Literatur Wie überall und nirgendwo sonst. Fünf Jahre China – eine Anstiftung zum Fremdgehen

Martina Boelck in Peking
© Martina Boelck

In ihrem 2010 erschienenen Buch wirft die Autorin Martina Bölck einen kaleidoskopischen Blick auf die gegenwärtige chinesische Lebenswelt.

Wenn einer in der Fremde war, dann hat er was zu erzählen. Martina Bölck, die zwischen 2003 und 2008 als Universitätslektorin in Peking deutsche Sprache und Literatur unterrichtete, hat ausnehmend viel zu erzählen Und das, weil sie aufgrund ihrer schier unersättlichen Neugier einfach über viele berichtenswerte Erlebnisse verfügt, Unbekanntes und (vordergründig) Unverständliches stets zum Anlass des Nachdenkens nimmt und auch vor prägnanten Urteilen nicht zurückschreckt. So hebt sich ihr Buch Wie überall und nirgendwo sonst. Fünf Jahre China zum einen erfrischend angenehm von den zahllosen „Gebrauchsanweisungen für China“ ab; also dem Ratgeber-Genre, das den China-Neuling mit schablonierten Kulturkontrasten und situationsspezifischen Verhaltensanweisungen zu versorgen sucht. Zum anderen ist es, obwohl das Reisen für die Autorin eine maßgebliche Rolle beim Kennenlernen des Landes spielt, auch nicht einfach Reiseliteratur, die ja nahezu vollständig auf die Subjektivität der Wahrnehmung setzt.

China-Panorama zwischen Selbst- und Fremderkundung

Bölck wagt ein Drittes: Sie changiert beständig zwischen Selbst- und Fremderkundung und fragt sich in dem ersten Kulturschock betitelten Kapitel, ob es nicht bereits einen grundlegenden Zusammenhang zwischen binnenkultureller Fremdheit (die Autorin ist zu dem Zeitpunkt wegen eines komplizierten Beinbruchs das erste Mal in ihrem Leben im Krankenhaus) und fremdkultureller Unvertrautheit gibt. Für beide Fälle lautet ihr Appell: Versuche stets, den Abstand zu den Menschen und den Dingen zu verringern und etabliere – statt über Unzulänglichkeiten zu jammern – Routinen, die deine Selbstständigkeit erhöhen.

In 15 weiteren Kapiteln entfaltet die Autorin nun ein China-Panorama, das die Rolle von Ausländern in China ebenso thematisiert wie den Stellenwert der Freundschaft, der Familie und der Erziehung; Frauenbilder und die sexuelle Revolution kommen gleichermaßen zur Darstellung wie die Tücken der chinesischen Sprache und die Besonderheiten der Kunst, Religion und Philosophie in China. Der umfassende Anspruch führt nicht nur folgerichtig zu einer Beschränkung auf Zentralaspekte und das leicht Vermittelbare, sondern auch zu einer gewissen Sprunghaftigkeit in den Argumentationsverläufen. Das freilich ist unvermeidbar, wenn man es sich zum Prinzip macht, Selbsterlebtes immer wieder in übergeordnete Zusammenhänge (der Politik, der Kulturgeschichte usw.) einzubetten.

Pointierte Einblicke in die chinesische Gegenwartsgesellschaft

Das Buch hat da seine entschiedenen Stärken, wo die Autorin den Blick auf ihre besondere Situation lenkt bzw. ganz nah am Puls der Zeit ist. Z. B. versteht sie den Aspekt, als Ausländerin in China außerhalb des Systems zu stehen, nicht als Nachteil: „Das kann auch ein befreiendes Gefühl sein.“ Auch wird die Ansicht, dass man sich nur dann nah sein könne, wenn man beständig vom anderen erfahre, was er von diesem oder jenem Thema denke, bei der deutsch-chinesischen Freundschaftspflege als unreflektierter Meinungsfetischismus relativiert – der seinerseits auf der fragwürdigen Prämisse basiert, dass ein selbstbestimmtes Individuum zu allem Möglichen eine Meinung haben müsse. Um den allergrößten Zumutungen der chinesischen Alltagsgeschäftigkeit aus dem Weg zu gehen, preist das Buch, das unter der Hand auch eine Reihe von alltagspraktischen Tipps bereithält, mit guten Gründen ein antizyklisches Verhalten: „Es ist gar nicht so schwer, in China relativ allein zu sein. Man geht zur Essenszeit spazieren, besucht den Xiangshan-Park im Frühling, geht abends um acht ins Restaurant, sieht sich Orte an, die nicht als ‚AAA’-Sehenswürdigkeit auf den Karten verzeichnet sind, fährt an Wochentagen ins Grüne…“

Pointierte Einblicke in die chinesische Gegenwartsgesellschaft finden sich in der Regel dann, wenn Bölck politisch grundierte Fragestellungen dialektisch betrachtet und mit sozialpsychologischen Überlegungen kurzschließt. So stellt sie heraus, dass Grauzonen („Grauzonen sind Orte der Willkür. Und der Anarchie.“) die im Alltag zu besetzenden Entlastungsräume eines autoritären Staates sind – mit in China übrigens langer Tradition, Stichwort: „Der Kaiser ist weit weg.“ Überdies verbindet sie das Wohlstandsgefälle zwischen dem urbanen und ländlichen China und den – nicht immer unproblematischen – Umgang der Han-Bevölkerung mit den nationalen Minderheiten mit einer unter Chinesen grassierenden, für Ausländer nur schwer nachvollziehbaren Reiseangst: „Vielleicht kommt das Verdrängte in dieser Form zurück? Insgeheim weiß jeder, dass es soziale Ungerechtigkeiten gibt und dass die Schere zwischen Land und Stadt immer größer wird.“

Ortswechsel des Denkens

Bölcks gleichsam ethnologische Perspektive auf den chinesischen Staatssozialismus mit kapitalistischem Antlitz verdankt viel einer Methode der Feldforschung, die sich als „teilnehmende Beobachtung“ in den Sozialwissenschaften des 20. Jahrhunderts breite Geltung verschaffte. Deren Grundsatz lautet, dass nur durch die Teilnahme bzw. unmittelbare Erfahrung fremdkulturelle Aspekte des Denkens und Handels sinnvoll beobachtbar werden. Dieses Konzept ergänzt die Autorin durch eine schonungslose Offenheit, die auch nicht vor dem Eingeständnis eigener Schwierigkeiten, Zweifel und Schwächen Halt macht. Zusammengenommen ergibt sich daraus – in Anlehnung an das Konzept des französischen Sinologen und Philosophen François Jullien vom „Ortswechsel des Denkens“ – eine beständige „Suche nach dem Eigenen über das Fremde“. Der Leser verdankt diesem „Ortswechsel“ ein Kaleidoskop der gegenwärtigen chinesischen Lebenswelt, prismatisch gebrochen durch den Blick einer ihre deutsche Herkunft nie verleugnenden leidenschaftlich Neugierigen. Und nicht zuletzt den nachdrücklichen Hinweis, dass sich im Kulturaustausch ohne beständiges Eigeninvestment keine Erfahrungsrendite einstellt. Alles in allem: Eine Anstiftung zum Fremdgehen.