Interview mit Professor Huang Liaoyu „Literarische Übersetzung ist eine interdisziplinäre Wissenschaft.“

Buchtitel Herr Lehmann und Tod eines Kritikers

Professor Huang Liaoyu (黄燎宇), der Herr Lehmann und Tod eines Kritikers ins Chinesische gebracht hat, spricht über seine Erfahrungen als literarischer Übersetzer.

Dem Dekan der Deutschabteilung der Peking-Universität, Prof. Huang Liaoyu (黄燎宇), ist es zu verdanken, dass einige ausgezeichnete Werke der deutschen Gegenwartsliteratur in chinesischer Sprache vorliegen. Darunter sind Sven Regners Herr Lehmann, welches 2002 vom People's Literature Publishing House zum besten deutschen Roman des Jahres ernannt wurde, sowie Tod eines Kritikers und Ein liebender Mann von Martin Walser. Für die Übersetzung von Herr Lehmann erhielt Huang Liaoyu 2005 den Lu-Xun-Übersetzerpreis. Um bei seinen Übersetzungen eine hohe Qualität zu erreichen und den richtigen Ton zu treffen, begibt sich Huang Liaoyu zu Recherchen fallweise in Kneipen, Polizeistationen und auch mal in eine psychiatrische Anstalt. Sein neuestes Werk, die chinesische Ausgabe von Martin Walsers Roman Ein liebender Mann, wird im November 2009 beim People's Literature Publishing House erscheinen. Im Interview mit dem Deutsch-Chinesischen Kulturnetz spricht Professor Huang über sein Verständnis von literarischer Übersetzung.

ZH: Abgesehen davon, dass man zwei Sprachen beherrschen muss, welche Fähigkeiten machen Ihrer Meinung nach einen guten Übersetzer aus?

Huang Liaoyu: Hierzu möchte ich zweierlei sagen. Erstens: Durchschnittlich „gutes Chinesisch“ reicht nicht aus. Man muss die Schriftzeichen lieben und eine Affinität zur Sprache haben, und auch beim Verfassen eigener Texte muss man Spaß daran haben, an den Formulierungen zu feilen und die Worte abzuwägen. Am besten ist es, wenn man selbst ebenfalls Schriftsteller ist und Texte in ordentlichem Chinesisch zu Papier bringen kann. Heutzutage findet man zahlreiche Übersetzer, die viel übersetzt haben, ohne jemals selbst etwas auf Chinesisch geschrieben zu haben. Man möchte annehmen, dass solche Übersetzer kein Gespür für Literatur haben. Anders gesagt braucht es etwas literarisches Talent für das, was man unter „gutem Chinesisch“ versteht. Zweitens, um literarisch zu übersetzen, muss man sich zudem mit der Literatur befasst haben. Die Literatur ist eine Kunst und das Essenzielle der Kunst ist Kreativität und Originalität. Jeder Schriftsteller ist anders, und um das Charakteristische eines Autors zu übermitteln, benötigt der Übersetzer künstlerische Sensibilität und muss sich eingehend mit dem Erzähler befasst haben. Wenn er ihn nicht studiert hat, läuft er Gefahr, viel an Bedeutung zu übersehen, umso mehr, wenn es sich um einen großen Schriftsteller handelt.

ZH: Bei der Übersetzung steht Ihr eigenes Lebensumfeld ja in einer gewissen Diskrepanz zu dem des Autors. Wie gelingt es Ihnen als Übersetzer, sich in die historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Hintergründe des Schriftstellers in seiner Zeit hineinzuversetzen?

