Literatur Chinesische Lyrik im öffentlichen Raum

Plakataktion Poesie in die Stadt
Foto: die arge lola

Die Plakataktion Poesie in die Stadt bringt in diesem Sommer junge chinesische Lyrik in mehrere deutsche Städte. Was gibt es zu entdecken? Zwei Literaturwissenschaftler weisen den Weg.

Die beiden Literaturwissenschaftler Li Shuangzhi (李双志) und Michael Ostheimer nehmen die von deutschsprachigen Literaturhäusern und der Robert Bosch Stiftung initiierte Plakataktion Poesie in die Stadt zum Anlass, einige Tendenzen und Autoren der jüngeren chinesischen Lyrik vorzustellen.

Vorurteile gegenüber zeitgenössischer Lyrik gibt es zuhauf. Sie fliehe die Wirklichkeit, anstatt sie zu suchen, ihr mangele es an Formbewusstsein, wogegen sie sich in sprachspielerischen Experimenten ergehe, kurz: Früher konnte man sich auf einen traditionellen Formenkanon – Reim, Metrik, feste Gedichtformen – und eine Reihe gängiger Themen, z.B. Liebe, Tod, Natur, verlassen, heutzutage hingegen herrsche eine haltlose Unübersichtlichkeit. Vorurteile übrigens, die nicht nur in Deutschland, sondern auch in China verbreitet sind.

Umso bemerkenswerter ist es, dass ein Verbund deutscher, österreichischer und Schweizer Literaturhäuser (Netzwerk der Literaturhäuser e.V.) in einer gemeinsamen Initiative mit der Robert Bosch Stiftung Gedichte aus dem heutigen China auf großflächigen Plakaten in deutschsprachige Großstädte bringt. Kurator der Plakataktion ist der in Peking lebende chinesische Lyriker Xi Chuan (西川). Die lyrischen Stimmen aus China, die der 1963 geborene Autor ausgewählt hat, gehören fast alle, folgt man dem Übersetzer und Sinologen Marc Hermann, der „posthermetischen Dichtung“ an. In diesem Zusammenhang meint „posthermetisch“, dass die damit etikettierten Dichtergenerationen die Verabschiedung der „hermetischen Dichtung“ betreiben, um gänzlich andere Themen durchzusetzen und abweichende lyrische Sprechweisen zu etablieren. Während solche heterogenen Dichtergenerationen in China – jenseits der Diskussion um die „hermetische Dichtung“ – seit längerem neuartige ästhetische Fragen aufwerfen und begrifflich weit differenzierter erfasst werden, sind die meisten von ihnen im deutschsprachigen Raum noch so gut wie unbekannt und werden daher von nicht wenigen Sinologen gerne als EINE Post-Generation wahrgenommen.

Blick zurück: die sogenannte „hermetische Dichtung“

Als „hermetische Dichtung“ bezeichnet man die Lyrik jener Autoren, die wie Bei Dao (北岛, 1949-) oder Gu Cheng (顾城,1956-1993) um 1980 den Aufbruchswillen der „verlorenen Generation“ artikulierten. Also den Drang der nach 1949 Geborenen, nach Maos Tod ihr von der Kulturrevolution korrumpiertes Jugendlichen- bzw. frühes Erwachsenendasein hinter sich zu lassen. Abschied von den Eltern, von der willfährigen Unterordnung der Aufbaugeneration unter das Diktat der Partei, lautet eines ihrer Motive. Das andere ist die Sehnsucht danach, dass sich die zukünftige Menschheit andere, humanere Ziele setze und erstrebe. Dabei vermittelt zwischen Abrechnung mit der Vergangenheit und utopischem Zukunftsprojekt eine selbstbewusste Individualität, die aus der Abneigung gegen kollektiviertes Sprechen und Denken ihre Innerlichkeit gewinnt und ihr Pathos einem unbedingten Wahrheitswillen verdankt. Paradigmatisch zeigt dies das „vielleicht berühmteste Gedicht der VR China“ (Wolfgang Kubin), nämlich Bei Daos Die Antwort.

