Mikroblog in China Bürgerbewegung im Mikroblog

Mikroblog von Prof. Yu Jianrong
Foto: Goh Chai Hin © ImagineChina

Twittern hilft engagierten chinesischen Bürgern, sich zusammenzufinden. Das Tempo des Mediums birgt aber auch die Gefahr übereilter Aktionen und Reaktionen in sich.

Der folgende Text erschien am 17. Februar 2011 in der chinesischen Zeitung China News Weekly.

Die Follower von Mikroblogs (chinesisches Äquivalent zu Twitter, Anm. d. Übers.), die vor allem gesellschaftliche und soziale Fragen kommentieren, zeichnen sich dadurch aus, dass es sich bei ihnen nicht nur um einfache „Fans“ des Bloggers handelt, sondern vielmehr um Gleichgesinnte. Damit unterscheiden sie sich grundsätzlich von reinen Unterhaltungsmikroblogs.

Ein Beispiel dafür ist die Blog-Initiative von Professor Yu Jianrong (于建嵘), die bei Bürgern, NGOs und Regierungsbehörden gleichermaßen auf Resonanz gestoßen war und eine gesellschaftsweite Kampagne gegen Kindesentführungen in Gang gesetzt hatte. Sie wurde zum Inbegriff für eine durch einen Mikroblog in Gang gesetzte Bürgerbewegung.

Am 17. Januar 2011 hatte Yu Jianrong das Hilfegesuch einer Mutter auf der Suche nach ihrem entführten Kind in seinem Mikroblog veröffentlicht. Anschließend machte er, einer plötzlichen Eingebung folgend, in seinem Blog folgenden Vorschlag: „In Zukunft sollten wir immer die 110 wählen, wenn wir behinderte Kinder unter zehn Jahren auf der Straße beim Betteln sehen. Die Ergebnisse der Polizeieinsätze sollten wir dann hier veröffentlichen. Was meint ihr dazu?“

Da Yu Jianrongs Mikroblog-Account über 400.000 Follower verzeichnet, verbreitete sich diese Nachricht wie ein Lauffeuer. Innerhalb weniger Tage hatte sie online wie offline eine Kampagne zur Suche nach entführten Kindern in Gang gesetzt.

Dieser Vorfall bewies ein weiteres Mal, dass Mikroblogs eine wesentliche Rolle bei der Mobilisierung von Bürgern sowie der Entwicklung der Zivilgesellschaft spielen.

Der Fortschritt der Gesellschaft ist ohne Bürger undenkbar, und doch ist in jeder Gesellschaft der Anteil derjenigen, die auch ein „bürgerliches Pflichtgefühl“ haben, eher gering. Nach rechtlichem Verständnis ist jeder Mensch ein Bürger. Aber nicht jeder ist es auch in moralischer Hinsicht, das heißt, nicht jeder besitzt bürgerliches Verantwortungsgefühl. Würden wir den Bürger nach wissenschaftlichen Prinzipien definieren, wäre er ein Staatsbürger, der im Sinne des Gemeinwohls daran interessiert ist, alle anderen mit einzubeziehen.

Die Handlungsmaxime des „homo oeconomicus“, von dem die Wirtschaftswissenschaft ausgeht, ist es, bei jeder Handlung den eigenen Nutzen gegenüber den Kosten zu maximieren. Bei diesem Nutzen geht es natürlich möglichst um einen sichtbaren oder spürbaren materiellen Gewinn. Im Engagement für die Öffentlichkeit lässt sich diese Kosten-Nutzen-Bilanz allerdings nicht so klar ausmachen. Besonders ein Mensch, der die Speerspitze einer gesellschaftlichen Bewegung bildet, wird davon persönlich womöglich nicht erkennbar profitieren. Im Gegenteil, er wird einen hohen Preis zahlen oder sogar große Risiken auf sich nehmen. In der Natur des Menschen liegt es, dass dazu nicht jedermann bereit ist, beziehungsweise, dass die überwiegende Mehrheit lieber die Finger davon lässt.

Mit anderen Worten, „echte“ Bürger sind Mangelware. Sie gehen unter in einem Ozean aus gleichgültigen Mitmenschen. Einmal angenommen, die Menschen mit Gemeinsinn wären gleichmäßig über das ganze Land verteilt, dann wäre unter hundert Einwohnern vielleicht ein „echter“ Bürger. Das gäbe ein düsteres Bild: Jeder isolierte Bürger, der um sich blickte, müsste feststellen, dass er von 99 Mitmenschen umgeben ist, die das Gemeinwohl nicht weiter kümmert. Ihm müsste unweigerlich der Mut sinken.