Huang Liaoyu: Dieses Problem stellt sich bei jedem Buch, das man übersetzt. Genau genommen kommt es nicht so sehr darauf an, wie sehr dem Übersetzer das Buch gefällt, sondern, inwiefern es ihm gelingt, in das sprachliche Milieu des Autors einzutauchen. Deshalb ziehe ich Referenztexte zu Rate, wenn ich ein Buch übersetze. Als ich Walsers Tod eines Kritikers ins Chinesische übertrug, war ich mit der Sprache sehr vertraut, weil ich mich ebenfalls mit Reich-Ranicki befasst hatte. In dem Roman Ein liebender Mann, den ich jetzt übersetzt habe, geht es um den 74-jährigen Goethe, der sich in Marienbad in ein 19-jähriges Mädchen verliebt. Für die Übersetzung habe ich viel über die Geschichte der Weimarer Klassik sowie entsprechende Werke gelesen, und mich so in die Sprache jener Zeit hineinversetzt.

ZH: Wie gehen Sie mit kulturbedingten Wissenslücken um, die auftreten, wenn chinesische Leser mit ausländischer Literatur konfrontiert werden?

Huang Liaoyu: Dies ist eine ganz gängige Situation, die Übersetzungstechniken erfordert. Zunächst einmal muss man sich als Übersetzer solcher Differenzen bewusst sein und erkennen, dass der chinesische Leser sich an einer bestimmten Textstelle gedanklich in einem toten Winkel befinden könnte. Es gibt dann zwei Arten damit umzugehen. Die elegantere Methode ist es, das im Text selbst herauszuarbeiten, indem man den Leser an der Hand nimmt. Eine etwas plumpere Möglichkeit ist es, eine Fußnote einzufügen. Beispielsweise gibt es Thomas Manns Zauberberg eine brillante Szene: Als man allgemein den Tod des Soldaten Joachim betrauert, heult Frau Stöhr, ein unerträgliches Frauenzimmer, besonders heftig und ruft: „Er ist ein Held, er ist ein Held, spielen Sie bitte ...“, und nun sagt sie „Erotika“, wo sie eigentlich „Eroica“ sagen sollte. Dieses raffinierte Wortspiel ist eine enorme Herausforderung für den Übersetzer. Wortspiele kann man grundsätzlich nicht übersetzen, aber in diesem Fall birgt es noch einen tieferen Sinn. Es zeigt nicht nur die ständigen sprachlichen Bildungsschnitzer der Frau Stöhr, sondern – und das ist noch entscheidender – offenbart auch ihre unhehren Gedanken. Thomas Mann hat diese Stelle ganz bewusst so geschrieben. Er stützte sich hierbei auf die Theorie Freuds, nach welcher ein Versprecher nichts Zufälliges ist, sondern Unterbewusstes ans Licht bringt. Durch diesen Lapsus erfährt man also, was die Dame denkt. So ein subtiles Wortspiel darf von uns nicht einfach übergangen werden oder lediglich durch die Fußnote - „Die Sinfonie heißt eigentlich „Eroica“, die Verwechslung mit „Erotika“ zeigt, dass diese Person ungebildet ist“ – erklärt werden. Wir müssen in der Anmerkung auf die tiefere Bedeutungsebene des Versprechers hinweisen und zugleich abwägen, ob man ihn übersetzen kann. In diesem Fall fügte es sich glücklich und für das Wortspiel fand sich tatsächlich eine Übersetzung: Von den Schriftzeichen für „Eroica“ (英雄交响曲) muss man nur das erste Zeichen austauschen und erhält die Bedeutung „Sinfonie der Geschlechter“ (雌雄交响曲).

ZH: Sie haben auch Werke wie „Nietzsches Schopenhauer als Erzieher“ übersetzt. In welcher Weise unterscheidet sich die literarische von einer akademischen Übersetzung?

