Literatur China: private Buchläden in der Krise

Der O2 Sun-Buchladen schloss im Oktober 2011 seine zwei Filialen.
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Sie erhalten keine staatliche Unterstützung und noch ehe sie den Übergang vom Buchladen zur Buchhandelskette vollziehen konnten, setzen ihnen schon Online-Bookstores und neue elektronische Lesemedien zu. Haben sie überhaupt eine Perspektive?

Die Attraktivität einer Metropole misst sich nicht nur an der Zahl der Ehrengäste und Berühmtheiten, die sie besuchen, sie hängt auch davon ab, wie vielen geistigen Vagabunden sie ein Zuhause bietet und ob die Stadt die friedliche Koexistenz aller ermöglicht.

So wie das Ehepaar Li Shiqiang (李世强) und Liu Yuansheng (刘元生) seinen Sanwei Bookstore seit Jahrzehnten aus eigener Tasche subventioniert, betrachtet auch Xu Zhiyuan (许之远) die One Way Street Library als sein Lebenselixier. Dass nun kürzlich dem O2 Sun-Bookstore die Luft ausgegangen ist, schmerzt dessen mutige Begründerin Sun Chi (孙池) sicherlich noch mehr als manchen Kunden.

Als Ende Oktober 2011 die renommierte Pekinger Kultur-Buchhandlung O2 Sun ihre zwei Filialen in Wudaokou und Dawanglu schließen musste, war das für viele eine Hiobsbotschaft. In den letzten Jahren wurden private Buchläden in Peking, darunter Forestsong, Disanji, Taoshu-Commune und Wheatfield Bookstore, von einer Pleitewelle überrollt. Und selbst wenn sich die überlebenden Buchläden Sanwei Bookstore und One Way Street Library nach Kräften gegen die Krise stemmen, so lässt sich doch kaum verhehlen, dass auch ihr Stern im Sinken begriffen ist.

Während man auf der Straße alle paar Meter auf eine Bankfiliale stößt, findet man keinen einzigen Buchladen mehr; für Peking als alte Kulturhauptstadt ist das ein Armutszeugnis. Angesichts dieser Misere müssen wir uns die Fragen stellen, was zu dem allmählichen Niedergang der privaten Buchhandlungen geführt hat und wie ihre Rettung aussehen könnte.

Private Buchläden auf verlorenem Posten

Kultur-Buchhandlungen werden in China gerne mit den Etiketten „privat“ und „unabhängig“ versehen. Sie sind für Leute gemacht, die Kultur lieben, für Leser und Gelehrte, die den Geist des Humanismus verbreiten. In dem vom staatlichen Buchhandel dominierten, marktwirtschaftlichen Wettbewerb kommen private Buchhandlungen nicht in den Genuss von staatlichen Subventionen und wenn es um die Einfuhr guter Bücher aus dem Ausland geht, haben sie schon gar kein Wort mitzureden. Während fast alles, was ein privater Buchladen führt, auch in den staatlichen Buchgeschäften zu finden ist, haben die privaten Läden nicht alles auf Lager, was der offizielle Buchhandel anbietet. Das Sortiment privater Buchläden ist kleiner und einseitiger, ihre Leserschicht dünner, sie können dem staatlichen Buchhandel kaum die Stirn bieten.

Die staatlichen Buchläden genießen infolge großer Abnahmemengen Rabatte, die Verlage räumen ihnen großzügige Rechnungsfristen ein und der Umtausch von Büchern ist auch vergleichsweise unkompliziert. Ihre Betreiber müssen sich keinerlei Sorgen um Miete, Nebenkosten oder Personalausgaben machen. Allein durch den Exklusivvertrieb von Lehrmaterialien können die örtlichen Xinhua Bookstores ihre Kassen füllen. Im Vergleich dazu wirtschaften private Buchhandlungen auf eigenes Risiko. Sie sind ganz auf sich alleine gestellt und haben einen niedrigeren Bekanntheitsgrad. Undenkbar, unter diesen Bedingungen eine Marke wie etwa Bertelsmann in Deutschland oder Eslite in Taipeh aufzubauen. So ziehen sie im marktwirtschaftlichen Wettbewerb stets den Kürzeren.

Preislich wiederum können die Buchläden mit Chinas größtem Online-Buchhändler Dangdang oder Amazon China nicht mithalten und was die schnelle Verfügbarkeit der Lektüre betrifft, kann keiner die E-Reader Hanvon oder Kindle unterbieten. Die Konkurrenz durch die Vertriebsmodelle im Internet und das Aufkommen neuer Leseformen setzen die stationären Buchläden, wie auch die gesamte Verlagsbranche in China, immer weiter unter Druck. Betrachtet man die Lage im globalen Kontext, so ist die Pleitewelle der stationären Buchhandlungen mittlerweile von New York und London nach China hinübergeschwappt. Ob Jifeng in Shanghai, Qiuzhi in Chengdu, Sanlian in Kanton oder Hanwen in Shenyang, keiner dieser Bookshops hat überlebt. Doch in Peking, dem Zentrum von Geist und Kultur, sorgen die Konkurse der Kultur-Buchläden für besonderes Aufsehen.

Innerhalb des globalen Verlagswesens zeigt sich nun ein interessantes Phänomen: Während die unabhängigen Buchläden mehr und mehr von der Bildfläche verschwinden, nimmt die Zahl der Buchhandelsketten mit erstaunlicher Geschwindigkeit zu. In Industrieländern wie den USA, Deutschland oder Japan haben die Handelsketten im nationalen Bucheinzelhandel seit vielen Jahren eine Spitzenposition. Im Vergleich zu privaten Buchriesen wie Bertelsmann in Deutschland oder FNAC in Frankreich ist es um Chinas nichtstaatliche Buchhandlungen schlecht bestellt. Denn noch ehe sie den Übergang vom unabhängigen Buchladen zur Buchhandelskette vollziehen konnten, wurden sie schon von Online-Bookstores und den neuen Lesemedien in die Zange genommen. Das hemmt ihre Expansion und die nachhaltige Entwicklung des privaten Buchhandels in China.