Gehen wir noch einen Schritt weiter: Selbst wenn dieser auf sich allein gestellte Bürger eine extrem mutige Person wäre und beherzt zur Sache gehen wollte, könnte er wohl kaum etwas in die Tat umsetzen. Öffentliches Engagement sprengt zwangsläufig immer auch den Rahmen des Einzelnen, einer alleine kann im Grunde genommen wenig ausrichten. Wenn sich also ein Bürger öffentlich engagieren und etwas für das Gemeinwohl tun will, muss er sich mit anderen zusammentun. Kollektives Vorgehen braucht jedoch Vernetzung, solange die Bürger sich nicht vernetzen können, entsteht schwerlich zivilgesellschaftliches Engagement.

Genau an diesem Punkt setzen die Mikroblogs an. In einer scheinbar unmöglichen Umgebung schaffen sie die Voraussetzung für bürgerliches Handeln.

Aus diversen historischen, kulturellen und praktischen Gründen ist in China der Anteil der Menschen mit Bürgersinn wahrscheinlich noch etwas niedriger als in anderen Ländern. Außerdem entwickelt sich die Zivilgesellschaft in China mit Verzögerung und gesellschaftliche Organisationen sind schwach vertreten. So kommt es, dass selbst die Bürger, die gerne etwas tun wollen, auf sich alleine gestellt sind und nicht wirklich aktiv werden können.

Man kann sagen, dass das Aufkommen der Online-Medien den Bürgern in ihrer gegenseitigen Isolation ein Instrument der Vernetzung an die Hand gegeben hat. So hat die chinesische Zivilgesellschaft exakt Ende der 90er Jahre mit dem Aufkommen digitaler Medien einen Entwicklungsschub erfahren. Das Internet hat die Grenzen des Raums gesprengt, es hat diejenigen zueinander geführt, die über die Gesellschaft verstreut mit ihrem sozialen Verantwortungsbewusstsein allein und hilflos waren, und sie in die Lage versetzt, als Bürger aktiv zu werden.

Zugleich macht die Vernetzung der Bürger mit Bürgersinn ihr kollektives Vorgehen viel wahrscheinlicher und weckt in der Folge den Wunsch, sich von einem normalen Einwohner zum Bürger zu wandeln und sich zivilgesellschaftlich zu engagieren.

Mikroblogs sind ebenfalls eine Erscheinungsform der Online-Medien, doch verglichen mit Foren und Blogs erhöht sich bei ihnen die zwischenmenschliche Vernetzung hinsichtlich Breiten- und Tiefenwirksamkeit exponentiell.

Online-Kommunikationsmittel wie Foren und Blogs haben für die Menschen Plattformen der Meinungsäußerung geschaffen. Auf ihnen kann man über alles Mögliche, auch über öffentliche und soziale Themen, diskutieren. Mikroblogs indessen dienten von Anfang an dem Austausch persönlicher Botschaften. Hier werden Informationen bruchstückhaft kommuniziert und bekommen im Vergleich zu Blogartikeln und den Meinungsäußerungen in Foren etwas Vertrauliches. So schwingt in der Beziehung zwischen Mikroblogger (=Twitterer) und Follower eine gewisse emotionale Qualität mit.

Man „folgt“ immer dann einem Mikroblog, wenn man sich für dieselben Fragen wie der Blogger interessiert. Dieses Phänomen lässt sich genauso bei Foren und Blogs beobachten, mit dem Unterschied, dass man hier noch gewissermaßen aus der Ferne zusieht, während sich in den Mikroblogs die Distanz extrem verkürzt. Der Mikroblogger kann schreiben, was ihm gerade in den Sinn kommt, er hält momentane Eindrücke, spontane Empfindungen und Ansichten fest. Diese lockere und persönliche Haltung stellt große Vertraulichkeit her, was die Fans natürlich zu Feedback animiert. Eigentlich über das ganze Land versprengte Gleichgesinnte beginnen, sich über das Internet zu vernetzen und bilden eine virtuelle Gemeinschaft. Die Zusammensetzung dieser „Mikrogruppen“ lässt sich von niemandem voraussehen, und ihre Mitglieder können von Orten kommen, wo sie niemand vermutet hätte. Diese Menschen waren ursprünglich in allen Winkeln der Gesellschaft verborgen, das Internet bringt sie nun an die Oberfläche. Foren und Blogs haben das früher natürlich auch geleistet, doch die Mikroblogs haben die Suche nach Followern und Weggefährten noch effizienter gemacht.