Huang Liaoyu: Da gibt es Überschneidungen, aber gewiss auch Unterschiede. Die literarische Übersetzung ist ebenso wie die akademische eine „interdisziplinäre Wissenschaft“, weil in sie sehr viel Wissen mit einfließt. Die Leute meinen immer, die Sprache der Literatur wäre unbedingt erlesen und poetisch, dabei bedient sich die Literatur, vor allem moderne Literatur und Romane, weil viele Autoren selbst einen akademischen Hintergrund haben, oft einer grenzüberschreitenden Sprache. Das bedeutet, dass jedweder Jargon, jedwede Fachsprache Eingang in das Werk finden kann. Kurzum, die Literatur umfasst natürlich auch sehr viele wissenschaftliche und akademische Inhalte. Da der Autor des Romans Der Vorleser beispielsweise Jurist ist, gibt es in dem Buch immer wieder Rechtsterminologie, so dass man sich bei der Übersetzung des Romans von Juristen beraten lassen muss. Der Autor von Herr Lehmann ist Rockmusiker und bei einigen Begriffen habe ich damals das China National Symphonie Orchestra um Rat gefragt.


Abgesehen davon, dass man sich terminologisch und fachlich informiert, ist es außerdem entscheidend, dass so gesprochen wird, wie es der Fachmann sagen würde. Etwa in dem Kapitel des Zauberbergs, in welchem es um spiritistische Experimente geht: Einer jungen Frau werden mediale Fähigkeiten zugeschrieben, mittels derer sie Verstorbene herbeizitieren können soll. Eine der Séancen wird von Doktor Krokowski aus dem Sanatorium geleitet. Vor dem Experiment bittet er seine Assistentin, an dem Mädchen eine Leibesvisitation vorzunehmen. „Vorkontrolle negativ“, verkündet er im Anschluss an die Untersuchung. Es wird hier also eine klinische Untersuchung nachgeahmt, um zu demonstrieren, dass alles ganz normal und unauffällig ist. Der Fachjargon wird an dieser Stelle extra verwendet, um „Wissenschaftlichkeit“ zu demonstrieren. Auf Chinesisch hört sich der Satz „yujian jieguo cheng yangxing“ als Übersetzung für „Vorkontrolle negativ“ ausgesprochen fachmännisch an. Durch die Verwendung der Fachterminologie ironisiert und entlarvt der Roman das pseudo-wissenschaftliche Auftreten des Doktor Krokowski. Jeder war schon einmal im Krankenhaus und hat sein Blut untersuchen lassen. Die Termini „yangxing“ (positiv) und „yinxing“ (negativ) sind in diesem Kontext allgemein geläufig. Wenn man jedoch die Intention des Autors nicht durchschaut, kommt man bei der Übersetzung nicht auf den Gedanken, hier die medizinische Terminologie zu verwenden.

ZH: Und noch eine letzte Frage: Wie sieht die Beziehung zwischen Übersetzern und Verlagsredakteuren aus?

Huang Liaoyu: Man kann sagen, dass sie wechselseitig ist. Manchmal kommen sie auf mich zu und dann wieder wende ich mich an sie. Die Übersetzung von Herr Lehmann kam zustande, weil das People's Literature Publishing House 2001 mit Die besten ausländischen Romane des Jahres ein neues Projekt ins Leben gerufen hat, bei dem innerhalb jeder Sprache jährlich der „beste Roman“ ausgewählt wird. Die Wahl des ersten deutschsprachigen Romans fiel damals auf Herr Lehmann. Man wollte mit dieser Wahl die Trommel für zeitgenössische deutsche Literatur rühren, denn das Wissen der Chinesen um deutsche Literatur geht häufig über Goethe, Schiller, Heine und Thomas Mann nicht hinaus. Als die Verlagsjury diskutierte, wer für die Übersetzung in Frage käme, fand sie mich vom Typ geeignet und fragte mich. Nach der Lektüre des ersten Kapitels hatte ich ein gutes Gefühl und sagte zu. Die Übersetzung von Ein liebender Mann von Martin Walser, die ich gerade abgeschlossen habe, geht diesmal aber auf meine Empfehlung zurück. Ich war begeistert von dem Roman. Dann hat der Verlag auch zugestimmt und die Autorenrechte gekauft.

ZH: Prof. Huang, vielen Dank für das Gespräch!