vor dem Schreiben und für eine konzentrierte Lektüre stark gemacht.“

Dafang hatte in seiner Erstausgabe fast 100 Seiten für ein Interview mit Haruki Murakami reserviert. Die im Zweimonatsrhythmus erscheinende Zeitschrift Duku bringt seit über fünf Jahren vor allem spezielle Sachbeiträge aus Geschichte und Literatur in einer Länge von 10.000 bis 50.000 Schriftzeichen. 2008 veröffentlichte Duku unter dem Titel „Nachtreise eines Sängers“ ein über 40.000 Zeichen langes Exklusivinterview des freien Journalisten Lü Yao (绿妖) mit dem sozialkritischen blinden Sänger Zhou Yunpeng (周云蓬). Eben solche in die Tiefe gehenden Exklusivberichte sorgen dafür, dass Duku bei jeder Ausgabe eine feste Käuferschicht von mehreren zehntausend Lesern hat.

Auch wenn sich die genannten Zeitschriften von dem Hype und der Oberflächlichkeit des Internets absetzen, greifen sie für die Interaktion zwischen Redaktion und Leser doch auf Mikroblogs, Online-Foren oder den chinesischen Online-Bookstore „Schulranzen“ zurück, und auch auf die Marketinginstrumente der neuen Medien. Thinkers’ Letter erscheint auch als iPad-Version und Chutzpah versuchte gar sein erstes Erscheinen über Mikroblogs zu einem öffentlichen Kulturevent aufzubauschen. Chutzpah ist darüber hinaus das Magazin, das den höchsten Anspruch und das größte Geschick bei der visuellen Gestaltung an den Tag legt.

Man darf auch nicht vergessen, dass Xu Yang schon als Vizepräsident von SOHO China die Scheinwelt von Mode und Geld als Top-Trend der Magazine durchschaut hat. Nachdem er persönlich finanzielle Unabhängigkeit erreicht hatte, gab er seinem Kulturidealismus nach, kündigte seinen hoch dotierten Job und schlug mit seiner Partnerin für Thinkers’ Letter eine neue Richtung ein. Gemeinsam arbeiten sie daran, „immer bessere Qualität zu liefern, eine Brücke zwischen Intellektuellen und Bevölkerung zu schlagen sowie durch einzigartige und originelle Standpunkte, einen globalen Horizont und exquisite Texte eine sachliche, intelligente, anspruchsvolle und zugleich zutiefst humanistische Lektüre zu schaffen.“ In den letzten Ausgaben von Soho Xiaobao sowie in Thinkers’ Letter brachte Xu Yang lange Gespräche unter anderem mit Liu Suli (刘苏里), Chef des Allsage Bookstores in Peking, oder dem renommierten Journalisten Ma Guochuan (马国川) über die gegenwärtig umtriebigsten chinesischen Intellektuellen. Xu Yang geht es stets darum, das „Denken zu erschließen“ und zu hinterfragen, wie chinesische Intellektuelle die im Umbruch begriffene Welt beschreiben, in der „China auf dem Weg zur Weltmacht“ ist. Er möchte wissen, welchen Beitrag sie für die Menschheit leisten können.

Sicherlich hat Thinkers’ Letter in gewisser Weise einen Teil seiner Freiheit und Offenheit, welche die ursprüngliche SOHO Xiaobao als firmeninterne Gazette hatte, eingebüßt. Auch wenn sich Ou Ning couragiert mit der Markttauglichkeit einer Literaturzeitschrift auseinandersetzt, ist sein Boss doch ein Mann der Werbung, dessen Motivation, Kultur- und Kunstmagazine zu betreiben, es in erster Linie ist, sich das Wohlwollen exklusiver Werbekunden zu „erschleichen“ und sich Werbeanteile zu sichern. So werden Kontinuität und Stabilität von Chutzpah zu einer Herausforderung für die Experimentierfreude von Ou Ning und seinem Chef werden. Damit verglichen sind Probleme wie die Homogenisierung der schriftstellerischen Ressourcen bei Thinkers’ Letter, Chutzpah und Dafan Peanuts.

Wie auch immer, ich setze große Hoffnungen in die besprochenen neuen Magazine, besonders in Thinkers’ Letter und Chutzpah, und ich wünsche mir vor allem, dass sie ihr hohes Niveau möglichst lange beibehalten können.