Der Mechanismus, durch den eine regelrechte Bürgerbewegung in den Mikroblogs angestoßen wurde, liegt in dem Enthusiasmus, der Mikroblogger aus dem ganzen Land ermutigt, öffentliche Fragen mit hoher Effizienz und im direkt miteinander zu diskutieren. Im Vergleich zu den Foren laufen diese Diskussionen viel interaktiver ab und legen ein weit höheres Tempo vor. All dies hängt mit den besonderen Eigenschaften des Mikroblogs zusammen.

Es liegt in der Natur von öffentlichen und sozialen Fragen, dass der Austausch und die Diskussion von Informationen irgendwann in einer Kampagne von Mikrobloggern münden. Das heißt, dass die Mikroblogger den virtuellen Raum verlassen und reales Terrain betreten. Der Flächenbrand eines Mikroblogs bringt es mit sich, dass der Übergang vom Wort zur Tat beinahe zwangsläufig ist – eine Entwicklung, die sich in Windeseile vollzieht. Die Kommunikation via Mikroblog ist persönlich, emotional und spontan, ein Versprechen ist hier schnell bei der Hand, und sobald man sein Wort gegeben hat, kommt man unter dem emotionalen Druck der Follower nicht umhin, dieses auch einzulösen. Durch den hocheffizienten Austausch unter Gleichgesinnten ermutigt man sich natürlich gegenseitig, und das hat zur Folge, dass unter den Bloggern der Wunsch, aktiv zu werden, relativ groß ist.

Die Follower von solchen Mikroblogs, die vor allem gesellschaftliche und soziale Fragen kommentieren, zeichnen sich dadurch aus, dass es sich bei ihnen nicht nur um einfache „Fans“ des Bloggers handelt, sondern vielmehr um Gleichgesinnte. Damit unterscheiden sie sich grundsätzlich von reinen Unterhaltungsmikroblogs.

Die Follower eines Mikroblogs zu öffentlichen und sozialen Themen handeln in dem edlen konfuzianischen Bewusstsein, „nach einem hehrem Weg zu streben“. Wenn jemandem das Allgemeinwohl am Herzen liegt, er also einen Sinn für das Öffentliche hat, wird er seinen Weggefährten folgen, so wie man im Chinesischen sagt: „Ein Vogel zwitschert, um die Antwort eines Freundes zu finden.“ Doch diese Gleichgesinnten werden nicht nur stille Teilhaber an den Empfindungen des Mikrobloggers sein, sondern Bürger, die sich über öffentliche Angelegenheiten ihre eigenen Gedanken machen.

Das bringt es mit sich, dass die Diskussionen über öffentliche Angelegenheiten in Mikroblogs sowie die Handlungen, die sie provozieren, sich beinahe zwangsläufig in viele verschiedene Richtungen entwickeln. Das ist in der Mikroblog-Kampagne gegen Kindesentführungen deutlich geworden. So sagt etwa Xiao Shu (笑蜀), ein Mikroblogger zu öffentlichen Fragen mit zahlreichen Anhängern: „Ich war bei der Kampagne gegen Kindesentführungen mit von der Partie, aber ich wollte sie zunächst auf die Rettung behinderter, bettelnder Kinder beschränken. Ich wies erst einmal darauf hin, dass die Fürsorge des Staates für die Kinder Vorrang haben müsse und plädierte für einen Milchpulverzuschuss für arme Kinder. So wollte ich die Kampagne in eine richtige Richtung lenken. Diese Voraussetzungen wurden aber nicht akzeptiert, und die Kampagne geriet außer Kontrolle, daher habe ich mich aus ihr zurückgezogen.“ Tatsächlich ist die Mikroblog-Kampagne gegen Kindesentführungen inzwischen rechtlich, politisch und moralisch ziemlich umstritten.

In diesem Punkt zeigen sich die inneren Schwachstellen einer Bürgerbewegung in den Mikroblogs. Alles auf der Welt hat eine Licht- und eine Schattenseite. Das Charakteristikum der Mikroblogs ist das Bruchstückhafte und Persönliche sowie das hohe Tempo. Diese Merkmale erleichtern das Engagement der Bürger in vielerlei Hinsicht, aber sie machen es auch störanfällig. Die durch den „Mikroblog gegen Kindesentführung“ hervorgerufene Debatte zeigt, dass der spontane Einfall eines Menschen sich via Mikroblog blitzschnell zu einer nicht wohl durchdachten Kampagne auswachsen kann.

Der Mikroblog hindert die Menschen daran, etwas ruhig und besonnen zu überdenken und zu diskutieren. Er treibt die Menschen zu einer immer schnelleren Gangart an, und werden die Schritte übereilt, geht manchmal alles drunter und drüber. Das ist ein ernstes Problem, über das sich die Menschen, die ihr bürgerliches Engagement in Mikroblogs investieren, unbedingt Gedanken machen sollten.