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Elektrische Zweiräder in China
Konterrevolution auf zwei Rädern

Burkhard Spinnen erinnert sich an Shanghai
Burkhard Spinnen erinnert sich an Shanghai | © Lao Du

Der Schriftsteller Burkhard Spinnen führte im Oktober 2007 in Hangzhou einen Workshop „Kreatives Schreiben" für Germanisten durch. Der Aufenthalt in einer modernen chinesischen Mega-Stadt regte Spinnen an, sein Verhältnis zu Fortschritt und Technik zu reflektieren. Am Beispiel von Elektroflitzern.

Von Burkhard Spinnen

Neulich war ich in China. Ich weiß, ich vermag mit einer solchen Mitteilung keine "Ahs" und "Ohs" mehr beim Publikum zu provozieren. Schon die große Zahl eher gelangweilt wirkender deutscher Geschäftsreisender im Gate am Frankfurter Flughafen musste mich davon abhalten, mich wie eine Art Marco Polo zu fühlen, unterwegs in ferne und exotische Länder. Nein, China, das lange Zeit durch die Mauer der Ideologie vom Westen abgeschottet war, ist längst „business as usual“ geworden. Und für die nächste Generation von Europäern wird China sogar zu einer Pflichtaufgabe werden. Denn in einer globalisierten Ökonomie ist jeder Mensch auf dieser Welt ein potentieller Kunde, und jeder fünfte Kunde lebt in China!

Und dennoch! Meine primäre Erfahrung während des Aufenthalts in Hangzhou, einer Stadt von 7 Millionen Einwohnern, und in der Gigametropole Shanghai war die der Differenz, der Andersartigkeit. Zwar sind die großen chinesischen Städte auf dem Weg in eine globale Verwechselbarkeit, und auch der Lebensalltag darin gleicht sich mit großer Geschwindigkeit westlichen Verhältnissen an – dennoch fiel es mir im Grunde nicht schwer, ja ich konnte kaum anders, ich musste andauernd all das oberflächlich Vertraute ganz wesentlich als einen sehr anderen Umgang mit den Errungenschaften moderner Wissenschaft und Technik wahrnehmen. Tatsächlich haben mich, so sage ich jetzt, die Tage in China am meisten gelehrt, meine eigene, weitgehend spontane oder intuitive Haltung zum Phänomen des modernen technisierten Alltags kennenzulernen. Die Reise durch das Fremde zog das eigene Denken aus dem gemütlichen Halbdunkel der Selbstverständlichkeit. Am Ende der weiten Fahrt stand, wie das so üblich ist, ein Spiegel. – Und jetzt wird es höchste Zeit für ein Beispiel!

Sehr verbreitet sind in den großen chinesischen Städten elektrisch betriebene Zweiräder. Erst vor wenigen Jahren haben staatliche Stellen deren Produktion angestoßen. Dies war unter anderem eine Reaktion auf die zunehmende Belastung der Städte durch den Lärm und die Abgase von Zweirädern mit Verbrennungsmotoren. Es gibt die Elektromopeds in verschiedenen Ausführungen bis hin zum zweisitzigen Roller oder lastentauglichen Dreirad. Sie werden von einem Akku gespeist, den man herausnehmen und an der heimischen Stromversorgung aufladen kann. Mittlerweile haben die Elektromopeds zumindest in der Stadt das Fahrrad so gut wie abgelöst; sie sind schneller und leistungsfähiger, sie setzen sich im dichten Verkehr besser durch. Außerdem sind sie sind so preiswert, dass sie von vielen Chinesen gewissermaßen als Investition in die eigene Mobilität angeschafft werden können; rechtlich gelten sie übrigens als Fahrräder und sind daher steuerfrei. In diesem Jahr soll die Produktion bei 18 Millionen Exemplaren liegen, projektiert ist mittelfristig eine Stückzahl von 350 Millionen.

Ich selbst war nun angesichts dieser Verkehrs-„Revolution“ zugegebenermaßen erst einmal begeistert! Da hatte man also in China einen sehr großen Teil des täglichen Verkehrs im Handumdrehen auf eine so umweltfreundliche Antriebstechnik umgestellt – während hier in Europa schon die Diskussion um die Einführung von Elektromobilen die Geschwindigkeit mittelalterlicher Gelehrten-Disputationen hat, von den technischen Umsetzungen ganz zu schweigen. Leise, leise und ohne Abgase zu verbreiten huschen Abertausende Chinesen durch Shanghai, während in meinem ansonsten so stillen Münster die Mopeds knattern und stinken und das immer teurer werdende Benzin verbrauchen. Hut ab! China, du machst es besser.

Doch ich spürte es gleich: Meine Begeisterung war kaum so richtig in Fahrt gekommen, da wurde sie schon von gegenläufigen Überlegungen entschieden ausgebremst. Elektrische Energie, so sagte ich mir nämlich gleich, kommt nicht aus der Steckdose. Der gewaltige Stromverbrauch, den Abertausende Elektromopeds zusätzlich generieren, wird durch nichts anderes als Kraftwerke gedeckt, von denen in China wie anderswo auf der Welt viele mit Kohle betrieben werden. Und wenn deren Effizienz und Umwelt- verträglichkeit nicht auf dem Niveau der Endverbraucher liegt, dann qualmt und stinkt auch das elektrische Zweirad, wenngleich an anderer Stelle. Um also die auf den ersten Blick so begeisternde Zweiradrevolution in China angemessen beurteilen zu können, müsste ich weniger den Straßenverkehr und eher die Leistungs- und Emissionswerte der chinesischen Kraftwerke studieren. Außerdem müsste ich die Umstände des Kohlebergbaus in China mit in die Wertung einbeziehen. Gewisse Meldungen über wiederkehrende Grubenunglücke gingen mir dabei durch den Kopf.

