Literatur Liao Yiwu in Deutschland

Ausschnitt Buchcover „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“
© Fischer Verlag

Liao Yiwus (廖亦武) Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser, auf Deutsch erschienen 2009, ist in Deutschland ein großer Erfolg. Im September und Oktober 2010 war der Autor in Deutschland zu Besuch. Susanne Messmer über das Medienecho, das der chinesische Autor hervorrief.

Es ist durchaus selten und auch erfreulich, wenn sich im deutschen Feuilleton einmal alle einig sind. Ganz besonders natürlich, wenn es sich um ein schrecklich unübersichtliches Thema handelt wie China oder, schlimmer noch, Literatur aus China. Wer kann von hier aus schon so genau sagen, was in einem Riesenland wie diesem, das zerrissen ist zwischen Hypermodernität und Traditionsresten, so gelesen wird? Wie reagiert die Literatur, wenn es einerseits noch einen Schriftstellerverband gibt, der Altgediente durchfüttert – und wenn sich andererseits ein Markt öffnet, der nur noch Schund zuzulassen scheint? Und überhaupt: Wie kann man sicher sein, was gut ist und was nicht, wenn man schon jeder Übersetzung zutiefst misstrauen muss?

Ein Autor wie Liao Yiwu (廖亦武) also, dessen Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser 2009 in Deutschland erschien, muss vielen deutschen Journalisten wie ein Geschenk erschienen sein. Endlich war da einer, an dem nichts zu rütteln war. Sein Buch wickelte jeden Leser – den sinophilen ebenso wie den ohne Vorkenntnisse – restlos ein. Endlich war da einer, der nicht zwischen Zensur und Selbstzensur laviert und den man richtig einzuschätzen weiß. Liao Yiwu bezog so klar Stellung, dass es ihm sogar an den Kragen ging. Spätestens also, als der Autor im Herbst 2009 trotz Einladung seines deutschen Verlages nicht aus China ausreisen durfte, wurde der Fall Liao Yiwu hierzulande zum Pressethema mit Prioritätsstufe eins. In der TAZ, der Berliner Tageszeitung, setzte man seinen Kopf , auf die Titelseite. „Schon jetzt ein Klassiker“, war in der Stuttgarter Zeitung zu lesen. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hieß es, ohne sein Buch wäre „die Geschichte Chinas nicht vollständig“.

Das Ganze schlug erneut Wellen, als der chinesische Autor trotz der zweiten Einladung nach Deutschland Anfang 2010 erneut nicht ausreisen durfte und einen offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel schrieb. Als die Ausreise Anfang September endlich gelang, stürzte sich das deutsche Feuilleton gesammelt ins direkte Gespräch mit dem Autor. Sein Verlag setzte den Autor mit Eminenzen wie Wolf Biermann auf ein Podium. Und das deutsche Publikum, das sich seit je her stark hingezogen fühlt zu Abweichlern und Zensierten, befragte ihn bei seinen Lesungen weniger zu seinem Buch als zu seiner Ausreise und zum neuen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo und dessen Charta 08. Wieder einmal steht Liao Yiwu derart im Rampenlicht, dass es den Blick verstellt. Man gewinnt den Eindruck, als gäbe es keinen wie ihn.

Dabei besteht kein Zweifel: Liao Yiwus Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser ist tatsächlich eines der erschütterndsten und und erheiterndsten Bücher aus China, die in letzter Zeit ins Deutsche übertragen wurden. Mehr als zehn Jahre lang hat Liao Yiwu Menschen aus seiner Heimatprovinz Sichuan befragt; und da er vier Jahre lang eingesperrt war, nachdem er 1989 in einem Gedicht über die Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens ausgesprochen hatte, was er dachte, fanden sogar einige Gespräche im Gefängnis statt. Da kommen Bardamen und Klomänner, Grabräuber und Ausbrecherkönige zu Wort – “Menschen vom Bodensatz der chinesischen Gesellschaft“, wie das Buch heißen würde, wenn es in China erscheinen dürfte.

Die vorbehaltlose, unbefangene Neugier und der gelassene Humor, mit der Liao Yiwu seinen Gesprächspartnern seit Jahren begegnet, ohne irgendetwas beweisen zu wollen – die direkte Art, wie diese daraufhin mit der Sprache herausrücken: All das macht sein Buch zur Sensation. Es ist wahr: Seine Erzähler bilden die Komplexität eines Landes ab, das kaum zu fassen ist. Es ist diesem Autor absolut zu wünschen, dass sein Buch offiziell nicht nur in Taiwan und Hongkong erscheinen darf, sondern auch in der Volksrepublik. Und trotzdem hat es in letzter Zeit etwas von Überschätzung, wenn in Deutschland von Liao Yiwu die Rede ist – wenn er etwa als „wohl wichtigster chinesischer Schriftsteller“ (Süddeutsche Zeitung vom 23.9.2010) bezeichnet wird.