Auch die Lesegewohnheiten der chinesischen Leser sowie das gesellschaftliche Umfeld haben sich radikal gewandelt. In einer Zeit, die auf schnellen Erfolg setzt, ist die Kultur auf das Abstellgleis geraten. Im Trend liegen stattdessen Ratgeber für den beruflichen Erfolg, zu Unternehmensführung und wirtschaftswissenschaftliche Bücher. Ein hoher Existenzdruck und die Konkurrenz am Arbeitsplatz setzen den Großstädtern so zu, dass selbst wer gern liest, oft kaum die Zeit dazu findet. Die Popularität von Blogs entspricht mit ihren verkürzten und oberflächlichen Lesehappen im Fast-Food-Stil ganz den Lesewünschen der Mehrheit. Dass diverse Vergnügungsstätten immer mehr frequentiert werden, während immer weniger Menschen Bücher lesen, ist ein sehr bedauerliches Phänomen.

Kreative Geschäftsideen sind die Lösung

Ein einladendes Ambiente, leise Musik, Bilder an den Wänden, der Duft von Kaffee und Tee und überall Bücher. Der Leser kann sich in einem bequemen Sessel niederlassen, sich in die Lektüre vertiefen, eine Kleinigkeit zu sich nehmen oder auch ein Buch kaufen. Für die meisten Menschen wäre dies der ideale Ort zum Lesen. Doch um solch ein Szenario Realität werden zu lassen, muss man zunächst Einiges investieren. Die meisten privaten Buchhandlungen sehen sich in punkto Mietfläche und Mietfrist mit einer Reihe von Problemen wie Eigentumsrechten, Mieterhöhungen oder Betriebsrisiken konfrontiert. Einen Buchladen zu führen ist ein langfristiges Vorhaben und wer die Möglichkeit hat, sollte, wenn er eine Buchhandlung eröffnet, lieber kaufen als mieten oder eine Kooperation auf einer Gewerbefläche anstreben.

Schaut man sich die etablierten privaten Buchläden genauer an, so stellt man fest, dass sie alle sich eine besondere Geschäftsidee haben einfallen lassen. Der Tangning-Bookstore, der mitten im lebendigsten Viertel von Kanton liegt, hat mit seinem Konzept „Der Kunst dienen und das Leben genießen“ neue Wege beschritten. Obgleich Bücher nach wie vor das Kerngeschäft bilden, führt der Laden auch originelles Kunsthandwerk, Bilder, audiovisuelle Medien und Kaffee. Er ist zugleich Bibliothek, Kunstgalerie, Kinderparadies, Freizeitlounge und Café. Erst die Nebengeschäfte ermöglichen hier das eigentliche Kerngeschäft. Die Auflösung der Grenzen zwischen verschiedenen kulturellen Bereichen führt dazu, dass das Stöbern im Buchladen genauso Teil des Lebensstils wird wie ein Schaufensterbummel.

Den Vorwurf, so ein breites Sortiment und pluralistisches Management habe „mit der ursprünglichen Idee einer Buchhandlung nichts mehr zu tun“, halte ich für engstirniges Geschwätz. Was gibt uns in Anbetracht des veränderten Einkaufverhaltens der Kunden das Recht, die neuen Geschäftsmodelle der Buchläden so streng zu kritisieren? Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein kleiner Teil dieser Kritiker zu den treuen Unterstützern dieser stationären Buchläden zählt, doch der überwiegende Teil der Leute, die in diesem Punkt permanent ihren Unmut äußern, stöbert zuerst im Buchladen, um dann zuhause eine Bestellung im Internet aufzugeben. Sie beschweren sich also einerseits über den Wandel der Buchläden und betrachten sie andererseits als kostenlose Bibliothek für die eigenen Recherchen. Es wäre wirklich zuviel verlangt, wenn sich die Buchhandlungen wegen solcher „Kunden“ in Keuschheit üben müssten.

Auswege aus der Krise

Es muss frischer Wind ins Management der Buchläden. Man könnte zum Beispiel Leserdatenbanken einrichten, Kundentreue und Kundenbindung fördern, eine eigene Produktlinie schaffen, den Ruf der eigenen Marke auf hohen Niveau etablieren oder die Buchhandlung über ein ansprechendes Ambiente für diverse Kulturveranstaltungen, Kunstsalons oder Buchsignierungen attraktiv machen. Was Zeit und Raum betrifft, könnte man die Öffnungszeiten ausdehnen und Vertriebswege wie den Online-Verkauf oder den Buchkauf per Telefon ausbauen. Man könnte das Spektrum der Bücher in einem gewissen Rahmen ausweiten und über SMS und E-Mail engen Kontakt mit den Lesern pflegen, um so über einen lückenlosen Service die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.

In jeder Stadt sollte es einige private Buchhandlungen geben, welche die Einzigartigkeit und das Typische des Ortes widerspiegeln, genauso wie Bibliotheken und Museen wichtige Bestandteile unserer Freizeit und unseres kulturellen Lebens sind. Was den Betrieb privater Buchläden anbelangt, sollte die Regierung grundsätzlich denselben Maßstab anlegen wie bei gemeinnützigen Betrieben und Einrichtungen,; sie sollte ihnen Steuervergünstigungen zukommen lassen und die Einrichtung eines speziellen Kulturfonds zu ihrer Unterstützung erwägen.