Auf die verzweifelte Frage: „Die Eiszeit ist längst vorbei,/ Warum herrscht noch überall das Eis?“, antwortet ein selbstbewusstes Ich: „Ich sage dir, Welt,/ ich – glaube – nicht!“ Abschließend wird das individuelle Leiden zur Durchgangsstation für ein neues Menschheitsprojekt: „Wenn es bestimmt ist, daß Meere die Dämme durchbrechen,/ So laß alle Wasser der Bitternis in mein Herz hinein;/ Wenn es bestimmt ist, daß Ufer sich erheben,/ So laß die Menschheit ihrer Existenz neu einen Gipfel erwählen.“ (Übersetzung: Wolfgang Kubin)

Der dem Gedicht innewohnende Anspruch, den Geist einer ganzen Generation zu repräsentieren – weswegen Bei Dao oftmals geradezu zum Gewissen Chinas stilisiert wurde –, verbindet längst nicht alle so genannten „hermetischen Gedichte“. Gu Chengs Lyrik verweigert sich oftmals diesem Anspruch konsequent: „zum letzten mal/ wache ich auf/ […] jetzt habe ich alles abgestreift/ mich von meiner welt befreit/ bin leicht/ wie ein papiernes schiffchen/ wenn das Meer des schattenreichs/ an meine bettkante schwappt/ mache ich mich auf/ entschwebe in den unendlichen raum“ („zum letzten mal“). Die eher an der privaten Erfahrung orientierte Phantasie vom Tod verdeutlicht einen anderen Aspekt der „hermetischen Dichtung“, nämlich die (Re-)Konstruktion eines freien Individuums samt seiner privaten emotional-ästhetischen Erfahrungen als Gegenstück des politisierten Daseins in den ersten 30 Jahren der Volksrepublik. Was die „hermetische Dichtung“ eint, ist eine radikale Zurückweisung der kulturpolitischen Vorgaben und sprachlichen Versatzstücke aus der Mao-Zeit.

Pluralismus im Geiste der Sprachkritik

Von dem Pathos des aufklärerischen Subjekts und der durchgängigen Oppositions-Haltung versucht sich die sich ab Mitte der 1980er Jahre formierende „posthermetische Dichtung“ konsequent abzusetzen. Kritisiert sie doch an ihren Vorgängern, dass man Denkstrukturen auch dann reproduziert, wenn man sich mit aller Macht gegen sie stellt. Um diesen Fehler nicht selbst zu wiederholen, versuchen die verschiedenen Dichtergruppen in den späten 1980er Jahren zunächst, sich ästhetisch und thematisch grundlegend neu zu erfinden. Deren Tun wird wiederum in den 1990er Jahren von jüngeren Generationen heftig angezweifelt und durch noch radikalere Experimente überholt. Dabei rückt neben der Fragestellung nach dem sinngebenden Subjekt immer wieder die nach den Ausdrucksformen des lyrischen Dichtens ins Zentrum der Diskussion. Die neuen Generationen legen weniger Gewicht auf Ideologie- als vielmehr auf Sprachkritik. Auch kultur- und gesellschaftskritische Momente werden nunmehr z. B. in Gestalt der Parodie oder Paradoxie auf der sprachlich-rhetorischen Ebene verhandelt. Unbeschadet aller Differenzen untereinander gibt es eine grundsätzliche Gemeinsamkeit, nämlich das Bewusstsein vom Dichten als einem autonomen ästhetischen Tun, das bereits aufgrund seiner sprachkritischen Verfasstheit gegen jegliche Instrumentalisierung aufbegehrt.

Dieser sprachkritische Impuls lässt sich auch gut anhand der von Xi Chuan für die Plakataktion ausgewählten lyrischen Stimmen nachvollziehen. So legt die 1973 in Peking geborene Yin Lichuan (尹丽川 am Beispiel des unterschiedlichen Umgangs mit dem (Alltags-)Gegenstand Messer das die Gesellschaft – von jeher – strukturierende Machtgefüge bloß: „Legt der Gelehrte das Messer fort/ gehört er zur Elite/ Legt der Bauer das Messer fort/ bleibt er Bauer/ Legen die Mafiosi die Messer fort/ sind sie Politiker/ Hebt der Buddha das Messer/ will er sich einen Namen machen“. Die das Gedicht durchziehende Parodierung der buddhistischen Sentenz „Legt das Messer des Mörders fort, werdet unverzüglich zum Buddha“ verschärft gerade auf der sprachlichen Ebene den zynischen Ton gegenüber einer Welt ohne geistig-moralische Werte.