Und schon begann sich meine Skepsis vom System als Ganzem auch auf dessen scheinbar harmlosesten Bestandteil auszubreiten: auf das Elektromoped selbst. Bald war ich mir sicher, dass die leichtesten Ausführungen, quasi Fahrräder mit Hilfsmotor, nicht sicher genug ausgerüstet waren. Eine simple mechanische Felgenbremse am Vorderrad mag für ein Fahrrad reichen, aber doch nicht für ein erheblich schwereres Moped, das zudem eine wesentlich höhere Geschwindigkeit erreicht. Ich stellte mir vor, was der deutsche TÜV dazu sagen würde, und sah Männer in weißen Kitteln die Stirn runzeln und den Kopf schütteln.

Und als es dann Abend wurde in Hangzhou, fühlte ich mich durchaus bestätigt, als ich eine weitere Schwäche des „Fortschritts“ bemerkte. Denn jetzt ging es mir ans Leben! Tatsächlich hatte kaum ein Fahrer der Elektromopeds sein Licht eingeschaltet. Eine Straße zu überqueren hieß, dauernd das eigene Leben retten zu müssen. Ich hätte mir Augen im Hinterkopf gewünscht, denn hören konnte ich die unsichtbaren Mopeds ja nicht. Allein, nicht ich persönlich war gemeint, die Leute sparten nur Strom. Da das Licht sich aus dem gleichen Akku versorgt wie der Motor, steigert es die Reichweite, wenn man dunkel fährt. Aber um welchen Preis! Ich war gerade wieder zu Hause in Münster, da meldete eine Nachrichtenagentur, dass eine südchinesische Stadt den Betrieb der Elektromopeds verbieten will, weil es so viele schwere Unfälle damit gibt. Außerdem gebe es Probleme mit massenhaft unsachgemäß entsorgten Akkus. Wusst ich’s doch!

Nun verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich arbeite hier nicht an einem Memorandum zur neuerlichen Verbesserung des chinesischen Zweirad-Individualverkehrs. Ich wollte Ihnen nur an einem ganz konkreten Beispiel demonstrieren, wie mein (und vermutlich auch Ihr) „alt-europäisches“ Denken angesichts eines anderen Umgangs mit Fragen der Technik und der Energie quasi automatisch reagiert. So habe ich in China neben all dem „Fremden“ vor allem mein eigenes Bewusstsein von den Gefahren des Möglichen und den Grenzen des Machbaren besser kennengelernt. Ich habe mich als eine Art gewendeten Kolonial-Touristen erlebt: Dessen Vorfahren zogen höchst selbstbewusst, ja eingebildet durch die Fremde, um dort permanent die Überlegenheit der eigenen, natürlich hochtechnisierten Zivilisation zu verkünden. Noch meine Eltern höre ich bei unseren Italien-Urlauben in den 60er Jahren hinter vorgehaltener Hand über die dortigen „Rückständigkeiten“ reden. Heute dagegen gehe ich durch Shanghai – und bilde mir gewissermaßen etwas auf meine Rückständigkeit ein. Freilich verstehe ich sie anders; ich nenne sie: ökologisches Bewusstsein, verantwortlicher Umgang mit den Ressourcen und Utopie einer humanen Arbeitswelt.

China hat mich gelehrt, dass ich doch – viel mehr als ich gedacht hätte – von aktuellen wissenschaftlichen Standards und Diskussionen durchdrungen bin. Allein – die Automatismen in meinem Kopf zielen weniger auf ein „höher, schneller weiter“ als vielmehr auf eine permanente Kritik an den so genannten Errungenschaften von Wissenschaft und Technik, die freilich wiederum wissenschaftlich fundierte ist. Ich habe, um es einmal etwas lässig zu formulieren, in den Straßenschluchten Shanghais das Grüne in mir kennengelernt, das gar keine entsprechende Parteizugehörigkeit mehr impliziert – so selbstverständlich und unideologisch artikuliert es sich.

Und ich glaube, ich liege nicht ganz falsch, wenn ich von mir auf viele von uns Alt-Europäern schließe. Ja, es gibt ein nachlassendes Interesse an Wissenschaft und Technik. In einem ganz neuen Lied fragt Herbert Grönemeyer zu Recht den Zeitgeist, ob denn das „Ingenieursein nicht glamourös“ sei? Andererseits sind wir alle zu mehr oder weniger kompetenten Fachleuten im Bereich von Risikokalkulation und Folgenabschätzung geworden. Diese Haltung kann, wenn sie nur noch bremst, verständlicherweise als Zwangspessimismus und Gewohnheitsnölerei betrachtet und mit Recht verurteilt werden. Andererseits ist unser Zweifel an den alleinseligmachenden Wirkungen von Wissenschaft und Technik selbst wieder eine wissenschaftliche Errungenschaft. Es ist zudem eine, die im Alltag an tausenderlei Stellen zumindest bewusst hält, dass als Fortschritt nur gelten soll, was uns wirklich weiter und in die richtige Richtung bringt.

In China habe ich gesehen, wie die Zivilisation aussieht, wenn diese Instanzen im Alltag fehlen. Ich habe das verhältnismäßig „harmlose“ Beispiel der Elektromopeds gewählt; andere lassen sich finden mit Auswirkungen, die noch viel einschneidender sind. Aber es ging mir ja auch eigentlich nicht um China. Sondern um Sie und mich.

Dieser Essay erschien erstmals in einblick. Zeitschrift des Deutschen Krebsforschungszentrums in der Helmholtz-Gemeinschaft, Heft 3/2007.

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