Der Grund: Liao Yiwu ist einer der besten Autoren von Oral History in China, aber er hat die Oral History in China nicht erfunden. Fast in allen deutschen Zeitungsartikeln über ihn und sein Buch bleibt unerwähnt, dass es so etwas wie eine Tradition der Literatur der Gesprächsprotokolle in China gibt, deren Betreiber es seit Jahrzehnten ähnlich schwer haben wie Liao Yiwu. Es handelt sich um eine Tradition, auf die Liao Yiwu geradezu aufbaut. Eine Tradition, die sogar bis nach Deutschland geschwappt ist.

Um nur einige zu nennen: Schon Mitte der 1980er Jahre, ein knappes Jahrzehnt nach dem Ende der Kulturrevolution, erschien das Buch Pekingmenschen von Zhang Xinxin (张辛欣) und Sang Ye (桑晔), in denen Chinesen aller Schichten ins Erzählen kamen und in ihrer eigenen Sprache ihre persönlichen Geschichten erzählten – Geschichten des privaten Lebens, wie sie die Oral History sucht. Oder dies: 2001 begann das chinesische Autorenpaar Chen Guidi (陈桂棣) und Wu Chuntao (吴春桃), für ihr Buch Zur Lage der chinesischen Bauern über Land zu fahren und die ärmsten der Armen Chinas zu befragen. Ihr düsteres Bild der Lage der chinesischen Bauern, das gleich nach Erscheinen im März 2004 in China 300.000 Mal verkauft, aber dann verboten wurde, erschien 2006 in Deutschland. Es hat wohl weitaus weniger Leser gefunden als Fräulein Hallo und der Bauernkaiser.

2009 kam auch ein großartiger kleiner Band im renommierten Suhrkamp Verlag heraus, der im Rummel um Liao Yiwu geradezu unterging. Yang Xianhuis (杨显惠) Die Rechtsabweichler von Jiabiangou lässt ehemalige Intellektuelle zu Wort kommen, die der Anti-Rechts-Kampagne der fünfziger Jahre zum Opfer fielen, im „Umerziehungslager“ landeten und dort, während der großen Hungersnot, fast den Verstand verloren. Sie berichten vom Ausharren und Durchwurschteln und davon, allen Umständen zum Trotz einen Rest Würde zu wahren. Der Suhrkamp Verlag hatte kein Geld, seinen Autor zur Frankfurter Buchmesse 2009 einzuladen, zur offiziellen Delegation gehörte Yang Xianhui ebenfalls nicht – und so konnte der Trubel, der um Liao Yiwu ausbrach, gar nicht erst aufkommen.

Die drei genannten sind nur einige der Bücher, die es bis Deutschland geschafft haben. In China selbst gibt es unzählige weitere, die sich ebenfalls um „Volkes Stimme“ kümmern und dafür in Schwierigkeiten geraten. Das aktuellste Beispiel: Xie Chaoping(谢超平) und sein Buch Die große Wanderung. Für dieses Buch hat der chinesische Journalist Bauern befragt, die in den fünfziger Jahren um ihr fruchtbares Land betrogen, in entlegene Provinzen zwangsumgesiedelt und dann noch einmal betrogen wurden, als sie in den achtziger Jahren hätten entschädigt werden sollen.

Im Sommer 2010 wurde Xie Chaoping verschleppt und wegen “illegaler Geschäfte“ vier Wochen in Haft genommen, er wurde verhört und gedemütigt. Nur aufgrund der Proteste zahlreicher Journalisten und Blogger im Internet kam er wieder frei – so zumindest die Einschätzung seines Anwalts. In den deutschen Medien war darüber kaum etwas zu lesen. Zugegeben, manchmal ist es nicht leicht, von einem deutschen Redaktionsbüro aus über ein Land wie China zu urteilen. Man muss dem Drang widerstehen, alles einordnen und verstehen zu wollen. Anstatt Durchblick zu versprechen, sollte man es vielleicht eher beim Einblick belassen. Liao Yiwus Buch ist wunderbar – es ist aber nicht das einzige, das solche Medienaufmerksamkeit verdient.

 

Susanne Messmer, geboren 1971, lebt in Berlin und so oft es geht in Peking. Sie arbeitet als Autorin, Filmemacherin und Kulturjournalistin für Presse und Funk. Für Fly Fast Concepts ist sie als Agentin für den asiatisch-europäischen Kulturaustausch unterwegs. Ihr Dokumentarfilm Beijing Bubbles porträtiert fünf Bands aus Peking. Sie schrieb einen literarischen Reiseführer Peking (Insel/Suhrkamp Verlag) und das Buch Chinageschichten (Verbrecher Verlag), für das sie zwölf alte Menschen in Peking interviewt hat.