Wie am Beispiel einer Zollkontrolle die traumatische Vergangenheit eines von Überwachung und Verdacht geprägten Lebens wieder hochkommt, illustriert der 1954 in Kunming/Yunnan geborene Yu Jian (于坚). Kaum hat das lyrische Ich die Passkontrolle, auf die es mit Schweißausbruch und Panik reagierte, hinter sich gelassen, fühlt es sich „frei/ Als ich mich hinunterbeuge, um meine Schnürsenkel wieder zuzubinden/ fällt mein Blick auf/ meinen Schatten/ der wie erstarrt zurückgeblieben ist/ als zögerte er noch/ zu gehen“. Ob sich das Ich damit nur für einen kurzen Moment oder gar auf Dauer des Schattens der belastenden Vergangenheit entledigt hat, bleibt freilich offen.

Wie Sprachkritik und Gesellschaftskritik in einem Textgewebe zu einem provokativen Zynismus zusammenfließen können, zeigt exemplarisch ein Gedicht des 1973 in Lanzhou/Gansu geborenen Yan Jun (颜峻), der mit Yin Lichuan zu der Avantgarde-Lyrik ab Mitte 1990er Jahre gezählt wird. Nachdem das lyrische Ich in Form einer stakkatohaften Auflistung eine Reihe von abseitigen bis absurden Forderungen gestellt hat, heißt es: „Ich fordere die Forderung, das Verbot des Verbots, die Abschaffung der Abschaffung, die Verspottung des Spotts und dass jeder, der einem andern ungefragt sein Herz ausschüttet, gefesselt und geknebelt wird“. Mag die Grobstruktur auch stark an den Beat-Stil von Allen Ginsberg erinnern, erzielt das Gedicht aber durch die Paradoxa und die kalkulierte Absurdität, durch das Oszillieren zwischen der öffentlich-politischen und der privaten Sphäre, schließlich durch das metasprachliche Wortspiel eine eigentümliche Auseinandersetzung mit der dem Individuum feindlich gegenüberstehenden Gesellschaft ebenso wie mit der lyrischen Sprache selbst. Die Performativität des „ich fordere“ löst sich in dem anarchistischen Wortfluss nachgerade auf. Anders gesagt, Kritik erscheint, um sogleich in ihrer Ohnmacht bloßgestellt zu werden. An dieser Stelle drängt sich ein Begriff auf, der mittlerweile auch in Europa bezüglich der chinesischen Gegenwartskunst fest etabliert ist: „zynischer Realismus“.

Gegenwartslyrik als Medium zwischen den Kulturen

So weit gespannt die thematische Bandbreite der – von Marc Hermann und Raffael Keller durchweg kompetent und stilsicher übersetzten – Gedichte ist, so groß und heterogen soll auch das Publikum sein, das sich durch die Plakataktion – durchaus im Anschluss an die Tradition der Wandzeitungen in China – angesprochen fühlt. Aus gutem Grund also haben sich die Initiatoren dazu entschieden, den Flaneuren in den deutschsprachigen Städten keine zwanghaft vereinheitlichte Gegenwartslyrik aus China zuzumuten. Dies umso mehr, als ähnlich wie in China auch in der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik inhaltliche Vielfalt und Stilpluralismus vorherrschen. Liebes- und Landschaftslyrik finden sich hier ebenso wie experimentelle Lautpoesie, Fachsprachen-Gedichte oder Reisetagebücher in Haiku-Form. Man tut gut daran, das Vielgestaltige nicht als Mangel, sondern als Chance zu begreifen. Denn besonders zeitgenössische Lyrik erscheint, nicht zuletzt, weil sich in vielen Nationalliteraturen die Gattungskonventionen – und damit die Zugangsbarrieren – zusehends verflüchtigt haben, nachgerade dazu prädestiniert, zwischen den Kulturen zu vermitteln. Liefert sie doch auf engstem Raum ästhetisch verdichtete Einblicke in fremde Lebenswirklichkeiten.